Ein US-Soldat bringt ein amerikanisches Kind aus dem Bombenkessel Libanon. Herzzerreißend werden die einen das finden, zynisch die anderen. Warum bloß lässt die US-Regierung Israels Luftwaffe gewähren und bringt nur die eigenen Leute in Sicherheit? Warum versinken libanesische Städte im Feuerhagel, warum fliehen rund 800 000 Libanesen – und westliche Regierungen rufen nur ganz leise nach einer Waffenruhe? Was als arrogante Stärke und finsteres Kalkül erscheinen mag, ist in Wahrheit viel dramatischer: Es ist Schwäche. Schon wieder. BILD

Denn nicht zum ersten Mal will der Westen dem Mittleren Osten eine »demokratische« Ordnung bescheren, die im Blutbad versinkt. Diese Erfahrung machten die Briten 1920, kaum dass sie die Wüsten Vorderasiens erobert hatten. Die Amerikaner können sich heute zumindest damit beruhigen, dass sie nicht die Ersten sind, die im Krisengürtel von Gaza bis Kabul die Kontrolle verlieren.

Nichts weniger als die Neuordnung des Broader Middle East hatte sich die US-Regierung nach dem 11. September vorgenommen. Nun eskaliert in der ganzen Region die Gewalt.

In den Salven israelischer Kampfbomber kollabiert das filigrane Gebäude libanesischer Demokratie. Israels Beispiel, im Nachbarland nach Gusto aufzuräumen, droht Schule zu machen. Ankara massiert Truppen an der Nordgrenze des Iraks, von dessen Gebiet kurdische Terroristen Angriffe auf die Türkei organisieren. Präsident Bush telefoniert täglich mit Premier Erdoğan, um den Einmarsch der Türken abzuwenden.

Mit ihrem Musterland Irak haben die USA ohnehin mehr Sorgen, als eine Supermacht verdauen kann. Anstelle der Demokratie ist der Bürgerkrieg im Land ausgebrochen. Kein Tag vergeht, an dem nicht Sunniten Schiiten in die Luft sprengen und umgekehrt.

Auch in Afghanistan war Frieden nur mehr eine Sinnestäuschung. Die Taliban kämpfen weiter gegen die US-Truppen – Reiseziel Kabul. Gemeinsam mit ihren Partnern stehen die USA ratlos vor der Bedrohung Irans und dessen Atomprogramm. Irans Führung stellt sich an die Spitze des islamisch drapierten Aufstands gegen die Weltmacht. Die Regionalmacht zieht ihre Drähte im Irak, im Libanon, in Palästina. Um Iran einzudämmen, dürfte die US-Regierung wohl die Prinzipien ihrer Demokratisierungspolitik verraten. Sie wird die Hilfe der Herrscher Ägyptens und Saudi-Arabiens, vielleicht auch Syriens in Anspruch nehmen. Sie wird um den Beistand des neoautoritären Russlands heischen und Chinas Wohlwollen brauchen.

Irgendwann wird sich der Eindruck aufdrängen, die USA seien seit der Niederlage gegen den revolutionären Iran 1979 keinen Schritt vorangekommen. Die Briten zogen dreißig Jahre nach dem Einmarsch in Nahost die Konsequenz und gingen. Die Macht, welche die Briten damals zum Rückzug zwang, war übrigens Amerika.