Kongo Herr Kibala kommt nach Hause
Er hat die schönste Wahlplakate, T-Shirts - und sogar ein Programm. Wie ein Kongolese aus Deutschland in seiner Heimat einen Sitz im Parlament erobern will
Bukavu/Kongo
Mitten im Wahlkampf muss Jean Claude Kibala einsehen: Seine Plakate sind zu schön. Mit offenem weißen Hemd und Schlagerstar-Lächeln hatte er sich vor dem zarten Hellblau der kongolesischen Nationalfahne fotografieren und das Ganze auf Hochglanzpapier drucken lassen. »Für Frieden, Sicherheit und Wiederaufbau – wählt Kibala, Jean Claude« steht darunter in Kisuaheli. Keiner seiner Konkurrenten kann da optisch mithalten, auch nicht der derzeitige Präsident des Kongo, Joseph Kabila (mit dem Kibala nicht zu verwechseln ist). Doch kaum ist eines von Kibalas Plakaten geklebt, hat es auch schon jemand abgerissen. Gestern hat er eine alte Frau auf frischer Tat ertappt. »Verehrtester«, sagte sie, denn so nennen die Leute alle Parlamentskandidaten, »das Bild ist so hübsch, das hänge ich bei mir zu Hause auf.«
Abgesehen vom regen Diebstahl seiner Poster, hat Jean Claude Kibala, parteiloser Parlamentskandidat für den Wahlkreis Mwenga in der kriegszerrütteten Provinz Süd-Kivu, noch ein paar andere Probleme: unpassierbare Straßen; plündernde Milizen; Gerüchte, die ihn als »Allemand« , als Deutschen ausgeben; einen Stammeskönig, der einen Laptop geschenkt haben möchte. Und dann ist da noch die Sache mit den eingesperrten Frauen im Krankenhaus von Kamituga. Es gibt Tage, da sieht der Kandidat aus wie ein Boxer in der zehnten Runde, der nicht mehr weiß, ob er wirklich gewinnen will. Mit Ringen unter den Augen wird er in ein paar Stunden zu »Capricieux«, seinem Chauffeur, auf das Motorrad steigen, sich auf den Schlammrinnen zum x-ten Mal seine Knochen durchschütteln lassen und auf den Sportplatz von Kamituga fahren. Er wird heute ein Fußballturnier und anschließend ein Musikkonzert eröffnen. Er hat Quartier des As, die derzeit heißeste Nummer in Süd-Kivu, engagiert. Es ist der letzte Sonntag vor den Wahlen. Es soll der Höhepunkt seiner Kampagne werden. Er hat ihn genau geplant. »Das Problem ist nur«, sagt er, als beschleiche ihn eine leise Vorahnung, »dass man in diesem Land nichts planen kann.«
Das Problem ist nur, im Kongo kann man nichts planen
Der Mann könnte es einfacher haben, könnte jetzt daheim in Troisdorf bei Köln mit seiner deutschen Frau und zwei Söhnen den Sommerurlaub planen. Aber die ersten (halbwegs) freien Wahlen in seinem Land nach über dreißig Jahren per Internet und Fernsehen aus Deutschland zu verfolgen – das hätte er nicht ausgehalten. Vor 20 Jahren war er als politisch aktiver Student unter Mobutu kurz im Gefängnis gelandet, hatte 1989 den Kongo mit einem Bundeswehrstipendium in Richtung Deutschland verlassen, hier Grundausbildung, Offiziersschule und Ingenieursstudium absolviert, als Bauleiter bei Projekten der Deutschen Bundesbahn gearbeitet. Mustergültig integriert, würde man sagen. »Ich überlege, für das kongolesische Parlament zu kandidieren«, hatte er dann im April seiner Frau Christiane verkündet. »Das soll wohl ein Witz sein«, hatte sie geantwortet. Zwei Wochen später überreichte ihr Mann im Kongo die ausgefüllten Anmeldeformulare sowie die 250 Dollar Gebühr. Von nun an war er einer von 44 Bewerbern um drei Parlamentssitze für den Wahlkreis Mwenga. 175671 Menschen sind dort als Wähler registriert. Mindestens 40000 Stimmen, so hat Kibala kalkuliert, brauche er, um einen der Sitze zu gewinnen – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen für einen Parteilosen.
Doch Jean Claude Kibala ist ein sturer und methodischer Mensch. Zurück in Deutschland, organisierte er per Handy ein Wahlkampfkomitee vor Ort, bestehend aus seinem Bruder, Freunden der Familie sowie den zwei besten Motorradfahrern der Gegend, bekannt unter den Spitznamen B-52 und Capricieux, der Launische. Dann orderte er per Internet sein Wahlkampfmaterial: 500 T-Shirts mit seinem Konterfei, 500 Aufkleber, 300 Schultafeln, Megafone. Dazu zwei Motorräder (das einzig probate Fortbewegungsmittel auf Kongos Schlaglochpisten) sowie Trikots mit Mannschaftsnamen und Spielernummern für alle 14 Teams in seinem Wahlkreis. »Vier Euro das Stück. Habe ich alles in China bestellt.« Auch die Motorräder. Nur die berühmten Hochglanzplakate und die 42 Kisten Medikamente der deutschen Hilfsorganisation action medeor sind made in Germany. Letztere hält allerdings der kongolesische Zoll seit Wochen in einem feuchten Lagerraum fest.
Trotz chinesischer Billigpreise waren Kibalas Ersparnisse schon deutlich geschrumpft, als er am 16. Juli auf dem Flughafen von Bukavu endlich in eine verbeulte Antonow 28 kletterte, die mit Bierkästen, Zwiebelsäcken, Ölkanistern, Koffern und seinem Wahlkampfmaterial voll gestopft war wie eine Gans zu Weihnachten. Kamituga, sein Heimatort und mit 120000 Einwohnern die größte Stadt in seinem Wahlkreis, liegt 140 Kilometer südwestlich von Bukavu. Mit dem Lastwagen dauert die Reise drei Tage, wenn man denn ankommt; mit der vierzig Jahre alten Antonow 28 eine halbe Stunde, wenn denn Valentin, der schrankschwere Pilot aus Kaliningrad, sie sicher in die Luft und wieder herunterbringt. An diesem 16. Juli jedenfalls purzelten der Kandidat und seine Ladung heil aus der Heckklappe auf die Staubpiste von Kamituga und buchstäblich in die Arme einer jubelnden, Gräser schwenkenden und Hüften schwingenden Menge, die ihn in die Stadt geleitete. Es marschierte die Kooperative der Fischer von Kamituga, die Vereinigung der Polizistinnen, Provinz Süd-Kivu, Bezirk Kivu-Mitte, es marschierten die Gewerkschaft der Goldschürfer und Fußballteams von Kasmis und Les Etoiles. Am Ende waren es wohl über 3000 Menschen, die Kibala bei sengender Hitze drei Stunden lang singend und tanzend durch Kamituga schoben – entlang der offenen Abwasserkanäle, vorbei an winkenden Poliokrüppeln, halbstarken kongolesischen Soldaten mit verspiegelten Sonnenbrillen und Raketengranaten, vorbei an rotznasigen Kleinkindern auf dem Rücken viel zu junger Mütter.
Auch dieser Umzug kostete Geld, denn kein kongolesischer Verein schickt seine Mitglieder umsonst zu einer Demonstration. In Deutschland mag man das Korruption nennen, im Kongo nennt man es se debrouiller – zu deutsch: zurechtkommen. Wo Millionen Menschen morgens nicht wissen, ob sie an diesem Tag etwas essen werden, ist ein Wahlkampf eben vor allem das: eine Chance, sich selbst zu helfen. Kibala drückt das mit bitterer Miene so aus: »Ein Kandidat, der nichts verteilt, hat schon verloren.«
Doch offensichtlich waren bei seinem Einzug erstaunlich viele Menschen aus purer Begeisterung mitgelaufen. Jedenfalls gilt der Mann aus Deutschland seither nicht mehr als Underdog, sondern als ernst zu nehmender Anwärter auf einen Parlamentssitz.
Nicht dass der Wahlkampf im Kongo irgendwo einfach wäre. Aber es gibt wahrlich leichtere Pflaster als Mwenga, dem toten Winkel der internationalen Helfer. Dabei hat der Krieg nirgendwo so schlimm gewütet wie hier im Osten des Landes. Nirgendwo wurde so brutal geplündert. Nirgendwo sonst hat der immense Reichtum an Bodenschätzen die Menschen so arm und so krank gemacht. Über Mwenga verteilen sich zahlreiche Gold- und Erzminen. Einst waren sie im Besitz der belgischen Kolonialherren, dann unter der Kontrolle des Staatschefs Mobutu, nach dessen Sturz 1997 umkämpft von diversen Rebellengruppen, unterstützt ihrerseits von diversen Nachbarländern – allen voran das kleine, aber militärisch gut ausgerüstete Ruanda. Momentan gilt die Provinz Süd-Kivu als »relativ friedlich«, sieht man einmal von marodierenden Hutu-Milizen ab. Es sind die Resttruppen der Interahamwe-Banden, die 1994 im benachbarten Ruanda 800000 Tutsi ermordeten, dann durch ihre Flucht über die Grenze den Kongo in jene Plünderkriege rissen, an dessen Folgen über drei Millionen Menschen gestorben sind. Fast jede Familie in Kamituga hat Tote zu beklagen, auch die Kibalas. Weil seine Brüder aus Angst vor Plünderungen Reifen und Lenkrad ihres Autos abmontiert und im Garten vergraben hatten, erschossen Rebellen 1997 Kibalas Schwester, eine Radiojournalistin. »Irgendwo hier waren die Reifen versteckt«, sagt er und scharrt mit dem Fuß in der Erde des verwilderten Gartens. Das Familienhaus, ein solider Steinbau, ist mit Einschusslöchern übersät und bis auf den Spülkasten der Toilette völlig leer geplündert. Jemand hat vier Stühle aufgetrieben, damit der Kandidat Gäste »empfangen kann«. Im Nebenzimmer zählen Bruder Gilbert und Amuli, sein dicker Schatzmeister, für die umliegenden Dörfer gelbe T-Shirts und Wahlprogramme ab.
Er verspricht die »Einführung des deutschen Schulsystems«
Kibala ist der einzige Kandidat in Mwenga, der ein Wahlprogramm hat. Für dessen Details – Einführung des deutschen Schulsystems, Mikrokredite für Handwerker, Förderung der Frauen in der Landwirtschaft, Kampagnen gegen Aids, Malaria und Tuberkulose – interessiert sich kaum jemand. Die Menschen hier haben in ihrem Leben noch keinen Politiker gesehen, der sich irgendetwas anderem als dem Stopfen der eigenen Taschen gewidmet hätte. Das hält sie wiederum nicht davon ab, von einem wie Kibala Wunder zu erwarten. Einen Investor soll er herbeischaffen, der die Bergwerke instand setzt, die Minenarbeiter wieder einstellt, die kostenlose Gesundheitsversorgung wiederherstellt und die Firmenkantine wiedereröffnet. Wie damals unter dem Kleptokraten Mobutu. Der zahlte zwar schändliche Ausbeuterlöhne, aber er wusste, wie er seine Arbeiter friedlich hielt. Schließlich schaufelten sie buchstäblich das Gold auf seine Konten. Doch diesen Investor wird es nicht geben. Das weiß auch der Kandidat.
Vor der Tür seines Hauses sitzen seit dem frühen Morgen Hunderte von Menschen, die dem »ehrenwerten Kandidaten« ihre Probleme vortragen oder ihre Stimmen gegen eine »Gefälligkeit« anbieten wollen: Der Pastor der Methodisten braucht ein neues Wellblechdach für seine Kirche; sein Kollege von den Evangelikalen möchte natürlich eine entsprechende Gabe; der Direktor der Fußballliga braucht Geld für einen Zaun, damit die Zuschauer nicht nach jedem Tor aufs Spielfeld rennen; die ganz armen Schlucker wollen nur ein T-Shirt. Kibala verteilt Geld, schlichtet Streits, beschwichtigt Ungeduldige, dementiert Gerüchte, dämpft Erwartungen. Jawohl, er sei ein echter Kongolese; nein, er habe nie versprochen, in Kamituga eine Fernsehstation aufzubauen.
Mitten in der Masse der männlichen Antragsteller, Würdenträger und Wichtigtuer steht plötzlich ein Mädchen. Keine 13 Jahre alt, so möchte man schätzen, auf dem Rücken trägt sie einen Säugling, der ältere Mann neben ihr hält ein zweites Baby im Arm. Sie bittet und fleht, seit vier Monaten sei sie, Mutter von Zwillingen, im Krankenhaus von Kamituga mit 14 anderen Frauen eingesperrt, die mit Kaiserschnitt entbinden mussten und nun die fällige Rechnung von 80 Dollar nicht bezahlen können. Kibala stellt den Mann zur Rede, er ist Arzt im Krankenhaus und dem Mädchen als Aufpasser mitgeschickt worden. »Was sollen wir machen«, sagt er achselzuckend, »wir werden selbst nicht mehr bezahlt. Wir haben kein Geld mehr für Medikamente.« Kibala steht für einen Moment sprachlos da. Er kennt die Zustände im Krankenhaus, die schimmeligen Wände auf der Entbindungsstation, das durchlöcherte Dach, den rostigen Operationstisch, die siechenden Aids-und Tuberkulose-Kranken. »Arbeiten Sie mal für zwei Monate bei uns«, sagt der Arzt, »dann können Sie nicht mal mehr weinen.« Kibalas Wahlkampfkonto schrumpft in diesen Tagen um ein paar weitere hundert Dollar – eine humanitäre Geste, die ihm zum Wahlkampfmanöver gerät. Denn die Nachricht verbreitet sich schnell in Mwenga: Kibala hat Mütter freigekauft.
Seine Konkurrenten waren unterdessen auch nicht faul. Da ist Leon Mumate, Kandidat der Sozialen Bewegung für die Erneuerung, der zwar nicht sagt, was er eigentlich erneuern will, aber seit zwei Tagen Wahlkampfhelfer bezahlt, die badewannengroße Schlaglöcher auf Kamitugas Hauptstraße zuschaufeln. Auch die Kandidaten von der Volkspartei für Wiederaufbau und Entwicklung veranstalten jetzt einen Freudenmarsch nach dem anderen. Das ist die Partei des amtierenden Präsidenten Joseph Kabila, dem man nachsagt, er finanziere seinen Wahlkampf aus den Kassen staatlicher Rohstoffkonzerne.
Und da ist Paul Musafiri, einer der kleineren Warlords. Er ist der einzige Kandidat im Besitz eines Pick-up-Trucks samt Lautsprecheranlage, von dem aus seine Helfer die Hütten Kamitugas den ganzen Tag mit Wahlparolen beschallen. Außerdem ist er verwandt mit dem stellvertretenden Wahlleiter des Kreises, was Jean Claude Kibala am meisten Kopfschmerzen bereitet. Zwei südafrikanische Wahlbeobachter sind für den 30. Juli in Kamituga angekündigt. Auch darf jeder Kandidat in den Wahlbüros Zeugen abstellen. Doch fälschungssicher sind diese Wahlen nicht.
Aber Kibala hat ja noch ein paar Trümpfe in der Hand: das Fußballturnier und das Konzert mit Quartier des As. Der Spielbeginn verzögert sich um zwei Stunden, weil, erstens, der chinesische Lieferant beim Bedrucken einiger Mannschaftstrikots die immergleiche Nummer verwendet hat. Vier Euro pro Hemd waren ja auch zu schön, um wahr zu sein. Kibala sitzt am Spielfeldrand mit einem Ausdruck der Ergebenheit, der durch nichts mehr zu erschüttern ist. Das Spiel endet 0:0 unentschieden. Dann kommt der Regen. Schwere dicke Tropfen, die sich zu einer Wand aus Wasser verdichten. Kibala stapft durch den knöcheltiefen Schlamm nach Haus. Was aussieht wie ein trostloser Abgang, wandelt sich nach ein paar hundert Metern in die nächste Fanparade. Tanzend und klatschend verfolgen die Leute ihren Kandidaten durch den Regen, singen »Votez Kibala«, wählt Kibala. Der stapft tapfer durch den verdammten Schlamm, schüttelt Hände, zeigt mit den Daumen nach oben. Womöglich hat er wirklich eine Chance zu gewinnen. Aber er ist zu müde, um sich darüber zu freuen.
Andrea Böhm berichtet auch im Internet über die Wahlen im Kongo http:// blog.zeit.de/kongo
Audio a www.zeit.de/audio
- Datum 12.07.2008 - 14:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.07.2006
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