Viele von uns gehören noch zur Kriegsgeneration. Wir wissen, wie Hunger schmeckt. Als Kinder mussten wir für einen Laib Brot stundenlang anstehen, wir erinnern uns an die dünne Brühe, auf der ein Fettauge schwamm, wir sind aufgewachsen mit "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!" und mit "Iss den Teller leer!". Natürlich auch mit dem strikten Gebot, Brot nie wegzuwerfen, eine verschimmelte Stelle bitte schön wegzuschneiden. Die Suppe aus altem Brot schmeckte – in der Erinnerung – nicht einmal so schlecht.

Und heute? Da packen sich erwachsene Menschen den Teller randvoll, um dann, weil die Augen größer waren als der Magen, den Rest in den Mülleimer zu kippen. Oder: Sie schieben im Restaurant den Heilbutt von sich, den sie nach langer Suche auf der Speisekarte bestellt haben, weil sie doch lieber Matjes gehabt hätten. Oder es ist ihnen die Portion Spaghetti zu groß, die ihnen der Kellner vorlegt, obwohl sie von vornherein um eine kleinere Portion hätten bitten können, wo sie doch wussten, dass ihr Appetit nur ein kleiner ist.

Kürzlich hieß es in einer Zeitungsmeldung, dass die Niederländer jährlich Lebensmittel im Wert von mehr als drei Milliarden Euro wegwerfen. Wie viele Milliarden versenken wir? Ich möchte es lieber nicht wissen.

Wahrscheinlich steckt die Lebensmittelindustrie hinter der Aufforderung, wir sollten umdenken und ohne Skrupel Essen wegwerfen. "Den Teller leer essen gibt es nicht mehr", verkünden so genannte Ernährungspsychologen.

Natürlich der Gesundheit zuliebe, denn wir seien eh alle zu dick! Auf keinen Fall dürften Kinder gezwungen werden, bis zum letzten Bissen ihr Tellerchen leer zu essen. Kinder hätten ein natürliches Gefühl dafür, wann sie satt seien. Sie zum Aufessen anzuhalten sei schädlich und führe unweigerlich zu Übergewicht.