Ein Diener geht im Auftrag seines Herrn auf den Markt. Dort sieht er einen schwarz gekleideten Mann, der ihn anstarrt – den Tod. Der Diener eilt zu seinem Herrn und bittet ihn um sein schnellstes Pferd: Vielleicht werde er noch bis Samarkand fliehen können – weitestmöglich weg. Er bekommt das Pferd; dann geht der Herr auf den Markt und fragt den Tod, warum er seinen Diener erschreckt habe. Er habe das nicht beabsichtigt, sagt der Tod, er habe sich nur gewundert, ihn zu sehen, wo sie doch für den Abend in Samarkand verabredet seien.

In den Geschichten, die Tiziano Terzani von einem Schmuckhändler auf dem Basar von Delhi erzählt bekam, ist nicht weniger Tod enthalten als in den langen Monaten der Krebsbehandlung am Memorial Sloan Kettering Cancer Center New York, die er hinter sich hatte, als er dieses Buch schrieb. Und dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte, weil er am 28. Juli des letzten Jahres starb. Terzani, operiert, chemotherapiert und strahlenbehandelt, knapp 60 Jahre alt, hatte dorthin zurückgewollt, wo das Leben etwas ist, das »nicht nur gelebt, sondern auch verstanden« wird. Nach Indien, wo die Antworten auf den nahenden Tod anders aussehen. »Geben Sie Ihren Kindern alles, was Sie haben«, sagte ihm der Schmuckhändler. »In unserem Alter müssen wir das hegen, was nicht stirbt. Der Rest? Weg damit!«

Reisen also, noch einmal. Als wolle er die Quintessenz seines Lebens ziehen, dreht der seit 1971 im Auftrag des Spiegels in Asien lebende und reisende Korrespondent Tiziano Terzani »noch eine Runde auf dem Karussell« – durch Indien, Thailand, Hongkong, die Philippinen und den Himalaya, immer wieder unterbrochen von Reisen nach New York, wo ihn seine »Instandsetzer« auf Herz und Nieren überprüfen. Terzani, den sein Weg vom bodenständigen Leben in toskanischen Großfamilienstrukturen hin zu einem rastlosen Reisen führte, lässt ein weiteres Mal seine Reiseroute von Zufällen und schicksalhaften Begegnungen lenken. Und er wird sich selbst zur Frage: Warum reisen? Um sich mit Fremdem aufzufüllen, weil man selbst nichts ist? Und wie den Widerspruch lösen zwischen seinen Vorbehalten gegen die materialistische Welt und dem Vertrauen, das er in die High-Tech-Medizin des besten Krebskrankenhauses der Welt hat?

Schon 1993 hatte Terzani sich auf eine experimentelle Forschungsreise in Sachen Spiritualität begeben. Jetzt erscheint das damals entstandene Buch Fliegen ohne Flügel als Vorspiel zur jetzigen Reise. Wieder lässt sich dieser skeptische Suchende lieber 20 fremde Lebensgeschichten erzählen, als seine eigene preiszugeben; scheint seine Spiritualität mehr mit den Menschen als mit einer Gottheit zu tun zu haben. Aber aus dem Experiment ist Ernst geworden. »Der Tod, über den wir sprachen, war nicht (mehr) abstrakt, theoretisch; es war nicht der Tod anderer. Es war unserer. Meiner.«

Terzani fährt nach Dharamsala, er reist auch ans andere Ende Indiens, um einen Arzt zu treffen, dessen Kräuterkügelchen er misstraut und die er später verlieren wird, nicht aber das innere Feuer dieses ayurvedischen Arztes. In Hongkong gerät eine Begegnung mit der Falun-Gong-Sekte zum überzeugenderen Erlebnis als die mit dem Milliardär, der am Ende seines Lebens sein Vermögen zur Erforschung eines krebsheilenden Wunderpilzes stiftet. Terzanis Vertrauen ins eigene Gespür wird ihm zum Messgerät, um tauglich von untauglich zu scheiden; Yoga und Klangtherapie bestehen, ein monatelanger Rückzug im Aschram wird zur tiefen Erfahrung; Reiki hingegen erweist sich als esoterische Schnellbleiche, und der Darmspülungskur auf Ko Samui ist das verlogene Geschäft bald nachzuweisen, das mit der Sehnsucht der Konsummüden nach seelischer und körperlicher Reinigung betrieben wird.

Lesend pendelt man sich ein in den Rhythmus der Entängstigung, der irgendwann die rastlose Wissbegier des Autors bei einem Einsiedler im Himalaya in die Stille des Berges führt. Und man hat längst verstanden, dass es bei dieser Reise nicht nur um die Suche nach einem Krebsheilmittel ging, sondern um die »Krankheit, die uns alle trifft: die Sterblichkeit«.

Als stärkste Erinnerung bleibt eine spirituelle Haltung – als seien in ihn, Tiziano Terzani, den ewigen Skeptiker, 30 Jahre Asien auf eine Weise eingezogen, die ihn dem Tod mit experimentierfreudiger Vitalität begegnen lässt, die mehr enthält als Widerstand. Als im Jahre 2002 erneut ein Tumor festgestellt wird, beschließt Terzani, keine Chemotherapie mehr auf sich zu nehmen.