Interview »Ängstlich ist das falsche Wort«

Ein Gespräch mit Michael Schumacher über seinen Ehrgeiz, das Älterwerden und über den richtigen Zeitpunkt aufzuhören

Die Straße windet sich gelassen den Berg hinauf, hinein in die Provence, durch duftende Kiefern und Pinien. Es ist früh am Morgen, Fahrradfahrer treten langsam nach oben, Zikaden zirpen, und von den Bergspitzen gucken die Dörfer wie uralte Streckenposten zu. Stille. Wenn da nicht dieses Geräusch wäre, das den Dämmerschlaf zerreißt. Ganz kurz, wie das eines Insekts, das nahe am Ohr vorbeigeflogen ist. Auf einer privaten Teststrecke bei Marseille probiert Ferrari Reifen für den Großen Preis von Deutschland.

Die Rennstrecke liegt leicht erhöht, hinter einem Tor, Absperrungen überall. Security. Auto abstellen, sich ausweisen, Papierkram. Künstlicher See zur Linken, Rhododendren zur Rechten, endlose Auffahrt, dann das Fahrerlager. Michael Schumacher und sein Teamkollege Felipe Massa testen hier seit früh am Morgen. Die Boxenwände sind mit rot lackierten Metallwänden verkleidet, daneben in einem zweiten, durch eine Glaswand abgetrennten Raum, stehen 30, 40 Monitore, auf denen Kurven wie beim EKG zu sehen sind. Die Werte des Autos. Der Ferrari-OP. Um elf Uhr muss Schumachers Wagen gründlich durchgecheckt werden. Er fährt den Wagen in die Box. Es ist 34 Grad, der Asphalt auf der Strecke hat 52 Grad.

DIE ZEIT: Herr Schumacher, Sie trainieren gerade für den Hockenheimring, eine der schnellsten Rennstrecken der Welt, auf der Geschwindigkeiten von fast 370 Stundenkilometern erreicht werden. Haben Sie beim Fahren einen Talisman dabei?

Michael Schumacher: Ja, meine Frau hat mir vor ein paar Jahren ein schönes Goldamulett geschenkt, mit ihren Initialen und denen der Kinder.

ZEIT: Wenn man sich die Rennen im Fernsehen anschaut, heißt es oft, dass es fast unmöglich sei zu überholen. Ist das nicht paradox? Autorennen, bei denen man nicht mehr überholen kann?

Schumacher: Absolut, wir würden auch gerne öfter überholen. Wenn jemand wie beispielsweise der Alonso dieses Jahr in Imola so viel schneller ist und er dann seinen Vordermann trotzdem nicht überholen kann, dann ist das schon frustrierend. Man muss da dann mehr auf Taktik setzen. Wie schwer betankt man das Auto, wie oft geht man in die Box und so weiter. Zum Überholen braucht man idealerweise eine langsame Kurve, eine lange Gerade und wieder eine langsame Kurve. Bei neuen Rennstrecken achtet man wieder mehr darauf, sie so zu entwerfen.

ZEIT: Waren Sie eigentlich selbst Fan, als Sie noch keine Formel 1 gefahren sind?

Schumacher: Nee, überhaupt nicht. Ich habe 1989 oder 90 einmal Karten gehabt für Hockenheim. Nach kürzester Zeit wusste ich schon nicht mehr, wer an welcher Position fuhr. Außerdem war mir das viel zu laut. Ich bin dann gegangen. Unser Vater ist mit uns früher aber auch nie zu Rennen gegangen. Er war auch immer der Erste, der gesagt hat: »Lass et bleiben«, wenn es mit der Go-Kart-Karriere nicht so lief.

ZEIT: Spornen Skepsis oder Widerstände Sie vielleicht besonders an? Als Sie, nach Ihrem zweiten Weltmeistertitel für Benetton, zu Ferrari wechselten, fuhren deren Autos meist abgeschlagen im hinteren Feld.

Schumacher: Ich bin da ziemlich neutral, was andere Leute denken. Ich habe meine eigenen Vorstellungen. Ich habe nie geplant, in die Formel 1 zu kommen. Schon alleine, weil uns zu Hause die Mittel dazu fehlten. Ich hatte nie etwas Bestimmtes erwartet, also hätte ich mir auch nie Vorwürfe gemacht, wenn es nicht geklappt hätte.

ZEIT: Sie behaupten, dass Sie das Gefühl von Erwartungsdruck nicht kennen?

Schumacher: Bei meinem allerersten Formel-1-Test in Silverstone, für Jordan, da musste ich mich schon beweisen: Bin ich gut genug, um am Rennen teilnehmen zu können oder nicht?

ZEIT: Sie waren damals Deutscher Meister in der Formel3. Der Jordan-Pilot Bertrand Gachot hatte einen englischen Taxifahrer im Streit mit Reizgas besprüht und war dafür zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ihr Manager Willi Weber und Ihr damaliger Arbeitgeber, der Motorsportchef von Mercedes, nahmen daraufhin sofort mit Jordan Kontakt auf und schlugen Sie als Ersatz vor.

Schumacher: Der Eddie Jordan war sich damals allerdings gar nicht sicher, ob ich geeignet war. Diese Aufgabenstellung musste ich lösen.

ZEIT: Das hört sich an, als hätten Sie einen Wasserhahn reparieren müssen. Kann man wirklich so erfolgreich sein und gleichzeitig so schicksalsergeben? Immerhin hat Eddie Jordan später einmal gesagt, dass er dem Test nur zugestimmt habe, weil viel Geld dafür geflossen sei. Da haben Leute viel von Ihnen für ihr Geld erwartet.

Schumacher: Ich konnte damals doch nicht wissen, welche Auswirkungen der Test auf mein Leben haben würde. Im Nachhinein war das natürlich schon sehr wichtig.

ZEIT: Natürlich konnten Sie das nicht wissen, aber man hofft doch, man malt sich die Zukunft aus, überlegt, was alles sein könnte. Und dann handelt man in der Angst, dass man all das eventuell doch nicht kriegt. Diese Angst kennen Sie nicht?

Schumacher: Nein. Ich hab’s einfach gemacht. Ohne mir zu sagen, ich muss da jetzt gut abschneiden, weil ich sonst im Rennen nicht fahren werde. Ich hatte damals ja schon Dinge erreicht, die ich nie erwartet hätte. Zu Mercedes zu kommen und dort Sportwagen zu fahren – ich hätte nie damit gerechnet, dass ich das hinkriege. Ähnlich pessimistisch bin ich an die Jordan-Testfahrt herangegangen. Ich hatte daher nicht die Empfindung von allzu großem Druck.

ZEIT: Wollen Sie damit etwa sagen, Sie sind gar nicht so ehrgeizig, wie alle immer denken?

Schumacher: Doch, Ehrgeiz habe ich natürlich schon. Das ist mein Naturell. Aber wenn mein Bestmöglichstes nicht gut genug gewesen wäre, hätte ich gesagt: Okay, dann reicht es eben nicht. Mag sein, dass da auch ein Schuss Zweckpessimismus dabei ist. Bei mir erzeugt das die Lockerheit, die ich brauche, um mein Potenzial freizulegen.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, Sie seien jemand, der sich sehr gut anpassen kann. Hat das auch etwas damit zu tun, dass Sie sich von klein auf mit Menschen arrangieren mussten, die Ihnen gar nicht so lagen, die aber Ihren Sport finanziert haben?

Schumacher: Das kann schon stimmen. Das waren zum Teil schwierige Menschen, denen es oft an Respekt meinem Umfeld, meinen Freunden und meiner Familie gegenüber gemangelt hat. Und die sehr unfair waren, hintenherum, nicht immer geradeaus.

Schumachers Auto ist jetzt fertig. Die Reifen werden aufgezogen. Bis Schumacher losfährt, bleiben sie in beheizten Wärmemänteln. Es sieht aus, als hänge das Auto am Tropf. Bis zum Abend wird Schumacher 152Runden gefahren sein. Testende. Umziehen. In einer weiten Dreiviertel-Jeans kommt Schumacher aus dem Truck, zum Abendessen gibt es Fisch in Olivenöl. Später bringt der Assistent noch ein Eis, Schumacher kontrolliert den Löffel. Er schickt den Assistenten, ihn abzuspülen, der versichert, er habe ihn zweimal gespült, Schumacher will trotzdem einen neuen.

ZEIT: Herr Schumacher, Sie fahren seit 1991 in der Formel 1. Sind Sie im Laufe dieser Jahre ängstlicher geworden?

Schumacher: Ängstlich ist das falsche Wort – man ist sich der Gefahr mehr bewusst. Wenn ich heute merke, da ist etwas nicht 100 Prozent in Ordnung am Auto, dann fahre ich eher an die Box. Früher wäre ich da wohl weitergefahren.

ZEIT: 1994 ist Ayrton Senna tödlich verunglückt. Damals sprachen Sie das erste Mal vom Aufhören. Das zweite Mal war 1999, nach Ihrem ersten eigenen schweren Unfall. Die Bremsen hatten damals versagt, Sie waren gegen eine Absperrung gerast. Doch auch danach sind Sie weitergefahren.

Schumacher: Ich bin damals aus dem Wagen ausgestiegen, und plötzlich wurde mir schwarz vor den Augen. Das Schlimme war, dass ich meinen Herzschlag gehört habe, wie er immer langsamer wurde. Dann wurde ich, glaube ich, ohnmächtig. Danach stellt man sich natürlich die Frage, ob man aufhören soll. Aber dann siegte die Lust aufs Fahren.

ZEIT: Was ist schwieriger, anfangen oder aufhören?

Schumacher: Ich kenne das ja nur von der einen Seite.

ZEIT: Sie haben noch nie mit etwas aufgehört?

Schumacher: Nicht in dem negativen Sinne, dass ich etwas verloren hätte. Ich habe das Vergangene immer gegen etwas Neues eingetauscht, so wie als Kind Judo gegen Kartfahren.

ZEIT: Merken Sie mit den Jahren, dass die Saisons mehr Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Schumacher: Das war eher am Anfang so. Ich bin jemand, der mit Menschenmengen nicht so gut umgehen kann, und diese ganzen Nebenaktivitäten, die mit dem Rennen kommen, die stressen. Nach den ersten Jahren in der Formel 1 habe ich mir schon gedacht, lange machste das hier nicht. Nachdem unsere Tochter geboren war, habe ich dann gesagt, entweder ich bekomme mehr Freiraum oder die Sache geht nicht mehr länger gut. Den Freiraum habe ich dann bekommen.

ZEIT: Sie sind mit 37 Jahren der älteste Formel-1-Pilot. Ihr Vater hat mal gesagt, wenn ein Fahrer kommt, der so gut ist, dass er Sie zwingt, über Ihr Limit zu gehen, dann sollen Sie aufhören. Ist das ein Rat, den Sie befolgen werden?

Schumacher: Ja, aber zum Glück ist das bislang noch nicht der Fall.

ZEIT: Ferrari hat angekündigt, dass Sie in Monza, beim Großen Preis von Italien im September, sagen werden, ob Sie aufhören oder nicht. Haben Sie Ihre Entscheidung schon gefällt?

Schumacher: Nein.

ZEIT: Nach Ihrem Unfall 1999 mussten Sie ein Vierteljahr pausieren. Dass sei die Hölle gewesen, haben Sie damals gesagt. Haben Sie Angst vor dem, was nach dem Aufhören kommt?

Schumacher: Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn es so weit ist.

ZEIT: Hat Ihre Frau Angst davor?

Schumacher: Nein. Ich bin ja oft zu Hause, öfter als der normale Arbeiter. Und dann auch ganze Tage und nicht nur morgens und abends.

ZEIT: Woran merken Sie, dass Sie älter werden?

Schumacher: Ich brauche mehr Cremes.

ZEIT: Und beim Fahren?

Schumacher: Manchmal denkt man, dass man das Alter merkt, und dann gibt es auch wieder Momente wie den in Frankreich.

ZEIT: Da haben Sie das Rennen gewonnen. Würde es Ihr Stolz erlauben, mit einer Niederlage abzutreten?

Schumacher: Ich mache meine Entscheidung nicht davon abhängig, ob ich noch mal Meister werde. Da geht es um andere Dinge.

ZEIT: Sie sagen oft, es werde Ihnen zu Unrecht unfaires Verhalten im Rennen unterstellt. Zuletzt in Monte Carlo, als Sie im Qualifying auf der Strecke stehen geblieben sind. Sie haben damit dem führenden Fernando Alonso die schnelle Runde kaputt gemacht. Man hat Sie dann zur Strafe an das Ende der Startaufstellung gesetzt. Sind immer die anderen schuld?

Schumacher: Ich sage das nicht oft, ich sage das, wenn ich danach gefragt werde. Wenn ich etwas falsch mache, dann entschuldige ich mich auch. Das kann man checken, wenn man will. Ob ich etwas falsch mache, kann nur ich alleine beurteilen. Wahrscheinlich bin ich für viele aber einfach zu erfolgreich. Jedenfalls werden mir noch heute Sachen in die Schuhe geschoben, für die ich nun wirklich nichts kann. Spa 1998 zum Beispiel, als ich David Coulthard im Regen ins Auto fuhr. Er hat sich falsch verhalten und dafür entschuldigt. Trotzdem wird es mir vorgeworfen.

ZEIT: Nach dem Vorfall in Monte Carlo wurde eine Unterschriftensammlung gestartet, mit der man Sie aus der Fahrervereinigung GPDA ausschließen wollte. Belastet Sie so etwas nicht?

Schumacher: Nein. Dafür bin ich zu lange dabei. Ich habe Kollegen, mit denen ich nicht gut auskomme. Und die nutzen den Moment, an dem sie bei mir eine schwache Stelle vermuten. Ich weiß nicht, wie viele unterschrieben haben, ich habe von einer Hand voll gehört. Um das klarzustellen, das war keine Aktion der GPDA, das wurde nur so verkauft.

ZEIT: Eines Ihrer großen Talente ist, dass Sie eine unglaubliche Sensibilität für das Rennauto haben. Muss man sich das Gespür in Ihrem Sitzfleisch so vorstellen wie das Gehör eines Pianisten, der die feinsten Veränderungen im Klang erkennen kann?

Schumacher: Man spricht nicht von ungefähr vom Popometer! Vom Gesäß bis zu den Schultern fühle ich, was das Auto macht. Dabei hilft mir, dass ich in der Regel einen Puls habe, der 40 bis 50 Herzschläge niedriger ist als der meiner Teamkollegen. Dadurch bin ich ruhiger, kann mich besser konzentrieren.

ZEIT: Im September kommt der Animationsfilm Cars in Deutschland ins Kino, in dem Rennautos die Hauptfiguren sind. Am Ende des Films treten Sie auf, und einer der Mechaniker bekommt vor Ehrfurcht fast einen Herzinfarkt. In den USA wurde der Film kritisiert, weil er trotz Klimakrise dem Auto huldigt. Können Sie das verstehen?

Schumacher: Nein. Das ist sicher nicht die Botschaft des Films. Ich habe ihn neulich mit meiner Familie gesehen, und wir haben uns alle glänzend amüsiert.

Das Gespräch führte Kerstin Kohlenberg

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