Hitzewelle Ein wunderbares Wetter zum Sterben
Der Wetternörgler ist ein Meister aus Deutschland? Von wegen, sagt Sibylle Berg. Ob heiß oder kalt – auch Inder, Isländer und Tadschiken finden immer was zu meckern.
T ropenklima – jetzt wird’s gefährlich ist die Überschrift auf der Titelseite einer bekümmerten deutschen Tageszeitung. Die Schlagzeile impliziert, dass sich alle in den Tropen lebenden Menschen einer hammerharten Gefahr aussetzen. Ich vermute, der des Todes. Der große Schnitter war bekanntlich schon immer die ernstzunehmendste Bedrohung des Lebens.
Das Wetter spielt bei allen Todesursachen die erste Geige. Entweder ist es Sommer oder eine andere Jahreszeit, und gestorben wird immer, man könnte also sagen, dass das Wetter in jedem Fall für unser Ende verantwortlich ist. Ohne Wetter – ewiges Leben. Greises Herumspringen auf immergrünen Auen. So handfest wie diese logische Gedankenkette ist auch die Behauptung, das deutsche Quengeln ob des immer unzureichenden Wetters sei etwas Landestypisches. Der Deutsche ist nie zufrieden, es ist immer einer oben schuld an allem, Sie wissen, was ich meine. Man könnte ferner die These aufstellen, dass zufriedenen, in sich ruhenden Menschen das Wetter egal ist. Ist es heiß, zieht man sich aus, ist es kalt, legt man sich das Fell eines qualvoll verendeten Tieres um – keine große Sache. Nur der Unglückliche beklagt sich über das Wetter; stellvertretend für seine Unfähigkeit, sein Leben zu verändern, macht der Wetternörgler die Naturgewalten für seine persönlichen Unbilden verantwortlich, denn Naturgewalten, das ist Regel Nummer 2, können sich nicht wehren. Allein würde ich lügen, wenn ich schriebe, der Wetternörgler wäre ein Meister aus Deutschland, und wir alle wissen, dass in Zeitungen nie gelogen wird.
Gerade war ich in Island, was für mein Erachten das Beste ist, was man als Land werden kann. Anzahlmäßig wenige, gebildete, freundliche Einwohner in einem recht großen Land, jetzt ist dort Sommer, das heißt ein bisschen weniger Regen als normalerweise und an verrückten Tagen Spitzentemperaturen von 14 Grad. Der Isländer zelebriert seinen Sommer mit Campingausflügen und halb nacktem Gelunger auf öffentlichen Plätzen. Wohlan, denkt man sich, die wissen, wie es geht.
Im Winter, der ungefähr neun Monate anhält, spielt der Isländer Schach und vergnügt sich mit dem Singen von Schubertliedern. Doch kaum mit Eingeborenen ins Gespräch gekommen, ist die Rede vom Wetter. Jeder Isländer, mit dem ich sprach, und es mögen von den 300000 Einwohnern die Hälfte gewesen sein, beklagte sich über den Verfall der Jahreszeiten. Kein Eis mehr im Winter, keine Schollen, auf denen Eisbären von Grönland herübertreiben können, was dann doch immer eine rechte Aufregung war, keine Sonne mehr im Sommer. Und die Chinesen sind schuld. Letzteres sagten die Isländer nicht, denn haltlose Beschuldigungen sind ihnen fremd. Aber voilà: Es wurde selbst von diesen liebreizenden Menschen übers Wetter gequengelt.
Ich erinnere mich an Wettergespräche in Indien (40 Grad), in denen der Inder beklagte, dass es in jenem Jahr zu heiß sei (im Jahresvergleich sonst: 39Grad). Tadschiken jammerten über die unüblichen 30 Grad minus, es seien sonst immer nur minus 20 gewesen, und der Ire schimpfte über den Regen. Dies alles lässt mich vermuten, das der allgemeine Mensch einfach gerne über das Wetter redet. Immer was los am Himmel, der ist immer da, und über das Wetter zu schimpfen schafft mit relativ Unbekannten eine Basis dessen, was man hassen kann, es schafft Nähe, Vertrautheit, es ist wie ein großes Weltmeisterschaftsausrichten im eigenen Land. Man könnte den Touristen oder den Nachbarn natürlich mit Darmspiegelungsgeschichten erheitern, aber man weiß nie, ob man es nicht per Zufall mit einem Darmgegner zu tun hat und das Gespräch in eisigem Schweigen endet. Das Wetter eignet sich wunderbar zum Jammern, und es kann sich nicht wehren (siehe Regel Nummer2).
Das Einzige, was noch besser als Gesprächsthema taugte, wäre der Tod, der, wie wir wissen, durch das Wetter herbeigeführt wird, und vielleicht versuchen Sie dieses wunderschöne Alternativthema morgen bei Ihrem Zeitungshändler oder Nachbarn anzuschneiden. Ein wunderbares Wetter zum Sterben, könnten Sie sagen, Sie könnten erzählen, wie Sie sich Ihr Begräbnis vorstellen, und darüber meckern, dass die Krematorien auch nicht mehr sind wie früher. Sie könnten natürlich auch Ihre Lieblingstodesarten vorstellen und immer ein Handbuch der forensischen Medizin mit sich führen, damit Sie anschaulich machen könnten, worüber Sie berichten. Sie könnten mit dem Fremden gemeinsam den Tod hassen, denn Hass ist eine schöne Emotion. Und im Handumdrehen hätten Sie einen neuen Freund gewonnen. Sie könnten mit ihm sitzen und Schubertlieder singen, während Eisbären auf Schollen an Ihrem Haus vorübertreiben.
Die Schriftstellerin Sibylle Berg lebt in Zürich. Demnächst erscheint ihr erstes Kinderbuch, »Habe ich dir eigentlich schon erzählt. Ein Märchen für alle« (Verlag Kiepenheuer und Witsch)
- Datum 26.07.2006 - 08:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.07.2006
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Es gibt nichts Dümmeres als Deutsche, die den Regen als schlechtes Wetter verteufeln und jede Menge Geld ausgeben, um in die Hitze zu fliehen.
Sonne macht Wüste, sagen die Araber, und mancher Deutsche merkt es wohl jetzt auch...
Hoffentlich rächt sich nicht der Begriff"schlechtes Wetter", indem jetzt das sog. "gute Wetter" zum höllischen Wetter wird.
Aber wie gesagt, es gibt jetzt noch genügend Dumpfbacken, die sich jeden Tag über die Sonne freuen.
Erst wenn der letzte Halm verdorrt, der letzte Bach ausgetrocknet und der letzte Baum verschunden ist, werden sie begreifen, dass ewige Sonne SCHEISSE ist!!
Aber bis dahin dauert es noch!
Ja, die permanent andauernde Hitzegeilheit der deutschen scheint wirklich eine der interessantesten Neurosen der nördlichen Hemisphäre zu sein. Egal, wie viele Leute einen Hitzschlag erleiden oder wie viele Hautkrebszellen heute behandelt werden mussten, womit man immer rechnen kann, ist das strahlend blonde Grinsen sämtlicher Wetterfeen, die weiterhin einen "Suuuuuper Sommer!" anpreisen. Nun, was uns tröstet, ist die Weisheit, dass die Bronzeköniginnen von heute die Backpflaumen von morgen sind, und, im übrigen: Das glücklichste Völkchen Europas sind die Isländer- mit monatelanger Dunkelheit und eisigen Temperaturen
Wat is dat denn für ein Kommentar? War das ernst gemeint? Also, schlechtes Wetter mag gut sein für die Flora unserer Lande; es ist aber schlecht für geselliges lauschiges Beisammensein der Menschen im Freien bei Tag und Nacht. Wie gemütlich es ist bei 11 Grad in einem Park ein Bier zu trinken, wird uns schon bald wieder bewusst werden.
Gutes Wetter dagegen ist schlecht für die Flora und daher verwüstet Deutschland bald. Wie alt sind Sie. Ich bin 28 Jahre alt. Sollte Deutschland in den nächsten 60 Jahren eine halmlose Ödnis sein, dann wander ich nach Island aus.
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