Jobsuche Die Bewerbungsgesellschaft
Wie sich Akademiker um die raren Stellen balgen: Berater und Stylisten treiben die Kunst der Bewerbung in immer absurdere Höhen – und die Suche nach Arbeit wird zum Vollzeitjob
Früher, in den Achtzigern, setzten sich die Menschen an ihren Schreibtisch, wenn sie sich bewarben, sie spannten einen Vordruck mit dem Titel »Lebenslauf« in ihre Schreibmaschine, den sie zuvor im Buchladen für 1,80 Mark gekauft hatten, und sie tippten die Stationen ihres Arbeitslebens herunter, meistens fügte sich eine an die andere. Mancher Bogen wurde zerknüllt, weil man sich verschrieben hatte, aber am Ende des Tages war die Bewerbung getippt, unterschrieben, kuvertiert und abgeschickt.
Heute suchen Bewerber wochenlang nach dem richtigen Briefpapier, nicht zu weiß und nicht zu gelb, sie besuchen Kurse, engagieren Fotografen, Visagisten, Ghostwriter. Ein Chor von Experten ruft ihnen zu: Bewerben ist ein Full-Time-Job! Und manche Arbeitslose hören das nicht mal ungern – so haben sie wenigstens diese Art von Job. Auch wer eine feste Stelle hat, bewirbt sich weiter, weil sein Vertrag nur befristet ist oder der Arbeitgeber bereits hohe Abfindungen verspricht. Jedes Jahr wechseln 27,5 Prozent aller Akademiker den Arbeitgeber, nach der neuesten verfügbaren Statistik des Instituts Arbeit und Technik von 2001. Bis Mitte der neunziger Jahre lag diese Zahl um ein Fünftel niedriger, sie war jahrzehntelang konstant. Wir bewerben uns ständig weiter, zumindest in Gedanken. Seit Jahren ist vom lebenslangen Lernen die Rede, neuerdings ist das lebenslange Bewerben Wirklichkeit.
Nie war es für Akademiker so schwer, an einen Job heranzukommen, an einen richtigen, gut bezahlten. Und noch nie machten sich die, die einen wollen, so verrückt, ihn zu bekommen. Obwohl sich längst nicht mehr in jedem Lebenslauf Arbeitsstelle an Arbeitsstelle reiht, sondern auch Arbeitslosigkeit an Praktikum oder Selbstständigkeit, verlangen die Unternehmen immer bessere Bewerber, und die bieten ihnen immer mehr, geben sich alle Mühe, auch ihre prekären Lebensläufe als Erfolgsgeschichten zu schreiben. Man schaukelt sich gegenseitig auf.
Bei BMW zum Beispiel kamen im vorigen Jahr 230.000 Bewerbungen an, zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Offen sind zurzeit 142 Stellen. Tobias Nickel, Leiter des Recruitings, wie die Personalsuche bei BMW heißt, erzählt, dass ihm auf Bewerbermessen schon im Aufzug die ersten Lebensläufe zugesteckt werden. Er berichtet von Studenten, die auffälligerweise wenige Monate vor ihrer Bewerbung Mitglied bei Greenpeace oder in einer Theatergruppe werden. Haben Sie den Eindruck, Herr Nickel, dass manche Akademiker für ihren Lebenslauf leben? »Nicht manche. Viele.«
Eine Bewerberin sagt, sie müsse noch an ihrem Lächeln arbeiten
Früher lebten die Menschen ihr Leben, und hinterher versuchten sie, dieses in Lebensläufe zu packen. Sie erlaubten sich manchmal sogar ein Jahr nach dem Abitur, in dem sie erst einmal nichts Karrieredienliches unternahmen. Hinterher kaschierten sie diese Zeit, faselten in ihren Bewerbungen von »Sprachaufenthalten« und »kulturellen Projekten«. Sie lebten zuerst, dann kam der Lebenslauf. Heute ist es umgekehrt. Sie bummeln nicht mehr, auch nicht in den Semesterferien, sie studieren dafür im Ausland, was sie später vor Probleme stellt (Fernweh, Reisekosten, doppelte Haushaltsführung). Sie sagen: Das ist das Leben! Aber es ist nicht das Leben. Es ist das Lebenslaufleben.
Berlin, im 15. Stock eines Bürogebäudes am Alexanderplatz. Die Firma Gaetan-Data bietet Kurse für Akademiker auf Jobsuche an. Wer möchte, kann den ganzen Tag an seiner Bewerbung feilen, Dozenten befragen, eine Visitenkarte entwerfen, mit anderen Jobsuchenden fachsimpeln. Es ist ein Arbeitsplatz für Bewerber, wenn man so will. Es gibt Seminare fürs richtige Telefonieren, fürs richtige Networking, es gibt ein Kommunikationstraining und ein Training fürs Vorstellungsgespräch mit Videokamera, alles, was man inzwischen so braucht, um irgendwann einen Job zu bekommen. Evelyn R., eine Kursteilnehmerin, 27 Jahre, seit Oktober vergangenen Jahres Diplom-Psychologin, widmet ihren Bewerbungen eine 30-Stunden-Woche. Wenn sie nicht gerade einen Umzug zu organisieren hätte, wären es sicher noch mehr Stunden, sagt sie. Vor kurzem hat sie Bewerbungsfotos machen lassen, von der Bekannten einer Bekannten, zweieinhalb Stunden dauerte es, bis das Foto so war, wie sie es sich erhofft hatte, bis es gleichzeitig Kompetenz, Freundlichkeit und Dynamik ausstrahlte. Eben saß sie in dem Kurs, der das Vorstellungsgespräch simulierte, sie war ganz zufrieden mit sich. Nur daran, dass sie jeden Satz mit einem Lächeln beendet, »so nach dem Motto: Das hab ich jetzt richtig gemacht«, daran müsse sie noch arbeiten, erzählt sie.
Am liebsten, sagt sie, würde sie ganz ehrlich sein bei ihrer Bewerbung, sich selbst gegenüber loyal. Als sie einmal in einem Jobinterview nach ihren Schwächen gefragt wurde, hat sie eine echte Schwäche genannt. Das kam nicht gut an. Sie sagt: »Es macht mich nachdenklich, dass ich jetzt lernen muss, meine echten Schwächen bei so einer Frage zu verschweigen.«
Jede gescheiterte Bewerbung, jede Absage, die im Briefkasten liegt, trifft den Bewerber bis ins Mark. Er hat seine Person offenbart, in den Rubriken »Erfahrungen«, »Interessen« und »Was Sie sonst noch über mich wissen sollten«, so offen, wie er es seinen besten Freunden nicht erzählen würde, nicht einmal seinem Partner (weshalb auch viele ihre Bewerbung von diesem nie gegenlesen lassen). Aber diese Offenheit wurde nicht belohnt, im schlechteren Fall war man es nicht einmal wert, zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Mit jeder Schmach schwindet das Selbstbewusstsein des Bewerbers, und die Bereitschaft wächst, beim nächsten Mal seine Identität zu verbergen oder sich sogar eine andere Identität anzueignen.
In einer großen Buchhandlung in Berlin-Mitte, Abteilung Karriere: Die Bücher sind sortiert in den Regalen »Bewerbungsmappen«, »Einstellungstests«, »Assessment Center«, »Vorstellungsgespräch«. Früher, erzählt die Buchhändlerin, standen hier ein paar Büchlein. Heute gibt es für alles ein Buch: Bewerben für Leute ab 40, für »freche Frauen«, für Umsteiger, für Führungskräfte, für Menschen mit »nicht perfekten Lebensläufen«, für Praktikanten, fürs Ausland, für die Region Stuttgart.
Die Bewerbungsberatung ist zu einem unüberschaubaren Markt geworden, jeder, der möchte, darf sich Coach oder Karrieretrainer nennen, und viele der Personaler, die ihren Job verloren haben, machen genau das. Bereits eine Hand voll Verbände für Karriereberater konkurrieren miteinander, dauernd kommen neue hinzu. Die Nachfrage scheint grenzenlos. Der Berliner Bewerbungstrainer Gerhard Winkler erzählt, dass er in den vergangenen Jahren ein paar Mal seinen Stundenpreis erhöht hat, und jedes Mal kamen mehr Kunden zu ihm statt weniger, und das bei wachsender Konkurrenz.
Niemand kann genau wissen, wie seine Bewerbung auszusehen hat, es wechseln die Moden. Die Bewerber leben in einem Nebel aus Vermutungen, genährt von Bekannten, Kollegen, von Büchern. Die Berater leben prächtig in diesem Nebel und tragen selbst dazu bei, dass er dichter wird, indem jeder für sich vorgibt, allein zu wissen, welche Bewerbungsstrategie wirklich hilft, wie der Leser die »Schema-F-Bewerbung« vermeidet, die natürlich ganz sicher die Absage zur Folge hätte.
So ist die Bewerberei beinahe zu einer Wissenschaft geworden. Im Training am Alexanderplatz erfahren die Teilnehmer vom »Drama der Transaktionsanalyse« und von den »vier Seiten einer Nachricht nach Friedemann Schulz von Thun«. Die Bewerber stehen vor einer Unzahl von Unbekannten, allein schon das richtige Bewerbungsfoto erscheint als ein unlösbares Problem.
Ein Besuch in einem Fotostudio der teureren Art, in Berlin-Mitte, Hoffotografen nennen sie sich. An den Wänden hängen Aktfotografien, kunstvoll inszeniert, aber die Kunden, die kommen, wollen Bewerbungsporträts, 80 Euro für ein Shooting von 45 Minuten, jedes entwickelte Foto kostet extra. Das Auftragsbuch ist voll. Als eine Kundin spontan zur Tür hereinkommt, geschminkt und frisiert, ohne Termin, sagt ihr das Mädchen hinter dem Tresen mit Bedauern ab. Im Studio sorgen Softboxen für ein weiches Licht, Musik soll die Porträtierten entspannen, sie werden gebeten, mehrere Garderoben mitzubringen, um verschiedene Selbstbilder zu testen.
Katja, IT-Beraterin, hat zwei Blusen mitgebracht, ihre gestreifte Lieblingsbluse und eine weiße. Sie ist ein wenig schüchtern, steckt die Hände in die Hosentasche. »Ich glaub schon, dass Sie ein besonders netter Mensch sind«, sagt die Fotografin, sie will sie auflockern. Nach einer halben Stunde wird es besser, die Fotografin ruft: »Ja, genau, das ist super, noch mal der Blick, so lassen, genau.« Katja, die mit ihrem Mann gekommen ist und schon am Vorabend sehr aufgeregt war, wird zum Model, ob sie es will oder nicht. Am Ende steht sie vor ihren Aufnahmen, sichtbar auf einem Bildschirm, 42-mal sie selbst, und sie lässt sich überzeugen, dass ihre Lieblingsbluse zwar schön ist und ihr gut steht, auf dem Bewerbungsfoto aber gar nicht geht.
Die Chefin der Hoffotografen, Christine Blohmann, erzählt, seit zwei, drei Jahren sei die Zahl ihrer Kunden »geradezu explodiert«, selbst zu Zeiten der New Economy habe sie längst nicht so viele Kunden gehabt. Auf dem Tresen liegt eine Visitenkarte der Visagistin Kerstin Seider, die Karte ist gestaltet wie ein Flyer eines Clubs, »styling & make-up artist« steht darauf. Christine Blohmann erzählt, dass es früher nur ganz selten vorkam, dass sich Kunden vor dem Fotografieren auch noch die Visagistin leisteten für 60 Euro. Heute hingegen sei das üblich geworden, obwohl sie den Kunden immer sage: Wir können jeden Pickel auch hinterher vom Foto entfernen, wir arbeiten ja heute digital. Die Leute buchen die Visagistin trotzdem, sicher ist sicher. Seit kurzem wollen sich sogar Männer die Augenbrauen blondieren lassen.
Christine Blohmann verleiht an Kunden, die das wollen, auch Bewerbungsbücher, es gibt zwei Exemplare. Beide sind von Gerhard Winkler, Anders bewerben und Anders antworten, die Bände sind schon ganz abgegriffen.
Ein Personalleiter sagt, man befinde sich in einer »Rüstungsspirale«
Man trifft Gerhard Winkler ein paar Tage später in einem Café in Berlin-Zehlendorf. Er sagt, dass er Bewerbungsbücher im Grunde genommen schrecklich findet, auch wenn er selbst welche schreibt. Wichtiger sei ihm das persönliche Training. Der Kunde, mit dem er im Café sitzt, ist selbstständig und Ingenieur und nun auf der Suche nach einer festen Arbeit, er will einen Brief an einen Headhunter schreiben, der ihm einen Job besorgen soll. Winkler redet, der Kunde hört zu, sagt wenig. Der Schlüsselsatz, den Winkler seinem Kunden beibringen möchte, heißt: Sie sind der Mann, der Dinge zum Laufen bringt. Die Stunde kostet 75 Euro.
So sehr sich die Jobsucher anstrengen: Das Bewerbungswissen, das sie sich mühevoll aneignen, wird von den Arbeitgebern längst nicht mehr uneingeschränkt geschätzt. Sabine Schönberg, Leiterin der Karriereentwicklung von VW, erzählt von Bewerbern, die sich im Gespräch so auf eine einstudierte Rolle konzentrieren, dass ihre Person nicht mehr zum Vorschein komme. Sie sagt: »Wir suchen hier ja nicht den Burgschauspieler.« Ganz unschuldig sind die Unternehmen daran sicher nicht, sie verlangten jahrelang den perfekten Bewerber. Jetzt bekommen sie ihn und sind unzufrieden.
Tobias Nickel vom BMW-Recruiting beklagt, dass sich die Bewerbungen, die auf seinen Tisch kommen, kaum mehr voneinander unterscheiden. Er berichtet von einer »großen Homogenität«. »Das Schlimmste ist, wenn die Leute anfangen, aus Büchern abzuschreiben.« Er meint die Musterbriefe, die in zahlreichen Ratgebern abgedruckt sind. In Nickels Büro steht ein ganzer Meter dieser Bücher, er sagt, er kenne sie alle. Er glaubt, dass sie mit schuld daran sind, dass Studenten heute massenweise im Ausland studieren. Früher hätte Nickel dies einem Bewerber ja hoch angerechnet, jetzt täten es alle, wie auf Knopfdruck, und weil es alle tun, verschafft es niemandem mehr einen Vorteil.
Tobias Nickel redet von einer »Rüstungsspirale«, in der man sich befinde. In Vorstellungsgesprächen stellt er häufig die bekannte Frage: Welches sind Ihre Schwächen? Er hört dann fast immer: Meine Ungeduld! Es gab eine Zeit, als Ratgeber zu dieser Antwort rieten. Nickel stellt die Frage, um herauszufinden, ob der Bewerber nur Auswendiggelerntes aufsagt. Und die Ratgeber reagieren ihrerseits: In einigen steht inzwischen, dass man keinesfalls »Ungeduld« antworten solle.
Ein paar Kostproben, was verschiedene Autoren als Antwort auf die Schwäche-Frage vorschlagen: »Ich gehe ganz in meiner Arbeit auf und bin hin und wieder etwas ungehalten, wenn ich das Gefühl habe, jemand engagiert sich nicht in dem Maße, wie er könnte« (Martin John Yate); »Ich bin manchmal inkonsequent und kann bei Pralinen nicht nein sagen« (Elke Eßmann); »Schokolade, Schokolade, Schokolade« (Gerhard Winkler). Es spricht einiges dafür, dass die Schokoladen-Pralinen-Nummer schon bald nicht mehr ziehen wird, denn ein weiterer, äußerst erfolgreicher Karriereberater, Jürgen Hesse, schlägt sie als gute Antwort vor.
Hesse ist Autor der Bewerbungsbücher, die den Stempel »Das Original« tragen. Er hat zu Beginn der achtziger Jahre gemeinsam mit seinem Partner Hans Christian Schrader angefangen, Ratgeber zu schreiben. Sieht er sich als Vater der Bewerbungsberatung? »Die FAZ hat mal geschrieben, wir seien die Bewerbungspäpste.«
Er sitzt in seinem Berliner Büro, beste Lage, unweit des Hackeschen Marktes, vor ihm steht eine Funkuhr. Er sagt, dass er es nie für möglich gehalten habe, so viele Bücher zu verkaufen, vier Millionen Stück, er kann sich nicht merken, wie viele Titel er veröffentlicht hat, mehr als hundert seien es sicher, sagt er. »Anfang der neunziger Jahre habe ich mir einmal einen Zeitungsartikel ausgerissen, dort stand, dass in den nächsten Jahren zehn Millionen Arbeitsplätze abgebaut werden, ich habe das nicht geglaubt damals. Aber ich habe gedacht, wenn es nur die Hälfte ist oder ein Drittel, dann ist es immer noch eine ganze Menge, dann wird das ein großes Thema und eine enorme Nachfrage auslösen.« Als Profiteur der hohen Arbeitslosigkeit will er sich dennoch nicht sehen.
Jürgen Hesse sagt immer wieder: »Wir machen die Spielregeln nicht, wir erklären sie nur.« Aber indem er sie erklärt, verändert er sie auch, er hält die Spirale selbst am Laufen, so rechtfertigen sich immer neue Auflagen seiner Bücher. Auch er bestätigt das Wettrüsten. Er kennt vielleicht sogar das absurdeste Beispiel: Als er vor einiger Zeit einen Mitarbeiter suchte, gab es Kandidaten, die schickten ihm Bewerbungen, die in Schrift und Formulierung exakt denen aus seinen Büchern entsprachen.
Alle reden von der Rüstungsspirale. Wäre doch eine schöne Vision, aus ihr auszubrechen, eine Art Entspannung zu erreichen. Die Bewerber müssten ihrer Ehrlichkeit und ihren beruflichen Fähigkeiten vertrauen, sie müssten den Mut haben, eine halbwegs ehrliche Bewerbung zu schreiben. Die Personalchefs müssten aufhören, den Bewerbern die immergleichen Fragen zu stellen, sie müssten sich auf Fragen zum Beruf konzentrieren, hin und wieder Bewerber mit echten Schwächen dem perfekt Lächelnden vorziehen. Vielleicht bekämen sie dann sogar die interessantere Belegschaft. Und Jobsuchende könnten sich eine Menge Geld und Arbeit sparen.
In Hesse und Schraders Buch Das 1x1 der erfolgreichen Bewerbung , dem Grundkurs gewissermaßen, steht, dass im Bewerbungsgespräch ein »überwiegend geöffneter Mund« für einen »Mangel an Selbstkontrolle« stehe, ein »Heben der Augenbrauen« für »Ungläubigkeit oder Arroganz«. Wäre es nicht gut, die Bewerber wenigstens von dem Zwang zur Schauspielerei zu befreien? Jürgen Hesse sagt: »Wir sind doch alle auf Gottes Erden Schauspieler. Für mich ist Schauspielen nichts Negatives. Wenn Sie mit einer Frau flirten, dann setzen Sie ja auch ein nettes Gesicht auf.«
Jürgen Hesse vergleicht den Bewerber öfter mit einem Mann, der sich um eine Frau bemüht, der ziehe sich ja auch anständig an, kürze seine Nasenhaare, erzähle nichts von seiner ehemaligen Partnerin. Auch im Videokurs am Berliner Alexanderplatz verglich die Dozentin das Bewerbungsgespräch mit einem »Candle-Light-Dinner«.
Vielleicht ist es ja wirklich eine gute Idee, die Parallele zur Partnerwahl zu ziehen: Bei der Suche nach einem Partner verlassen sich die allermeisten Menschen auf ihre Intuition, darauf, in den entscheidenden Momenten womöglich das Richtige zu sagen, darauf, sympathisch zu wirken und die Augenbrauen irgendwie im Griff zu behalten, ohne vorher drei Ratgeber darüber zu lesen. Und sie ahnen sogar, dass es eher hinderlich sein könnte, beim ersten gemeinsamen Kaffeetrinken an die vier Seiten einer Nachricht nach Friedemann Schulz von Thun zu denken.
- Datum 18.08.2006 - 12:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.07.2006 Nr. 31
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Dieser Artikel ist ja wirklich traumhaft. Ich selbst bin Absolventin und habe zum Glück endlich meinen ersten Job gefunden. Nicht etwa in einem großen Unternehmen im Bereich der Personalentwicklung wie ich es mir erträumt hätte, nein im "Elfenbeinturm" meiner Universität. Ich darf mich nun wissenschaftliche Mitarbeiterin nennen und trage meinen Teil zur Forschung bei. Und es macht wirklich verdammt viel Spaß.
Ist es nun richtig oder falsch, dass man sich als Bewerber so fertig macht? Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ich es für völlig wahnsinnig halte, was in der Bewerbungsgesellschaft propagiert wird. Nein, um Himmels willen, wie kann man auch nur auf die Idee kommen, in seinen Semesterferien mal auszuspannen und zu leben? Dann der nächste propagierte Schritt: Am allerbesten, du bewirbst dich schon, bevor du deine Diplomarbeit geschrieben hast (es gibt Professoren, die lehnen in diesem Zusammenhang die Arbeit mit der Wirtschaft ab, da sie nicht wissenschaftlich genug sei!). Ganz gleich, ob aller Wahrscheinlichkeit nach selten jemand ohne aussagekräftiges Abschlusszeugnis eingestellt wird. Du beginnst dich also schon vorher völlig fertig zu machen, sollst, eigentlich völlig fertig von monatelangen Abschlussprüfungen jeglicher Art, jung, dynamisch und mit einem Zahnpastalächeln vor ein Unternehmen treten und natürlich mindestens drei Jahre Berufserfahrung mitbringen. Das ist alles ziemlich realitätsfern. Das Resultat lässt sich vor allem daran festmachen, dass du völlig frustriert zu Hause sitzt, dir die Stunden vor dem Computer eine Verschlechterung deines Sehvermögens beschert haben und (fast) davon überzeugt bist, dass du so schlechte Qualifikationen hast, dass du dich darüber freuen kannst, wenn du in den nächsten dreissig Jahren dein Geld als Gebäudereiniger verdienst. (Dies soll keinesfalls den Beruf des Gebäudereinigers herabsetzen. Aber es ist in den wenigsten Fällen das primäre angestrebte Ziel, das man verfolgt wenn man ein Studium beginnt.)Alles in allem würde es der Gesellschaft, den Bewerbern und auch den Unternehmen gut tun, wenn man sich wieder als normaler Mensch darstellen könnte. Denn was bringt es einem Unternehmen, den augenscheinlich perfekten Mitarbeiter eingestellt zu haben, der sich später einfach nur als perfekter Schauspieler entpuppt? Es mag sein, dass ich möglicherweise ein idealisiertes Gesellschaftsbild mit mir herum trage, aber ich finde es im privaten und vor allem auch im beruflichen Bereich persönlichkeitsfördernder mit ehrlichen, direkten Menschen "mit Ecken und Kanten" zu leben.
Mfg N.M.
gleich vorab: ich werde mich nicht an die groß- und kleinschreinung halten. wer davon augenkrebs bekommt möge nicht weiterlesen (ausser er/sie findet augenkrebs gut).
der artikel erinnert mich stark an ein erlebnis in vietnam. ein bekannter aus darmstadt und ich kamen gerade aus kambodscha und dem delta und freuten uns nach 2 wochen elend endlich aufs meer. in der gegend von nha trang stießen wir auf ein deutsches pärchen aus mainz (beide mitte-ende 20)die auch mit dem rucksack unterwegs waren. da wir alle hunger hatten entschlossen wir uns zusammen mittag zu essen. spätestens beim nachtisch wussten wir (eric und ich) das uns irgendwas von dem mainzer pärchen unterscheidet. irgendwie waren die "uncool". nicht auf der "anderen seite", hatten nicht ihre "zwänge" abgelegt. liefen immer noch mit "masken" rum. wie auch immer, wir merken das da etwas nicht stimmte. schließlich erzählten sie uns das sie diese reise nur machen um einen guten eindruck im lebenslauf zu hinterlassen. um quasi dem scheffe (zukünftig) zu zeigen das sie sich auch in der wildnis durchschlagen könnnen (wildnis..lol...) das sie quasi im naturzustand überleben können. das sie quasi (ein tolles wort) am anfang der nahrungskette stehen. sozusagen (auch nicht schlecht) die erste wahl sind.
??? wissen sie, ich habe ja schon viel gelesen, gesehen und gehört, aber das überstieg dann doch meine vorstellungskraft. die gebackene banane blieb mir um halse stecken und ich musste aufpassen das ich mich nicht übergebe. eric (mein reisebleiter) krampfte so komisch und nachdem wir unsere fassung wiedergefunden haben ging es erst richtig los. wie bei explosiv "die reiseberichterstattung" wurde uns von den schlechten und dreckigen unterkünften erzählt. von ungeziefer auf den zimmern und schlechtem essen. das sie nicht schlafen können weil es nachts so heiß ist und es keine klimaanlage gibt...sprich der ganze katalog wurde runtergerattert. ich fragte sie dann warum sie denn nicht nach reit im winkel gefahren seien- mein fehler sie wollen ja scheffe beeindrucken.
mal ehrlich: ich glaube wir (eric und ich) sind zwei coole jungs, die kritisch sind, eine hohe moral haben, die u.a. durch erfahrung und geist entstanden ist. fachlich (geisteswissenschaft und mathe) sind wir gut. wir können auf menschen zugehen und sind erfahren. wir denken permanent (teiweise ist das etwas nervig). wir setzen uns mit theorien auseinander und versuchen unsere realität rational und logisch zu erfassen. wir sind keine studenten die nach 8 semestern lehrer werden wollen.
glauben sie mir: wir sind an einem punkt angelangt wo wir gar keinen bock mehr haben arbeiten zu gehen - zumindest nicht in der wirtschaft. wir haben keine lust uns mit solchen hampelmännern auseinanderzusetzen die nichts verstanden haben - ausser egoistisch zu maximieren.
aber wie sagen doch brennan und hamlin in "democratic devices and desires": es sei nicht wichtig ob jemand nur so tut als ob er moral hat, denn er wird sich auf lange sicht zur moralischen person wandeln. in anderen worten: auf ein blindes huhn findet mal ein korn. vielleicht hat die erfahrung in vietnam ein bißchen verstand in das "hirn" des mainzer pärchen geblasen. persönlich bezweifel ich das allerdings.
... neben echtem Interesse und guten Referenzen nichts für Bewerbungen. Einzig eine gewisse Souveränität.
\N
heyhey, gut geschrieben, ich "fühle" mich irgendwie genauso.
würde für den Beitrag glatt 6 Punkte geben;-)
Ein hervorragender Artikel mit seiner Darstellung des sich entwickelnden Selbstlaufs, des unkritischen Mitmachens (das allenfalls noch zur Pose der "Nachdenklichkeit" führt, sich sonst aber auf alles einlässt und die Möglichkeiten bis zur Unsinnigkeit ausreizt), der Verharmlosungen und Quisquilien der Bewerbungsratgeber bei gleichzeitigem ökonomischen Eigeninteresse, andererseits der Beliebigkeit, mit der die Anforderungen in diesem asymmetrischen Verhältnis verändert werden können.
Allerdings lässt der Schluss mit seinem Vorschlag zu Deeskalation und Abrüstung auf beiden Seiten und seiner Analogie zur Partnerwahl die basale Bedeutung der Rahmenbedingungen, in denen diese Vorgänge stattfinden, in ähnlicher Weise außer acht, wie es die Protagonisten selbst tun.
Ich muss mich zur Zeit auch bewerben und finde diese "Rüstungsspirale" sehr befremdlich. Mein Stolz (?) verbietet es mir, mich mit "Visagisten, Ghostwriter" herumzuschlagen. Ich will keine "Bewerbungsberatung", keinen "Coach" oder "Karrieretrainer". Ich will mich nicht prostituieren, ich will einfach einen Job!
Und wenn ich nach einer Schwäche gefragt werde, sehe ich es nicht ein, so dreist zu lügen oder die Antwort aus einem Buch nachzuplappern... mich würde mal interessieren, was die Personalchefs denken, wenn sich nach 4 Wochen 50 % der Bewerbereigenschaften als heiße Luft herausstellen?
Sich halbwegs normal verhalten und dies auch bei anderen akzeptieren. Eine gute Idee. Sowohl für Personalleute als auch für Kandidaten und Kandidatinnen. Ein Lebenslauf mit Lücken beispielsweise ist normal.
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