Früher, in den Achtzigern, setzten sich die Menschen an ihren Schreibtisch, wenn sie sich bewarben, sie spannten einen Vordruck mit dem Titel »Lebenslauf« in ihre Schreibmaschine, den sie zuvor im Buchladen für 1,80 Mark gekauft hatten, und sie tippten die Stationen ihres Arbeitslebens herunter, meistens fügte sich eine an die andere. Mancher Bogen wurde zerknüllt, weil man sich verschrieben hatte, aber am Ende des Tages war die Bewerbung getippt, unterschrieben, kuvertiert und abgeschickt. BILD

Heute suchen Bewerber wochenlang nach dem richtigen Briefpapier, nicht zu weiß und nicht zu gelb, sie besuchen Kurse, engagieren Fotografen, Visagisten, Ghostwriter. Ein Chor von Experten ruft ihnen zu: Bewerben ist ein Full-Time-Job! Und manche Arbeitslose hören das nicht mal ungern – so haben sie wenigstens diese Art von Job. Auch wer eine feste Stelle hat, bewirbt sich weiter, weil sein Vertrag nur befristet ist oder der Arbeitgeber bereits hohe Abfindungen verspricht. Jedes Jahr wechseln 27,5 Prozent aller Akademiker den Arbeitgeber, nach der neuesten verfügbaren Statistik des Instituts Arbeit und Technik von 2001. Bis Mitte der neunziger Jahre lag diese Zahl um ein Fünftel niedriger, sie war jahrzehntelang konstant. Wir bewerben uns ständig weiter, zumindest in Gedanken. Seit Jahren ist vom lebenslangen Lernen die Rede, neuerdings ist das lebenslange Bewerben Wirklichkeit.

Nie war es für Akademiker so schwer, an einen Job heranzukommen, an einen richtigen, gut bezahlten. Und noch nie machten sich die, die einen wollen, so verrückt, ihn zu bekommen. Obwohl sich längst nicht mehr in jedem Lebenslauf Arbeitsstelle an Arbeitsstelle reiht, sondern auch Arbeitslosigkeit an Praktikum oder Selbstständigkeit, verlangen die Unternehmen immer bessere Bewerber, und die bieten ihnen immer mehr, geben sich alle Mühe, auch ihre prekären Lebensläufe als Erfolgsgeschichten zu schreiben. Man schaukelt sich gegenseitig auf.

Bei BMW zum Beispiel kamen im vorigen Jahr 230.000 Bewerbungen an, zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Offen sind zurzeit 142 Stellen. Tobias Nickel, Leiter des Recruitings, wie die Personalsuche bei BMW heißt, erzählt, dass ihm auf Bewerbermessen schon im Aufzug die ersten Lebensläufe zugesteckt werden. Er berichtet von Studenten, die auffälligerweise wenige Monate vor ihrer Bewerbung Mitglied bei Greenpeace oder in einer Theatergruppe werden. Haben Sie den Eindruck, Herr Nickel, dass manche Akademiker für ihren Lebenslauf leben? »Nicht manche. Viele.«

Eine Bewerberin sagt, sie müsse noch an ihrem Lächeln arbeiten

Früher lebten die Menschen ihr Leben, und hinterher versuchten sie, dieses in Lebensläufe zu packen. Sie erlaubten sich manchmal sogar ein Jahr nach dem Abitur, in dem sie erst einmal nichts Karrieredienliches unternahmen. Hinterher kaschierten sie diese Zeit, faselten in ihren Bewerbungen von »Sprachaufenthalten« und »kulturellen Projekten«. Sie lebten zuerst, dann kam der Lebenslauf. Heute ist es umgekehrt. Sie bummeln nicht mehr, auch nicht in den Semesterferien, sie studieren dafür im Ausland, was sie später vor Probleme stellt (Fernweh, Reisekosten, doppelte Haushaltsführung). Sie sagen: Das ist das Leben! Aber es ist nicht das Leben. Es ist das Lebenslaufleben.

Berlin, im 15. Stock eines Bürogebäudes am Alexanderplatz. Die Firma Gaetan-Data bietet Kurse für Akademiker auf Jobsuche an. Wer möchte, kann den ganzen Tag an seiner Bewerbung feilen, Dozenten befragen, eine Visitenkarte entwerfen, mit anderen Jobsuchenden fachsimpeln. Es ist ein Arbeitsplatz für Bewerber, wenn man so will. Es gibt Seminare fürs richtige Telefonieren, fürs richtige Networking, es gibt ein Kommunikationstraining und ein Training fürs Vorstellungsgespräch mit Videokamera, alles, was man inzwischen so braucht, um irgendwann einen Job zu bekommen. Evelyn R., eine Kursteilnehmerin, 27 Jahre, seit Oktober vergangenen Jahres Diplom-Psychologin, widmet ihren Bewerbungen eine 30-Stunden-Woche. Wenn sie nicht gerade einen Umzug zu organisieren hätte, wären es sicher noch mehr Stunden, sagt sie. Vor kurzem hat sie Bewerbungsfotos machen lassen, von der Bekannten einer Bekannten, zweieinhalb Stunden dauerte es, bis das Foto so war, wie sie es sich erhofft hatte, bis es gleichzeitig Kompetenz, Freundlichkeit und Dynamik ausstrahlte. Eben saß sie in dem Kurs, der das Vorstellungsgespräch simulierte, sie war ganz zufrieden mit sich. Nur daran, dass sie jeden Satz mit einem Lächeln beendet, »so nach dem Motto: Das hab ich jetzt richtig gemacht«, daran müsse sie noch arbeiten, erzählt sie.