Nahost Irans neue Grenze
Israel kämfpt um seine Existenz - und tappt in die Falle des Terrors. Doch der eigentliche Feind sitzt in Teheran.
Der Terrorist gewinnt zweimal: wenn er Zivilisten auf der anderen Seite umbringt, und abermals, wenn die eigenen Menschen sterben. Dazu muss man kein Islamist sein; das ist das Prinzip des Terrorismus, der immer auch Todeskult ist (»Ihr liebt das Leben, wir den Tod«). Das ist auch die »Logik« von Hisbollah. Raketen werden in der Tiefgarage gebunkert, ein Wohnhaus obendrauf. Zerfetzen die Geschosse Israelis, ist das Primärziel erreicht. Schießen die zurück, sterben ebenso unschuldige Libanesen, und die Welt verdammt Israel. Eine Win-win-Situation, wie es im Strategie-Jargon heißt.
Genau in diese Falle ist Israel in Kana gelaufen, wo ein Bombenangriff an die sechzig Menschenleben forderte. Tote Kinder sind das schrecklichste Gräuel des Krieges. Da half es nichts, dass Jerusalem sofort bedauerte und eine Untersuchung ankündigte, während das Massenblatt Jediot Achronot um »Vergebung« bat. Es half auch nichts, dass die Luftwaffe in einem Video zeigte, wie in dieser Nacht Raketen im Sekundentakt aus Kana abgefeuert wurden und die Transporter in den umliegenden Wohnhäusern verschwanden. Die Verdammung war einhellig.
Psychologisch hat Israel diesen Krieg bereits verloren. Wir ringen die Hände, wenn Hunderttausende in Darfur oder Ruanda hingemordet werden, rügen auch manchmal die Russen ob ihrer Untaten in Tschetschenien, wollen aber der Großmacht nicht zu nahe treten. Die Demokratien akzeptieren freilich keinen Krieg als gerecht, der von einem der Ihren geführt wird und Zivilisten als Hauptopfer fordert.
Oder gilt die Entrüstung vor allem Israel? Jedenfalls stimmt nachdenklich, was eine Umfrage des Spiegel herausfand, als der Krieg gerade mal sechs Tage alt war. Fast zwei Drittel der Deutschen gaben zu Protokoll, Israel habe »kein Recht«, die »Angriffe der radikalislamischen Hisbollah auszuschalten«. Fast drei Viertel meinten, Israel müsse Attacken auf seine Städte hinnehmen und auf ähnliche Angriffe verzichten. Kommt hier der unbewusste Wunsch hoch, der Judenstaat möge sich als Opfer hergeben, das kein Recht zur Selbstverteidigung habe? Hoffen wir, dass die Zahlen lügen.
Natürlich hat Israel ein Recht auf Selbstverteidigung, zumal gegen einen Feind, hinter dem Iran als Ausbilder und Ausrüster steht, eine kommende Atommacht, die geschworen hat, das »zionistische Krebsgeschwür« von der »Landkarte zu tilgen«. Trotzdem darf ein zivilisierter Staat nicht nach dem Prinzip handeln: »Möge Recht geschehen, auch wenn die Welt dabei zugrunde geht.« Wer aus der Luft besiedelte Ziele angreift, um Führung und Gerät des Feindes zu treffen, setzt sich ins Unrecht. Ja, das Völkerrecht gestattet dergleichen, wenn Menschen als Schutzschilder benutzt werden, aber als die Genfer Konventionen und die UN-Charta geschrieben wurden, gab es keine Medien, die den Schrecken weltweit in Echtzeit übertrugen. Außerdem herrschen heute andere moralische Maßstäbe als 1945, da die Rote Armee Berlin plattmachte, um den Führerbunker zu erobern.
Heute lautet die Regel: Demokratische Kriege müssen kurz und entscheidend sein, um halbwegs akzeptabel zu sein; tatsächlich aber ist dieser Krieg weder das eine noch das andere, denn auch in der vierten Woche schlagen die Raketen in israelischen Städten ein und Bomben in libanesischen. Doch ist dieser Krieg nicht nur eine moralische Tragödie, wie jeder Krieg, sondern auch ein strategisches Drama. Dessen wahres Ausmaß hat Hassan Nasrallah gewiss nicht bedacht, als er sich als Handlanger Teherans zwei israelische Soldaten schnappte, um Hunderte von Häftlingen freizupressen und so seinen Ruhm zu mehren.
Dies ist nur scheinbar ein »begrenzter« Krieg, ausgefochten, um ein wachsendes Hisbollah-Arsenal zu dezimieren, das seit sechs Jahren Nordisrael bedroht. Dies ist auch kein klassischer Nahost-Krieg, wie Joschka Fischer zu Recht anmerkt, in dem es um »Besetzung oder Rückgabe« geht. Es geht um die verlorene Herrschaft Syriens über den Libanon und um die Hegemonie Irans über die ganze Region. Das haben die arabischen Regime sehr wohl erkannt; dito die USA, dito die G8-Staaten. Und natürlich die Israelis. Oder wie Fischer resümiert: »Dieser Krieg richtet sich gegen die Existenz Israels als solches.«
Das Neue hat Fouad Ajami, einer der bekanntesten Islamwissenschaftler Amerikas, ganz knapp formuliert (siehe Interview Seite 5): Mit Hilfe von Hisbollah habe sich »Iran eine Grenze zu Israel erkauft«. Und: »Dies ist der erste israelisch-iranische Krieg.« In Wahrheit sind die Dimensionen noch größer, obwohl Israel und Hisbollah in vorderster Front kämpfen. Denn hinter ihnen stehen Amerika und Iran, die hier ihren ersten Waffengang proben.
Das heißt nicht, dass sich dieser Krieg ausweiten wird. Denn Teheran und Damaskus agieren äußerst vorsichtig, und Israel verzichtet auf das Offenkundige: auf Schläge gegen Syrien, um so den Nachschub von Hisbollah zu kappen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Israel hat zwar schon sein Maximalziel aufgegeben, also die totale Entwaffnung von Hisbollah, wird aber so lange weiterkämpfen, bis es deren Potenzial so weit dezimiert hat, dass sie künftig risikobewusster agiert. Doch ist Jerusalem gewarnt: Kana darf sich nicht wiederholen.
Die schlechteste Aussicht: Israel gibt auf, und die Kampfkraft von Hisbollah bleibt intakt. Das ist unwahrscheinlich. Denn zu hoch sind die Einsätze in diesem großstrategischen Spiel. Hisbollah wird weiterschießen, Syrien die Schlinge um den Libanon fester ziehen, Iran in seiner Aggressivität ermutigt werden – auch wenn der UN-Sicherheitsrat inzwischen mit Sanktionen gegen das Atomprogramm winkt. Niemand, auch nicht Europa, wird in diesem Falle ruhiger schlafen. Ein Ahmadineschad mit Atomwaffen ist ein Albtraum, gegen den der Kalte Krieg wie Elysium wirkt.
Dieser »kleine« Krieg hat eine globale Dimension, weshalb globale Diplomatie das Gebot der Stunde ist. Wie üblich trägt Amerika die größte Last. Immerhin zieht Europa diesmal am selben Strang; fällt Moskau dem Westen nicht in den Rücken, können die Alt-Alliierten sehr wohl gemeinsamen Druck ausüben. Allerdings geht es sowohl für Israel als auch für Hisbollah um Existenzielles, weshalb niemand ein rasches Ende dieses Krieges erwarten möge.
Dieser Krieg wird nur dann Rechtfertigung finden, wenn er Hisbollah abschreckt und Iran ernüchtert. Nur dann kann – und muss – eine »robuste« Friedenstruppe folgen, die zwei Bedingungen erfüllt: eine Feuerkraft, die Respekt heischt, eine Zusammensetzung, die arabische Staaten einbezieht, um so den Ruch des »Neokolonialismus« zu vermeiden. Herrscht an der Grenze Ruhe, müssen – und können – Israel und die Palästinenser wieder ins Geschäft kommen.
Wie das? Weil dieser Konflikt auf einmal sehr »klein« wirkt. Araber und Israelis werden nunmehr von einem gemeinsamen Feind bedroht – einem herrschsüchtigen Iran, der nach Atomwaffen greift und ans Mittelmeer vorgestoßen ist. Ein Friedensschluss kann manchmal sehr simpel sein: wenn zwei Feinde plötzlich mit einem dritten konfrontiert sind, der beiden ein Gräuel ist.
- Datum 02.08.2006 - 11:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006
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