Es ist vollbracht. Seit Anfang des Monats gilt die neue deutsche Rechtschreibung verbindlich in Schulen und Behörden. Widerstrebende Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen haben eingelenkt. Selbst Bild, die Welt und der Spiegel , die sich zu einer denkwürdigen überspringenden Kampfgemeinschaft gegen die Reform zusammengeschlossen hatten, wollen ihr nun folgen. Nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die dem Trutzbund ebenfalls angehörte, denkt noch nach.

Die allermeisten Leser werden freilich keinen Unterschied bemerken, weil in den allermeisten Fällen auch kein Unterschied besteht. Die Rechtschreibreform bezog sich immer nur auf weniger als zehn Prozent der Schreibweisen, und von diesen waren nur das gehäufter auftretende Doppel-S, manche Getrenntschreibungen oder kurios anmutende Ableitungen wie »aufwändig« (von »Aufwand«) augenfällig.

Die wenigsten haben sich bisher an alle neuen Regeln gehalten, wenige werden es in Zukunft tun. Sie müssen es im Übrigen auch nicht. Die Nachrichtenagenturen oder die ZEIT , die sich eigene Abweichungen überlegt haben, können getrost dabeibleiben. Denn der Rat für die Rechtschreibung, der nach fast einem Jahrzehnt wilder Proteste eingerichtet worden war, hat zahlreiche Neuerungen wieder kassiert, Ungereimtheiten beseitigt, neue Ungereimtheiten geschaffen, Varianten zugelassen, am Ende das ganze Reformwerk in eine undeutliche Nachbesserung der gewohnten Schreibung verwandelt.

Was also ist mit der amtlichen Einführung wirklich vollbracht? Zu den Merkwürdigkeiten der Debatte gehörte, dass in all der Aufregung vollständig vergessen wurde, zu welchem Zweck die Reform einst ins Werk gesetzt worden war, nämlich um den Schülern das Schreibenlernen zu erleichtern. Darum wurde von den Gegnern der Reform auch nicht das Naheliegende eingewandt: dass der Mensch im Laufe seines Lebens unendlich mehr liest als schreibt, und deswegen Orthografie vielleicht besser der Lese-erleichterung statt der Schreiberleichterung dienen sollte. Statt damit zu argumentieren, haben die Rechtschreibgegner von Anfang an getan, als ginge es um einen Anschlag auf die eine, altehrwürdige und heilige Schreibung der deutschen Sprache.

Eine solche hat es freilich nie gegeben. Auch die plötzlich verklärte alte Rechtschreibung war nur das Ergebnis einer vielfältig nachgebesserten, im Kern aber staatlich verordneten Reform vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Schriftsteller zuvor haben anders geschrieben; bei Fontane beispielsweise findet man all die Groß- und Getrenntschreibungen, deren Übermaß man der jetzigen Reform zum Vorwurf macht. Manches spricht dafür, dass die Proteste auf dem Missverständnis beruhten, Sprache und Schrift seien unwandelbar miteinander verknüpft. Tatsächlich hängen sie aber nur lose zusammen, und die Schreibung, weit davon entfernt, jemals adäquat zu sein, hinkt stets dem Sprachwandel hinterher.

Orthografische Wörterbücher wie Wahrig oder der Duden sind darum in ihren aktuellen Ausgaben dazu übergegangen, neben einer regelgerechten Schreibung auch Varianten zu nennen. Der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, lange ein erbitterter Gegner der Reform, klagt zu Recht darüber, dass der Duden , der doch an allen Sitzungen des Rechtschreibrates teilgenommen hat, jetzt sogar manche Schreibung favorisiert, die nicht den Regeln entspricht. Tatsächlich kommt eine Auswahl von Varianten der Wahrheit über die deutsche Rechtschreibung am nächsten. Da es sich um ein gemischtes System handelt, das teils nach dem Laut, teils nach der Bedeutung geht, sind immer konkurrierende Lösungen denkbar.

Was damit auf absehbare Zeit nicht zurückkommt, ist freilich die Einheitlichkeit der Schreibung jenseits der Schulen. Die Reformgegner, die das beklagen, müssen sich allerdings auch an die eigene Nase fassen: Sie haben mit ihren Blockaden den Zustand der neuen orthografischen Freiheit mit erzeugt. Das Ergebnis ist nicht ohne Ironie. Die Anhänger einer unwandelbaren Rechtschreibautorität haben diese Autorität durch partisanenhafte Abweichung ihrerseits beschädigt. Was also lehrt der Streit? Dass Menschen, die sich unter Mühen an ein übermäßig verzwicktes System – denn das war die alte Schreibung – gewöhnt haben, dieses am Ende lieb gewinnen und nicht mehr aufgeben wollen. Vielleicht damit die Mühe nicht umsonst war.