Österreich Mein Israel

Jüdische Stimmen aus Wien zu den Schrecken des Krieges und zum Kampf gegen die islamistische Bedrohung

Debatte
Nach dem verheerenden Bombardement des libanesischen Dorfes Kana steht Israel im Kreuzfeuer der Kritik: Wie weit darf der jüdische Staat gehen, um seine Existenz zu verteidigen? Auch österreichische Juden stellen sich diese Frage. Aber sie fragen ebenso nach der Ursache des Krieges, der andauernden Bedrohung Israels. Die ZEIT bat eine Reihe engagierter Stimmen um Stellungnahmen. Eine Debatte über Loyalität mit einem Land im Überlebenskampf, Entsetzen über die Opfer und die tiefen Wurzeln eines Konflikts, der die Welt entzweit.

Es gibt »mein Israel« nicht

PETER MENASSE,
Kommunikationsberater und Chefredakteur der jüdischen Zeitschrift »Nu«
Ein nichtreligiöser Mensch, geboren in Wien, gut verankert in der österreichischen Gesellschaft, soll sich zu Israel äußern, nur weil seine Vorfahren vor hundert Jahren im jüdischen Schtetl gelebt haben? So absurd das klingen mag, es macht doch Sinn. Das Jude-Sein lässt sich nicht ablegen. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut hat mit einem einfachen Argument belegt, dass das Konzept der Assimilation gescheitert ist. All die weltoffenen, angepassten Intellektuellen der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, so schreibt er, hätten sich bei den Transporten in die Konzentrationslager in denselben Viehwaggons wiedergefunden, in die auch die religiösen, »identifizierbaren« Juden, die eben erst aus dem Osten eingewandert waren, gepfercht wurden.

Wer Jude ist, das bestimmt der Feind. Das haben wir gelernt. Und noch etwas hat die Shoah uns gelehrt: Wir werden uns nicht mehr ohne Gegenwehr in den Tod treiben lassen. Auf der ganzen Welt verbindet uns die tief verinnerlichte, gemeinsame Einsicht, dass auch der unfassbarste Schrecken wirklich werden kann und dass wir uns selber helfen müssen.

Die israelische Gesellschaft ist eine kollektiv traumatisierte Gesellschaft. Wenn die Raketen von Hisbollah einschlagen, wenn der Terror der Palästinenser unschuldige Menschen in den Tod reißt, kommen in den Alten die Bilder der Shoah wieder hoch. Ihre Kinder aber haben geschworen, dass es ein Ende haben wird mit der Vernichtung. Konfrontiert mit dem neuen »Führer« Ahmadineschad, dem Paten, der hinter den Angriffen von Hisbollah steht und der mit der völligen Auslöschung der Juden droht, kämpfen sie jetzt gegen eine Wiederholung der Vergangenheit und gegen dieses Trauma, dessen Symptome jeder Jude in sich trägt.

Es gibt »mein Israel« nicht. Natürlich empfinde ich große Traurigkeit über den Tod von Kindern und Zivilisten, unabhängig von ihrer Herkunft. Jedoch verbinden mich meine Ängste und mein Zorn mit den Menschen, die in Israel um ihr Leben kämpfen. Wir Juden sollten damit nicht alleine sein, denn wenn Israel untergeht, diese erste Probe also gelingt, dann droht am Ende die Niederlage der gesamten westlichen Welt. Ahmadineschad wird nicht eher ruhen, bis alle Juden, bis alle »Ungläubigen« unterworfen sind. Wer da dazugehört, wird er bestimmen.

Tel Aviv – ein Déjà-vu

DANIELLE SPERA,
Redakteurin beim ORF und Moderatorin der »Zeit im Bild«
Die vergangenen Tage sind erfüllt von Sorge um die Verwandten und Freunde, und dann kommt eine Schlagzeile, die tiefe Erinnerungen auslöst: »Tel Aviv bereitet sich auf Raketenangriffe vor«. Ein Déjà-vu. Im Jänner 1991 ließ Saddam Hussein die ersten Scud-Raketen auf Tel Aviv abfeuern, ich war als Reporterin für den ORF im Einsatz. Ohne zu zögern, hatte ich mich dafür gemeldet. Doch gleich nach der Ankunft auf dem Ben-Gurion-Flughafen holt mich die Realität ein: Einschulung für einen eventuellen Angriff mit chemischen Waffen. Jeder bekommt ein kleines braunes Köfferchen mit auf den Weg. Die Gasmaske und eine Atropinspritze mit riesiger Nadel. »Einfach die Spritze durch die Kleidung in den Oberschenkel rammen. Nur nicht viel nachdenken!«, sagt die junge Soldatin zu mir. Wir wünschen einander Glück. Die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum ist unheimlich. Zigmal hatte ich diesen Weg schon zurückgelegt. Doch diesmal erschien die sonst pulsierende Mittelmeermetropole menschenleer, die Häuser verdunkelt. Kurz nach meiner Ankunft im TV-Studio heulen die Sirenen. Hektisch laufen wir in den Schutzraum und versuchen, die Gasmasken aufzusetzen. Der Raum ist eng und stickig, die Assoziation zu Auschwitz allgegenwärtig, nur gibt es hier Gasmasken. Wir versuchen miteinander zu kommunizieren, aus den Öffnungen der Masken kommen dumpfe, seltsame Geräusche. Die Israelis agieren mit unglaublicher Disziplin, einer Disziplin, die durch die jahrzehntelange Bedrohung in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ein Land im Ausnahmezustand. War wirklich je Frieden? Ob die Gasmasken noch immer funktionieren?

Mein Israel? Mein Israel!

HARRY BERGMANN,
Geschäftsführer der Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann
Wie oft habe ich diese Frage schon gehört: »Ist das noch dein Israel?« Eine Frage, die keine Antwort erwartet, denn die hat sich der Frager meist längst schon selbst gegeben: »Israel ist nicht mehr das, was es einmal war. Israel ist ein Aggressor, Besetzer, Unterdrücker, Kolonisator, verachtet die Menschenrechte…« Eben all der Headline-Müll, den CNN & Co. täglich in die behaglichen Wohnzimmer dieser Welt kippen. Oder anders: »Das kann doch nicht mehr dein Israel sein!?«

An dieser Stelle muss ich zum besseren Verständnis hinzufügen: Ich lebe mit meiner Familie in Wien. Wir haben in Israel einen »zweiten«, sagen wir Ferienwohnsitz.

Als vor zwei Wochen der Wahnsinn über die Region hereinbrach, waren wir gerade alle dort. Katjuscha um Katjuscha stellte sich die Frage: Sollen wir nicht »nach Hause« fliegen? Warum sollen wir die Kinder in Gefahr bringen? Schließlich ist ja unser Lebensmittelpunkt woanders…

Aber je mehr Katjuschas geflogen kamen und je weniger man das in den internationalen Nachrichten zu hören, zu sehen und zu lesen bekam (denn die hatten alle Hände voll damit zu tun, Ursache mit Wirkung zu verwechseln), desto mehr stellte sich heraus, dass »zu Hause» auch ein Begriff sein könnte, der vom Geschehen des Augenblicks diktiert wird. Jetzt war unser Zuhause dort und nur dort.

Solidarität – bleiben und mitzittern – war das Einzige, was wir in dieser Situation beitragen konnten. Das mag nicht nach sehr viel klingen, aber es war zu spüren, dass es einigen Menschen in Israel doch einiges bedeutet hat.

Solidarität mit meiner Geburtsstadt Haifa und ihren Einwohnern, die zu Tausenden in den Süden flüchteten – wieso sind eigentlich flüchtende Libanesen ein so viel besserer Stoff für breaking news als flüchtende Israelis? Solidarität mit der Ohnmacht über das, was einem angetan wird, aber auch über das, zu dem man gezwungen wird, es anderen anzutun. Solidarität mit den libanesischen Kindern, die – wohl mit Gewalt – in ihren Häusern festgehalten werden, von denen aus Raketen abgeschossen werden, und die dann zu Opfern der israelischen Luftwaffe werden. Solidarität mit der Wut über die Welt-Berichterstattung, die aus unschuldig Angegriffenen blindwütige Angreifer macht.

Sollte ich jetzt wieder gefragt werden, hier meine Antwort: »Israel war noch nie so sehr mein Israel wie heute.«

Gepackte Koffer

ANJA SALOMONOWITZ,
Filmemacherin (»Du wirst nie verstehen«)
Das gelobte Land: In Wien, in der jüdischen Jugendorganisation Haschomer Hazair, auf Deutsch »Der junge Wächter«, geht das so: Pfadfinder-Romantik, pseudokommunistisch, jedenfalls aber links, mit Blauhemd im Sommer und im Winter einmal in der Woche sich gegenseitig von Israel erzählen. Reden über das Land, in dem Milch und Honig fließen. Das höchste Ziel: im Kibbuz Orangen pflücken und Kinder machen. So viel zu meiner jüdisch-zionistischen Erziehung.

Bei meinem ersten Israel-Besuch war ich noch klein. Mit den Eltern, die hinziehen wollten mit Sack und Pack und schreienden Kindern, die sich nur für die herumlaufenden Schildkröten interessierten. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals dort waren, vielleicht ja nur ganz kurz. Aber ich möchte nicht fragen, denn in meiner Erinnerung war es eine schöne Ewigkeit. Meine Tante in Haifa haben wir damals auch besucht, ich erinnere mich nicht an ihr Gesicht, aber ich erinnere mich an die in ihren Arm eintätowierten schwarzen Zahlen.

Ich rufe meinen Bruder an, der in Tel Aviv lebt und in Kürze mit seiner Freundin ein Kind erwartet. »Wir haben den gepackten Koffer vor der Türe stehen«, sagt er. Ich verstehe: Er meint nicht den, den man nimmt, um für die Geburt ins Spital zu fahren, er meint den, den man im Schutzraum braucht, falls Bomben auf Tel Aviv fallen sollten.

»Sage es nicht der Mama«, ruft er noch nach, »sie macht sich sonst zu viel Sorgen.« Verzeih mir, Mama, wenn du jetzt aus der Zeitung doch von dem Koffer erfährst.

Kann man das Böse kurieren?

MARTIN ENGELBERG,
Psychoanalytiker in Wien
Israel kämpft um seine Existenz. Eine funktionierende Demokratie mit Rechtsstaat und Marktwirtschaft, eine multikulturelle Gesellschaft. Die Gegner sind Staaten, die alle jene Charakteristika, die Israel auszeichnen und zu einem Teil der westlichen Welt machen, nicht besitzen. Länder, die sich seit Jahrhunderten in gesellschaftlicher Regression befinden und in denen immer neue terroristische, sogar das eigene Leben verachtende Bewegungen entstehen, die heute Israel, aber letztlich die gesamte westliche Welt und deren Wertesystem attackieren.

Dies allein ist bedrohlich. Zusätzlich erschreckend ist, wie sich innerhalb der westlichen Welt, vor allem zwischen den USA und Kontinentaleuropa, der Graben in der Einschätzung dieses Konfliktes immer weiter vertieft.

In Israel und in den USA dominiert die Überzeugung, es gäbe beim Menschen gewisse Konstanten, die sich nicht ändern: das Potenzial, zu hassen, zu töten, Neid und Gier, das »Böse«. Daher sei es nötig, Maßnahmen zu treffen und Institutionen zu schaffen, welche Menschen davon abhalten, diese Eigenschaften auszuagieren.

In Europa hingegen stellt man sich das menschliche Wesen schön und gut vor und glaubt, alle Aggression sei bloß als Reaktion auf eine schlimme Umwelt zu verstehen. Dieser Unterschied scheint mir durch die unterschiedlichen Lehren noch verstärkt zu werden, die aus dem mörderischen Wüten des Nationalsozialismus, der ja fast alle Staaten Kontinentaleuropas erfasst hatte, gezogen wird. Juden, Briten, Amerikaner glauben, im menschlichen Zusammenleben könnte sich Vergleichbares wiederholen, und daher müssten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, dies zu verhindern. Demgegenüber erscheint es verständlich, dass die europäischen Gesellschaften das von ihnen verübte, millionenfache Morden als Auswüchse einer pathologischen Entwicklung begriffen wissen wollen, von der sie nunmehr geheilt sind. Da hilft es natürlich enorm bei Israel, sprich den Juden, und im Fall der USA die vermeintlich gleichen Pathologien zu entdecken und nunmehr moralische Überlegenheit zu demonstrieren.

Israel und die USA können sich mit dieser schwierigen Dynamik der Europäer nicht übermäßig beschäftigen. Israel weiß die USA an seiner Seite im Kampf um seine Existenz und gegen den vom Islamismus ausgehenden Wahnsinn. Mit ein bisschen Glück werden die Europäer davon profitieren und weitere Jahrzehnte in Frieden und Wohlstand leben, ohne dafür den Preis an Menschenleben und Finanzmittel geleistet zu haben.

No pasaran!

HELENE MAIMANN,
Historikerin und Redakteurin der ORF-Reihe »Dokumente«
Alles liegt offen. Nichts bleibt zweideutig. Die Hisbollah verfügt über modernste Raketen, feuerte 3200 Geschosse in den ersten 17 Kriegstagen ab, Haifa ist schwer getroffen, Tel Aviv und Jerusalem sind potenzielle Ziele. Sie hat ihre Raketenbasen und Kommandozentralen mitten in den Städten und Dörfern des Libanon etabliert, verwendet die dortige Bevölkerung als Schutzschild. Die Israelis haben vor sechs Jahren den Südlibanon verlassen, seither setzt sich die Hisbollah dort fest, bis an die Zähne bewaffnet, mit gut trainierten Truppen, und schießt sich seit Jahren auf Nordisrael ein. Vor einem Jahr hat sich Israel aus Gaza zurückgezogen, seither schickt die Hamas Raketen hinterher. Alles offenkundig, nichts zweideutig.

Im Nahen Osten findet ein Stellvertreterkrieg statt. Die Israelis verteidigen nicht nur ihren Staat und ihre Existenz, sondern uns alle – und damit meine ich nicht nur uns, die Juden. In dem Durcheinander von Belehrungen und Beschwörungen hat Joschka Fischer klare Worte gefunden: Israel ist nicht der Aggressor. Das ist kein Krieg der Araber gegen Israel. Das ist ein Krieg gegen den organisierten Terror der islamistischen Radikalen. Ein Krieg, den Iran mit Duldung Syriens angezettelt hat, um seine Hegemonieansprüche im Nahen Osten durchzusetzen. Ein Krieg um die Etablierung des iranischen Atomprogramms. Ein Krieg der Ablehnungsfront eines Ausgleichs mit Israel gegen die gemäßigten arabischen Regierungen. Dass der Libanon damit zum Schlachtfeld wird, dass dort eine schreckliche humanitäre Katastrophe vor sich geht, ist kühles Kalkül.

Natürlich bin ich zutiefst erschrocken, wenn ich die furchtbaren Bilder aus dem Libanon sehe, wie auch nicht? Natürlich weiß ich nicht, welches »Augenmaß« die Israelis halten könnten, wie auch? Natürlich habe ich Angst, wie auch nicht? Wenn die Dschihadisten in Palästina, in Syrien und in Iran endgültig Oberhand gewinnen, werden die Folgen unabsehbar sein. Sie werden alles versuchen, um den Konflikt nach Europa zu tragen. Die Medienschlacht gegen »die Juden«, »die Zionisten«, die keine Ruhe geben können und die demokratische Welt seit der Shoah »in Geiselhaft nehmen«, hat viele Unterstützer, gerade hier in Europa, in Deutschland, in Österreich.

Vor genau 70 Jahren, im Juli 1936, begann in Spanien der blutige Probelauf des Zweiten Weltkriegs. »No pasaran«, sie werden nicht durchkommen, riefen damals die Republikaner, die ihre junge Demokratie gegen die Faschisten verteidigten. Sie haben verloren, die Welt hat zugeschaut. Das darf, das wird nicht wieder geschehen. No pasaran.

Das Motiv ist und bleibt Judenhass

ERWIN JAVOR,
Unternehmer und Geschäftsführer der Großhandelsfirma Frankstahl
Seit ich vor kurzem meine Mutter verloren habe, gehe ich ganz gegen meine sonstige Gewohnheiten täglich in die Synagoge. Sie wird Tag und Nacht von Schwerbewaffneten geschützt. Die Polizei stellt eine Eliteeinheit zur Verfügung und zusätzlich organisiert unsere Gemeinde einen eigenen Sicherheitsdienst. Dieser ist gleichermaßen auch für Kindergärten, Schulen, Altersheime und alle sonstigen jüdischen Einrichtungen notwendig und mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass kaum jemand nach der Ursache fragt. Warum muss man Juden in der ganzen Welt sechzig Jahre nach der Shoah beschützen? Warum haben zum Beispiel vor Jahren zwei bewaffnete Palästinenser diese von mir besuchte Synagoge angegriffen und eine schwangere Frau sowie einen greisen Überlebenden der Shoah ermordet? Der Grund dafür ist der gleiche, der Hamas und Hisbollah derzeit dazu veranlasst, Tausende Raketen aus Gebieten, die von Israel als Zeichen des guten Willens zurückgegeben wurden, wahllos auf dicht besiedeltes israelisches Territorium abzuschießen. Das Motiv ist und bleibt Judenhass.

In der Charta von Hamas werden die Protokolle der Weisen von Zion als gültige Zielsetzung der Zionisten dargestellt und in Artikel7 die Endlösung der Judenfrage angekündigt: »Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, sodass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken, und jeder Baum und Stein wird sagen: ›Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!‹«

Hisbollah sucht ebenfalls keinen historischen Kompromiss, sondern stellt eine einfache Forderung: »There is no solution to the conflict in this region except with the disappearance of Israel.« Auch die jordanische Zeitung Al-Sabil kommentierte 1999 ungeniert: »Wir müssen von unseren Vorbildern lernen: Hitler erreichte, was den Arabern bisher nicht gelang: Er reinigte sein Land von den Juden.«

Die Geschichte lehrt uns, dass aus krankhaften Vorstellungen oftmals tödlicher Ernst wird. Diesmal muss die Welt es verhindern, denn Mahnmale alleine genügen nicht.

Was soll denn mein Israel tun?

ROBERT SCHINDEL,
Lyriker und Schriftsteller (»Gebürtig«)
Es war nicht immer mein Israel. In den sechziger Jahren solidarisierte ich mich wie viele Linke mit den unterdrückten Völkern der Dritten Welt, und das palästinensische zählte dazu. Wir Linken machten viele Dummheiten, diese zählte zu den größten.

Ob man will oder nicht, Israel ist Erbe der Shoah, oder wie es Dan Diner einmal ausgedrückt hat, »Verlängerung der Geschichte«. Es sind nun mal meine Leute, die vernichtet wurden, und es sind wieder meine Leute, die jetzt und zukünftig vernichtet werden, wenn es nach dem Willen Irans und Syriens geht, nach dem Willen von Hamas und Hisbollah. Die Führer der Palästinenser – übrigens die unbarmherzigen Feinde des palästinensischen Volkes – haben zu keiner Zeit den Traum aufgegeben: Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. Seit fast sechzig Jahren kämpft Israel um sein Überleben. Aber wie immer sind die Juden ja bekanntlich an ihrem Unglück selber schuld. Die veröffentlichte Meinung, die sich neutral gibt, verteilt gleichmäßig Rügen an beide Seiten, tut so, als gäbe es eine mittlere Position. Die einen wollen die anderen vernichten, die anderen wollen bloß in sicheren Grenzen leben. Israel findet keinen verantwortlichen und durchsetzungsfähigen Ansprechpartner, aber mit denen, die es auslöschen wollen, sollen sie verhandeln. Worüber? Über die Modalitäten der Auslöschung?

Jetzt spricht man von den Opfern in der Zivilbevölkerung. Doch so wie die palästinensischen Führer ihre Kinder zum Steinewerfern nach vorne geschickt haben, feige, wie sie immer schon waren, so verstecken Hisbollah und Hamas ihre militärische Infrastruktur inmitten der Zivilbevölkerung, wie das jede Guerilla macht. Solange also das Volk diese Führer duldet und sie sogar wählt, erleidet es die Folgen dieser Duldung. Was soll mein Israel tun? Tötet es gezielt die Strippenzieher, heult die Welt auf. Muss es flächendeckend vorgehen, um die militärische Infrastruktur zu treffen, heult die Welt auf.

Am besten wäre es, wenn die jüdischen Israelis alle auswandern. Halt, das wäre der Welt nicht recht. Dann müsste sie Millionen Juden erdulden. Besser noch, die Juden stürzen sich selber ins Meer.

Dabei bedarf es vonseiten der Palästinenser bloß dreier Sätze: Anerkennung Israels in sicheren Grenzen von 1967, Versöhnung mit dem palästinensischen Staat und statt Rückkehrrecht der arabischen Flüchtlinge von 1948/49 großzügige Wirtschaftshilfe durch Israel, die USA und EU.

Schon wäre Friede. Wir Juden hätten eine Heimstatt und wären gleichberechtigtes Mitglied der Völkerfamilie Naher Osten, übrigens durchaus zum Segen dieser Völker.

Terrorpaten, Generäle: Ins Sterbebett

ELISABETH T. SPIRA,
Dokumentarfilmerin (»Alltagsgeschichten«)
Seit Shoah und Holocaust, seit Auschwitz und Treblinka, seit Gaskammern und Krematorien ist nichts mehr »normal«, was mit Juden, von Juden, gegen Juden, durch Juden passiert. Der jahrtausendalte Traum vom »nächsten Jahr in Jerusalem« ist Staat gewordener Gegenwartsirrsinn. Der Nahe Osten brennt. Und mit ihm brennen wir und unsere arabischen Schwestern und Brüder. Es ist müßig, darüber zu reden, wer diesen Krieg und all die vorangegangenen begonnen hat und wer alle zukünftigen beginnen wird, wer provoziert hat oder provozieren wird, Schuld auf sich geladen hat oder laden wird. Beide Seiten investieren viel Fantasie und Begabung, die Gegenseite zu quälen und zu demütigen. Beide Seiten haben Geist, Intelligenz und Kreativität in den Waffenschrank gesperrt. Beide Seiten sind bis zu den Zähnen gerüstet und zelebrieren volksfestähnliche Hasstiraden. Terror- und Raketenopfer in Israel. Bombenwahnsinn, der den Libanon auslöscht. Terrorpaten, Generäle und Kriegsminister – legt euch nieder ins Sterbebett. Denn jeder gefallene Soldat ist eine Familienkatastrophe, jeder Junge, der sich und andere in die Luft sprengt, ist ein Menschheitsdrama, jedes Kind, das durch Bomben getötet wird, ist ein Weltuntergang.

Nachdenken über Israel
Diese Debatte wurde gemeinsam mit der jüdischen Zeitschrift »Nu« initiiert, die sie in ihrer September-Ausgabe fortsetzt.
Siehe auch www.nunu.at »

 
Leser-Kommentare
  1. das ist richtig, und sitzt tief verankert im Bewusstsein und Unterbewusstsein jedes Gedanken eines Juden oder einer Jüdin.
    Ich habe schon mehrmals hingewiesen dass wir in Europa und in den USA das Problem bewirkten mit unserem Antisemitismus und dass wir Psychisch Verletzte alleine mit ihrem Weh lassen.
    Das Problem ist ja dass die Juden keinem, aber gar keinem mehr über den Weg trauen, das kann ich gut verstehen. ich habe auch lange mit Juden mich unterhalten, hauptsächlich Frauen. Eine war Französin und wurde von ihrem jüdischen Mann nach all den Regeln der Kunst geleimt. Eine andere wieder stammte aus München, sie war schon älter und ihr Mann ein Pelzhändler der verstorben war, auch Jude, hat sie nicht sehr glücklich gemacht.
    Sie meinte es hätte sich nichts geändert in Deutschland...gar nichts nur dass die Deutschen nicht mehr dürften. Das nur zur Beschreibung was Juden oder Jüdinen so denken von den Deutschen Smiles.
    Es ist eine verflixte Situation in welcher der eine dem anderen weh tut, weil beide weh haben, eine kranke Ehe. Nur liegt der Weh so tief dass der Patient den Arzt nicht ran lässt. Und so wird weiter ausgeteilt was die Bude hält.
    Frau Spira liege ich am Nächsten wenn sie beide beschuldigt, sie traut sich nicht Männer zu beschuldigen,aber Männer gebären nicht, und wissen nicht was Leben ist. Eine kleine Anekdote aus dem ersten Tschetchenienkrieg war, als der General der Mutter die Tapferkeitsmedaille Posthum brachte, sagte sie zu ihm für sie ist ein Mann gefallen, für mich meine Altersvorsorge. mein Kind das ich nährte, mein Kind das ich sah die ersten Schritte tun, mein Kind das ich am ersten Schultag fortgehen sah und mir eine Träne verkneifte, usw und jetzt kommst Du Genosse General, und sagst es ist Tapfer gefallen. Wer, Was, ist tapfer gefallen. Meine Schwangerschaft? Das Laufenlernen?
    Das istder Unterschied zwischen Mann und Frau, in der Knesset sitzen 14% Frauen, eine kriegerische Gesellschaft schafft es nicht Frauen nach oben zu treiben, da beide Systeme "Mann"orientiert sind vom Religiösen her können sie keinen Frieden schaffen, ein Mann kann nur winnen oder verlieren. Einfach dähmlich, das ist meine Ansicht als Mann, der eben lernte dass hinter Frauen mehr steckt als in Bierbüchsen und Fussballfans.
    Israel tut sich selbst weh, indem eswie alle Völker des Orients vergisst die ganze Wahrheit zu sagen, es vergisst zu sagen dass vor der Entführung des Soldaten in Gaza ein Palästinenser Arzt mit seinem Bruder von den Israelis entführt wurde, hat Chomsky im Monde berichtet!
    Israel vergisst auch dass es sich nie ganz aus Libanon zurückzog, und nie ganz aus Syrien.
    Abbas hat heute gesagt, Olmert will keine Verhandlungen, denn gerade im Moment der Anerkennung Israels durch die Hamas in den Grenzen von 1967 ist es passiert. Weil Israel überhaupt nicht dorthinzurück will.
    Frust brint Wut, und Wut bringt Tod.
    Die verschiedenen Intervenanten sind ein Spiegel des Judentums, die Shoa war der Urheber, es war aber auch der Urheber des Palästinenser Leids.
    Und solange kein Aufbau geschiet kommen Frauen nicht nach Oben, es ist ein tiefer psychologischer Fehler Männer gewähren zu lassen mit ihren angeborenen Halbwahrheiten. Sogar Mark Halter liess sich fangen in der Verstrickung der Lügen, er hat zwar gar kein Problem mit der Iran Bombe, ich auch nicht, A Bomben nützen zu nichts, das weiss Jeder, auch der iranische Präsident der es aber fertigbrachte den Araber einen gewissen Stolz zurückzugeben sowie die Hisbollah, Stolz ist notwendig, dann ist man nicht mehr der ewig Geschlagene.
    Es ist aber ein grober Fehler nicht mit Leuten zu reden, denn Bush's Problem mit Iran stammt nicht seit Gestern, aber das haben die USA sich selbst zuzuschreiben, sowie Castro.
    Das Black and White Denken geht vielleicht beim Whisky, aber nicht in der Politik. Ich finde trauerhaft dass soviele hetzten, anstatt zu bremsen. Bush und seine Republikaner haben Israel verraten, denn sie haben es der Verachtung preisgegeben. Und die Falken bei den Republikaner wollen noch mehr, armer Bush der die Geister rief, undsie nicht mehr los wird.
    Im Canard Enchaîné dieser Woche n°4475 Seite 3 steht, verschiedene Extrem Christen in den USA wollten dass Juden sich zum Christentum taufen liessen, also doch nicht so selbstlos wie gedacht.
    Mir fällt dabei nur der Satz von Alice Miller ein: Predigst Du einem Menschen von Liebe, lernt er predigen!
    Rice meinte die Nato müsste eine Demokratieexporttruppe werden, die Hamas hat nicht recht verstanden was denn jetzt Demokratie sei.
    Ist denn jetzt in der Ukraine keine Demokratie, oder wenn Castro wegfällt, und es wird in freien wahlen seine Partei gewählt, ist es dann Demokratie.
    Ist es schlussendlich Demokratie wenn es den Herren und Damen Republikaner passt?
    Soviel Unfug seit Bush an der macht ist hat es eit des Beginn der Menschheit in so weniger Zeit nicht gegeben. Kinder soll man keine Waffen geben, das ist kein Spielzeug und die Welt ist auch kein Spielzeug
    Ich könnte noch während Stunden argumentieren, mir sei aber noch erlaubt die Zeit zu gratulieren für ihre neun Klischees, es kommt fast alles richtig.
    Ich wünschte mir eine wahre Nachrichtenzentrale, mit nur Fakten, dass jeder sich ein wirkliches Bild zeichnen kann, und man sieht wie bitter nötig es ist am Kommentar dieser Wiener Juden, die selbst nicht über alles im Bilde sind was Herr Olmert doch so plant und seine Halbwahrheiten.
    Herr Olmert wird sich wahrscheinlich viele Fragen gefallen lassen müssen, so soll es auch sein. Aber von Sharons Nachfolger war nicht viel zu erwarten denn man wusste ja was er als Bürgermeister von Jerusalem so manipulierte.
    Komisch nur dass Leute seines Schlages immer an die Macht gelangen.
    Wie sagte gates: wem die Bilder gehören, der besitzt die Köpfe, was stand auf den von Israel und von Kinderhand abgeschossenen Bomben, wie sahen die Bilder nach Kana aus, und vom beschmutzten Strand.
    Das wiegt in Menschenhirnen nachhaltig, nicht weil die Menschen Antisemiten sind, nein weil sie einfach so ein tiefes Gerechtigskeitgefühl haben, und bei Kinder und Zivilisten der Spass aufhört. Jeder weiss dass es für Arme schwer ist sich auf den Weg zu machen, das was Olmert machte war zynisch.
    Das wissen alle Menschen die mal auf den Strassen waren und deren gibt es noch sehr viele in Europa.

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