Im Anfang war die Revolution. Als sich die französischen Generalstände im Juni 1789 in Versailles zur Nationalversammlung erklärten, konnte allerdings noch keiner der Abgeordneten ahnen, welche grundstürzenden Veränderungen dieser Beschluss in Gang setzen sollte. Wenige Jahre und eine Epoche der Weltgeschichte später waren Europas Throne ins Wanken geraten, und kurz nach der Wende zum neuen Jahrhundert beherrschte ein General der Revolution den Kontinent, der sich 1804 selbst zum Kaiser gekrönt hatte: Napoleon Bonaparte. Auch für Frankreichs Nachbarn begann jetzt eine neue Zeit. Am 1. August 1806 erklärten 16 deutsche Landesfürsten – darunter die Herren von Bayern, Baden, Württemberg und Hessen-Darmstadt – ihren förmlichen Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich und schlossen sich Frankreich im Rheinbund an. Fünf Tage später kapitulierte in Wien Kaiser Franz II. vor dem Ultimatum Napoleons, der Europas Mitte allein für sich reklamierte, und legte die Krone nieder. Nach mehr als 800 Jahren hatte das Reich, das auf die Tage Ottos des Großen zurückging, aufgehört zu existieren. Begeisterter Empfang: 1805 reitet Napoleon in München ein. Gemälde von Nicolas-Antoine Taunay BILD

Es war ein Staatsbegräbnis ohne Pomp: Ganz unspektakulär ließ der Habsburger, der als Franz I. Kaiser von Österreich blieb, die Abdankungsurkunde vom Reichsherold auf dem Platz vor der Wiener Hofburg verlesen. Eine Depesche teilte den verbliebenen Gesandten beim Reichstag in Regensburg – die Vertreter der Rheinbundstaaten waren längst abgereist – die Auflösung ihres Parlaments und der anderen Reichsinstitutionen mit. Graf Görtz, der Vertreter Brandenburgs, zeigte sich tief bewegt, und einigen seiner Kollegen traten Tränen in die Augen. Die Gesandten Schwedens, Dänemarks und Englands gaben, da diese Staaten über Besitz im Reich verfügten, ihren Protest zu Protokoll. Dann herrschte Schweigen.

Dieses bittere Ende hatte sich lange schon vorbereitet. Der Versuch der deutschen Fürsten, das revolutionäre Feuer jenseits des Rheins auszutreten, war im Herbst 1792 bei Valmy gescheitert; die Invasionstruppen des Alten Europa mussten kehrtmachen. Stattdessen rückte Frankreich vor. Mit der Besetzung Belgiens, Savoyens, Nizzas und der linksrheinischen Gebiete, später mit der Errichtung von Tochterrepubliken in Italien, der Schweiz und den Niederlanden dehnte sich das neue Modell der politischen Herrschaft immer weiter aus.

Napoleon wirft mit Kronen nur so um sich

In den Nachbarstaaten war der Beginn der Revolution von vielen Menschen mit Sympathie, ja mit Begeisterung verfolgt worden. Gerade im Alten Reich hatte mancher gedrückte Bürger schon lange auf einen Umsturz der duodezherrlichen Verhältnisse gehofft. Wiener Verschwörer planten einen Staatsstreich, während demokratische Zirkel in Norddeutschland Freiheit und zuweilen soziale Gleichheit forderten. In Mainz wurde 1793 die Republik ausgerufen, überall debattierten mehr oder weniger formelle »Jakobinerclubs«. In den Reichsstädten bildeten sich Bürgerausschüsse gegen die Vorherrschaft des Patriziats. Zunftunruhen und Gesellenaufstände nahmen zu, vielerorts revoltierten die Bauern. In Aachen, in Ulm, in Köln wurde an neuen Verfassungen geschrieben, auch trieb man Pläne voran, eine süddeutsche Republik zu errichten, die zum Kern einer deutschen Republik werden sollte.

Doch der Enthusiasmus verflog. Eine gemeinsame Opposition gab es im zersplitterten Reich nicht, zu unterschiedlich waren die Ziele und Interessen. Zudem bestimmte der Krieg immer mehr die Politik. Die kosmopolitische Begeisterung der frühen Revolutionsjahre war verflogen; jetzt ging es in Paris nicht mehr um die Befreiung der Menschheit, sondern wieder um die Interessen Frankreichs.

In der Pfalz, dem Rheinland und den Niederlanden wogten die Kämpfe hin und her. Bald wurde klar, dass die Revolutionstruppen vom Rhein nicht mehr zu vertreiben waren. 1795 bereits hatte sich Preußen aus dem Krieg zurückgezogen und mit Frankreich einen Separatfrieden ausgehandelt. Seit 1801, seit dem Vertrag von Lunéville, war der Rhein zwischen Kleve und Speyer offiziell zur Grenze zwischen Reich und Republik geworden. Die weltlichen Fürsten hatten sich 1803 im Reichsdeputationshauptschluss, einem großen Neuordnungsabkommen, für ihre Gebietsverluste im Linksrheinischen entschädigt – mit eingezogenem Kirchenbesitz und den Territorien der Reichsstädte, von denen nur ganz wenige ihre Freiheit wahren konnten.