Integration »Am Ende sind wir doch Türken«

Die Zwillinge Halil und Hamit Altintop spielen von dieser Saison an bei Schalke 04. Ein Gespräch über Rassismus auf dem Fußballplatz, deutsch-türkische Unterschiede und ihre Kindheit ohne Vater

DIE ZEIT: Sie sind Zwillinge und tragen unterschiedliche Frisuren. Ist das Absicht, damit Ihre Mitspieler Sie unterscheiden können?

Halil Altintop: Nein, Hamit hat seinen Stil, ich habe meinen. Er gelt seine Haare zurück, ich trage sie lieber offen. Ich komme, was meine Kleider betrifft, viel provokanter rüber als Hamit.

ZEIT: Lederjacken, Cowboystiefel und so?

Halil: (lacht) Nein, bloß nicht. Ich mag Ketten, lässige Armreifen oder Jeans mit Löchern. Hamit ist da konservativer.

ZEIT: Was unterscheidet Sie denn charakterlich?

Halil: Ich habe, im Gegensatz zu Hamit, immer noch ein Riesenproblem damit, in der türkischen Nationalmannschaft immer »der Deutsche« genannt zu werden. Ich höre dort ständig, dass ich anders sei als meine Landsleute. Ich sei so ruhig, so emotionslos, sagen sie. Meinem Bruder werfen sie das nie vor.

ZEIT: Hamit ist also der Türke, Sie sind der Deutsche?

Halil: So könnte man es ausdrücken.

ZEIT: Hamit, als sich Halil vor Jahren in der türkischen U-17-Auswahl nicht heimisch gefühlt hat, spielte er mit dem Gedanken, vielleicht für die deutsche Nationalmannschaft aufzulaufen. Sie haben ihn überzeugt, weiter für die Türkei zu spielen. Wie denn?

Hamit Altintop: Ich habe ihn gefragt: »He, willst du etwa gegen mich spielen?« Im Ernst: Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber wir bleiben in Deutschland Ausländer. Ich habe ihm gesagt: Am Ende, wenn es drauf ankommt, sind wir doch Türken.

ZEIT: In welchen Situationen merken Sie das?

Hamit: Wenn zum Beispiel Familienmitglieder schwer krank werden oder sterben. Oder: Wenn wir mal drei Tage nicht zu Hause anrufen, dreht unsere Mama durch! Normalerweise rufe ich sie mehrmals täglich an.

ZEIT: Wohnen Sie jetzt, wo Sie beide gemeinsam bei Schalke spielen, beide auch wieder bei Ihrer Mutter?

Hamit: Wir haben ein schönes Haus gekauft, wo Platz für alle ist. Für Mama, Halil und mich.

ZEIT: Fand Ihre Mutter gut, dass Sie Fußballprofis wurden?

Halil: Unser Papa ist an Krebs gestorben, als wir zwei Jahre alt waren. Mama wollte, dass wir Abitur machen und dass wir keinen Blödsinn machen. Das haben wir beides geschafft. Wir hatten nur einander, uns beide.

ZEIT: Haben Sie Ihren Vater je vermisst?

Hamit: Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.

Halil: Wir haben Mama nie auf Papa angesprochen. Das Thema existierte nicht. Wir wollten immer nur Fußball spielen.

ZEIT: Halil, Sie spielten in den vergangenen drei Jahren in Kaiserslautern. Haben Sie Hamit in dieser Zeit vermisst?

Halil: Und wie! Die ersten Monate waren seltsam. Ich hatte meine eigene Wohnung, saß abends vor dem Fernseher und schaute Fußball, wie wir es normalerweise immer gemeinsam gemacht haben. Ich habe Spielszenen kommentiert und nach links und rechts geschaut – aber da kam keine Antwort.

ZEIT: Warum sind Sie dann überhaupt nach Kaiserslautern gegangen, Schalke hatte Ihnen damals doch auch ein Angebot unterbreitet?

Halil: Ich wollte mich weiterentwickeln, selbstständig werden. Haushalt, das hab ich jetzt gelernt. Früher habe ich mir alles von Mama hinterhertragen lassen.

Hamit: Da ist er sicher weiter als ich. Er kocht sogar.

ZEIT: Sie also nicht?

Hamit: Ich? Um Gottes willen, nein!

Halil: Hamit denkt: Wenn Essenszeit ist, muss alles fertig auf dem Tisch stehen.

Hamit: Ich bin da eben ein bisschen altmodisch.Kochen, waschen, bügeln, putzen. Das kann ich einfach nicht, also lass ich es.

Halil: Du redest dir doch nur ein, dass du das nicht kannst.

Hamit: Hör zu: Ich gehe vernünftig arbeiten, und wenn ich zu Hause bin, möchte ich mich verwöhnen lassen. Ich will, dass die Rollen zwischen Mann und Frau klar aufgeteilt sind.

ZEIT: Sie wollen eine Hausfrau.

Hamit: So stell ich mir das vor. Ist das schlimm?

ZEIT: Es gibt wahrscheinlich nur nicht mehr so viele Frauen in Deutschland, die da mitmachen würden.

Hamit: Dann nehme ich eben eine Türkin. Obwohl: Ich hatte auch schon mal eine deutsche Freundin. Aber die ist weg.

Halil: Also musst du doch einiges falsch gemacht haben, mein Freund.

Hamit: Was weißt du denn schon über Frauen, Kleiner?

Halil: Ich hatte wenigstens schon mal eine längere Beziehung.

Hamit: Das stimmt. Aber Sie dürfen mich jetzt nicht falsch verstehen. Wenn ich eine Frau habe, stehe ich hundert Prozent hinter ihr, egal, was passiert. Man muss sich gegenseitig unterstützen, auch wenn die Partnerin mal eine schwächere Phase hat. Andererseits will ich, dass sie mich zu Hause verwöhnt.

Halil: Für mich hört sich das alles ein bisschen hart an.

ZEIT: Heißt das, man muss die Ehre seiner Frau nach außen auch verteidigen?

Hamit: Natürlich. Ich trage ja die Verantwortung für die Familie.

ZEIT: Wie zum Beispiel Zinédine Zidane im WM-Finale, als er vermeintlich die Ehre seiner Mutter mit einem Kopfstoß wiederherstellte?

Hamit: Nein, ich bin gegen Gewalt.

ZEIT: Stellen Sie sich vor: Auf dem Spielfeld beleidigt jemand Ihre Mama und Ihre Schwestern.

Halil: Das passiert ständig. »He, du Scheißtürke!« ist da noch das Harmloseste.

ZEIT: Und das hat Sie noch nie wütend gemacht?

Hamit: Klar werde ich wütend. Aber wir sind anders erzogen worden. Wir sind beide Muslime. Für uns bedeutet das: Gute Menschen zeigen ihre Klasse dann, wenn andere sich danebenbenehmen. Da darf man nicht draufhauen, sondern muss zum Gegner gehen und sagen: »Pass mal auf, Junge, das ist nicht in Ordnung.« Das beste Beispiel dafür war das WM-Qualifikationsspiel mit der türkischen Nationalmannschaft gegen die Schweiz, als es nach unserem Ausscheiden ein paar hässliche Szenen gab. Wir waren auch in der Hitze der Schlacht in der Lage zu sagen: »He, weißt du was? Es ist nur ein Spiel.«

Halil: Ich kannte Raphael Wicky, den Schweizer Spieler, aus der Bundesliga. Der hatte echt Angst und hat sich an meinen Arm geklammert. Ich habe versucht, ihn zu beschützen und heil in die Kabine zu kriegen. Keine Ahnung, was da mit meinen Landsleuten los war.

Hamit: Das war schon auf dem Bolzplatz so. Nachgetreten haben wir nie. Wir haben Tore geschossen und das Spiel gewonnen, damit war die Sache erledigt.

ZEIT: Was glauben Sie: Würden Sie genauso denken, wenn Sie in der Türkei aufgewachsen wären?

Hamit: Das glaube ich nicht. Dort herrschen in Erziehungsfragen andere Gesetze als in Europa.

ZEIT: Die Türkei gehört nicht zu Europa?

Halil: Wenn ihr jetzt anfangt, über Politik zu reden, gehe ich.

ZEIT: Nur kurz, Halil. Unterscheidet sich die Türkei von Europa?

Hamit: In Istanbul bestimmt nicht, aber im Osten sicher. Und von dort kommen unsere Eltern ja her.

ZEIT: Erzählen Sie uns von Ihrer Familie.

Hamit: Mama kam aus einem kleinen Dorf bei Malatya. Sie war nie auf einer Schule.

ZEIT: Warum nicht?

Hamit: Sie kam aus einer relativ wohlhabenden Familie, da dachte man, es ist nicht notwendig, dass sie was lernt. Aber dann ist der Reichtum der Familie den Bach runtergegangen, und meine Eltern mussten nach Deutschland, 1972, kurz nachdem sie geheiratet hatten. Mama kriegte fünf Kinder und hat nach Papas Tod den ganzen Tag hart gearbeitet. Sie war in der Metallfabrik, dann kam sie nach Hause, hat gekocht, gewaschen, geputzt. 25 Jahre lang.

ZEIT: Kann sie Deutsch?

Hamit: Sie verdreht alles, aber versteht ganz gut. Im Ruhrgebiet braucht man als Türke nicht unbedingt Deutsch. Der Lehrer in der Fahrschule ist ein Türke, der Bäcker, der Lebensmittelhändler, der Versicherungsvermittler. Jeder in der Nachbarschaft.

ZEIT: Wenn ein Brief vom Amt kam, dann mussten Sie Kinder übersetzen?

Hamit: Dafür hat man bei uns spezialisierte Bekannte, die übersetzen und erklären einem alles. Unser Türkisch war nie perfekt.

ZEIT: Was für eine Art Türkisch sprechen Sie?

Halil: (lacht) Nix verstehn.

Hamit: Als wir in der Jugendnationalmannschaft für die Türkei spielten, lachten uns die Mitspieler immer aus und sagten: »He, was sprichst denn du für ein Türkisch?!« Mittlerweile, nach sechs Jahren mit denen, ist das aber kein Problem mehr.

Halil: Für dich vielleicht. Bei meinem ersten Trainingslager in der Türkei sagte der Trainer zu mir auf Türkisch: »Sprinten!« Ich frage: »Was, Trainer? Ich versteh Sie nicht.« Er antwortete: »Schnell laufen, du Blödmann! Los!«

ZEIT: In welcher Sprache unterhalten Sie sich?

Halil: Wenn es lauter wird, reden wir türkisch. Wenn wir normal miteinander reden, auf Deutsch. Wir sind mit den verschiedensten Kulturen aufgewachsen. Wir waren bei unseren Schulfreunden zu Hause. Da sahen wir, wie die Bosnier leben, wie sie essen, wie sie sich gegenüber ihren Eltern verhalten, wie das bei den Deutschen ist und bei den Arabern.

ZEIT: Das klingt aber anders, als man es meistens in der Zeitung liest. Die bleiben immer unter sich, heißt es: Türken mit Türken, Serben mit Serben.

Hamit: Ich weiß nicht, wie es anderswo ist in Deutschland, aber im Ruhrpott ist das nicht so.

ZEIT: Viele Türken in Deutschland haben während der Weltmeisterschaft zum deutschen Team gehalten, sogar die deutsche Fahne geschwenkt. Hat Sie das überrascht?

Hamit: Nein. Wenn die türkische Mannschaft nicht dabei ist, schwenkt man eben die deutsche Fahne. Was soll daran überraschend sein? Die Türken haben eben das Land unterstützt, das sie vergleichweise am besten kennen.

ZEIT: Für viele Deutsche war diese offen gezeigte Zuneigung der Türken etwas Neues.

Halil: Für uns beide nicht. Ich bin ja hier zu Hause. Wenn Sie mich zum Beispiel fragen würden, wo ich leben will, würde ich mich immer für Deutschland entscheiden. Auch unsere Mutter will nicht mehr, wie früher, in die Türkei zurück eines Tages. Sie hat eine kleine Wohnung in Istanbul und dafür einen Kredit aufgenommen. Aber wohnen wird sie dort wohl nie. Jetzt will sie, dass wir endlich heiraten und Kinder kriegen.

ZEIT: Kann es sein, dass sich Ihr Gefühl, Türke zu sein, nicht auf das Land bezieht, sondern auf Ihre Familie, vor allem auf Ihre Mutter?

Halil: Das haben Sie schön gesagt.

ZEIT: Die Türkei könnte bald Mitglied der Europäischen Union werden.

Halil: Jetzt fangen Sie schon wieder an mit der Politik. Ich gehe dann mal.

ZEIT: Interessiert Sie der EU-Beitritt der Türkei wirklich nicht?

Hamit: Ich weiß gar nicht, warum wir unbedingt in die EU wollen. Unser Land hat so viele Möglichkeiten, und die Türken sind sehr, sehr fleißige Menschen. Eigentlich hätte die EU nur Vorteile, wenn sie die Türkei aufnehmen würde.

Halil: Wir haben jetzt die ganze Zeit über Politik gesprochen. Wie wär’s mal mit einer Fußball-frage?

ZEIT: Sehr gern. Was erwarten Sie von der kommenden Saison? Kann Schalke mit Ihnen beiden wirklich mit um den Meistertitel spielen?

Hamit: Der Glaube, deutscher Meister zu werden, muss immer unser Begleiter sein.

Halil: Amen.

Das Gespräch führten Sibylle Hamann und Alexandros Stefanidis

Leben in Deutschland - Jede Woche beschreibt Susanne Simon das Leben eines Ausländers in Deutschland »

 
Leser-Kommentare
  1. sich dass Probleme unter Menschen mit einer gewissen Bildung einfacher zu klaeren sind und da diese 2 ganz offenbar einen guten Kopf auf den Schultern tragen kommen sie auch gut klar.

  2. 2. \N

    Wirklich sympatische Kerls sind das. Man möchte Schalke Fan werden...

  3. Wenn man sich näher mit "türkischen Deutschen" befasst, wird man feststellen, dass die Altntops keine Ausnahme sind. Viele Türken denken mittlerweile ähnlich. Sie bewahren sich ihre eigene (faszinierende) Kultur, stehen der deutschen aber aufgeschlossen gegenüber und nehmen Teile davon in ihr tägliches Leben auf.

    Gruß
    Markus

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