KindergartenApartheid in der Krabbelgruppe

Damit Integration gelingt, sollte sie schon im Krippenalter beginnen. Der Hamburger Kita-Gutschein bewirkt das Gegenteil von 

Das Hamburger Gutschein-System hat einen fatalen Nebeneffekt: Es trennt deutsche und ausländische Kinder. Dabei fordern Experten bei jeder Gelegenheit: Damit Integration gelingt, muss sie so früh wie möglich beginnen. Wenn die Eltern zu Hause nicht deutsch sprechen, sollten die Kinder möglichst schon im Krippenalter unter deutsche Altersgenossen; denn die Sprache ist die Basis jeder Integration. In Hamburger passiert genau das Gegenteil: Die unbeliebtesten Kitas werden zum Sammelbecken für Migrantenkinder.

Denn Kita-Leitungen unterscheiden zwischen guten und schlechten Gutscheinen. Gute Gutscheine über acht, zehn oder zwölf Stunden stellt das Jugendamt aus, wenn die Eltern nachweisen können, dass beide lange arbeiten und ihr Kind ganztägige Betreuung braucht. Wenn ein Elternteil weniger arbeitet, wird auch weniger bewilligt. Gutscheine mit weniger als acht Stunden gelten als schlechte Gutscheine. Am unbeliebtesten sind Scheine zum Mindestsatz von fünf Stunden.

Wenn eine Einrichtung es sich leisten kann, vermeidet sie es, »kleine« Scheine zu nehmen, denn sie bringen weniger Geld bei gleichen Fixkosten für Bastelmaterial, Putzfrau und Müllabfuhr, und der Aufwand für Wechselbelegung – vormittags Paul, nachmittags Peter – ist hoch. »Kinder mit weniger als acht Stunden können wir leider nicht aufnehmen«, hören Eltern daher auf Info-Abenden oft, noch bevor sie einen Blick in Küche, Garten oder Schlafraum werfen dürfen. Kitas mit einem guten Ruf können wählerisch sein, ihre Wartelisten sind voll.

Das stellt den Wettbewerbsgedanken des Gutschein-Systems auf den Kopf: Nicht die Eltern suchen sich die beste Kita aus, sondern die Kitas suchen sich die Kinder mit den guten Scheinen aus.

Und die kommen meistens aus so genannten besseren Verhältnissen. Kinder aus Einwandererfamilien haben oft nur »kleine« Scheine zu bieten, denn wenn etwa der türkische Vater Arbeit hat, bleibt die Mutter meistens zu Hause. Zusammen mit anderen Kindern aus sozial schwachen Familien landen sie in den Kitas, die keine langen Wartelisten führen.

Solange Migrantenkinder aber weitgehend unter sich bleiben, verpassen sie die wichtigste Chance, die ihnen der Kindergarten bieten könnte: rechtzeitig gutes Deutsch zu lernen. Damit verschärft das Gutschein-System in Hamburg das prekärste Problem, das die Pisa-Studie bemängelt: In keinem entwickelten Land haben es Kinder aus sozial schwachen Schichten so schwer, an Bildung zu kommen, wie bei uns. Das System zementiert den Status quo.

Anselm Sprandel, Bereichsleiter Kita in der Hamburger Sozialbehörde, sieht keinen Grund zur Kritik an der Gutschein-Vergabe: »Bis vor vier Jahren war die Kita-Politik auf soziale Bedürftigkeit ausgerichtet. Unser Ziel ist die Förderung von Berufstätigkeit.«

Damit haben die Bedürfnisse der Eltern Vorrang vor denen der Kinder. Obwohl die Sozialbehörde auch für Integration zuständig ist, bekommen diejenigen nur einen »kleinen« Schein, für die es besonders wichtig wäre, aus einem Umfeld herauszukommen, in dem kein Deutsch gesprochen wird. In den Augen Sprandels kein Problem: »Dann ist das Kind eben drei Stunden länger auf der Straße – da kann man bei uns übrigens auch noch Deutsch lernen.«

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  • Schlagworte Apartheid | Kindergarten | Jugendamt | Eltern | Garten | Integration
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