50 Klassiker der Moderne Nach der Revolution
Erst setzte Luigi Nono Noten als politische Ausrufezeichen, später entdeckte er die Innerlichkeit. Sein "Prometeo" von 1984 schickte Chor und Orchester elektronisch durch den Klangraum und entzog sich jeglichem System
Im Jahr 1997, sieben Jahre nach Luigi Nonos Tod, holte Robert Wilson dessen 1984 in der venezianischen Kirche San Lorenzo uraufgeführten Prometeo in eine Brüsseler Fabrikhalle. Dort ließ er das Stück, einstmals als »Tragödie des Hörens« benannt, als Ideenplunder vom Band rollen: auf Filzkothurnen staksten weißgesichtige Menschen umeinander, die mit Stangen ruderten, silbrige Räder im Kreis führten und Löcher in die Luft starrten. Immerhin konnte man dabei die Augen schließen, auf dass die Sinne sich anders öffneten. Luigi Nono nämlich wollte mit Prometeo vor allem das »Ohr aufwecken«, wie er sagte.
Schritt für Schritt hatte sich der 1924 geborene Venezianer Nono von der Serialität der Darmstädter Schule abgewandt, um als »Musiker und Mensch« individuelles Zeugnis von seiner großen Kunst ablegen zu können. Als überzeugter Kommunist buchstabierte er fortan in unterschiedlicher musikalischer Form die Revolution durch: Herauskommen konnte eine Kantate über die Arbeitsbedingungen von Schichtarbeitern in einem Walzwerk, La fabrica illuminata, oder ein Orchester- und Chorstück wie Ein Gespenst geht um in der Welt, in dem der Sopran die Hoffnung auf bessere Zeiten hochhält. Nonos zweites Bühnenwerk Al gran sole… resümiert diese Periode, die mit Intolleranza begonnen hat. Nono ist aber inzwischen nicht mehr der Meinung, dass man sich in der Welt kämpferisch und mit Noten als Ausrufezeichen bewähren muss. Während einer längeren Schaffenspause findet er einen Weg nach innen, der ästhetisch manifest wird bei der Bonner Aufführung des Streichquartetts Fragmente – Stille, An Diotima, Anfang der achtziger Jahre. Hölderlins Strophen sind nicht zufällig Inspiration für Nono. Ähnlich wie beim Dichter selbst führt auch Nonos künstlerische Wanderschaft, von der Großform ausgehend, in jenen Bereich, wo einzelne Silben wieder kostbar werden, am Ende bleiben Bruchstücke, jedes noch so kleine Detail hat Wichtigkeit. Für den aus neun Teilen bestehenden Prometeo profitiert Nono von den Fortschritten der Live-Elektronik, die es ihm erlaubt, von Chor und Orchester erzeugte Klänge buchstäblich durch den Raum zu schicken. So legt sich in der Wahrnehmung allmählich Fragment auf Fragment, während der Hörer eingeladen wird, sich sein eigenes Theater im Kopf zusammenzusetzen. Auch Massimo Cacciaris Libretto bietet ihm nur noch Einzelteile, teils mythologisch motiviert, teils assoziativ verschränkt. Es geht von Klanginsel zu Klanginsel (auf der zweiten wartet wieder Hölderlin). Nirgendwo ist Halt, Filter verzerren die Texte, oft schweigt sich die Musik fast ganz aus. Am Ende ist Nonos revolutionärer Prometeo auch eine Absage an jedes (musikalische) System, auch an das eigene. Nicht nur darin liegt seine Größe.
Luigi Nono, "Prometeo – Tragedia dell’ascolto", Ingo Metzmacher, Ensemble Modern und Solistenchor Freiburg. EMI 5552092 (Aufnahme vergriffen, aber im Internet zu beziehen)
- Datum 10.08.2006 - 13:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren