POP Die fabelhaften Bären-Boys
Die Hamburger Band Kante und ihr Album »Die Tiere sind unruhig«
Vorweg das Wetter. »Es ist heiß, und es ist schwül, das Licht zu hell, die Farben grell« – so lauten die ersten Zeilen, die Peter Thiessen auf dem neuen Album seiner Band Kante singt. Es handelt sich nicht gerade um die Art von Gesang, die man einem haltlos transpirierenden Rockstar zuschreibt, und unter den Temperaturen leiden musste bestimmt auch kein Mensch bei den Gesangsaufnahmen in Moses Schneiders »Transporterraum« in Berlin-Kreuzberg. Doch die Hitze will einfach nicht verschwinden auf dieser Platte, später tritt sie in unheiliger Allianz mit Gewitter und Sturm auf.
Das Kante-Album landet gerade punktgenau im Themenpark des Sommerlochs, der bislang von Temperaturrekorden und einem reißerischen Bären namens Bruno heimgesucht wurde. Selbst die Optik spielt mit: Das Cover zeigt zwei ineinander verbissene Bären auf einem revolutionsroten Banner, der Titel des inzwischen vierten Kante-Werks seit 1997 wurde um die Szene drapiert: Die Tiere sind unruhig .
Womöglich ist Thiessen die Prominenz seiner Themen und Bilder sogar etwas unheimlich. Auf den bislang drei Platten der Hamburger Diskurs-Popband besaßen die Texte eher die Qualitäten von Stimmungsbarometern, sie kreisten in schönem Sicherheitsabstand ums Mikroskopische und Gesamtgesellschaftliche und nährten sich mit subtiler musikalischer Verweispolitik von immer wiederkehrenden Stoffen – Krise, Umbruch, Neuanfang, natürlich alles im eigenen Erleben erfunden.
Die jüngsten Hitzewallungen der Band sind einem Verdacht auf Apokalypse geschuldet, der vom Eröffnungsstück Besitz ergreift, dann werden die Kinder nervös, die Tiere unruhig und der Himmel fleckig. Das ist Peter Thiessens Art zu sagen, dass alles anders wird. Oder schon geworden ist. Wie im Song Die größte Party der Geschichte, in dem Kante ihre Popstar-Eitelkeit bespiegeln, oder auf dem Cover der Single Die Wahrheit und den aktuellen Bandfotos: die Jungs als fabelhafte Bären-Boys, gut versteckt in Tierkostümen.
Die Band Kante erkennt sich wohl erst in den Verwandlungen. Thiessen, der bis 2002 auch den Bass bei der populäreren Geschwisterband Blumfeld bediente, stiehlt sich Stück für Stück aus dem Sound-Gebäude der »Hamburger Schule« fort. Das Album Zweilicht (2002) enthielt den Song Die Summe der einzelnen Teile, der sich samt dazugehörigem Blindenfußball-Video zum Indie-Disco-Hit bei Viva hochrotierte. Aus dem Metaphernchor der Nachfolgeplatte Zombi (2004) lugten die vielen Stimmen heraus, die die Band ihren Songs inzwischen zu verleihen in der Lage war, je nach Bedarf konnten das Filmmusikklänge, Afro-Jazz oder R’n’B sein.
Für die jüngste Rückwendung vom Genremix zum Rock ist auch der Produzent aus Kreuzberg verantwortlich, Moses Schneider, der dem Klangkorpus des letzten Tocotronic-Albums das bisschen Volumen verliehen hat, das international konkurrenzfähig macht.
»Die Tiere sind unruhig, ein Sturm ist im Kommen, es könnte jeden Moment passieren«. Ein besseres Bild für die neue Rockmusik von Kante liefert diese Platte nicht. Die Band verharrt im Konjunktiv. So bleibt’s spannend. Das ist freilich auch die letzte Rettung vor der Vereinnahmung durch die Thekenthemen des Sommers. Und nun wieder das Wetter mit Claudia Kleinert.
- Datum 10.08.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006
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