Literatur

Seine Lehrjahre

Frank McCourt, der Autor des Bestsellers »Die Asche meiner Mutter«, hat ein Buch über seine Zeit als Lehrer in New York geschrieben. Ein Nachmittag mit dem irisch-amerikanischen Schriftsteller.

Über dem Eingang der roten Scheune hängt ein Schild aus anderer Zeit: No Irish need apply – Iren brauchen sich gar nicht erst zu bewerben. Das stand bei Protestanten in Neuengland noch bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts oft an ihre Eingangstore geschrieben. Die irischen Einwanderer waren zunächst unerwünscht, wie auch alle anderen Migrantengruppen, die ihnen folgten.

Frank McCourt liebt Ironie. Wahrscheinlich hat ihn der Spruch jedes Mal lächeln lassen, wenn er seine Schreibscheune betrat. Dort drinnen am Tisch, mit dem Bleistift über ein Schulheft gebeugt, habe er lange gelitten, bis er den längsten Abschnitt seines Lebens in den Griff bekommen hätte, »bis endlich der Tonfall stimmte«.

Jene dreißig Jahre, die McCourt als Highschool-Lehrer in New York erlitten und genossen hat, beschreibt er im dritten Teil seiner Memoiren, die jetzt in Deutschland unter dem Titel Tag und Nacht und auch im Sommer herauskommen. Im Original heißt das Buch Teacherman, und in den USA steht es seit vergangenem Herbst auf der Bestsellerliste. Wie schon mit seinem Erstlingswerk vor zehn Jahren, Die Asche meiner Mutter, füllt er auch jetzt wieder auf seiner Lesereise ganze Sportstadien mit Fans. McCourt gibt sich auch in der Öffentlichkeit so, wie er schreibt: witzig, selbstbelächelnd, melancholisch, manchmal bitter, oft anrührend, ehrlich, ohne sich und anderen zu sehr wehzutun. Wenn man mit ihm spricht, ist auch kein Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Menschen erkennbar. Nie klingt er hochtrabend. Seine Bescheidenheit scheint angeboren. Der Erfolg hat ihn nicht verändert, bestätigen alle, die ihn schon lange kennen. »Großes Glück« habe er gehabt, dass der Erfolg so spät gekommen sei, betont er gern.

Wer die Erinnerungen an seine Kindheit in Limerick las oder deren Verfilmung gesehen hat, hat vielleicht noch die Erkennungsmelodie im Ohr: »Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.« Als er jene ersten Seiten aufs Papier gebracht hatte, ohne danach je einen Buchstaben zu verändern, liefen die Stimmen in seinem Kopf wie im Kanon zusammen, die Erinnerungsfetzen nahmen Gestalt an. Er drückt es für ihn typisch prosaisch aus: »Ende meiner Verstopfung«, schiebt aber gleich nach, dass es bei ihm schon immer sehr lange gedauert habe, bis er sich selbst näher gekommen sei, »egal ob als so genannter erfolgreicher Memoirenschreiber, als Lehrer oder als irisches Bettlerkind«.

Beim Teetrinken in der zweiten und noch viel größeren, zum Wochenendhaus in Connecticut ausgebauten Scheune sage ich zu ihm, er sei einfach zu liebenswert, eine harte Nuss für jeden, der mehr herausfinden möchte, als er selber schon in seinen Memoiren preisgegeben habe. Kann er das Phänomen Frank McCourt beleuchten? Er lacht, und wenn man seine gepflegten Zähne betrachtet, muss man unwillkürlich an Frankie, den bettelarmen Jungen aus Limerick, denken, die Augen vom Kohlenschleppen dauerentzündet und mit einem Mund voller kaputter Zähne.

Ich bin ein Spätzünder, sagt er trocken

Seine weichen Gesichtszüge, der zwar weiße, aber immer noch volle Lockenschopf über klarblauen Augen lassen ihn jünger erscheinen als 75. Er wirkt zugänglich und offen. Seine Persona deckt sich mit dem Erzähler in allen drei Lebensgeschichten. Er ist authentisch, und er weiß es.

»I am a late bloomer« – ein Spätzünder, konstatiert er trocken. So als wüsste man nicht, dass er ein 66 Jahre alter pensionierter Lehrer war, als sein allererstes Buch 1996 innerhalb weniger Wochen zum Welterfolg wurde, den Pulitzer-Preis gewann und in 40 Sprachen übersetzt wurde. »Seither schwebe ich in einem dichten Nebel und weiß immer noch nicht so ganz, wie ich mich zurechtfinden soll.« Diese Bescheidenheit wirkt bei ihm nicht aufgesetzt. Selbst an seiner Geburtstagsparty, mit der ihn seine 24 Jahre jüngere Frau Ellen im vergangenen August überraschte und die selbstverständlich in einer irischen Bar am Broadway stattfand, freute ihn besonders die Anwesenheit seiner drei Brüder. Der Familienzusammenhalt ist ihm nach dem frühen Tod von drei Geschwistern ein ehernes Gesetz. Als der jüngere Bruder Malachy seine eigenen New Yorker Erinnerungen, A Memoir, publizierte, während Frank noch am zweiten Band seiner Memoiren über die Einwandererjahre in New York arbeitete, hätte es zum Bruderzwist kommen können. Leute redeten über die Kleinmanufaktur McCourt. »Oder das vergoldete Jammertal der McCourts.« Es scheint ihm auch wenig auszumachen, dass die große McCourt-Sippe hin und wieder an seinem Rockzipfel hängt. Er hilft gern, vor allem Maggie, seiner einzigen Tochter aus seiner ersten Ehe, und ihren drei Kindern. Als Familienältester fühlt er sich für das Gedeihen der nächsten Generationen verantwortlich. Das Gespenst des eigenen Vaters bleibt verbannt, doch niemals vergessen.

Wie so viele ihrer Landsleute sind die McCourts geborene Geschichtenerzähler. »Geschichten, die uns der Vater über die irischen Freiheitskämpfer sang, oder der Bild für Bild von der Mutter getreu nacherzählte Film, das war unser einziger Reichtum. Wir besaßen nichts, aber die Geschichten und Lieder gehörten uns höchstpersönlich. Ich haute meinem Bruder eine runter, wenn er es wagte, eine meiner Geschichten Freunden zum Besten zu geben.« Er habe sich noch mehr als die Geschwister sehr früh eine eigene Vorstellungswelt gebaut. Als er mit zehn Huckleberry Finn liest, fließt nicht mehr der Shannon durch Limerick, sondern der Mississippi, und Frankie ist elektrisiert: Es gibt also Leute, die schreiben, wie sie reden! Er hat das nie vergessen. Das einzige Buch, das damals in seiner Volksschule kursierte – über das Leben und Sterben der Heiligen –, verliert den Nimbus seiner Einzigartigkeit. Später bekam er einen Bibliotheksausweis, und die Bücher, die er so in die Hände bekam, eröffneten ihm einen Weg aus dem irischen Slum der vierziger Jahre. Nach New York, der Stadt, in der er die ersten drei Jahre seines Lebens verbracht hatte; bettelarm, wie später in Limerick. Mit 19 hat er das Geld für die Überfahrt zusammen, und so beginnt, zuerst ohne Familie, im Jahr 1948 sein Emigrantenleben.

Ein Kosmopolit ist er bis heute nicht, auch wenn er inzwischen viel von der Welt gesehen hat. Seine kulturellen und literarischen Interessen konzentrieren sich auf den Bereich der angloirischen, irisch-amerikanischen Literatur, Dickens, O’Casey, Joyce, Beckett, aber auch PG Woodhouse sind bis heute die Vorbilder geblieben. Er habe diese Stimmen durch ständiges Lesen und Nachlesen so sehr verinnerlicht, dass über viele Jahre jeder eigene Schreibversuch nach Imitation geklungen hätte. Damit gibt er immerhin seine lang verheimlichte Ambition preis: Er wollte Romane schreiben, kein Lehrer mehr sein. »Viele Jahre lang träumte ich davon, wie ich mich mit meinen Freunden im Lion’s Head, unserer Stammkneipe im Village, treffen würde, und da, über der Bar, neben all den anderen gerahmten Buchtiteln, hinge plötzlich auch ein McCourt-Umschlag hinter Glas.« Dieser Höhepunkt war ihm eine ganze Nacht lang vergönnt; am letzten Abend bevor die berühmte irische Literatenkneipe auf immer dichtmachte. Es war der Erscheinungstag von Angela’s Ashes. Wie viele durchzechte Nächte hatte es davor gegeben? Frank antwortet mit einem Lächeln. »Ah, die irische Trunksucht«, sagt er und wird doch gleich sehr ernst: »Ja, sie hat meine Familie zerstört, meinen Vater getötet, meine drei überlebenden Brüder jahrelang geplagt und aus meiner Mutter ein tragikomisches Opferlamm gemacht.« Aber auch für ihn, wie für so viele irische Männer, war einst die Stammkneipe wichtiger als die eigene Wohnung. Vielleicht habe er ja nur Glück gehabt, dass ihm nach mehreren Stouts immer erbärmlich schlecht wurde und ihm die Angst im Nacken saß, in ein paar Stunden vor eine Klasse Teenager treten zu müssen.

Was zu Beginn seiner Lehrerkarriere als Konfrontation mit den Schülern, mit Angst und Aggression beginnt, endet schließlich in einer Liebeserklärung an den »unterbewertetsten Beruf der Welt« und an manche der etwa 33000 Schüler, denen er dreißig Jahre lang die Schönheit oder zumindest die Nützlichkeit der englischen Sprache beizubringen versucht. Er beschreibt eine Art jahrzehntelangen Schulausflug, auf dem er vor allem sich selber kennen lernt – vom unsicheren, zornigen, die Obrigkeit hassenden Junglehrer zum Beschwörer der alten Weisheit: Finde deine eigene Wahrheit, frage dich, warum du glaubst, was du glaubst. Hat dich jemand beeinflusst, oder hast du es selber herausgefunden?

Seine Wiedergabe der Dialoge im Klassenzimmer liest sich wie Rap-Texte. Er beschreibt Jugendliche, die sich in einer Stadt wie New York mit wenig Zuwendung ein Leben bauen sollen. Er erfindet Tricks, seine Schüler dazu zu bringen, überhaupt am Unterricht teilzunehmen. Als er einmal in sein Pult greift und den dicken Packen von Entschuldigungsschreiben sieht, kommt ihm die Idee: »Wie konnte ich nur diese Schatztruhe ignorieren, solche Perlen von Phantasie und Schöpfungsgeist, von Selbstmitleid, Familienproblemen, explodierenden Wasserkesseln, zusammenbrechenden Zimmerdecken. Feuersbrünste, die ganze Straßen verschlingen, Babys und Haustiere, die auf Hausaufgaben pissen, unerwartete Geburten, Herzinfarkte, Gehirnschläge, Frühgeburten, Raubüberfälle? Hier lag feinste amerikanische Aufsatzprosa vor mir: roh, echt, dringlich, klar, kurz, verlogen.« Teacherman verlangt also von den Einwandererkindern einer Berufsschule auf Staten Island einen Aufsatz in Form eines Entschuldigungsschreibens, das Adam und Eva an Gott richten würden. Noch nie, schreibt McCourt, hätte er eine solche Schreiblust erlebt wie in der darauf folgenden Stunde.

McCourt verführt überhaupt sehr gern: Die Leser oder noch besser die Zuhörer seiner Teacherman- CD geraten leicht in den Sog seiner Sprache, ein ganz eigenes irisches Musikstück, von dem man sich leicht mitreißen lässt. Bei der Übersetzung des ersten Bandes ist es Harry Rowohlt gelungen, diesen Rhythmus ins Deutsche zu übertragen, das hat den Erfolg in Deutschland mitbestimmt.

Drei seiner ehemaligen Schüler haben selbst Bücher geschrieben

Fragt man McCourt nach der Essenz des Memoirenschreibens, dann hat er eine ganz einfache Antwort: »Memoiren sind die Eindrücke, die du dir von deinem Leben gemacht hast. Aber die Fakten müssen stimmen.« Und während er seit Monaten schon durch die Welt tingelt – im September kommt er zum Erscheinen seines Buches auch nach Deutschland –, gibt es für ihn nichts Schöneres, als wenn ein ehemaliger Schüler nach der Lesung aufsteht und sagt, ja, er sei genau der Lümmel gewesen, den er gerade zitiert habe. Oder wenn er zum Klassentreffen eingeladen wird und drei seiner ehemaligen Schüler ihm Widmungen in Bücher schreiben, die sie selbst geschrieben haben. Er genießt solche Augenblicke mehr als allen Wohlstand, den ihm seine Bücher gebracht haben. Ja, er hätte vielleicht noch gern eine Wohnung am Meer. Doch wenn man an einem Sommerabend mit den McCourts auf der Terrasse unter dem Dach des alten Ahornbaumes sitzt, dann spürt jeder Besucher, dass er diese ländliche Idylle liebt und sie erhalten möchte. Viel Geld und persönlichen Einsatz haben die beiden an ökologische Projekte im Städtchen ihrer Wochenendbleibe vergeben; diskret und ohne darum großes Aufheben zu machen. Ebenso unauffällig leben sie in ihrer Hauptwohnung in New York, auf der Westseite von Manhattan. In der Wohnung mit Blick auf das Naturhistorische Museum sind die Büchermengen das einzige Statussymbol. Die Bilder an der Wand sehen eher nach Erinnerungen als nach Kunst aus. Viel lieber gibt er Geld für Theaterprojekte aus, vor allem für das Irish Repetory Theatre, dessen Truppe irische Stücke nach New York bringt.

Aus Kindern, die in Armut aufwachsen, werden später meistens entweder Pfennigfuchser oder ewig Großzügige. McCourt gehört in die zweite Kategorie. Diese Lebenseinstellung macht ihn zum Wähler der Demokratischen Partei. Eigentlich unpolitisch, doch sozial engagiert, bezeichnet er sein Geburts- und Wahlland unter der Bush-Regierung als »Ausgeburt an Selbstsucht und Dummheit«. Doch er glaubt fest daran, dass das Pendel wieder in die Gegenrichtung schwingen wird. »Nach dem Irak-Desaster werden wir unser Großmachtgehabe zurückschrauben und wieder mehr auf die eigenen Unzulänglichkeiten schauen.« Er fühle sich eigentlich nicht als Amerikaner. »Ich bin ein New Yorker«, betont McCourt immer wieder. In dieser Stadt der hundert Sprachen und Kulturen gehe das Irische niemals unter. Er lebt davon, von der ausdrucksvollen Sprache, ihrem melodischen Klang. Corned Beef hat er lieber als Steak, ein dunkles Stout schmeckt ihm besser als das dünne Lager der Amerikaner. Auf das Irland von heute ist er stolz. Abgeschafft sind die dämonischen Mächte, die seine Kindheit zerstört haben. »Fast niemand geht noch in die Kirche, alle Kinder dürfen in die Oberschule, und die Engländer sind auch nicht mehr an allem schuld.« Sah er die gewisse Ironie, als ihn das feine Londoner Hotel Savoy im vergangenen Frühjahr als writer-in-residence beherbergte, wo er mit gebrochenem Handgelenk Teacherman zu Ende schrieb? Er habe diese Zeit genossen und seine irischen Unzulänglichkeiten gut versteckt, sagt er augenzwinkernd, und dann sagt er noch: »Mein Leben hat mir das Leben gerettet.«

Seine Dämonen sind gebändigt. Das Aufschreiben hat ihn befreit. Frank McCourt weiß aber auch, dass es bei Memoiren, wenn sie glücken, um mehr geht als um die Geschichte eines Lebens. Es geht um Erinnerung überhaupt, wie ihre erzählerische Kraft die Vergangenheit aufleben lassen und sie gleichzeitig entschärfen kann – im Dienst der Gegenwart.

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Leser-Kommentare

  1. alle Buecher von Mr.Mc Court gelesen und sie anschliessend verschenkt ...ich weiss nicht aber irgendwann hatte ich genug von den diversen Berschreibungen von Armut..

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  • Von Barbara Ungeheuer
  • Datum 22.12.2006 - 04:12 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006 Nr. 32
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