Es ist schwer geworden, etwas zu einem Buch zu sagen, zu den Büchern überhaupt, zu einem Autor, zur Literatur; anders schwer; problematisch – ohne dass es im Voraus eine Zuversicht gibt, das Problem könnte im Bereden der Bücher sich als fruchtbar erweisen. Ein fast allgemeines öffentliches Loben geht ja um, was die Literatur betrifft, inbegriffen die neuere und auch die neueste, die so genannten Neuerscheinungen. Preisträger Becker (links) und Laudator Handke BILD

Es hagelt, knattert, bimmelt, schalmeit in den Zeitungs- und mehr noch in den Fernsehbesprechungen von Lobeswörtern wie »großartig«, »wunderbar«, »epochal«, »Meisterwerk«, »durchgelesen in einem Zug«. Doch solch ein Loben, auch wenn es, anders als in quicken TV-Verlautbarungen, mit Begeisterung und Sorgfalt – kein Widerspruch –, wie immer noch da und dort auf den Literaturseiten, schriftlich begründet und glaubhaft gemacht wird: solch ein Loben, es wirkt kaum mehr, es zieht kaum mehr, es, so stichhaltig es immer wieder daherkommt, sticht nicht recht. Es bleibt gegenwärtig gar oft ein gespenstisches Lob, ein Lobesgespenst, und die Neuerscheinungen, so von Lobscheinwerfern angestrahlt sie auch sein mögen, erscheinen, ohne zu erscheinen. Jeden Tag ein oder mehrere Literaturpreise, und jeden Tag wenigstens eine da und dort gedruckte Laudatio.

Seltsames Geheimnis: das Lob für ein Buch, für einen Autor, für seine Bücher zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort – gar zu selten scheint sich solches inzwischen einzustellen. Wenn ich dabei zum Beispiel an die Hermann-Lenz-Preisträger in den Jahren vor Jürgen Becker denke, dann sehe ich Josef W. Janker ebenso wenig gelesen wie eh und je, zittriger und verlassener denn je, tapfer aber dabei wie nur ein Janker, vor dem Bodensee stehen; sehe Johannes Kühn in seinem Dorf, von dessen Rändern bis in die nicht vorhandene Mitte verstärkt, die saarländische Schwermut verkörpern; sehe Ralf Rothmann nicht nur fern vom Ruhrgebiet, den Preis damals in Passau weniger als ein Fest für seine Romane als ein Buchdeckelschließen und so noch vermehrte persönliche Klaustrophobie erleben; sehe ich Erich Wolfgang Skwara sich stärker noch als vorher am Pazifischen Ozean von San Diego über die Verkaufszahlen seiner Bücher die Haare raufen; sehe ich Joseph Zoderer, unbedankt von den deutschen Lesern nach wie vor, weiterhin verdammt, sein Heil in seinem Südtirol und, mehr noch, südlich von Rovereto zu suchen; sehe ich Walter Kappacher wie seit Ewigkeiten aus seiner Dachwohnung in Obertrum bei Salzburg Ausschau nach mehr als nur dem einen und dem anderen Leser halten, stoisch zwar, aber auch ein klein wenig bitter; sehe ich Franz Weinzettl, für dessen Aufnahme in die Bibliothek Suhrkamp der Lenz-Preis und mein Vorschlag nicht stark oder stichhaltig genug waren.

»Ein Keil Wildgänse am Himmel, kurz vor dem Dunkelwerden…«

So vermeide ich bei Jürgen Becker jetzt vorderhand das Lob und spiele den Kritiker, beginne oder spiele mit ein paar Einwänden: Lieber Jürgen Becker! In deinen Büchern, von Erzählen bis Ostende über Aus der Geschichte der Trennungen , Schnee in den Ardennen bis zu den Folgenden Seiten (dem Buch für den kommenden Herbst jetzt), wird entschieden zu wenig gegangen und zu viel gefahren. Wenn der sonderbare Held, ob er nun Johann heißt oder Jörn Winter, einmal geht, dann höchstens zu seinem Auto oder über die Straße zu dem und jenem Gasthaus, sei es in West- oder Ostdeutschland. Nicht einmal richtig Stiegen steigen lässt du ihn. Mehr Gehen statt Fahren, so der Kritiker hier, hätte dich vielleicht bewahrt vor Ausdrücken wie »akustische Phänomene«, »rekapitulieren«, »der nächste Punkt der Tagesordnung«.

Aber halt, Kritiker: Finden sich nicht in Erzählen bis Ostende Sätze wie: »Johann ging viel in seiner Freizeit spazieren, und er hatte einen Instinkt für Straßen und Gegenden, in denen er fast keinen Menschen sah?« Und wie kann jemand, der nur fährt, einen Absatz schreiben wie den da: »Ein Keil Wildgänse am Himmel, kurz vor dem Dunkelwerden… Ein müder Mann steigt die Treppe hoch [na also!], zu müde, um die Gegend zu verlassen… Wildgänse waren doch Vögel der Jugend; und es waren die alten Männer, die knarrend in den Holzstuben verschwanden. Wer spricht jetzt? So lange die Abende kalt bleiben, kann man in den Vorortstraßen Stimmen verstehen.«

Aber weiter im Kritikspiel: Sag, Jürgen, wie hältst du’s mit der Liebe? Kaum wo in deiner Prosa erzählst du eine Liebesgeschichte, außer vielleicht ein paar Liebeleien deines Halbwüchsigen Jörn im Erfurt des Kriegs und des Nachkriegs. Und wohin führt ein Erzählen ohne ein Liebesdrama? Schwerlich bis nach Ostende, ja nicht einmal in den Schnee der Ardennen. Aber halt ein, Kritiker, auch hier: Wenn schon nicht gerade Geschichten der Vereinigungen die Bücher Jürgen Beckers durchziehen, so umso stärker die Geschichten der Trennungen, zusammen mit den Geschichten der Versäumnisse, wodurch, was Liebe meint (meinen als »minnen«), umso einschneidender eine Lesespur hinterlässt. Ah, und war das denn keine Liebesgeschichte, die zwischen Mutter und Sohn in einem von Beckers Hauptbüchern, eben Aus der Geschichte der Trennungen? »Die Mutter war der einzige Mensch, dem ich ein paar Tagträume anvertraute«; und: »Sie musterte ihr Gesicht in einem kleinen Taschenspiegel, den sie plötzlich in der einen Hand hielt; …genauso plötzlich stand in der anderen Hand die goldschwarze Hülse mit der hochgedrehten dunkelroten Kuppe, die sie sorgsam mehrere Male über die geöffneten Lippen führte, dann kniff sie zweimal ihren Mund ein, der Jörn wie ein ovaler roter Mond vorkam, und reckte ein bißchen das Kinn vor. Im Garten sonnte sich die Mutter im Liegestuhl; manchmal durfte ihr der Junge die Schultern, den Hals mit Niveacreme einreiben; dann hielt sie die Augen geschlossen.« Und zuletzt »das gnadenlose Licht« beim Abschied von der Mutter, welcher der geschiedene Ehemann das Zusammensein mit dem Sohn untersagt hat, gefolgt bald danach von dem Ertrinkungstod der Frau, wohl einem Selbstmord, in einem See nah der polnischen Grenze. Wer weiß: alle Jürgen-Becker-Texte geheime Liebesgeschichten?