Peter Beatty war ein typischer Vertreter seiner Zunft. Der Krebsarzt von der University of Wisconsin in Madison dachte modern und aufgeklärt, orientierte sich am aktuellen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand und suchte, wenn er seine Patienten behandelte, nach streng objektiven, mess- und quantifizierbaren Symptomen. Er selbst litt schon seit fast 20 Jahren an Multipler Sklerose (MS). Die Krankheit hatte ihn nie in seiner Arbeit behindert, aber am Jahrestag des Todes seiner Frau kam der Schock: Beatty wachte morgens auf und konnte nicht mehr sehen. Ein MS-Schub hatte ihm vorübergehend das Augenlicht geraubt. Als Patient machte der Arzt eine neue Erfahrung. Nicht Feinheiten der autoimmunen Entgleisungen in seinem Körper bewegten ihn, sondern eine zentrale Frage: »Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeiten und sehen kann?« Beatty hatte erfahren, dass eine Krankheit dem Menschen die Identität rauben kann und dass Patienten deshalb mehr brauchen als objektive Diagnosen und statistisch abgesicherte Therapien. In diesem Moment half ihm vor allem eines: die menschliche Beziehung zu seinem Arzt. Wenn Sie auf das Bild klicken, können Sie sich den »Ärzte-Knigge« als pdf-Dokument herunterladen und zusammenbasteln. So geht's: Die ausgedruckten Seiten Rücken an Rücken sorgfältig zusammenkleben. Wie auf dem Bild zu sehen falten und in drei Streifen schneiden. Ineinanderlegen und zu einem Büchlein zusammentackern. Dann Ihrem Arzt überreichen. Viel Spaß! BILD

Eine »Befreiung« sei es gewesen, seinem Neurologen vertrauen zu können, berichtet Beatty. Das Vertrauen nahm ihm den Stress, eine zweite Meinung bei Kollegen einholen zu müssen. »So konnte ich über Dinge nachdenken, die wirklich wichtig waren für mich.« Zwar ist Beatty bewusst, dass sich diese Seite der Therapie naturwissenschaftlich kaum erfassen lässt. Dennoch ist der gewandelte Rationalist überzeugt, dass bereits das Vertrauen in die Behandlung »meine emotionale und körperliche Genesung sicher beschleunigen wird«. Und weil Beatty das Gefühl hat, dass die meisten seiner Kollegen über solche Seiten ihres Berufes viel zu selten nachdenken, hat er seine Erfahrungen in den Annals of Internal Medicine minutiös dokumentiert. »Wir sollten die Patienten befähigen, zu erkennen, was in ihrem Leben wichtig ist«, riet er.

Das klingt einerseits banal – und andererseits revolutionär. Natürlich war empfindsamen Ärzten immer bewusst, dass ihre Zuwendung einen heilenden Effekt auf ihre Patienten haben kann. Auf der besonderen Kraft einer solchen oft ritualhaften Beziehung beruht schließlich ein Großteil der Erfolge vieler Therapien – was auch Schamanen, Medizinmänner und Heilpraktiker nutzen. Doch im modernen Gesundheitssystem scheint das Wissen um die »Beziehungsmedizin« mehr und mehr verloren gegangen zu sein. Im Dickicht von Gerätemedizin, Bürokratie und Gesundheitspolitik bleibt kaum mehr Zeit und Raum für die Heilkraft der »Droge Arzt«. Statt Vertrauen prägen Misstrauen und Sprachlosigkeit die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten – insbesondere in Deutschland.

Deutsche Patienten fühlen sich oft nur unzureichend aufgeklärt

So stellten Bremer Sozialforscher fest: Die Hälfte aller deutschen Patienten klagen, sie fühlten sich von ihren Ärzten nicht ernst genommen; in Holland und England sagten das nur 30 Prozent. Und eine Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kam 2005 zu dem paradoxen Ergebnis, dass deutsche Patienten zwar besonders zügig eine Behandlung bekommen, dass sie weniger zuzahlen müssen als anderswo und im Krankenhaus seltener Infektionen erleiden – und dennoch mit ihrer Behandlung unzufriedener sind als Patienten in England, Neuseeland oder Kanada. Die Deutschen fühlten sich körperlich schlechter und gaben nach einem Krankenhausaufenthalt besonders häufig an, sich unzureichend aufgeklärt zu fühlen, ihre Entlassung als unkoordiniert empfunden und nichts über Sinn und Zweck ihrer Behandlung erfahren zu haben.

Man mag dies einer depressiv gestimmten deutschen Mentalität zuschreiben. Etliches deutet jedoch darauf hin, dass Grundsätzliches schief läuft zwischen Ärzten und Patienten. So hat sich die Zahl der Schlichtungsverfahren, die Patienten gegen Ärzte anstrengen, in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Und ein Drittel aller verordneten Medikamente landet im Müll. Das Vertrauen zu den Ärzten scheint zerrüttet. Auch die Stimmung der Mediziner ist nicht rosig. Unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie und überkommene Hierarchien treiben deutsche Ärzte nach England, Norwegen oder in die Schweiz, in die innere Emigration und in verzweifelte Streiks.

So hatte sich Hippokrates vor fast dreitausend Jahren die heilende Begegnung nicht vorgestellt. Der Arzt solle »von gesundem Aussehen« und »wohlgenährt sein«, forderte er. Unabdingbar sei auch ein angenehmer Untersuchungsort, an dem weder zu viel Wind bläst noch Sonne den Patienten blendet. Hippokrates wusste, wie wichtig es ist, im Patienten eine positive Erwartungshaltung zu erzeugen. Diese kann Selbstheilungskräfte in Gang setzen, die zur Gesundung führen. Solche psychosozialen Effekte einer Behandlung werden heute gern unter dem Begriff Placebo subsumiert (siehe auch Seite 27). Doch das Wort ist missverständlich. Oft werden darunter nur bunte Zuckerpillen ohne Wirkstoff verstanden, die auf geheimnisvolle Weise die Befindlichkeit bessern. Das geht am Wesentlichen vorbei. Alles im Umfeld der Behandlung kann eine Wirkung auf die körperliche Verfassung des Patienten haben: die Größe und Farbe einer Tablette, die Kleidung des Arztes, seine Körpersprache, die Ausstattung des Behandlungsraumes und die Vorstellungen des Patienten (und des Arztes!) über die Wirksamkeit der verschriebenen Medikamente. Solche Bedingungen entscheiden zum einen darüber, ob ein Patient gewillt ist zu kooperieren, zum anderen wirkt der Kontext auch via Hirn direkt auf den Körper.