Medizin Die Heilkraft des Vertrauens
Wie wichtig das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist, entdeckt die Medizin gerade neu.
Peter Beatty war ein typischer Vertreter seiner Zunft. Der Krebsarzt von der University of Wisconsin in Madison dachte modern und aufgeklärt, orientierte sich am aktuellen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand und suchte, wenn er seine Patienten behandelte, nach streng objektiven, mess- und quantifizierbaren Symptomen. Er selbst litt schon seit fast 20 Jahren an Multipler Sklerose (MS). Die Krankheit hatte ihn nie in seiner Arbeit behindert, aber am Jahrestag des Todes seiner Frau kam der Schock: Beatty wachte morgens auf und konnte nicht mehr sehen. Ein MS-Schub hatte ihm vorübergehend das Augenlicht geraubt. Als Patient machte der Arzt eine neue Erfahrung. Nicht Feinheiten der autoimmunen Entgleisungen in seinem Körper bewegten ihn, sondern eine zentrale Frage: »Wer bin ich, wenn ich nicht mehr arbeiten und sehen kann?« Beatty hatte erfahren, dass eine Krankheit dem Menschen die Identität rauben kann und dass Patienten deshalb mehr brauchen als objektive Diagnosen und statistisch abgesicherte Therapien. In diesem Moment half ihm vor allem eines: die menschliche Beziehung zu seinem Arzt.
Eine »Befreiung« sei es gewesen, seinem Neurologen vertrauen zu können, berichtet Beatty. Das Vertrauen nahm ihm den Stress, eine zweite Meinung bei Kollegen einholen zu müssen. »So konnte ich über Dinge nachdenken, die wirklich wichtig waren für mich.« Zwar ist Beatty bewusst, dass sich diese Seite der Therapie naturwissenschaftlich kaum erfassen lässt. Dennoch ist der gewandelte Rationalist überzeugt, dass bereits das Vertrauen in die Behandlung »meine emotionale und körperliche Genesung sicher beschleunigen wird«. Und weil Beatty das Gefühl hat, dass die meisten seiner Kollegen über solche Seiten ihres Berufes viel zu selten nachdenken, hat er seine Erfahrungen in den Annals of Internal Medicine minutiös dokumentiert. »Wir sollten die Patienten befähigen, zu erkennen, was in ihrem Leben wichtig ist«, riet er.
Das klingt einerseits banal – und andererseits revolutionär. Natürlich war empfindsamen Ärzten immer bewusst, dass ihre Zuwendung einen heilenden Effekt auf ihre Patienten haben kann. Auf der besonderen Kraft einer solchen oft ritualhaften Beziehung beruht schließlich ein Großteil der Erfolge vieler Therapien – was auch Schamanen, Medizinmänner und Heilpraktiker nutzen. Doch im modernen Gesundheitssystem scheint das Wissen um die »Beziehungsmedizin« mehr und mehr verloren gegangen zu sein. Im Dickicht von Gerätemedizin, Bürokratie und Gesundheitspolitik bleibt kaum mehr Zeit und Raum für die Heilkraft der »Droge Arzt«. Statt Vertrauen prägen Misstrauen und Sprachlosigkeit die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten – insbesondere in Deutschland.
Deutsche Patienten fühlen sich oft nur unzureichend aufgeklärt
So stellten Bremer Sozialforscher fest: Die Hälfte aller deutschen Patienten klagen, sie fühlten sich von ihren Ärzten nicht ernst genommen; in Holland und England sagten das nur 30 Prozent. Und eine Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kam 2005 zu dem paradoxen Ergebnis, dass deutsche Patienten zwar besonders zügig eine Behandlung bekommen, dass sie weniger zuzahlen müssen als anderswo und im Krankenhaus seltener Infektionen erleiden – und dennoch mit ihrer Behandlung unzufriedener sind als Patienten in England, Neuseeland oder Kanada. Die Deutschen fühlten sich körperlich schlechter und gaben nach einem Krankenhausaufenthalt besonders häufig an, sich unzureichend aufgeklärt zu fühlen, ihre Entlassung als unkoordiniert empfunden und nichts über Sinn und Zweck ihrer Behandlung erfahren zu haben.
Man mag dies einer depressiv gestimmten deutschen Mentalität zuschreiben. Etliches deutet jedoch darauf hin, dass Grundsätzliches schief läuft zwischen Ärzten und Patienten. So hat sich die Zahl der Schlichtungsverfahren, die Patienten gegen Ärzte anstrengen, in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Und ein Drittel aller verordneten Medikamente landet im Müll. Das Vertrauen zu den Ärzten scheint zerrüttet. Auch die Stimmung der Mediziner ist nicht rosig. Unbezahlte Überstunden, überbordende Bürokratie und überkommene Hierarchien treiben deutsche Ärzte nach England, Norwegen oder in die Schweiz, in die innere Emigration und in verzweifelte Streiks.
So hatte sich Hippokrates vor fast dreitausend Jahren die heilende Begegnung nicht vorgestellt. Der Arzt solle »von gesundem Aussehen« und »wohlgenährt sein«, forderte er. Unabdingbar sei auch ein angenehmer Untersuchungsort, an dem weder zu viel Wind bläst noch Sonne den Patienten blendet. Hippokrates wusste, wie wichtig es ist, im Patienten eine positive Erwartungshaltung zu erzeugen. Diese kann Selbstheilungskräfte in Gang setzen, die zur Gesundung führen. Solche psychosozialen Effekte einer Behandlung werden heute gern unter dem Begriff Placebo subsumiert (siehe auch Seite 27). Doch das Wort ist missverständlich. Oft werden darunter nur bunte Zuckerpillen ohne Wirkstoff verstanden, die auf geheimnisvolle Weise die Befindlichkeit bessern. Das geht am Wesentlichen vorbei. Alles im Umfeld der Behandlung kann eine Wirkung auf die körperliche Verfassung des Patienten haben: die Größe und Farbe einer Tablette, die Kleidung des Arztes, seine Körpersprache, die Ausstattung des Behandlungsraumes und die Vorstellungen des Patienten (und des Arztes!) über die Wirksamkeit der verschriebenen Medikamente. Solche Bedingungen entscheiden zum einen darüber, ob ein Patient gewillt ist zu kooperieren, zum anderen wirkt der Kontext auch via Hirn direkt auf den Körper.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Neurobiologen, Immunologen und Hormonspezialisten erforscht, auf welch vielfältige Weise bewusste und unbewusste Hirnaktivitäten das körperliche Geschehen beeinflussen. Zwei wichtige Mechanismen spielen dabei eine Rolle: zum einen die Erwartungshaltung des Patienten, zum anderen die klassische Konditionierung. Wer also positiv gestimmt zum Arzt geht und glaubt, dass ihm geholfen wird, fühlt sich bereits besser. »Die bewusst wahrgenommenen Signale scheinen eine Rolle zu spielen bei Schmerz, Schmerzwahrnehmung und Schmerzverarbeitung«, sagt Manfred Schedlowski, Verhaltensimmunbiologe von der ETH Zürich. »Und Konditionierung kann die Hormonsekretion und die Immunfunktion beeinflussen.« Hat also ein süßes Medikament mehrfach geholfen, wird das Immunsystem auch messbar reagieren, wenn eine süße Pille ohne Wirkstoff auf der Zunge liegt.
Seit zehn Jahren sucht Schedlowski nach der Verbindung von psychosozialen Umständen einer Therapie und ihren Auswirkungen auf den Körper. Was als hochtheoretische Grundlagenarbeit begann, hat nach Ansicht des Wissenschaftlers aufgrund vieler Studien inzwischen große klinische Bedeutung: »Ich lehne mich aus dem Fenster und sage, dass man durch gezielt eingesetzte Verhaltensinterventionen einen Großteil der spezifischen pharmakologischen Wirkung von Medikamenten ersetzen kann.« Bei 50 bis 60 Prozent aller Patienten, die mit körperlichen Beschwerden zum Allgemeinarzt gingen, sei organisch alles in Ordnung. Besonders diesen Menschen, die unter so genannten funktionellen Störungen litten, könne ebenso wie Schmerzpatienten die »Beziehungsmedizin« helfen. »Das wäre für die nächsten Jahre mein Ziel«, sagt Schedlowski, »den Medizinern beizubringen, dass sie mit mehr Zeit und Einfühlung den Patienten mehr helfen, als wenn sie ihnen irgendwelche Antidepressiva oder Bluthochdruckmittel auf den Tisch knallen.«
Viele Heilpraktiker und Alternativmediziner nutzen diese Effekte seit langem. Sie nehmen sich viel Zeit für ihre Patienten und laden ihre Handlung mit ritualhafter Bedeutung auf. Das Hirn ist für eine Kooperation gewonnen. Die Schulmedizin, glaubt Schedlowski, könnte das eigentlich noch besser. »Sie hat die Möglichkeit, die Wirkmechanismen zu identifizieren«, sagt er. »Langfristig kann man solche Verfahren nur effektiv einsetzen, wenn man die Neurobiologie dahinter im weitesten Sinne versteht.« Seine Vision ist es, die körpereigene Apotheke gezielt zu aktivieren. »Das können Heilpraktiker oder Homöopathen nicht leisten.«
Wie bringt man Medizinstudenten bei, dass sie Teil der Therapie sind?
Erfahrene Hausärzte brauchen keine neurobiologische Motivation. Sie wissen schon lange, dass ein einfühlsames Gespräch und ein paar Rituale die Grundlage einer tragfähigen Beziehung sind. Doch erst allmählich setzt sich auch an den Hochschulen, in der Ausbildung der Mediziner, die Einsicht durch, dass dieses intuitive Wissen jungen Ärzten nicht in die Wiege gelegt ist, sondern oft erst mühsam erlernt werden muss.
Seit 2002 sieht die Approbationsordnung für Ärzte vor, dass Studenten mehr praktische Fertigkeiten lernen sollen. Viele Universitäten verstehen darunter inzwischen auch die Förderung kommunikativer Kompetenzen. Inzwischen schlüpfen Studenten in Rollenspielen in die Haut von Patienten, sie müssen in praktischen Prüfungen zum Beispiel vorführen, wie man am Modell einen Luftröhrenschnitt anlegt – und sich vorher bei den Angehörigen vorstellt. Oder sie üben schwierige Situationen mit Patienten und Angehörigen mit Laiendarstellern (siehe Seite 27). Der Aufwand lohnt sich. In Heidelberg, wo ärztliche Kommunikation schon seit fünf Jahren trainiert wird, versagt bei den Umgangsformen kaum mehr ein Student. Und inzwischen sind dort auch die Assistenzärzte neugierig geworden und fordern Schulungen für sich ein.
Doch die richtigen Kommunikationsformen sind erst der Anfang der Beziehungsmedizin. »Wir versuchen den Studierenden auch beizubringen, dass sie die Droge Arzt nutzen«, sagt Jana Jünger. Die junge Ärztin hat sich in Heidelberg der Kommunikationsausbildung verschrieben und entwickelte das Lehrprogramm Medi-Kit. Sie will den Studenten klar machen, dass sie »sich selbst als diagnostisches Instrument und therapeutisches Mittel begreifen«. Wer richtig zuhöre, könne häufig auch ohne technischen Aufwand die richtige Diagnose treffen – vor allem bei Problemen mit psychologischem Hintergrund. So geraten Patienten mit psychosomatischen Störungen allzu leicht in einen Strudel von Facharztkonsultationen. Hier wird eine Computertomografie gemacht, da das große Blutbild erstellt, dort der Ultraschall angeworfen, oft ohne erhellendes Ergebnis. All das geschieht häufig, ohne dass ein Arzt die vielleicht entscheidende Frage stellt: »Wie steht es im Beruf und in der Partnerschaft?«
Stattdessen setzen die Ärzte, auch zur Ablenkung von eigenen Ohnmachts- oder Schuldgefühlen, gerne immer neue technische Hilfsmittel ein. Die Patienten sind fasziniert und beeindruckt. Dass damit der menschliche Abstand zum Patienten wächst, ist mittlerweile eine ungute Tradition in der abendländischen Medizin. Viele Ärzte fühlen sich selbst als Opfer dieser Entwicklung. Aus Zeitmangel kämen sie gar nicht zu einem gründlicheren Gespräch, lautet eine ihrer Standardklagen. Tatsächlich bleiben ihnen vor lauter Dokumentation, Kontrollanfragen der medizinischen Dienste und Befundüberprüfung nur wenige Minuten pro Patient. Die allerdings kann man unterschiedlich nutzen. »Wir haben verschiedene Assistenzärzte bei ihren Aufnahmegesprächen gefilmt«, sagt die Heidelbergerin Jana Jünger. »Die einen gewinnen in fünf Minuten ein umfassendes Bild über den Patienten und sind dabei die Ruhe selbst. Die anderen erheben in derselben Zeit nur die wichtigsten Befunde.« Für Letztere sei es verblüffend zu sehen, wie viel mehr ihre Kollegen herausbekommen haben. Diese lassen zum Beispiel, anstatt nur Symptome abzufragen, die Kranken oft erst einmal selbst erzählen und hören aufmerksam zu. Klingt einfach. Ist aber offenbar eine rare Kunst. »Im Allgemeinen fallen Ärzte ihren Patienten nach ungefähr 18 Sekunden ins Wort«, sagt Jünger, »uns würde schon genügen, wenn das erst nach 90 Sekunden geschieht.«
Ein solch respektvoller Umgang verbessert nicht nur das Klima in den Praxen, sondern beeinflusst indirekt auch den Heilerfolg. Studien belegen, dass Patienten ihre Tabletten konsequenter nehmen und nur noch halb so viele verschiedene Ärzte aufsuchen, wenn sie sich respektvoller behandelt fühlen. Überdies prozessieren sie sehr viel seltener.
Der gute Draht zum Patienten entspannt auch den Doktor
Diese »patientenzentrierte Kommunikation« hat noch eine weitere Wirkung: Sie senkt auch die Erkrankungsrate der Ärzte. »Für den Behandler selbst ist der Effekt ganz erheblich«, sagt der Neurologe und Psychosomatiker Peter Henningsen von der Klinik für Psychosomatische Medizin an der TU München. »Es geht ihm in der Regel viel besser im Umgang mit schwierigen Patienten.« Die Ärzte empfinden ihre anstrengende Arbeit als befriedigender und brennen beruflich nicht so schnell aus. All das ist ohne gewaltigen zeitlichen Mehraufwand möglich, wie ein Freiburger Modellversuch zeigt. Hausärzte wurden dort im besseren Umgang mit depressiven Patienten geschult. Bei gleichem Zeitaufwand der Ärzte waren die Patienten erheblich zufriedener.
Wie also sollte der perfekte Arzt sein? Patienten wissen meist sehr genau, was sie an Medizinern schätzen. In einer Umfrage der amerikanischen Mayo-Kliniken gaben die Patienten kürzlich an, sie wünschten sich ihre Ärzte selbstsicher, mitfühlend, persönlich, geradeheraus, respektvoll und gründlich. Der Autor der Studie, Leonard Berry, gibt seinen Kollegen gleich Dutzende guter Ratschläge: Augenkontakt halten, auch auf nonverbale Signale achten, sich auch mal nach persönlichen Interessen des Patienten erkundigen, Anweisungen aufschreiben, Medizinjargon meiden. Und das alles sollte nicht aufgesetzt daherkommen. »Das Wichtigste ist«, sagt Hans Förstl, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der TU München, »dass der Arzt authentisch ist.« Schließlich kann nur ein Arzt, der selbst glaubt, was er sagt, dem Patienten gegenüber glaubwürdig erscheinen – und damit die Positivspirale der Selbstheilung in Gang setzen.
Bei jedem Ärztetraining geht es also weniger um Einüben starrer Verhaltensweisen, als um das Gewahrwerden der eigenen Wirkung. Obwohl zum Beispiel ein Krankenhausarzt in 40 Jahren rund 150000 bis 200000 Gespräche mit Patienten und Angehörigen führt, agieren viele wie auf einer Bühne, ohne dass ein Regisseur ihnen je gesagt hätte, wie überzeugend sie den Doktor verkörpern. Manch altgedienter Einzelkämpfer hat genug von diesem Blindflug und nimmt jetzt teil an der Kommunikationsausbidung der Heidelberger Universität. So ließ sich auch Richard Barabasch bei einem gestellten Arzt-Patient-Gespräch filmen. In der anschließenden Analyse fiel ihm auf, dass er sich gern jünger gibt, als er ist. Wenn sich der ältere Herr lässig auf die Schreibtischkante setzt und jovial mit seinen Patienten spricht, verwirrt das viele. »Es war gut, das einmal von meinen Kollegen zu hören«, sagt Barabasch. Der Hausarzt steht inzwischen zu seinem Alter, »es macht mich sicherer und ruhiger«. Er sei nun auch weniger anfällig für unangemessene Forderungen der Patienten. Und die akzeptierten seine Argumente eher.
Training mit Schauspielpatienten erweitert neuerdings den Horizont vieler Ärzte. Dabei ist das Lernen eines besseren Umgangs mit Patienten für Psychologen ein alter Hut. Schon vor fünfzig Jahren beschrieb der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint in seinem Buch Der Arzt, sein Patient und die Krankheit, dass für den Therapieerfolg nicht nur Tabletten und Therapeutika, sondern auch »die ganze Atmosphäre, in welcher die Medizin verabreicht und genommen wird«, verantwortlich sei. Obwohl seither seine ärztlichen Jünger in den berühmten Balint-Gruppen die Wichtigkeit der Arzt-Patient-Beziehung betonen, blieb ihr Engagement eine idealistische Randbewegung.
In Zeiten knapper Kassen werden Ärzte öfter erklären müssen, was sie tun
Besonders in Krankenhäusern geht es rau zu. Brustkrebspatientinnen erfahren ihre Diagnose nebenbei auf der Visite, Herzkranke müssen die Schwester nach dem Arztbesuch um Übersetzungshilfe bitten, und Neurochirurgen erklären Eltern eines zwölfjährigen Jungen die Hirntumor-Operation – während das ahnungslose Kind geschockt daneben sitzt.
Ausgerechnet die Nöte des deutschen Gesundheitssystems könnten zu einer Renaissance der vergessenen Beziehungsmedizin führen. Krankenhäuser müssen im verschärften Wettbewerb auf Dauer viele Doppelstrukturen und überbordende Versorgungen abbauen. Lieb gewonnene und beruhigende Rituale für Ärzte und Patienten – hier noch eine Computertomografie, da noch ein Rezept – könnten dabei wegfallen. Dafür müsste so mancher Mediziner wieder lernen, statt dem technisch Machbaren mehr seinem Kopf und seiner Intuition zu folgen. Das ist in Ländern wie Großbritannien mit weniger Geld für die Gesundheitsversorgung schon lange üblich. Die im internationalen Vergleich exorbitant hohe Ärztezahl in Deutschland und die ausufernde Technik haben hierzulande befördert, was Balint eine »Verzettelung der Verantwortung« nannte. Statt heikle Entscheidungen zu treffen, wird ein neuer Test angeordnet oder ein Kollege hinzugezogen. Diese verschwommenen Behandlungskonturen führen oft nicht zum Ziel und fördern auch nicht das Vertrauen der Patienten.
Aber das ändert sich. Schon jetzt müssen Hausärzte immer häufiger erklären, warum eine teure Untersuchung oder ein bestimmtes Medikament entbehrlich ist. Bald werden sie Patienten, auch gegen Widerstände, von aufwändiger Gerätemedizin und Gefälligkeitsrezepten entwöhnen müssen. Sie erleben bereits heute, dass Kranke protestieren, wenn sie nicht mehr das gewohnte teure Originalpräparat, sondern ein günstigeres Nachahmerpräparat erhalten. Krankenhäuser entdecken die neue Freundlichkeit. In den USA ist der »freundliche Doktor« als Werbefaktor bereits seit Jahren en vogue.
Einer Illusion sollte man allerdings nicht erliegen: dass eine optimierte Kommunikation nur Positives bewirkt. In einer kommerzialisierten Medizin liegt die Versuchung nah, mit den erlernten Techniken nur bessere Verkaufsgespräche zu führen – »darf’s noch ein bisschen mehr sein?«. Wer allerdings seine neuen, kostenpflichtigen individuellen Gesundheitsleistungen anpreist wie ein Gebrauchtwagenhändler, der hat das Wesen der Beziehungsmedizin nicht begriffen. Und bestätigt leider nur die alte Regel: Was wirkt, kann auch unangenehme Nebenwirkungen haben.
Mitarbeit: Ulrich Schnabel
BUCHEMPFEHLUNGEN zum Thema:
Michael Balint: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit
Klett-Cotta /J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger; 10. Auflage, veränd. Aufl. (Mai 2001)
ISBN: 3608940030; ca. 25,00 €
Bernard Lown: Die verlorene Kunst des Heilens
Suhrkamp; 5. Auflage (April 2004)
ISBN: 3518455745; ca. 12,50 €
Bernhard Kathan: Das Elend der ärztlichen Kunst
Kulturverlag Kadmos; 2. Auflage (Januar 2002)
ISBN: 3931659348; ca. 17,50 €
Arthur K. Shapiro: The Powerful Placebo: From Ancient Priest to Modern Physician
Johns Hopkins University Press (Januar 2001)
ISBN: 0801866758; ca. 22,50 €
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- Datum 25.08.2006 - 03:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006 Nr. 32
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Ich kam als "Spätberufener" mit 25 Jahren nach einem abgeschlossenen Sozialpädagogikstudium, einjähriger Praktikumserfahrung in Krankenpflege und Berufserfahrung in der klinischen Sozialmedizin zum Medizinstudium.
Schon damals konstatierte ich, daß ich selbst viel früher überhaupt nicht die Reife dazu gehabt, hätte. Bzw., daß es verantwortungslos ist, die Einserkandidaten der Schule, meist ohne "emotionale Intelligenz", mit Mitte zwanzig im wahrsten Sinne des Wortes auf Menschen loszulassen. Insofern greift Christopher Cowley (Kasten unten auf S. 26) mit seiner Forderung, man solle Studenten nur noch zum Medizinstudium zulassen, die im Abitur in einem geisteswissenschaftlichen Fach geprüft wurden, mindestens 23 Jahre alt sind und vorher ein Jahr im Gesundheitswesen gearbeitet hätten, genau das auf, was ich selbt schon vor 25 Jahren öffentlich kundtat.
Nur schlimm, daß sich in diesem letzten Vierteljahrhundert nicht viel geändert hat. Dies beginnt aber schon bei den fragwürdigen Zulassungsbedingungen - mir ist nicht bekannt, daß es eine Korrelation zwischen Abiturnote und der Qualität eines Arztes gibt, es geht weiter über eine teilweise miserable Ausbildung, da der Hochschlehrer nicht an der Qualität an seiner Lehre gemassen wird, sondern an der Anzahl der seiner Publikationen (die meist nicht gelesen werden und häufig nicht einmal das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind). Der praktische Unterricht wird häufig nicht von qualifizierten Ärzten abgehalten, sondern von solchen, die selbst noch Ausbildung nötig haben: nämlich von den jüngsten Assistenten! Es geht weiter mit Hauen und Stechen (insbes. in Unikliniken) nach dem Eintritt ins Berufsleben, keiner gönnt dem Anderen die Butter auf dem Brot. Und daran wird sich auch so schnell nichts ändern, solange Ärzte mit Vertägen geknebelt werden, die oftmals auf nur wenige Monate befristet sind. Daraus resultieren Überstunden, die nicht erfaßt werden - schließlich will man ja, daß der Vertrag wieder verlängert wird. Niemand in der Verwaltung oder des sonstigen Klinikpersonals würde so etwas mitmachen.
Die Quintessenz ist ganz banal: wer gute Ärzte will, muß sie gut ausbilden. Nur, daß der Mensch eben keine Maschine ist, an der nur ein Ersatzteil eingebaut werden muß, damit sie wieder läuft, haben viele bis zum heutigen Tage noch nicht kapiert. Daß es allerdings auch anders geht, beweist vorbildlich schon seit 1983 die private Universität Witten-Herdecke. Aber solange das Bildungssystem weiterhin so stiefmütterlich behandelt wird wie bei uns in Deutschland, wird es nur das hervorbringen was oben hineingesteckt wird.
Oder: jedes Land bekommt das Gesundheitssystem das es verdient.
Pisa läßt grüßen - und ich auch!
Dr. med. Dipl. Soz.Päd. Uwe Spannagel, Würzburg
Zu manchen Themen erscheint alle paar Jahre dieselbe Idee, ohne dass sie von den Adressaten umgesetzt wird. Die Autoren vergessen oft, dass derselbe Appell vielleicht schon hundertfach formulert wurde und nun gar nichts Neues mehr ist. Immerhin findet sich ja im Literaturverzeichnis der alte Michael Balint, wo eine Angabe der ersten Auflage (deutsch 1957!) hilfreich gewesen wäre. Auch die anderen Literaturangaben sehen nach taufrisch aus, während der erste Höhepunkt dieses Themas etwa um die 80'er Jahre herum lag.
Heute kann man es nur noch als skandalös bezeichnen, dass viele Ärzte immer noch zu ihren Patienten auf eine Weise sprechen, die hinter der eines x-beliebigen Kundenberaters weit zurücksteht. Es ist bei manchen oft immer noch das Patriarchalisch-autoritäre Trumpf, und es wird endlos wiederholt, die Patienten wollten es so. In die Medizinerausbildung hat die Gesprächsführung immer noch keinen Eingang gefunden, sie wird aber nun immerhin schon in teuren Fortbildungen nachgereicht.
Seit 30 Jahren gibt es überzeugende Studien, die zeigen, dass die meisten Patienten eine partnerschaftliche Umgangsform des Arztes ebenso schätzen wie sie es bei anderen Gesprächspartnern tun. Bereits im Compliance-Handbuch 1980 von Sackett gelten Transparenz und Freundlichkeit des Arztes als wesentliche Faktoren, die Patientenmitarbeit zu stärken. Es geht aber heute gar nicht mehr um irgendwelche Tricks, dem Patienten eine Therapie besser zu verkaufen.
Im Bereich chronischer Erkrankungen, besonders beim Diabetes, gibt es seit den 80'er Jahren das Paradigma des Empowerment, nach dem allein der Patient über seine Ziele und seine Behandlung entscheidet. Er muss es ja schließlich auch "ausbaden" und selbst die Behandlung durchführen. Natürlich wird er dabei vom Arzt beraten, der das nötige Fachwissen beisteuert. Dies Konzept hat sich in der Praxis bewährt, besonders bei chronischen Erkrankungen. Patienten und Ärzte sind damit zufriedener, weil sie so beide aufhören, unrealistische Ziele für die Behandlung zu verfolgen (Verantwortung, Compliance).
Dies ist keine "Beziehungsmedizin", wie die Internetadresse suggeriert, so als ob man die Beziehung mit medizinischen Mitteln verbessern könnte. Es ist eine vernünftige Medizin, die letztlich alle Menschen wollen, die Wert darauf legen, auch von Ärzten und ihren Mitarbeitern ernst genommen zu werden.
Dazu vielleicht zwei Buchtipps:
Anderson W.R., Funnell M. The Art of Empowerment, American Diabetes Association 2000
Hirsch, A. Diabetes ist meine Sache. Verlag Kirchheim 2001
Dieser Artikel entspricht der Zeit in der wir leben in hohem Maße und hat eine wirklich andere Tiefe und Wahrheit als die meisten Inhalte der aktuellen Reformschriften Gesundheitswesen.
Ich kann aus meiner Tätigkeit als Coach und Coachausbilder bestätigen, dass die Etablierung des Aspektes einer Beziehungsmedizin für Ärzte immer wichtiger wird. So finden sich immer mehr Ärzte als Studenten in Coachausbildungen ein, um entsprechende Kommunikations- und Beratungstechniken zu erlernen, die sonst von professionellen Coaches angewendet werden, die bekanntlicherweise Menschen ermöglichen, ihre Lebensprobleme zu lösen. Letztere gehen häufig einher mit Erkrankungen und körperlichen Problemen. Eine Behandlung der Krankheitssymptome mit Medikamenten reicht hier in der Tat nicht aus.
Auf Nachfrage von Ärzten und Psychotherapeuten gibt es ab Herbst diesen Jahres den ersten Ausbildungsgang in Coachingmethoden ausschließlich für diese Berufsgruppe.
Die Steinbeis Universität Berlin startet ebenfalls im OKtober diesen Jahres erstmalig in Deutschland den Studiengang "Master of Science in Prevention Medicin". Ein Studienmodul der Ausbildung beschäftigt sich mit den Themen Kommunikation und Beziehung.
Die Nachfrage nach den wenigen Studienplätzen ist bereits im Vorfeld sehr groß.
Und doch - dies sind erst Anfänge und die Ärzte, welche sich dieser Thematik offen stellen sind derzeit noch Pioniere und werden von vielen Kollegen belächelt oder distanziert beobachtet.
Der Erfolg ihrer Behandlungspraxis wir diesen mutigen und sich den aktuellen Veränderungen stellenden Ärzten wohl recht geben.
Sehr wichtig der Aspekt ihres Artikels, dass bei einer patientenzentrierten Behandlung auch der Behandler gesünder ist und mehr Sinn und Erfüllung in seinem Beruf findet. Alle mir bekannten Mediziner, die einen solchen Weg gehen, bestätigen das ohne Ausnahme.
Als zusätzlich Buchempfehlung nenne ich hier gern die Bücher von Prof. Diedrich Grönemeyer, z.B. Mensch bleiben, Kapital Gesundheit).
Guido Fiolka
Coach und Dozent am Coaching Center Berlin
I'm a Belgian Health economist and I express my congratulations with your article who was touching 'the' point and breaking the ice (cfr.the comments). But there is one major missing link namely that in the majority of the cases not the doctor makes the mistake but the organisation of his private clinic or the hospital where he/she's working. See therefore the US Institute of Medicine who proofs it in their publication 'To err is human, building a safer health system'(National Academy Press, 2000). So change the organisation of your clinic and you will see there will be time available for 'hilfreiche Tipps'. E.M.Geyskens
Die Patienten haben einfach zu wenig Zeit zum Reden. Zeit ist inzwischen das wertvollste Gut in der Arztpraxis. Solange Gespräche so miserabel honoriert werden, wird sich an der Lage im Gesundheitssystem nichts ändern. Dr. med. Dunja Voos.
Am Ärzte-Knigge hatte ich meine ganz große Freude ... Und noch mehr an der Bastelanleitung. Ich werde beides morgen auf meine Arbeit im Hospiz mitnehmen. Falls unsere Home-Care-Ärzte, die diesen Knigge KEINESFALLS nötig haben, Kollegen kennen sollten, denen sie mit Benimmregeln ein wenig unter die Arme greifen möchten.
Spaß bei Seite: Als Krankenschwester mit über 20-jähriger Berufserfahrung habe ich reichlich Gelegenheit gehabt, ärztliche (und auch pflegerische) Kollegen kennenzulernen, denen ein Knigge nicht geschadet hätte ... übrigens nicht nur in Hinblick auf den Umgang mit Patienten. Jedoch kann ich einen großen Unterschied ausmachen zwischen meinen Erfahrungen an Universitätskliniken und an anthroposophischen Wirkstätten.
Denn für mich ist und bleibt es eine Wahrheit: Nicht nur die zur Verfügung stehende Zeit, sondern auch und v.a. die Haltung des Einzelnen beeinflußt seine Handlung.
Als niedergelassener Vertragsarzt möchte ich kurz ein wenig zu den Zwängen mitteilen, unter denen zumindest die aktuelle Vertragsarztmedizin, vulgo Kassenmedizin, leidet.
Eine Beratung unter 10 Minuten Dauer in den Fächern Psychiatrie oder Neurologie im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein wird mit einem sogenannten Konsultationskomplex (Ziffer 16215 oder 21215)berechnet. Dieser hat einen Wert von 50 Punkten. Der Punkt hat einen akruellen Wert von ca. 3,8 Cent. Demnach wir die Beratung mit ca. 1,90 Euro bewertet.
Der Wert einer Praxisminute (Miete, Kapitalkosten, Energie, Versicherungen, Personal, Gerätewartung, Einkauf von Gebrauchsartikeln usw.) liegt in meiner Praxis bei 1,5 Euro.
Das heißt aber, jede Beratung, die länger als eine Minute dauert, muss von mir privat finanziert werden, da der Pat. bzw. seine Kasse nicht einmal die laufenden Kosten der Praxis bezahlt, geschweige denn Einkommen für den Arzt.
In der Rechtsberatung würde man bei solchen Preisen nicht arbeiten bzw. von der Anwaltskammer des Preisdumpings geziehen.
Wir kommen um ordentliche Preisgestaltungen in der Medizin nicht herum und damit meine ich, ein Arzt muss in etwa auf dem Level eines Anwaltes oder Architekten seine Beratungen bezahlt bekommen.
Ansonsten sehe ich den Patienten der Zukunft vor einem PC sitzen, er wird dann von einem Expertensystem abfragt und beraten und evtl. zu entsprechenden Untersuchungen an einen Fachmann verwiesen.
Ich spreche allein vor dem Hintergrund, einen, meiner Meinung nach, besonders guten Arzt in der eigenen Familie zu haben.
Ich finde die Debatte um das Verhältnis Arzt-Patient grundsätzlich gerechtfertigt. Vertrauen in die Leistung des Behandelnden sind in vielerlei Hinsicht ebenso wichtig wie eine tatsächlich funktionierende und gut abgestimmte Medikation, jedoch kann nicht treffenderweise von einem Verlernen des Patientengesprächs seitens der Ärzte gesprochen werden. In ihrem Ansehen mögen letztere einer profanen Kritik wohl noch enthoben sein, in Bezug auf ihr wirtschaftliches Überleben haben Marktmechanismen die Ärzteschaft längst eingeholt. Praxen gleich welcher Art funktionieren heute größtenteils wie Kleinunternehmen. Es muss Profit erwirtschaftet und Effizienz gewährleistet sein. Ein weitaus wichtigerer Faktor der Entwicklung hin zu immer kürzeren Diagnosegesprächen ist, so meine Ansicht, der politische und finanzielle Rahmen. Die Unterhaltungskosten für technische Geräte sind enorm hoch und wären rentabel nur dann, wenn ein Arzt frei über ihren angemessenen Gebrauch befinden dürfte. Es gilt wohl ganz allgemein, dass er dies treffender täte als ein aktenwälzender, beraterverseuchter Politiker, der fern jeder Praxis über Sinn und Unsinn entscheidet.
Verlernen klingt nach einem Akt der Dekadenz, ein Lebensstil, der den Ärzten ja immer mehr genommen werden soll. In einer humanistischen Paradedisziplin wie der Gesundheitsversorgung finde ich den Begriff "inkompetente Beschneidung" punktgenauer als die diplomatische Weichspülung. Kein mir bekannter Arzt zieht das Abfertigen seiner "Kundschaft" erntshaft dem eingehenden Gespräch vor.
Was aber ist die Alternative: Die letzten 500 Patienten innig und herzlich betreuen und dann dichtmachen?
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