Wie sehr Worte die Wirkung eines Medikamentes dominieren können, zeigte ein Versuch der University of Southampton. Die Mediziner teilten zweihundert leicht erkrankte Patienten in zwei Gruppen. Beide erhielten als Therapeutikum eine wirkstofflose Pille, ein Placebo also. Der ersten Gruppe aber wurde versichert, das Medikament würde sicher helfen und die Malaise bald verschwinden, die zweite erhielt nur den knappen Bescheid: »Wir wissen noch nicht sicher, was mit Ihnen los ist, aber nehmen Sie erst einmal dies.« In beiden Gruppen fühlten sich Patienten nach der Behandlung besser. In der besänftigten Gruppe waren es 64 Prozent der Probanden, in der zweiten nur 39 Prozent. Die wohltuenden Versprechen und die Zuversicht des Arztes gaben offenbar den Ausschlag darüber, wie gut das Medikament anschlug. BILD

Das Placebo ist also mehr als nur eine wirkstofflose Pille. Die Farbe kann die Wirkung eines Medikamentes beeinflussen, die Umstände, unter denen die Tablette verabreicht wurde, und einen sehr großen Einfluss hat sicher die Beziehung des Patienten zu seinem Arzt und das Auftreten desselben. »Wenn wir den Placeboeffekt untersuchen«, sagt Fabrizio Benedetti, Neurobiologe von der Universität Turin, »dann erforschen wir eigentlich den psychosozialen Kontext, in dem die Behandlung eines Patienten stattfindet.« Schon das Versprechen des Arztes kann die Hirnchemie so stark verändern, dass dies auf den ganzen Körper wirkt. Die Suggestion kann den Puls drosseln, die schüttelnden Muskeln von Parkinson-Patienten beruhigen (samt nachweisbarer Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin im Hirn des Patienten) und messbar auf das Immunsystem einwirken.

Bereits im Zweiten Weltkrieg bemerkte der amerikanische Anästhesist Henry Beecher im Fronteinsatz, dass in Ermangelung von schmerzlinderndem Morphin auch simple Kochsalzlösung Erleichterung bringen kann – der Kranke muss nur glauben, Morphin erhalten zu haben. 1955 veröffentlichte Beecher unter dem Titel The Powerful Placebo die erste wissenschaftliche Arbeit über seine Beobachtung. Seit dieser Zeit sind viele hundert Artikel über ähnliche Effekte erschienen. Aber erst in den vergangenen Jahren fanden Neurowissenschaftler heraus, auf welche Weise sich im Hirn kognitive Prozesse in heilsame Körperreaktionen transformieren. Die Erwartungen des Patienten spielen dabei eine große Rolle. Entscheidend ist aber auch, auf welche Weise sein Gehirn vor der Therapie auf Schlüsselreize wie die Farbe einer Tablette konditioniert wurde.

So stimmten die beruhigenden Arztworte die Patienten in dem Southamptoner Versuch schon vor der Tabletteneinnahme positiv. Die verbalen Suggestionen, erklärt Benedetti, induzierten im Hirn des Patienten die positive Erwartung eines Nutzens der Behandlung. Ihr präfrontaler Kortex registriert und bewertet das Verhalten des Arztes. Gleichzeitig taucht das limbische System die Informationen und Erklärungen in emotionale Farbe. Als Reaktion auf die positiven Erwartungen werden – gewissermaßen vorsorglich – Opiatrezeptoren aktiviert und Endorphine ausgeschüttet. Und schon dieser körpereigene Vorgang lindert, genau wie eine Dosis Morphin, die Wahrnehmung des aktuellen Unbehagens.

Wie wichtig solche kognitiven Prozesse für den heilsamen Effekt einer Beziehung sind, zeigten jüngst Untersuchungen an Alzheimer-Patienten. Bei ihnen war aufgrund der Demenz der präfrontale Kortex zum Teil gar nicht mehr mit dem Rest des Gehirns verbunden. »Dann verschwindet der Placeboeffekt völlig«, sagt Benedetti. »Wenn man solchen Patienten ein Schmerzmittel gibt, dann folgen keine psychologischen Effekte. Dadurch wirkt das Schmerzmittel bis zu 50 Prozent schlechter.« Weil die Hirne von Demenzpatienten weniger Placeboeffekte generieren, könnte es nötig sein, ihnen höhere Dosen Schmerzmittel zu geben.

Neben den eigenen Erwartungen wird auch die klassische Konditionierung das Hirn der Probanden massiert haben. Das Schema ist dabei immer dasselbe: Zunächst wird mehrfach ein Mittel gegeben, das pharmakologisch wirksam ist. Schließlich reicht es, eine ähnlich aussehende Pille ohne Wirkstoff zu reichen. Der Effekt stellt sich, samt Nebenwirkungen, prompt ein. »Wir haben diese Versuche mit einem Opioid durchgeführt«, erzählt der italienische Neurowissenschaftler Benedetti, »und wir konnten nach mehrfacher Gabe des echten Mittels durch die gelegentliche Verabreichung von Placebos 33 Prozent des Mittels einsparen.«

Noch immer sind die geheimnisvollen Placeboeffekte nicht völlig enträtselt. »Ich würde sehr gerne mehr über die neurobiologischen Grundlagen der Erwartung wissen«, sagt Benedetti. »Wo ist die Verbindung zwischen einer komplexen kognitiven Aktivität und dem klinischen Effekt? Außerdem würde mich interessieren, ob man diese Mechanismen noch besser für die klinische Praxis ausnutzen kann.« Immerhin ist es Forschern an der ETH Zürich inzwischen gelungen, durch Konditionierung das Immunsystem von Ratten so weit zu unterdrücken, dass ein Fremdherz allein durch den konditionierten Reiz einer »Zuckerlösung« einhundert Tage im Körper der Tiere überlebt. Dieser immunhemmende Effekt funktioniert grundsätzlich auch bei menschlichen Probanden. Es ist denkbar, das in Zukunft Medikamente wie Cyclosporin A, die nach Organtransplantationen die Abstoßungsreaktion verhindern, mit Hilfe von Placebos reduziert werden können.