Windenergie Abenteuer auf hoher See

Technische Probleme und hohe Preise der Offshore-Anlagen stoppen den Ausbau der Windkraft.

Die Technik hielt den Bedingungen auf hoher See nicht stand. 30 Windräder hatte das dänische Unternehmen Vestas vor der britischen Ostküste aufgestellt. Das gut 100 Millionen Euro teure Projekt von Scroby Sands soll 41000 Haushalte mit Strom versorgen. Doch jetzt muss Vestas alle Hauptlager der tonnenschweren Getriebe austauschen.

An Land wäre solch ein Schaden kaum der Rede wert. Für die ambitionierten Pläne zum Ausbau der Windkraft auf See ist das dagegen eine Katastrophe. 100000 Euro rechnen Experten für den Wechsel eines Hauptlagers an Land. Offshore aber kommen die Techniker kaum an die Windräder heran. Das »schwierige englische Wetter« sei daran schuld, sagt Jonathan Smith, Sprecher von E.on UK; die britische Tochter des deutschen Stromkonzerns hat den Park bauen lassen. So verschlingen die Reparaturen das Zehnfache dessen, was dieselben Arbeiten an Land gekostet hätten.

Bei 30 Windrädern, so schätzen Fachleute, könnten also leicht 30 Millionen Euro zusammenkommen. Wer das zahlt? »Wir jedenfalls nicht«, sagt E.on-Sprecher Smith. Das Unternehmen lässt die Anlagen in den ersten Jahren von Vestas betreiben, sodass die Dänen die Schadensregelungen mit ihren Zulieferern auskämpfen müssen. Genau wie bei dem Windpark Horns Rev, bei dem Vestas vor zwei Jahren die Maschinenhäuser aller 80 Hochseewindräder austauschen musste.

Klimafreundlicher Strom ohne protestierende Anwohner: Die Offshore-Windkraft war auch bei der Energiestrategie der rot-grünen Bundesregierung von zentraler Bedeutung. Denn nur mit den Windrädern in Ost- und Nordsee kann es Deutschland schaffen, wie gewünscht ein Viertel seines Strombedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken. Vor fünf Jahren sagte das Berliner Umweltministerium noch voraus, dass sich im Jahr 2006 mindestens 100 hochmoderne Windkraftwerke in Nord- und Ostsee drehen würden. 2009 sollten es 600 sein, 20 Jahre später dann sogar 4600. »Ohne den Ausbau der Offshore-Windenergie sind die deutschen Träume von einer klimafreundlichen Stromproduktion nicht zu verwirklichen«, sagte der ehemalige Hamburger Umweltsenator und Windenergie-Anwalt Jörg Kuhbier vor zwei Jahren.

Heute steht fest: Hersteller und Politik haben die technischen Probleme der Offshore-Windkraft unterschätzt. Anlagen mit einer Leistung von zwei Megawatt, wie sie der dänische Hersteller Vestas eingesetzt hat, waren an Land gut erprobt. Auf See haben sie versagt. Die Windräder für die deutschen Parks sollen in noch tieferem Wasser arbeiten und bis zu sechs Megawatt leisten – dreimal so viel wie die Vestas-Maschinen. Hersteller wie Repower oder Multibrid haben bislang nur einzelne Prototypen der Multimegawattklasse an Land aufgestellt. Lediglich der deutsche Marktführer Enercon verfügt über ein halbes Dutzend Großanlagen und einige Jahre Betriebserfahrung. An Land.

Europaweit standen Ende 2005 insgesamt 254 Windräder im Meer. In Deutschland wurde statt Hunderter Anlagen mit Milliardenwert bisher nur eine einzige Offshore-Windmühle gebaut: Im Hafen von Rostock dreht sich seit Anfang des Jahres eine Maschine der dort ansässigen Firma Nordex, auch sie ein Prototyp an einem Teststandort. In diesem und dem nächsten Jahr werden in Deutschland keine Anlagen mehr dazukommen. Ein von der Bundesregierung gefördertes Testfeld mit zwölf Anlagen in der Nordsee wird bestenfalls 2008 in Betrieb gehen. Dazu kommt ein geplanter Windpark in der Ostsee. Allerdings fehlen auch hier bislang die Investoren, sodass beide Projekte sogar noch später verwirklicht werden könnten.

In China soll der deutsche Windpark als Touristenattraktion dienen

Als die Bundesregierung die Offshore-Technik vor einigen Jahren entdeckte, sah die Windbranche darin einen neuen Absatzmarkt; an Land wurde der Platz langsam eng. Zwar ist in Deutschland die an Land installierte Windleistung von gut 3000 Megawatt oder 1000 Masten im Spitzenjahr 2002 auf zuletzt unter 2000 Megawatt geschrumpft. Doch weltweit setzte 2004 ein Bauboom von Windrädern ein, der den Einbruch in Deutschland mehr als ausbügelt. Von Finnland bis Australien werden Windmühlen inzwischen geordert: Allein im vergangenen Jahr wurden zwölf Milliarden Euro für neue Anlagen an Land mit einer Leistung von 11800 Megawatt ausgegeben. Davon profitieren deutsche Firmen. Sie exportieren inzwischen fast zwei Drittel ihrer Produktion und haben ihre Kapazitäten voll ausgelastet. Die Lieferzeiten sind auf bis zu zwei Jahre gestiegen, die Unternehmen konnten die Preise für ihre Anlagen um etwa 40 Prozent erhöhen, was auch durch höhere Stahl- und Kupferpreise bei weitem nicht zu rechtfertigen ist.

Also drängt die Unternehmen nichts mehr, sich in das Abenteuer Offshore zu stürzen. Bei den großen Stromkonzernen lassen die Preiserhöhungen die Offshore-Projekte ohnehin endgültig hinter die geplanten Renditeziele von 13 bis 15 Prozent fallen. In einem vertraulichen Papier aus dem Hause E.on, das die Fachzeitschrift Neue Energie zitiert, heißt es über einen in der Ostsee geplanten Park: »In der gegenwärtigen Situation nicht finanzierbar.« Nur als Forschungsprojekte können sich Offshore-Parks den Renditeforderungen der Konzerne noch entziehen.

Bitter enttäuscht sind inzwischen Windkraft-Pioniere wie die Initiatoren des Offshore-Parks Butendiek, der als einziger von Kleinanlegern finanziert werden soll. »Ohne höhere Stromvergütung, zinsverbilligte Kredite oder Hilfen beim Kabelanschluss auf See wird kein einziger kommerzieller Offshore-Windpark in Deutschland gebaut«, klagt Butendiek-Sprecher Hermann Albers, dessen Windpark ursprünglich 2005 entstehen sollte.

Im Umweltministerium unter Sigmar Gabriel gilt Offshore seit neuestem als eine »Emerging Technology«, eine Technik, die noch im Entstehen ist und entsprechend Zeit braucht. Jetzt soll erst einmal der Forschungswindpark in der Nordsee mit zwölf Großanlagen von den Stromkonzernen gebaut werden. Anders als Butendiek wird diese Technologieentwicklung vom Ministerium gefördert, mit 50 Millionen Euro. In ein paar Jahren, so hofft man in Berlin, wird die Windkraft-Branche dann ihre Kapazitäten so weit ausgebaut haben, dass auch die Anlagenpreise wieder fallen. Mit großen Offshore-Windparks in Deutschland rechnet niemand mehr vor dem Jahr 2010.

Statt in Deutschland wird der Windpark mit den für die Nordsee gedachten High-Tech-Anlagen darum wohl in China gebaut. Die ostchinesische Hafenstadt Qingdao will fünf Anlagen der Hamburger Repower AG zu den Olympischen Spielen 2008 vor ihre Küste setzen – als Touristenattraktion mit Beleuchtung und Aussichtsplattform.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service