Sport Absteigen, bitte

Jan Ullrich, Ivan Basso und nun Floyd Landis: Der Dopingsport Radfahren sollte in die Zwangspause gehen.

Die Radprofis redeten sich in den vergangenen Jahren ein, es werde schon wieder mit ihrem Berufszweig. Die Selbstheilungskräfte des Sports sollten dafür sorgen, dass der Sport sauber würde. Aber der Radsport heilte sich nicht selbst, er erkrankte immer schwerer.

Jetzt also Floyd Landis, der Sieger der Tour de France dieses Jahres, ein Mann, dessen Gesicht und dessen Name sich einzuprägen die Öffentlichkeit kaum Zeit hatte. Alles deutet darauf hin, dass er Testosteron eingenommen hat, vor einer Bergetappe der Tour, die er dann mit einigen Minuten Vorsprung gewann. Floyd Landis streitet jede Schuld ab, das gehört zum Ritual des positiven Dopingbefundes. Er redet von einem natürlich erhöhten Testosteron-Spiegel, auch seien womöglich Bier und Whiskey schuld, am Vorabend getrunken. In der Welt des Radsports dürfen solche Ausreden als höchstens mitteloriginell gelten, es gab schon Ausflüchte, wonach die Heilmittelchen der Schwiegermutter schuld an allem waren. Der Amerikaner Floyd Landis gewann diese Tour offenbar dank der Dosis Testosteron – und natürlich dank des Umstandes, dass die ursprüngliche Favoritenschar gar nicht mitfahren durfte; Jan Ullrich und Ivan Basso waren suspendiert, weil sie dringend des Blutdopings verdächtigt wurden.

Sämtliche Sieger der Tour de France der vergangenen Jahre standen früher oder später im Verdacht, gedopt zu haben. Die Sieger aller wichtigen Rundfahrten dieser Saison ebenso: Ivan Basso, der Gewinner des Giro d’Italia, Roberto Heras, der Sieger der Vuelta in Spanien. Die letzte olympische Goldmedaille gewann ein Mann, Überraschung, der positiv auf Blutdoping getestet wurde, nämlich Tyler Hamilton.

Dieser Sport tut nur noch weh. Das ist auch sein Wesen, es geht um das Sich-quälen-Können und das klappt besser, wenn mit Doping nachgeholfen wird. Sehr wahrscheinlich gibt es ein paar Sportler, die nicht dopen, aber alles spricht dafür, dass die am Ende nicht gewinnen.

So weit verbreitet der Dopingbetrug inzwischen ist: Die Fahrer und sportlichen Leiter verbreiteten weiter die Mär, dass Dopingfälle Einzelfälle seien. Als Jan Ullrich und Ivan Basso ertappt wurden, ergriffen gleich mehrere Teamchefs die Gelegenheit, die anderen Fahrer von jedem Verdacht freizusprechen: Sie verbreiteten die These, dass nun, da die Schuldigen gefasst seien, die Tour so sauber sei wie nie zuvor. Und dass es ein positives Zeichen sei, wenn die Täter ertappt würden, denn dann funktionierten ja offenbar die Kontrollmechanismen des Sports. Sie verschwiegen dabei, dass es nicht die Instanzen des Sports waren, die Ullrich und Basso ertappten, sondern die spanische Polizei.

Wo ist der Rennradfahrer, der sich mal so richtig ärgert, der tobt vor Wut und Entrüstung, einer gar, der aus Verzweiflung mit seinem Sport bricht? Man findet ihn nicht unter den Aktiven. Dabei müssten die sauberen Fahrer sich gewaltig aufregen, nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch weil sie um Sieg und Siegprämie betrogen wurden. Stattdessen nuscheln diese Fahrer nur etwas von »Enttäuschung«, und es klingt immer seltsam kalt, wie auswendig gelernt. Wie könnte man auch noch ehrlich enttäuscht sein von diesem Sport? Als Lance Armstrong im vorigen Sommer von der französischen Zeitung L’Équipe des Epo-Dopings verdächtigt wurde, hat sein ewig unterlegener Gegner Jan Ullrich nicht ein einziges Mal öffentlich geschimpft. Erst in diesem Sommer verstand man, warum. In diesem Jahr, nach dem Fall Landis, sagte Andreas Klöden, schnellster Fahrer der Tour im deutschen T-Mobile-Team, was die Radfahrer halt so sagen: »Man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Von tausend Athleten sind ein paar schwarze Schafe dabei.« Und wie wurde Rudolf Scharping, Chef-Funktionär der deutschen Radfahrer, der jetzt angeblich knallhart gegen Doping kämpfen will, zitiert? Dass er sich keinen Reim auf Jan Ullrich mache, den er öffentlich aussprechen wolle.

Die Fahrer, ihre Verbände, ihre Trainer, sie können sich nicht mehr selbst helfen. Sie hatten offensichtlich nie wirklich den Willen, sich vom Doping zu lösen. Und es ist auch niemand in ihrer Nähe, der ihnen noch helfen könnte. Sie sind umgeben von Zuschauern, Sponsoren und Berichterstattern, die zwar die Macht hätten, die Sportler und ihre Betreuer zur Vernunft zu zwingen, indem sie Ultimaten aussprechen und sie mit Nichtbeachtung bestrafen. Aber bisher ist nichts geschehen.

Um ein Beispiel zu nennen: Der Fernsehsender Eurosport lässt einen Mann von der Tour berichten, der als Fahrer des Dopings überführt wurde, Richard Virenque. Und der Aufstieg der ARD-Journalisten, die von der Tour de France berichten, ist eng mit dem Aufstieg Jan Ullrichs verknüpft. Vor Ullrichs ersten Erfolgen berichtete der Saarländische Rundfunk aus einem Studio in Saarbrücken, die Bilder wurden ihm vom französischen Fernsehen geliefert, mehr gab es nicht. Keine eigenen Interviews, keine Rundreise durch Frankreich mit vielen Kollegen. Die ARD hat zwar inzwischen eingesehen, dass es keine so glückliche Idee war, sieben Jahre lang einen Marketing-Vertrag mit dem Telekom-Team zu haben. Aber aufhören, ausführlichst über die Ergebnisse des Radsports zu berichten, das wollte sie auch nach dem Fall Ullrich nicht.

Auch die Zuschauer nutzen keinesfalls ihre Macht, etwas zum Besseren zu wenden. Die Franzosen eilten sogar noch häufiger zur Tour 06, weil die Chancen der eigenen Fahrer gestiegen waren. Und die Sponsoren? Die wollen auch dabeibleiben. Ein Sprecher von Nestlé, einem der wichtigsten Sponsoren, erläuterte zum Start der Tour in Straßburg sogar, dass er sich nicht imstande fühle, über die Tour moralisch zu urteilen. Erst wenn die Zuschauer sich nicht mehr für die Tour interessierten, dann stürbe auch sein Interesse.

Der Radsport hat in den vergangenen Jahren alle Chancen vertan, sich vom Doping loszusagen. Die Rede von der Selbstheilung ist Selbstbetrug. Nun sollte dieser Sport bestraft werden, es muss eine Strafe sein, die nicht so leicht zu vergessen ist wie der Name des letzten Dopingfalls.

Was wäre so schlimm daran, wenn die Tour de France im kommenden Jahr nicht stattfinden würde, wenn sie einfach ausfiele? Dann würde die Sportwelt vielleicht zum Nachdenken kommen – und vielleicht auch der eine oder andere Radfahrer zum allerersten Mal. Als Vorbild für junge Radfahrer und für den Breitensport braucht die Tour schon längst keiner mehr. Eine Tour, die ausfällt, könnte auch Profis anderer Sportarten abschrecken, die Langläufer oder Leichtathleten. Es könnte ja auch mal ein 100-Meter-Lauf der Olympischen Spiele abgesagt werden.

Seit dem Fall Landis reden alle von einem »Neuanfang«. Nicht dass diese Rede neu wäre. Neu wäre nur die Einsicht, dass ein Anfang ein Ende braucht. Die Tour sollte gestoppt werden, und erst wenn keiner der, sagen wir, hundert besten Radfahrer der Welt im Jahr nach der gestrichenen Tour positiv getestet wird, gibt man ihnen die Tour zurück. Man sollte den Fahrern und ihren zweifelhaften Beratern die Bühne verweigern, auf der sie die Zuschauer am meisten bejubeln, für die die Sponsoren am meisten zahlen, von der die Fernsehsender am liebsten berichten. Sie müssten sich die Tour de France zurückerkämpfen. Sie müssten sich quälen.

 
Leser-Kommentare
  1. Leider wird im Zusammenhang mit Betrügern und nichts anderes sind gedopte Sportler eben, immer wieder die fundamentale Gesellschaftskritik ins Spiel gebracht die ja eben diesen Leistungsdruck erzeugen würde und nur Sieger lieben würde. Dieses Argument wird aber nur von Leuten ins Feld geworfen die Sport weder lieben noch Ahnung davon haben und denen jede außergewöhnliche Leistung sowieso aufgrund eigener Unzulänglichkeiten zuwieder ist. Der wahre Sport-Fan sieht das eben anders: Haben unsere Fußballer weniger Begeisterung erfahren weil sie nach großem Kampf "nur" 3. wurden ? Interessieren einen Radsport-Fan wirklich die gefahrenen Stundenkilometer und Zeiten, oder will er spannende Wettkämpfe sehen.Hätte Landis als 3. der Tour weniger Respekt erfahren ? Hat Schalke nicht gerade als "Meister der Herzen" viele Fans hinzugewonnen ? Gerade wer den Sport liebt wird den Wettkampf mit Sieg und Niederlage akzeptieren, weil das eben das Salz in der Suppe ist. Deshalb keine Schützenhilfe für Betrüger durch "Gesellschaftskritiker"!!!

    • web82
    • 06.08.2006 um 11:59 Uhr

    Das meiner Meinung nach sehr kurzsichtge Argument der Dopingfreigabe hört und liest man leider immer wieder! Soll es wirklich dazu kommen, dass eine krank- und schadhafte Praxis, die in ihrer Geschichte schon so viele Opfer gefordert hat, auch noch von der Öffentlichkeit legitimiert werden muss? Ich denke nein! Allerdings zeigt sich hier auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir leben mittlerweile in einer Welt in der das Leistungsprinzip jedweiliger Vernunft und Achtung vor uns selbst vorzuherrschen scheint! Wer nichts leistet ist auch nichts mehr wert! Nach dieser Maxime richten wir unser Leben aus und nicht nur Sportler sind dazu gezwungen ihren Körper zu manipulieren. Um leistungsfähig zu sein gehören obligatorischen AUfputschmittel (meist in Form von Koffein) schon zu unserem Alltag. Abends finden wir dann kaum noch Zeit unseren Körper zur Ruhe kommen zu lassen, deswegen müssen Körper und Geist durch andere "Mittel" ruhig gestellt werden. Stellt sich denn hier aus mir keiner mehr die Frage welchem, möglicherweise krankhaften System wir uns unterworfen haben? Nicht nur der Radsport sollte einmal ein Pause der "Besinnung" einlegen!

  2. Wem ist durch eine Zwangspause geholfen? Werden die Betrüger der Tour de France nicht auch die Betrüger der Deutschlandtour, der Vuelta oder des Giros sein?
    Ich will nicht darauf herumreiten, dass der Sport Spiegelbild der Gesellschaft ist, denn in dieser Hinsicht ist der Radsport nun mal "vorbildlich"- aber ist es denn etwas anderes, wenn sich in der Fußballkreisliga am letzten Spieltag zufällig zwei 20 Liter Fäßchen in die Gästekabine verirren, wenn die Heimmannschaft unbedingt einen Sieg zum Klassenerhalt braucht? Stimmt nicht?! Richtig, in der Kreisliga würden Gruppenflugtickets nach Mallorca in der Umkleide liegen, da reichen keine 40 Liter Bier...
    Mir wird schlecht, wenn ich die jubelnde Zieldurchfahrt von Landis sehe, aber mir ist genauso speiübel, wenn ich dann diese Provinzfußballmanager über den verdorbenen Radsport reden höre.
    Unvorstellbar in einer Stunde mit dem Fahrrad 50 Kilometer zu fahren, aber ist es nicht ebenso außerhalb jeder Vorstellung wie man 1500 Meter unter 15 Minuten schwimmen kann?
    Nirgendwo sind Menschen erfinderischer als bei der Suche nach ihrem eigenen Vorteil. Ist der eigene Vorteil nicht da am größten wo auch das meiste Geld verdient wird? Warum fallen speziell die Radsportler so auf? Wird vielleicht, doch im Verhältnis zu anderen Sporarten hier stark kontrolliert? Oder hat der Radsport keine Lobby?

  3. 4. \N

    Dieser Traum vom "sauberen" Hochleistungssport ist einfach naiv. Schade daß es keine Intelligenzpillen für Journalisten gibt.

    • aeXL
    • 06.08.2006 um 20:12 Uhr

    die moralvorstellungen würden mit der freigabe von dopingmitteln aufs gröbste unterminiert! erfolge mit zusatzmittel und das dahinterstehende system von sogenannten ärzten, therapeuten, chemikern, biologen, ernährungswissenschaftler und "experten" würden der illegalität entzogen und öffentlich als norm dargestellt werden. auch das motto, "wenn der dopt, dann ich auch" oder "alle tun es sowieso" sind keine vertretbaren haltungen und fördern neue konkurrenzkämpfe in diesem sektor, die legal abgesichert wären. leistungen würden nach den effektivsten mitteln bewertet, sofern sie publik gemacht werden. die menschliche leistung würde in den hintergrund treten und dieser "chemischen mafia" das rüstzeug in die hand liefern; und sich damit der mensch auch. es sind auch keine kavaliersdelikte: jeder fahrer hat zwar das recht, über seinen körper zu verfügen, doch die soziale verantwortung gegenüber den zuschauern an der strecke und an der mattscheibe sowie gegenüber der eigenen familie sind weitreichender und mit moralischen werten verbunden, die nicht für den sensationellen erfolg - in welcher sportart auch immer - leichtfertig verkauft werden dürfen. leider bewegen sich die sportler zunehmend in einem system, deren gesetze sie nicht mehr durchschauen und ihre seelen für ein paar körner erfolg preisgeben. schade, die kurzsichtigkeit für schnelle resultate hält wohl überall einzug: willkommen in der wegwerfgesellschaft!!!

    • karowa
    • 08.08.2006 um 10:45 Uhr

    Die Tour ausfallen zu lassen, ist weder möglich, noch wäre es eine Strafe für die Fahrer (von Einzelfällen, die zB am Karriereende stehen, mal abgesehen). Warum das so ist? Zum einen steht es allein im Belieben des Veranstalters, ob er die Tour durchführt oder nicht. Die UCI könnte die Tour freilich ausschließen, dann wäre es halt eine Privatveranstaltung außerhalb der offiziellen Radsportverbände. Möglicherweise könnte man auch den Lizenzfahrern eine Teilnahme seitens der UCI verbieten. Möglicherweise würden dann einige ihre Lizenz zurückgeben, und in der Folge sich Mannschaften speziell zur Teilnahme an der Tour und dann möglicherweise auch am Giro, dessen Verbindung zur UCI ja ählich locker ist wie die der Tour. Wenn eine solche Veranstaltung auf entsprechendes Medieninteresse stößt, d.h. speziell wenn darüber im TV oder im Internet bildmäßig berichtet wird, dann werden sich auch Geldgeber finden, für die eine solche Veranstaltung immer noch eine äußerst preisgünstige Werbepräsenz verspräche.

    Zum anderen wäre es - fände tatsächlich keine Tour statt - von den oben erwähnten Einzelfällen einmal abgesehen für die meisten wohl keine Strafe. Denn bei einer Tour nicht dabeizusein, die nicht stattfindet, würde wohl kaum einen stören. Der Job würde ja für viele einfach etwas leichter, andere Rennen, speziell wohl der Giro, würden mehr Relevanz gewinnen, das wär es dann.

    Die einzigen, die es wirklich treffen würde, fiele eine Tour aus, sind die am Spektakel im TV und an der Strecke interessierten Zuschauer, damit auch die Medien, egal welche eigene "Moral" sie sich im Moment geben wollen und vor allem die webetreibenden Sponsoren. Damit würde man immerhin auf breiter Front die Gesellschaft insgesamt bestrafen - und damit wohl auch nicht so sehr den falschen treffen, wenn man den Ursachen des Phänomens ganz bis auf den Grund folgen will. Für den Radsport im Sinne der aktiven Rennfahrer wäre es aber wohl wie gesagt kaum eine Strafe. Aus den oben aber bereits genannten Gründen ist das Vorhaben aber wohl eh nicht zu verwirklichen. Da ist die Streichung einer Leichtathletikdisziplin bei Olympischen Spielen oder einer WM wohl wesentlich eher denkbar.

    • bediko
    • 05.08.2006 um 18:23 Uhr

    Ich verstehe das Problem nicht. Warum gibt man es nicht frei, leistungsfördernde Mittel zu nehmen? Wenn ein Sportler für einen Sieg seine Gesundheit ruinieren möchte, warum nicht? Es ist seine eigene Gesundheit! Es ist nach allgemeiner Erkenntnis sowieso nicht möglich, Doping zu verhindern. Diese künstliche Aufgeregtheit! Jeder ahnt es, keiner will es wissen! Wichtig ist nur, dass jeder weiß, worauf er sich einlässt! Vor Beginn einer Profikarriere muss jeder Sportler durch seine Unterschrift belegen, dass er über die Gefahren, ja tödlichen Gefahren, unterrichtet worden ist. Ich sehe keinen anderen Weg, Betrug durch Doping zu verhindern. Wir wissen dann, dass wir es im Leistungssport mit Zombies zu tun haben, geahnt haben wir es schon immer!

  4. Die Tour wird gestrichen und was ist mit dem Giro oder der Vuelta oder der ProTour. Fällt das dann auch aus? Werden die Veranstalter aus Solidarität ihre eigenen Veranstaltungen absagen? Wohl kaum - die freuen sich und werden dann versuchen sich auf Kosten der ausgefallenen Tour zu profilieren. Der Schauplatz ändert sich dann, mit Bekämpfung oder Einschränkung des Dopings hat das nichts zu tun.

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