Interview »Mörderisches System«

Der Molekularbiologe und Dopingaufklärer Werner Franke über die Dopingszene und ihre Komplizen in Politik und Justiz

DIE ZEIT: Herr Franke, Sie kämpfen seit 30 Jahren gegen Doping. Dennoch wird nicht weniger gedopt, im Gegenteil. War Ihre Arbeit vergebens?

Werner Franke: Nein! Aufklärung tut Not, denn die Öffentlichkeit wird getäuscht. Sportlicher Betrug ist das eine, aber schlimmer sind die intellektuellen Täter im Hintergrund: Ärzte, Wissenschaftler, Sportfunktionäre haben ein mörderisches System geschaffen. Ein System, das von Teilen der Politik, Medien und Justiz gedeckt wird.

ZEIT: Das müssen Sie erläutern.

Franke: Doping ist Arzneimittelkriminalität in großem Stile. Pharmakonzerne und Ärzte wirken mit dabei, dass verbotene Mittel an Sportler gelangen. Junge, gesunde Menschen sind daran gestorben. Die Sportverbände verheimlichen es, weil sie um ihr Image fürchten. Und die Medien? Statt kritisch zu berichten, schwärmen ARD- und ZDF-Kommentatoren bei der Tour von der Landschaft. Sie klammern die Kriminalität nahezu aus, das ist selbst schon kriminelle Beihilfe zum Doping.

ZEIT: Sie sind ein weltweit geschätzter Molekularbiologe. Mit Ihrer Frau, Brigitte Franke-Berendonk, der früheren Deutschen Meisterin im Diskuswurf und Kugelstoßen, kämpfen Sie gemeinsam gegen Doping. Warum tun Sie sich das an?

Franke: Weil ich dieses Verbrechen nicht durchgehen lassen kann. Mütter kommen zu meiner Frau und mir, wütend oder gar weinend, weil ihre Kinder Opfer der Dopingszene wurden. Und es gab ja bisher so gut wie keinen Sportmediziner, der sich im Anti-Doping-Kampf engagiert hat. Kein Wunder: Sportmediziner waren von den Chefärzten des Olympischen Komitees abhängig. Wer nicht deren Lied sang, riskierte seine Karriere. Und das OK kommt seiner Aufklärungspflicht nicht nach.

ZEIT: Warum denn nicht?

Franke: Die Höhe der Sportförderung bemisst sich nach den Medaillenchancen der Athleten. In vielen Sportarten aber hat man ohne Doping keine Chance. Schwarz-Rot-Gold muss oben sein, dafür werden buchstäblich Tote in Kauf genommen. 1977 sagte Wolfgang Schäuble, heute Deutschlands Innenminister, bei einer Anhörung im Bundestag über Dopingsubstanzen: »Wir wollen diese Mittel nur sehr eingeschränkt und nur unter der absolut verantwortlichen Kontrolle der Sportmediziner (…) einsetzen(…), weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne den Einsatz dieser Mittel (…) in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Die Zeiten haben sich seitdem geändert, auch die Worte, nicht aber der Geist.

ZEIT: Ist Spitzensport ohne Doping möglich?

Franke: Wenn weniger Geld im Spiel wäre, wohl eher. Ein Jan Ullrich verdient ein Millionengehalt, dazu kommen Werbeeinnahmen. Da ist die Verlockung groß, zu Drogen zu greifen, um vorne zu bleiben. In Schweden bestärkt der Staat seine Stars darin, sich den Beruf als ein zweites Standbein neben dem Sport aufzubauen.

ZEIT: Braucht Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz, wie es Politiker und Funktionäre fordern?

Franke: Nein. Das bestehende Arzneimittelgesetz würde völlig genügen. Es muss nur angewandt werden. Ein Beispiel: Der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein hat einem 16-jährigen Mädchen Androgene, also vermännlichende Dopingmittel, verabreicht. Ein Verbrechen, das der Richter mit bis zu zehn Jahren Haft bestrafen kann.

ZEIT: Springstein bekam eine Bewährungsstrafe.

Franke: Eben! Nur 16 Monate! Doping wird als Kavaliersdelikt betrachtet. Das Gesetz gäbe den Staatsanwälten im Anti-Doping-Kampf viele Möglichkeiten: Sie können Telefongespräche und E-Mails überwachen, sie können Häuser durchsuchen, sogar Arztpraxen. Meistens aber tun sie nichts.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MAXIMILIAN POPP

 
Leser-Kommentare
    • chiron
    • 05.08.2006 um 23:54 Uhr

    Ein Interview, dass sich wie Werbung in eigener Sache für den "Aufklärer" Werner Franke liest. Etwas irritierend auch die synonyme Verwendung der Begriffe Doping und Drogen. Ein Versehen oder Absicht? Wenn Herr Franke von Eltern spricht, die ihn und seine Frau aufsuchen, dann sei die Frage erlaubt, wer die Kinder zu Leistungssport antreibt (...) und wer Kindern u.a. Ritalin verabreichen lässt, obschon sehr viele Ärzte wegen gefährlichen Nebenwirkungen davor warnen. Wie kommen Kinder und Jugendliche überhaupt vom (Breiten-)Sport zum Spitzensport? Was treibt Eltern an fünfstellige Beträge pro Jahr für die Förderung ihrer Kinder auszugeben? Der im Interview dezidiert erwähnte Jan Ullrich mag Kinder wie Erwachsene faszinieren, aber die Verantwortung für die negative Entwicklung des Sportes trägt er nicht. Einmal abgesehen davon, ob die Dopingvorwürfe gegen Jan Ullrich berechtigt sind oder nicht, sollte man seine Gage doch in Relation zum dem sehen, was andere Spitzensportler leisten und verdienen - und wie lange so ein Sportlerleben dauert. Das Interview zielt doch auf die derzeitigen Ermittlungen gegen Basso, Ullrich u.s.w., oder? Wieso wird eigentlich statt über die Verantwortung der Sportler nicht auch über die der Funktionäre, Ärzte und Betreuer gesprochen? Man nehme als Beispiel ein junges Talent, das gefördert wird. Vielleicht erkennt man in ihm sogar, was relativ selten geschieht: ein Riesentalent. Nun, eines Tages eröffnen ihm erwachsene Menschen, dass er so oder so weiterfahren können (...), er müsse keine Angst haben, es ginge nur um sein Wohl, seine Gesundheit, es seien alles medizinisch kompetente Leute. Wieviele dieser Radfahren wählen diesen Beruf aus Liebe? Sollte einer seinen Beruf aufgeben müssen, weil er die Anwendung unerlaubter Mittel durch seinen Betreuerstab vermuten oder weil er es sogar wissen muss? Wozu ist ein solches Aufgebot an Betreuern, Ärzten und Funktionären überhaupt notwendig, wenn ein Sportler letztendlich das, wofür er aufsteht, möglicherweise gar nicht mehr tun könnte, wenn er nicht täte, was eben die Leute um ihn herum wollen? Und wenn ein Jan Ullrich, von dem geschrieben wird, er sein ein Jahrhundertathlet, gedopt sein soll, dann sei die Frage erlaubt, wer von all den Mitfahrenden nicht gedopt sein soll? Das könnte ja dann auch ein Dritter oder Vierternicht, weil die Rückstände schlicht zu gering sind. Ist eine Tour de France ohne medizinische Hilfe überhaupt auf dem Niveau eines Profisportlers fahrbar? Das System ist tatsächlich mörderisch: am Beispiel Jan Ullrich lässt sich zeigen, dass er praktisch in seiner ganzen Karriere gemäss vernichtender Kritiken und beissendem Spot so ziemlich alles falsch gemacht hat, ob er nun erster, zweiter, dritter wurde, sich so oder so vorbereitete, zu dick oder zu leicht war... Man lese nur all die Arteikel in den letzten Jahren über ihn, wenn man das nicht glauben mag. Wieso werden eigentlich Sportler zu einem Feindbild gemacht, dass ja seit Jahrzehnten systematisch von Geldgebern gefordert wird. Wer verdient denn eigentlich wirklich am meisten Geld mit den übermenschlichen Leistungen der Sportler? Wieso müssen Sportler ein Image vertreten, dass dem, was unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zuwider läuft? Die Industrie verdient wahrscheinlich nicht einige Millionen, sondern einige Milliarden an Medizin, die er, wenn wir so sauber leben wollten, wie wir es von Sportlern fordern. Perverserweise fordern wir gleichzeitig Höchstleistungen. Krank sind in meinen Augen nicht die Sportler, von denen uns einige Herren in Anzug und Krawatte überzeugen wollen, sondern wir, die Leistungs- und Spassgesellschaft, die in Sportlern regelmässig Sündenböcke zu entlarven vorgibt und sie dann der Steinigung freigibt.

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    Ulrich Wickert hat Recht: Gauner muss man Gauner nennen. Deshalb ist es auch richtig, Drogen Drogen zu nennen. Und nichts anderes sind Dopingmittelchen: Drogen.

    Jan Ullrich hat gedopt, weil er sein Talent nicht zu nutzen verstand. Wer Spitzensport betreiben will, muss dafür Opfer bringen. Und darf nicht mit Hängebauch aus dem Winterschlaf zurückkommen.

    Die Schuld auf die Eltern abzuschieben ist sehr billig und einfach. Und auch ziemlich unfair und gemein.

    Ulrich Wickert hat Recht: Gauner muss man Gauner nennen. Deshalb ist es auch richtig, Drogen Drogen zu nennen. Und nichts anderes sind Dopingmittelchen: Drogen.

    Jan Ullrich hat gedopt, weil er sein Talent nicht zu nutzen verstand. Wer Spitzensport betreiben will, muss dafür Opfer bringen. Und darf nicht mit Hängebauch aus dem Winterschlaf zurückkommen.

    Die Schuld auf die Eltern abzuschieben ist sehr billig und einfach. Und auch ziemlich unfair und gemein.

  1. Ulrich Wickert hat Recht: Gauner muss man Gauner nennen. Deshalb ist es auch richtig, Drogen Drogen zu nennen. Und nichts anderes sind Dopingmittelchen: Drogen.

    Jan Ullrich hat gedopt, weil er sein Talent nicht zu nutzen verstand. Wer Spitzensport betreiben will, muss dafür Opfer bringen. Und darf nicht mit Hängebauch aus dem Winterschlaf zurückkommen.

    Die Schuld auf die Eltern abzuschieben ist sehr billig und einfach. Und auch ziemlich unfair und gemein.

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