Es war heiß. Ich war beim Friseur. Die Friseurin sagte, hach, was für schönes Haar Sie doch haben, ooooh, wie gut sich das kämmt, wie angenehm das riecht, menno, da kann man ja richtig drin wühlen. Ich schlug eine Zeitung auf und las, dass Henry Maske, der weniger Haare hat als ich, für drei Millionen Euro wieder boxt. Eine Sekunde lang dachte ich, dass ich, wenn ich prominent genug wäre, für 100.000 Euro gegen den Kolumnisten Axel Hacke boxen könnte, der ungefähr mein Alter und meine Gewichtsklasse hat. Der Kolumnist Juan Moreno wäre zu jung, der Kolumnist Wiglaf Droste ist in einer zu hohen Gewichtsklasse. Dann spürte ich, wie die Friseurin langsam meinen Kopf massierte, wobei sie mit ihrem Körper im Rhythmus der Massage gegen den Friseurstuhl stieß, sodass der Stuhl leicht vibrierte, und ich roch die Friseurin. Am Tag vorher hatte mir jemand erzählt, wie Geruch zustande kommt, man nimmt winzige Partikelchen der Substanz in sich auf, die man gerade riecht. »Wenn du es riechst«, hatte der Freund gesagt, »dann ist es bereits in dir drin«, bei ekligen Sachen ist diese Vorstellung unangenehm, aber gewiss nicht bei einer Friseurin wie dieser hier. Ich dachte, ein Teil der Friseurin ist in mich eingedrungen, und dabei handelt es sich um keinen Gedanken und um keine Vorstellung, sondern um eine physikalische Wahrheit.

Die Friseurin brachte Kaffee und Zeitschriften. Sie lächelte süß und sagte: »Ich habe mir überlegt, welche Zeitschriften ein Mann wie Sie mögen könnte.« Es waren Psychologie heute, Emotion , und fit for fun. Die Friseurin fragte: »Soll ich die Locken herausarbeiten? Das steht Ihnen. Ganz bestimmt steht Ihnen das. Momentchen, ich setze Ihnen die Brille ab.« Ich sagte: »Ja, oh ja, bitte arbeiten sie die Locken heraus.«

Das nackte Bein der Friseurin streifte meinen ebenfalls nackten Arm, der vorschriftsmäßig auf der Armlehne lag, es fühlte sich kühler an, als ich erwartet hätte. Ich spürte die Friseurin, wie sie mit ihren Händen langsam und gründlich die Locken herausarbeitete und dabei heftig atmete, und dachte über männliche Würde nach. Ich dachte, dass Henry Maske immerhin gesundheitlich etwas riskiert in seinem Kampf und dass ich den blöden neuen Werbespot mit Harald Schmidt, wo er so albern kichert und mit dem Arm Bewegungen macht wie ein Huhn beim Eierlegen, viel würdeloser finde als das Comeback von Henry Maske. Für Geld zu kämpfen ist besser, auch irgendwie männlicher, als sich für Geld zum Affen beziehungsweise zum Huhn zu machen, ich werde aufhören, die Harald Schmidt- Show zu kucken. Warum brauchen die überhaupt alle so viel Geld? Die wirklich wichtigen Dinge kriegt man sowieso nicht für Geld! Dann berührte die Friseurin mit ihrem Zeigefinger mein Ohr und sagte: »Fertig, und jetzt zeige ich Ihnen noch etwas ganz Besonderes, speziell für Kunden wie Sie. Ich zeige diese spezielle Sache nicht jedem.«

Ich habe dann für 26 Euro ein »Sebastian Professional Potion Number nine«-Pflegegel für sensibles Haar gekauft, wie jedes Mal beim Friseur. Das Badezimmer ist voll davon. Ich benutze es gar nicht. Ich schaue es nur an.