Traum Ulrich Mühe
Der verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe glänzte in der Rolle des Stasi-Offiziers in »Das Leben der Anderen«. Als Vater von fünf Kindern träumte er von besseren Erziehungsmethoden
Mich treibt die große Frage um, wie wir mit der Gewaltneigung von Jugendlichen umgehen sollen. Ein Freund erzählte mir neulich, er habe in der U-Bahn und auf der Straße heute mehr Angst vor Minderjährigen als vor Erwachsenen.
Nun gibt es ja verschiedene Ansätze, sie reichen von »Wir fahren mit schwer erziehbaren Kids auf eine einsame Insel« über »Wir geben Kurse in Konfliktbewältigungsstrategien« bis hin zu geschlossenen Kinderheimen, in denen Wiederholungstäter weggesperrt werden. Aber diese Methoden kappen nicht die Wurzeln wiederholt ausgeübter Gewalt.
Das Einstiegsalter in kriminelle Karrieren sinkt in Deutschland immer weiter. Es wäre aber absurd, die Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre herunterzusetzen. Wenn wir die ohnehin schon überlaufenen Gerichte noch mehr überfordern, wird noch mehr Zeit vergehen zwischen der Tat und den möglichen Konsequenzen für den Täter. Wie soll ein jugendlicher Gewalttäter Einsicht in seine Verfehlungen bekommen, wenn zwischen Straftat und Urteil anderthalb Jahre liegen?
Wir müssten stattdessen die Eltern viel mehr in die Pflicht nehmen und sie notfalls mit empfindlichen Konsequenzen an ihre erste Zuständigkeit für ihre Kinder erinnern. Wenn ein Vater meint, es sei schon alles in Ordnung, was sein Sohn anstellt, und parallel dazu die eigene Frau schlägt, wie soll der Junge dann ein Gefühl für Recht und Unrecht entwickeln? Ich weiß, dass Erziehen tägliches Dilettieren und Improvisieren bedeutet. Mir ist klar, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder total überfordert sind, auch weil sie sich generell vom Leben überfordert fühlen.
Aber wenn wir uns nicht genügend mit unseren Kindern beschäftigen, ihnen zuhören und lieber mal länger nachdenken als kurz urteilen, dann gehen sie uns und auch sich selbst verloren.
Wenn aber »Mehr Zeit für Kinder« gefordert wird, muss man auch fragen: Wie soll das gehen, wenn im globalen Wettbewerb die einen mit 150 Prozent Kraft ranklotzen müssen, um ihren Arbeitsplatz zu sichern, und die anderen, die sich nutz- und wertlos fühlen, nachdem sie ihren Job verloren haben, an Zeit im Überfluss ersticken und im Kreisen um sich selbst versinken. Die einen wie die anderen werden sich irgendwann fragen: Kinder hab ich, aber wo?
Es muss den Eltern geholfen werden, mindestens so sehr wie ihren Kindern, und zwar, wie es so schön heißt: nachhaltig. Also ohne dass sich gleich die Sozialfürsorge einschaltet und das Ruder übernimmt. Und noch im selben Atemzug sind wir bei der Diskussion: weniger Staat oder mehr Staat?
Gerade vor dem Hintergrund des gescheiterten Experiments, das ich hinter mir habe, so wie 16 Millionen andere Deutsche, und das darin bestand, uns binnen einer Generation zu grundsätzlich besseren Menschen zu erziehen, bin ich für mehr Staat, so paradox das zunächst klingen mag. Der Appell an die sich selbst regulierenden Kräfte des Marktes oder auch eines traditionellen, mehrere Generationen umfassenden Familiengefüges reicht in einem hoch zivilisierten Konstrukt wie Europa nicht. Wenn sich der Staat zurückzieht, gibt es irgendwann nur noch Hauen und Stechen.
Der Staat darf seine Autorität nicht verlieren. Damit meine ich aber nicht etwa das, was offenbar die Föderalismuskommission unter Autorität verstanden hat. Wie kann die Hoheit über die Dinge, die Schulen unseren Kindern beibringen, nach wie vor bei den Ländern liegen, die es jahrzehntelang verschnarcht haben, die Lehrpläne wirklich zukunftsweisend zu reformieren?
Selbst wenn unsere politischen Leitfiguren endlich über ihre parteipolitischen Schatten springen sollten und zugeben würden, dass wir uns in ganz anderer Form mit Kindern und Jugendlichen auseinander setzen müssen, würde es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis sich die Änderungen auswirken: bis also anders ausgebildete Lehrer eingestellt werden, die Architektur von Schulgebäuden von Grund auf neu konzipiert wird und bis das Lernen auf der Basis der neuesten biochemischen Erkenntnisse völlig neu verstanden wird.
Ich glaube, positive Veränderungen lassen sich in der Ganztagsschule am besten durchsetzen, gerade wenn sich Eltern mit der Fürsorge ihrer Kinder hoffnungslos überfordert fühlen. Man darf Kinder nachmittags nicht sich selbst überlassen, man muss sie in die Pflicht nehmen. Insofern wünsche ich mir eine neue Strenge. Keine autoritäre Strenge, sondern eine fürsorgende Strenge. Meine beiden jüngeren Kinder gehen auf eine Ganztagsschule, die ihnen eine Bandbreite an Möglichkeiten anbietet: Sport-AGs, Computer-AGs, Musik-AGs. Ich selbst habe nie ein Instrument spielen gelernt, aber die beiden lernen jetzt Geige und jeweils noch ein weiteres Instrument dazu. Selbst eins zu lernen habe damals nicht ich verpasst, sondern meine Eltern haben es verpasst. Von allein setzt sich höchstens das Genie ans Klavier.
Es ist das ewige Dilemma von Eltern: Wie können wir die Konzentrationsfähigkeit unserer Kinder unterstützen, ihnen Disziplin beibringen, ohne sie mit Angeboten zu erdrücken?
Eine Kindheit, wie ich sie hatte, gibt es nicht mehr. Wir knallten mittags unsere Ranzen in die Ecke und verschwanden bis zur Dämmerung im Wald von Grimma. Im Sommer badeten wir im Steinbruch, ohne Bademeister oder Wasserqualitätskontrolle, packten uns ins Gras und überlegten uns: Was jetzt? Eine Fahrradjagd auf der autofreien Kreuzung? Aus Schilf gedrehte Zigarren rauchen? Pfennige auf Bahngleise legen und warten, bis der nächste Zug kommt? Oder lungern wir lieber rum und langweilen uns ’ne Runde?
Überhaupt, Langeweile zuzulassen – welch ein Luxus! Meine elfjährige Tochter hat bereits ein Handy. Eigentlich erzeugt diese Fernaufsicht übers Telefon klaustrophobische Gefühle. Doch es wäre sträflich, die Freiheit, die ich damals erlebt habe, in der Stadt zuzulassen. Heute kann ich sie meinen Kindern höchstens als Appetithäppchen im Ferienhaus servieren. Und da brauchen sie jedes Mal mindestens 24 Stunden, bis sie sich in der scheinbar reizärmeren Umgebung zwischen Fröschen und Störchen fallen lassen können.
Ich träume davon, dass auch in Zukunft eine Kindheit im Einklang mit einer friedvollen, natürlichen Umgebung möglich ist. So wie wir damals auf den Felsen bei Grimma rumkletterten – das war immer äußerst riskant, und wir waren glücklich dabei. Doch wenn man die Entwicklung der letzten fünfzig Jahre betrachtet, sind die Aussichten für Kinder nicht so rosig. Wenn wir so weitermachen, wird die Chance, dass überhaupt noch so etwas wie Kindheit stattfindet, immer weiter schwinden.
Aufgezeichnet von Andrea Thilo
- Datum 26.07.2007 - 05:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.08.2006 Nr. 32
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Der Inhalt des überragenden Films "Das Leben der anderen" mit einem überragenden Ulrich Mühe hat mich außergewöhnlich berührt. Einmal mehr wird deutlich, dass das "richtige" Leben (der anderen) aus lebendiger Kommunikation, aus eigenen gelebten Beziehungen besteht und ein System mit seinen Methoden keinen Anteil daran haben kann. In manchen Systemen wie der DDR wird dieses Leben sogar regelrecht unterbunden und so werde ich erinnert an meinen eigenen Kampf gegen die Mühlen staatlicher Bevormundung beim großen Thema der Erziehung und Bildung. Der Mangel an Leben und wahrer, lebensnaher Bildung kann staatlicherseits niemals wettgemacht werden. Bessere Methoden erscheinen angesichts der Filmaussage wenig hilfreich beim Traum von Freiheit, Kindheit und Leben.
Schön ist, dass Herr Mühe nun die Aufmerksamkeit in einer der wichtigsten, gesellschaftspolitischen Diskussionen nun auf den entscheidenden Aspekt lenkt, auch wenn ich seinen Ruf nach mehr Staat und besseren Methoden nicht teile. Kinder brauchen mehr Anteilnahme am echten Leben, intrinsisch motiviertes, individuelles Lernen und den vielfältigen Kontakt mit erfahrenen Menschen jeden Alters, um zu sich selbst zu reifen und ihre Umwelt beurteilen zu können.
Kinder brauchen keine neuen Methoden, Maßnahmen oder ein strafferes System, das allein aus finanziellen Gründen scheitern muss. Kinder brauchen in erster Linie uns, Väter, Mütter und uns alle.
Jan Edel
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