Kurz bevor Pedro Almodóvars neuer Film Volver in Spanien herauskam, besuchte der Schriftsteller Juan José Millás die Region La Mancha und sprach dort mit betagten Mitgliedern von Almodóvars Familie über vergangene Zeiten. Eine 80-jährige Tante erzählte ihm Geistergeschichten aus dem Dorf: von einer Frau, der der leibhaftige Tod, von einer anderen, der die verstorbene Mutter erschienen war. Schließlich sagte die Tante dem Schriftsteller: »Ich glaube nicht an solche Sachen. Aber genau so ist es geschehen.«

Mit Almodóvars Filmen geht es dem Zuschauer ähnlich: Kaum zu glauben, was man sieht – und doch geschieht alles, als ginge es nur so und nicht anders. Kein Raum fürs Kopfschütteln, stattdessen kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Dieses Kino ist ein Drehkreuz von Schicksalsschlägen und Überlebensstrategien, ein kontinuierlicher Clash von dramatischen Momenten. Längst hat Almodóvar die Übertreibungskunst seiner früheren Komödien ohne Reibungsverluste aufs große Melodrama übertragen. In einzigartigen Balanceakten fusioniert er tiefen Ernst mit Knalligkeit. Auf Komik kann er mittlerweile verzichten, tut es aber nur selten. Witz und Ernst widersprechen sich jedenfalls nicht. Almodóvar jongliert mit Pointen so gelassen wie mit allen übrigen Elementen seines emotionalen Karambolagekinos.

Sein neuer Film Volver ist auf den ersten Blick etwas bodenständiger als die vorherigen. Er erzählt von zwei Schwestern, die sich durch ihren Alltag kämpfen, spielt unter einfachen Frauen zwischen Madrid und der Mancha, in bescheidenen Wohnungen und ländlichen Patios, in der Bar nebenan und beim Frisör. Doch der dramatische Druck hebt Volver bald von allem Sozialen ab. Almodóvar verschränkt eine Familiengeschichte voller Tragödien mit mehreren Frauengeschichten voller Wärme und Witz. Missbrauch, Mord und Niedertracht platzen herein und werden durch verschiedene Arten von Anteilnehme aufgefangen. Und dann, bereits auf der üblichen Betriebstemperatur angekommen, in einem Augenblick stürmischer Trauerarbeit, geht Almodóvar noch einen Schritt weiter und bedient sich gewissermaßen seines heimatlichen Volksglaubens: Ein Gespenst tritt auf, um Licht in die Vergangenheit und Güte in die Gegenwart zu tragen. Die schmerzlich vermisste Mutter, seit Jahren tot, kehrt ohne viel Federlesens und in einer alten Kittelschürze wieder zu ihren Töchtern zurück. So erhält, nach vielerlei Verrücktem, nun sogar das Übersinnliche Einzug in Almodóvars Kino. Der Zuschauer stutzt kurz und staunt dann lange. Mit allergrößter Natürlichkeit bewältigt der Regisseur eine unglaubliche Auferstehung. Nach diesem Salto postmortale zwischen Schauermärchen und Mysterienspiel scheint bei Almodóvar alles möglich.

Im Grunde ist er allerdings längst ein metaphysischer Filmemacher. Über sein erstes reifes Melodram Mein blühendes Geheimnis von 1995 hat er einmal gesagt, er filme den seelischen Schmerz »auf eine fast mystische Art, als kniete ich nieder, um vor dem Altar des Schmerzes zu beten«. Die Konzentration auf den Schmerz hat zwar inzwischen nachgelassen, die andächtige Haltung aber ist geblieben. Sie richtet sich mittlerweile vor allem aufs Mitgefühl. Almodóvars ernstere Werke sind experimentelle Mobiles aus Leid und Mitleid. Seine Filme sind nie um eine Hauptfigur herum organisiert, sondern eher um ein schillerndes Gravitationsfeld extremer Emotionen. Den Figuren weitet sich das Herz, dem Zuschauer ergeht es ebenso. Von Live Flesh über Alles über meine Mutter bis hin zu Sprich mit ihr sind die Herausforderungen dabei ständig gewachsen: Immer elliptischer spannte sich der Handlungsbogen, und immer waghalsiger wurden die Gefühle verknotet. Am Ende gelang es Almodóvar sogar, einen Krankenpfleger, der seine wehrlose Patientin im Koma vergewaltigt, zum zärtlichen Helden zu machen – im Rahmen einer abenteuerlichen Dramaturgie, die sich überdies noch Rückblenden innerhalb von Rückblenden erlaubte. Damit konnte er nur durchkommen, weil er jenseits aller Zumutungen des Plots die Nervenbahnen seines Stoffes stets souverän unter Kontrolle hatte.

Das Feuer dieses Regisseurs verdankt sich einem utopischen Impuls

Nur selten ist ihm dabei etwas aus dem Ruder gelaufen. Mit Die schlechte Erziehung von 2004 erreichte Almodóvar nicht die gewohnte Flughöhe, weil er dem Homme fatale seiner Film-noir-Variation auf Teufel komm raus (im wahrsten Sinne des Wortes) alles Mitgefühl vorenthalten wollte. Von diesem blinden Fleck aus verlor der ganze Film seinen leidenschaftlichen Puls und blieb seltsam stumpf. Etwas Ähnliches war ihm schon einmal, 1993, mit Kika passiert, der letzten und schwärzesten seiner schrillen Komödien. Auch da gewann das Böse überhand und riss am Ende den ganzen Film zu Boden. Wann immer Almodóvar der Glaube wegsackt an den gutartigen Kern des menschlichen Herzens, kommt seinem Kino das innerste Feuer abhanden. Dieses Feuer hat, wenn es wieder brennt, gar nichts Naives oder Kitschiges. Es verdankt sich zwar einer Art utopischem Impuls. Doch bleibt in Almodóvars Gefühlsgewittern immer klar, dass Güte sich dem Schmerz verdankt, dass sie große Opfer mit sich bringt und viel Kraft kostet. Kann man Gutartigkeit lernen, vielleicht sogar im Kino? Almodóvars Tante würde womöglich sagen: »Ich glaube nicht an solche Sachen. Aber Pedro lässt sie geschehen.«

Nach dem unglücklichen Rückfall ins Böse richtet sich Almodóvar nun wieder am Guten auf. Volver, auf Deutsch »Zurückkehren«, ist eine Rückkehr in vielerlei Hinsicht. Stärker als je zuvor bezieht sich Almodóvar diesmal auf seine eigene Heimat, die Mancha, die er früh und dauerhaft gehasst hat; ausdrücklich betont er, dass er ausschließlich die positiven Züge der España profunda, des ländlichen, traditionellen Spaniens hervorheben wolle. Volver ist außerdem eine Rückkehr zu einem wenigstens komödiantisch durchwirkten Ton. Nach den Männer-dominierten Filmen Sprich mit ihr und Die schlechte Erziehung schart Almodóvar abermals ein Frauenensemble um sich (es bekam in Cannes den Darstellerpreis, und Almodóvar nahm eine weitere Palme fürs beste Drehbuch mit). Erneut feiert er, wie zuletzt in Alles über meine Mutter, die Macht weiblicher Solidarität. Und zwei seiner liebsten Stars sind zu ihm zurückgekehrt: Penélope Cruz – nach Jahren zweitklassiger Arbeiten rund um Hollywood – und Carmen Maura, die bedeutendste seiner frühen Stammschauspielerinnen. Seit ihrer Hauptrolle in Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs war sie fast zwanzig Jahre lang in keinem seiner Filme mehr aufgetreten. Folgerichtig wird sie nun als Schatten der Vergangenheit besetzt: als mütterliches Gespenst mit Vorgeschichte.