Medien Der Berufspessimist

Mit seinen Analysen des Nahen Ostens lag Peter Scholl-Latour sehr oft richtig – zu seinem Bedauern

Selbstverständlich hat auch Peter Scholl-Latour keinen Lösungsvorschlag, mit dem man den Südlibanon schnell befrieden könnte. Aber wer denkt, der Mann, der im Ruf eines chronischen Bellizisten steht, den sie früher »Mars-Latour« nannten, würde sich in diesen Tagen zurücklehnen und sagen, er hätte ohnehin den Konflikt voraussagen können, der irrt. Nein, es war nicht alles abzusehen gewesen. Und jetzt sei die Diplomatie gefragt. Es sei wichtig, dass die amerikanische Außenministerin mit Nabih Berri, dem Parlamentspräsidenten und Chef der Amal-Partei, rede, denn die habe einen gewissen Einfluss in Damaskus, und ohne Syrien sei kein haltbarer Waffenstillstand denkbar. Doch sehe er auch nicht, wie die Amerikaner ihrer selbst verschuldeten Gesprächsisolation im Nahen Osten wieder entkommen könnten. Deswegen sei es auch bedeutsam, dass die deutschen Geheimdienstkontakte zu Hisbollah nicht abrissen. Ja, reden, immer wieder miteinander reden, was sonst…

Scholl-Latour ist inzwischen 82 Jahre alt, er zählt zu den bekanntesten Journalisten überhaupt, jeder hat eine feste Meinung über ihn, wenngleich ihn wenige kennen. In seinem Alter ändert man die Gewohnheiten nicht mehr, weder in Kleidung noch Redeweise. Wenn man mit ihm spricht, glaubt man, einem Typus des politischen Beobachters zu begegnen, der selbst Diplomat zu sein scheint, so zurückhaltend, distanziert – und elegant. Noch vor wenigen Jahren schien allerdings sein Ehrgeiz auf mediale Allpräsenz gerichtet zu sein; kein Abend ohne Scholl-Latour.

»Wissen Sie«, sagt er heute, »ich gehe inzwischen nicht mehr in Talkshows. Da sitzen ein weinender Palästinenser und ein Israeli, der mit heiligem Zorn dagegenhält. Niemand will mehr ein Argument hören. Das ist nicht mehr mein Fernsehen.« Sein Fernsehen, das war die Zeit des Indochina-, später des Vietnamkriegs. Die Fronteinsätze seiner Kamerateams sind legendär, damals zählten Bilder noch. Er berichtete aus der Sicht der Amerikaner und aus derjenigen des Vietcong, der ihn sogar einmal gefangen nahm. Doch der nordvietnamesische General Giap achtete ihn hoch, und Scholl machte eine Reportage aus der Episode.

Wieso er noch heute jeden Politiker sprechen kann, den er will? Und warum Taxifahrer in den arabischen Ländern sich weigern, von ihm Geld anzunehmen? »Das ist eine Frage der journalistischen Fairness und des Auftretens. Wenn man respektiert werden möchte, darf man vorderhand nicht parteilich sein und muss eine gewisse Würde ausstrahlen. Ich weiß nicht, ob Reporter das in diesen Ländern heute noch tun.« Junge Journalisten hören solche Sätze nicht gern. Auch wenn sie es bestreiten, bleiben sie doch meistens Rädchen großer medialer Emotionalisierungsmaschinen. Scholl dagegen ist Relikt einer Zeit, als der Journalismus noch gerecht im Sinne von wertfrei sein wollte. Der realistische, manchmal auch panoramatische Blick auf Kriegsszenarien wird ihm heute gelegentlich als Zynismus ausgelegt. Es ist unter seinem Niveau, etwas dagegen zu unternehmen. Man erklärt sich nicht selbst. »Ich bin unabhängig, ich bin in der günstigen Position, trotzdem zu sagen, was ich denke. Ich brauche keine Sender oder Redaktionen mehr.«

Er war Fernsehdirektor beim WDR und Studioleiter beim ZDF, in verwirrter Zeit, nach dem Debakel mit den Hitler-Tagebüchern, sogar einmal kurz stern - Chefredakteur. Er wollte danach kein Chef mehr sein. Heute ist er Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor – gerade erscheint eine Analyse Russlands. Seine journalistische Neugier erlischt nicht, und solange sein Körper mitmacht, reist er. Gerade befindet er sich im Aufbruch nach Teheran, danach geht es nach Afghanistan. Es ärgert ihn ein wenig, dass er es dort nicht mehr in die Berge schafft und er sich mit den Stammesfürsten und Warlords nur schriftlich austauschen kann. Scholl-Latour ist Augenzeuge. Sein Glück war es, niemals irgendwo »embedded« gewesen zu sein. In dieser Rolle ist es beinahe ein wenig einsam um ihn geworden in einer Zeit, in der Medien allzu oft auf Medien reagieren, in einer Zeit der Internet-recherchierten und abgeschriebenen Nachrichten.

Und was würde jemand sehen, der jetzt im Libanon die Augen aufmachte? Er würde, sagt er, einen großen Kampf zwischen Sunniten und Schiiten sehen, der durch die Machtansprüche Irans angefacht werde. Im Libanon tobe auch ein Krieg innerhalb der islamischen Welt, und die USA seien dabei, letzte Sympathien in der Region zu verspielen, die sie noch als eingreifende Ordnungsmacht legitimierten. Das Erste sei, sich von allen Illusionen zu befreien, vom Traum des Demokratieexports, des nation-building, der UN-Truppen, des durch Waffengewalt erreichbaren Friedens.

Die meisten seiner Prognosen trafen zu. Scholl-Latour sagte den Amerikanern ein neues Vietnam im Irak voraus. Wollte er je ein politisches Orakel sein? »Das erfüllt mich schon mit einer gewissen Genugtuung. Aber einer, an der ich mich naturgemäß nicht freuen kann.« Thomas E. Schmidt

 
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