Amir* gibt sich cool. Logisch, klar kennt er den Hafen. Schon zehnmal sei er da gewesen, behauptet der 13-jährige Hamburger Junge türkischer Abstammung und wirft sich in die Brust. Seine 12-jährige Schwester grinst und zwinkert: Glaub ihm kein Wort! BILD

Es ist 10 Uhr morgens, mit anderen Kindern schmieren sich Amir und seine Schwester in der Jenfelder Kaffeekanne, einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, Brötchen für einen Ausflug, der gleich beginnen soll. Mario, der junge Erzieher, der seine Haare und sein Ziegenbärtchen mit Gummibändern zusammengebunden hat, packt Limonade in Tetrapaks für alle in einen Rucksack. Die Kinder zerren und reißen an ihm. »Hört auf, mich zu betatschen!«, sagt er unwirsch.

Einen Euro kostet die Teilnahme am Ausflug – ein eher symbolischer Beitrag. Kostete es mehr, würden die Eltern ihre Kinder womöglich nicht mitschicken, meint eine Erzieherin. Hier in Jenfeld, im Osten der Hansestadt, wohnen viele Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, Ausländer, Zuwanderer. Bis zu ihnen ist der so viel bestaunte wirtschaftliche Aufbruch Hamburgs nicht vorgedrungen.

In der »Wachsenden Stadt«, so der Leitbegriff des Senats, wächst auch die Armut und schließt ganze Gruppen vom neuen Wohlstand aus. So vermehrt sich das Heer jener jungen Menschen, die sich trotz guter Ausbildung mit Minijobs, Praktika und befristeten Arbeitsverträgen nur mühsam über Wasser halten können und die sich selbst »internationales Prekariat« nennen: prekär, so seien ihre Lebensbedingungen.

Einige von ihnen haben in jüngster Zeit mit unkonventionellen Aktionen Aufsehen erregt. Vermummte Gestalten plünderten das Büffet eines Edelrestaurants in Blankenese unter den Augen der pikierten Gäste und trugen teure Delikatessen aus einem Feinkostgeschäft am Hafen. Nicht um Klamauk ging es den jungen Leuten, sondern um »Rebellion«, erklärten jüngst zwei Gruppenmitglieder anonym in einem stern - Interview:

»Wir wollen zeigen, es ist möglich, sich zu wehren… Wir gehen durch diese Stadt, wir sehen ungeheuer viele Orte, wo sich der Reichtum symbolisiert, wo ein bisschen Kaviar 500 Euro kostet… Könnte es sein, dass der manchmal fast obszöne Reichtum in dieser Stadt sich aus Arbeitsverhältnissen speist, die ungerecht sind? Dass der Wohlstand erarbeitet wird, weil Menschen hier zum Teil unter miesesten Bedingungen schuften?«

Denn es gibt nicht nur die, die der Arbeitsmarkt nicht braucht. Auch mancher, der einen regulären sozialversicherungspflichtigen Job hat, tut sich immer schwerer in Hamburg, damit eine Familie zu ernähren. Familie Beinmüller* aus Jenfeld zum Beispiel zählt zu diesen so genannten working poor . Vater Beinmüller arbeitet seit 28 Jahren als Elektriker am Flughafen, seine Frau ist Hausfrau und Mutter. Der älteste Sohn, 21, hat soeben eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen, der 19-jährige Sohn hat das Fachabitur und bemüht sich seit einem Jahr vergeblich um eine Lehrstelle, »er ist schon ganz deprimiert«, sagt die Mutter. Der 15-jährige Sohn besucht noch die Realschule.