Jerome Ringo brauchte Katrina nicht.Den meisten anderen Amerikanern machte erst der große Hurrikan die Rassen- und Klassenschranken deutlich, die sie so bereitwillig verdrängt hatten. Ringo aber hatte schon lange seine Freizeit in den Schwarzenvierteln von Louisiana verbracht. Er hatte die Armen über die Umweltprobleme in ihrer Region aufgeklärt. Foto: Robert Landau/Corbis BILD

Zuvor hatte der kräftig gebaute Sohn eines Postangestellten 20 Jahre lang dazu beigetragen, Rohöl in Plastik, Sprit und andere Schlüsselgüter der Moderne zu verwandeln, zuletzt als Betriebsbereichsleiter in der chemischen Industrie. Gemeinsam mit der Gewerkschaft hatte er für die rigorose Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen gekämpft, die aber schützten nicht vor den Umweltgiften, die Tag und Nacht von den Fabriken zu den Hütten der Leute hinüberwehten.

»Besonders schlimm war es in der Cancer Alley«, erzählt Ringo.

»Krebs-Allee«, so nennen die Einheimischen eine etwa sechzig Kilometer lange Senke, die sich von New Orleans bis Baton Rouge erstreckt, der Hauptstadt Louisianas. Dicht an dicht stehen dort die Ölraffinerien und Chemiefabriken. Und die Zahl der Krebserkrankungen liegt weit über dem nationalen Durchschnitt. Die Opfer seien fast immer arm und Nachkommen früherer Sklaven, sagt Jerome Ringo. »Und schwarze Familien haben auch anderswo in den USA meist die gleiche Postleitzahl wie eine Kläranlage, eine Mülldeponie oder eine Chemiefabrik.« Jetzt hat sich der Mann aus dem Süden ein weiteres Thema vorgeknöpft: den Klimawandel. Dass er damit neuerdings im Licht der Öffentlichkeit steht, ist nur ein Indiz dafür, dass sich auch in den Vereinigten Staaten ein Bewusstsein für die drohenden ökologischen Gefahren durchzusetzen beginnt.

Jerome Ringo ist eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Ökologieszene. 1994 gab er seinen Job in der chemischen Industrie auf und gründete ein Büro, das Bürgerinitiativen bei Justizverfahren gegen Umweltverschmutzer berät. 2005 wurde er Präsident der National Wildlife Federation (NWF), der mit 4,5 Millionen Mitgliedern größten Umweltorganisation der USA.

Dieses Wahlergebnis war schon erstaunlich genug für einen ehemaligen Gewerkschafter, denn die NWF gehört traditionell eher zum unpolitischen Teil der Umweltbewegung: Sie druckt lieber hübsche Naturkunde-Heftchen für Kinder, als – wie etwa Greenpeace – Großunternehmen wegen ihrer Umweltsünden anzuprangern.

Eine Sensation aber war es, dass ein Schwarzer eine derart einflussreiche Position in der Ökobewegung übernommen hat. »Zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas«, sagt Ringo stolz. Denn nach wie vor sei die Umweltbewegung beherrscht von Leuten, »die angeln gehen, nicht weil sie den Fisch auf den Tisch bringen, sondern weil sie ihn als Trophäe an die Wand nageln wollen«. Und diese beiden grundverschiedenen sozialen Gruppen will der Umweltschützer jetzt zu einer wirkungsvollen grünen Kraft zusammenführen.

Sein wichtigstes Instrument dafür ist die Apollo Alliance, eine Koalition aus Gewerkschaften, Umweltgruppen, Unternehmensführern und Kommunalpolitikern. Sie ist nach dem Apollo-Projekt benannt, das John F. Kennedy einst mit der Vision ins Leben rief, innerhalb von zehn Jahren den ersten Menschen auf den Mond zu schicken. Und die Apollo Alliance wirbt seit fünf Jahren für ein 300 Milliarden Dollar schweres Investitionsprogramm zum Umbau des Energiesystems. Mit dem Geld sollen Aufklärungs- und Beratungsprogramme für erneuerbare Energien finanziert werden, Fabriken für umweltfreundliche Autos, Technologien, die effizienter mit Energie umgehen. Wenn diese Rakete zünde, meint Jerome Ringo, dann könnten langfristig drei Millionen Jobs entstehen. Zudem werde der Klimawandel bekämpft und die »Öl-Abhängigen«, wie selbst der konservative Präsident die Amerikaner genannt hat, würden nicht mehr so viele fossile Brennstoffe brauchen.

Zwar hat George W. Bush das Kyoto-Protokoll noch immer nicht unterzeichnet, und wenn es um die globale Erwärmung geht, dann bleiben Bush und seine Unterstützer vom rechten Flügel gleichgültig wie eh und je. Der republikanische Senator James Inhofe bezeichnet alle Meldungen über die drohende Klimakatastrophe als Schwindel, und trotz des rekordverdächtig teuren Sprits steuern Millionen von Amerikanern weiterhin ihre dicken Geländefahrzeuge durch die Gegend.

Doch mehr und mehr Konsumenten entscheiden sich heute für effiziente Hybridfahrzeuge wie den Toyota Prius. Solche Autos gelten plötzlich als schick. Und nach Jahren der Selbsttäuschung und der endlosen Debatten darüber, ob es überhaupt ein Problem gebe, hat der Hurrikan von New Orleans die Amerikaner aufgerüttelt. Jetzt gibt es einen breiten Konsens darüber, dass der Klimawandel längst Realität ist. Typisch amerikanisch: Die Kraft der Überzeugung wächst mit der Hoffnung, dass bei alldem auch wirtschaftlich etwas herausspringt.

Der Chemieriese Dupont etwa ist eines von vielen Unternehmen, das mit seiner grünen Politik reichlich Geld verdient hat. Durch effizienteren Umgang mit Energie hat die Firma ihre Treibhausgas-Emissionen seit Anfang der neunziger Jahre um 67 Prozent reduziert: zwei Milliarden Dollar Gewinn.

Auch Städte und die Regierungen einiger Bundesstaaten verdienen an ihrer Sparsamkeit – allen voran in Kalifornien. Dort hat Gouverneur Arnold Schwarzenegger ein ehrgeiziges Umweltprogramm initiiert und damit die meisten Wähler genauso überrascht wie die Umweltschützer. Die hatten dem ehemaligen Action-Darsteller schon wegen seines benzinfressenden Autos misstraut: eines Hummers, des sinnlosesten Autos der Welt!

Doch Schwarzenegger konnte gar nicht anders: Zum einen gilt Kalifornien traditionell als umweltbewusst. Kein Politiker kommt besonders weit, wenn er nicht ökologisch angehaucht ist. Zum anderen treibt den Star-Gouverneur wohl auch die Erkenntnis, dass grüne Politik sich rechnet.

»Mit unserer Initiative für grüne Gebäude kann der Staat den Energieverbrauch bis zum Jahr 2015 um 20 Prozent reduzieren«, schwärmt Schwarzeneggers Umweltberater Terry Tamminen. »Effiziente Beleuchtungssysteme etwa holen die Investition schon in 18 Monaten wieder herein, danach sind die Einsparungen reiner Gewinn.« Ein Millionen-Dächer-Programm für Solarenergie, das Fotovoltaikanlagen über elf Jahre mit 3,2 Milliarden Dollar fördert, werde das Vierfache des investierten Wertes an Arbeitseinkommen schaffen, ergänzt der 54-jährige Ökofachmann. »Und diese Jobs entstehen nicht in China, sondern hier bei uns. Außerdem forschen wir intensiv an den nächsten Generationen der Solartechnologie«.

Tamminen hat eine Menge Einfluss in Kalifornien, aber sein Aufstieg war ziemlich unorthodox. Als Jobhopper züchtete er vor seiner politischen Karriere Schafe, machte Swimmingpools sauber, verkaufte Immobilien und trat in Shakespeare-Stücken auf, »überall dabei, nirgends ein Meister«, wie er fröhlich zugibt.

2003, als Arnold Schwarzenegger seine Kandidatur anmeldete, war Tamminen gerade hauptberuflich in einer Umweltgruppe in Los Angeles aktiv. Die beiden kannten sich über gemeinsame Freunde in Hollywood. Außerdem hatte Tamminens Ehefrau, eine Rechtsanwältin, für den Filmschauspieler Verträge ausgehandelt.

Nach einem Gespräch mit allen Gouverneursanwärtern, bei dem Tamminen die Forderungen der Umweltschützer vorgetragen hatte, lud Schwarzenegger ihn zum Essen ein. Diesmal (fast) unter vier Augen. »Seine vier Kinder«, erinnert sich Tamminen, »sprangen die ganze Zeit in seinem Büro herum und klauten uns die Pizza vom Teller. Dabei redeten wir über die Probleme: Luftverschmutzung, Klimawandel, Waldschäden. Zwei Tage später standen die Grundzüge seines Umweltprogramms fest.« Vergangenes Jahr riskierte Schwarzenegger sogar einen klaren Bruch mit George W. Bushs Klimapolitik. »Die Debatte ist abgeschlossen«, erklärte der Gouverneur. »Wir kennen die wissenschaftlichen Fakten, wir sehen die Gefahr, jetzt ist es Zeit, zu handeln.« Und er unterschrieb eine Verordnung, mit der sich Kalifornien dazu verpflichtet, die Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent zu verringern und bis 2050 sogar um 80 Prozent – eines der ehrgeizigsten Reduktionsziele der Welt.

Autohersteller sollen ihre Treibhausgas-Emissionen schon ab 2009 um 20 Prozent reduzieren. Dieses Gesetz hatte vor allem die demokratische Abgeordnete Fran Pavley vorangetrieben, und es wurde noch vor Schwarzeneggers Amtszeit beschlossen. Aber als General Motors, Ford und auch deutsche Firmen gegen die Bestimmungen vor Gericht gingen und dabei von der Regierung Bush unterstützt wurden, sah sich der neue kalifornische Gouverneur herausgefordert.

Es geht auch um Verfassungspolitik: Die Bush-Regierung meint, eine derartige Gesetzgebung sei Bundessache. Kalifornien aber, der fünftgrößte Wirtschaftsraum der Welt, könnte mit einem solchen Gesetz bestimmen, was im Rest der USA produziert wird. Das ist vielen ein Dorn im Auge. Für Terry Tamminen ist das Gesetz nicht weniger als der Schlüssel zum Erfolg von Schwarzeneggers Klima-Aktionsplan: »Vierzig Prozent der Emissionsreduktionen hängen von seiner Umsetzung ab«, erklärt er. »Deshalb müssen wir siegen.«

Und auch international will Kalifornien ein Vorreiter in der Umweltpolitik sein: Ende Juli unterzeichneten Schwarzenegger und der britische Premierminister Tony Blair ein Abkommen über den Austausch von Technologie und Forschungsergebnissen im Kampf gegen den Klimawandel. Der Bundesstaat New York hat angekündigt, er werde nachziehen. Elf amerikanische Bundesstaaten – nach China und den USA als Ganzem bilden sie die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – wollen darüber hinaus mit Emissionen handeln. 21 Bundesstaaten haben Gesetze zur Förderung sauberer Energiesysteme verabschiedet, in der Hoffnung, dass dadurch Energiespartechnologien sowie Windkraft- und Fotovoltaikanlagen für jedermann erschwinglich werden.

Mehr als 200 amerikanische Bürgermeister haben sich inzwischen verpflichtet, auf kommunaler Ebene die Anforderungen des Kyoto-Protokolls zu erfüllen oder gar zu übertreffen. Auch diesen Stadtoberhäuptern – von Chicago bis Salt Lake City, von San Francisco bis Portland – geht es nicht nur um die drohende Klimakatastrophe. Sie wollen mit dem ökologischen Umbau Arbeitsplätze schaffen und ihre Städte lebenswerter machen.

An dieser Stelle kommt wieder Jerome Ringo ins Spiel. Denn die über 200 Städte sind auch mögliche Partner, um sein Apollo-Programm voranzubringen. Vor einer Konferenz des »New Cities Project« in Las Vegas bekam Ringo im Juni Standing Ovations. Ende September soll er bei einem Klimaforum des WWF in Berlin sprechen.

Nichts aber zeigt deutlicher, dass sich das Umweltbewusstsein der Amerikaner gewandelt hat, als die Tatsache, dass Al Gore wieder da ist. Nach der Präsidentschaftswahl 2000 wurde der ehemalige Vizepräsident von der Bühne gebuht, urplötzlich aber gilt er als interessantester Politiker überhaupt. Seit sein Dokumentarfilm Eine unangenehme Wahrheit in die Kinos kam, war Gore auf so gut wie allen Titelseiten und in allen wichtigen Radio- und Fernsehshows. Einige Medien glauben sogar, dass er im Jahr 2008 wieder Präsidentschaftskandidat werden könnte. In dem Film geht es um die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels.

Gore selbst weicht aus: »Ich bin nicht mehr in der Politik und habe auch keine Absicht, zurückzukehren«, sagt er. Die Medien sehen das anders. Die gleichen Kommentatoren, die Gore früher als matt, anmaßend und wenig vertrauenswürdig abtaten, schildern ihn jetzt als leidenschaftlich, hervorragend informiert und sympathisch. »Warum hat er nicht so geredet, als er Kandidat war?«, fragen die Kommentatoren.

Wenn man Gore begegnet, scheint er sich allerdings kaum verändert zu haben. Beim Mittagessen im Restaurant des Ritz-Carlton-Hotels in San Francisco wirkt er höchstens ein wenig stämmiger als zu seiner Zeit im Weißen Haus. Aber als er erklärt, dass der Klimawandel »eine moralische Frage« sei, die »das Überleben unserer Zivilisation infrage stellt«, klingt er wie der verkopfte, engagierte Senator, der 1992 das Buch Earth in Balance schrieb. Auch sein ausdrucksloses Gesicht, seine Bemühungen, mal einen Witz zu machen, wecken Erinnungen an den steifen Präsidentschaftskandidaten, der 2000 so viele Wähler befremdete.

Niemand hat mehr getan als Al Gore, um den Amerikanern das Problem des Klimawandels nahe zu bringen, aber er ist kein raffinierter Politiker. Die Rolle des Naturkunde-Oberlehrers steht ihm besser. Nicht Al Gore hat sich also verändert, aber mit den Medien ist etwas passiert. Sie hören ihm endlich zu. Auch sie hat Katrina verändert. Als New Orleans versank, ließen sie sich nicht mehr von Wissenschaftlern besänftigen, die, gesponsert von der Ölindustrie, die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel verharmlosten.

Seit Anfang dieses Jahres ist die globale Erwärmung ein Thema in den amerikanischen Medien. Vom Informationsmagazin 60 Minutes bis zur größten Tageszeitung USA today und zum Nachrichtenmagazin Time, überall erscheinen Beiträge zum Thema. Die Illustrierte Vanity Fair brachte eine Schwerpunktausgabe, und selbst Fox News zog mit, der politisch rechts stehende Nachrichtenkanal, der George W. Bush verteidigte.

Vielleicht ist es noch zu früh, von einem zweiten Ergrünen Amerikas zu sprechen, in Anspielung auf die glorreichen siebziger Jahre, als die Umweltbewegung selbst Präsident Nixon dazu zwang, sich um sauberes Wasser und saubere Luft zu kümmern. Aber Jerome Ringo, Terry Tamminen und Al Gore verkörpern einen Aufschwung des ökologischen Denkens, der die Vereinigten Staaten erfasst hat, jenseits der üblichen Grenzen zwischen Demokraten und Republikanern, Arm und Reich, Schwarz und Weiß.

Mehr und mehr ist George W. Bush mit seiner Klimapolitik isoliert. Und in zwei Jahren, nach den Wahlen 2008, wird er ohnehin nicht mehr im Amt sein.

* Mark Hertsgaard , Jahrgang 1955, gilt als einer der renommiertesten Ökologie-Journalisten der Vereinigten Staaten. Er lebt in San Francisco, schreibt für »New York Times«, »Newsweek«, »The New Yorker« und »The Nation«. Im Carl Hanser Verlag ist 2003 sein Buch »Im Schatten des Sternenbanners, Amerika und der Rest der Welt« erschienen. Seinen Bericht hat Christiane Grefe aus dem Englischen übersetzt.