SpektakelMan reiche mir einen Kollaps

Ernsthafter Wald, ernsthafte Kunst, schwere Menschen. Eine Begegnung mit Bayreuth und Wagner, der ja nichts für seine Fans kann von Sibylle Berg

Das vorherrschende Gefühl am ersten Abend meines Bayreuth-Aufenthaltes ist Angst. Umzingelt von Männern, die im besten Falle Stoiber, bei ungünstigerer Ausleuchtung Mengele sein könnten. Gegerbte, braune Gesichter und Smokings, weiße Haare, akkurat über die hohe Stirn gelegt, die Gattin dazu könnte sehr gut in einem Freikörperverein Schönheitstänze machen und kleine Fahnen schwingen. Und was haben die nur an? Warum sehen die Trikotagen, in der Bunten nennt man es Roben, aus wie aus einem Sack für die Altkleidersammlung? Da knittert das Zeug, schlägt Falten, ist zu kurz, lange Kleider bis zum Knöchel und goldenen Sandalen, das geht doch alles nicht, soll das reich aussehen? Gibt es ein Kind, dann heißt es Carsten-Alexander und hat einen Seitenscheitel. Wir fahren im Oldtimer-Bus auf den grünen Hügel, vorbei an Burschenschaften, überall Deutschlandflaggen, hängen die da noch vom Fußball, oder wurde für Wagner gehisst? Angst.

Ich weiß, um mich im Vorwege zu entschuldigen und jenen, die an ernsthafter Wagner-Kritik interessiert sind, Zeit zu schenken, weder über Opern noch über Stoibers Gattin Bescheid, man kann nicht alles können, langt es doch, dass ich die Relativitätstheorie begreife und 18 Fremdsprachen beherrsche.

Die Freude an klassischer Musik, dachte ich immer, würde sich irgendwann im Alter einstellen, so wie die Vorliebe für Mobiliar. Ich glaubte, dass ich irgendwann in meiner Bibliothek säße, ein Baccaratglas mit irgendwas in der Hand, und Schubert-Liedern lauschte, oder Wagner bei trüber Witterung. Semmelblonde Kinder sprängen mit altklugen Gesichtern in meiner Holzbodenwohnung herum und würden sagen: Mamon (also französisch), das ist aber eine schlechte Aufnahme der Todesvariationen. Das Adagio ist verschleppt.

Allein kam mit dem Alter weder Freude an überbordendem Mobiliar noch an Musik. Eher immer weniger Musik, immer weniger Möbel, denn das Bewusstsein, dass einer all das Gerümpel zu entsorgen hat in Kopf und Behausung, verleidet mir als höflichem Menschen ausuferndes Konsum- und Kaufgebaren. Wagner hieß für mich deutsch, braun, Kitsch, Neuschwanstein, Walhalla, Schäferhunde, die Tochter von F. J. Strauß – alles Dinge, die uninteressant waren.

Die Gesellschaft, in der ich mich vor dem Opernhaus befand, tat nichts, um Vorurteile zu entkräften. Der erste Abend: Tristan und Isolde von Marthaler. Und nach zehn Minuten werde ich bleischwer. Mit Marthaler-Inszenierungen geht es mir wie mit manchen Menschen. Sie sagen nur guten Tag, und ich falle in ein Halbkoma. Es stehen Stühle anstelle der sonst üblichen Bürotische herum, Tristan sieht aus wie Konsul Weyer, Isolde singt sehr laut, nein, nichts dagegen, singen können sie, das Orchester aus der Versenkung hat einen nie gehörten Klang, aber wie sieht das nur aus? Und wozu muss man inszenieren, wenn die Leute dann eh nur auf der Bühne stehen und singen? Neonröhren schweben am Himmel, wackeln hin und her, und diese muffige Vätergeneration-Dekoration, dieses 68er-Trauma – interessiert mich das, dieses DDR-Elend? DDR bin ich selber. Es war eine andere Revolution, in einer anderen Zeit.

Die Langeweile macht jeden Muskel kribbeln, Schmerzen in Rücken, Gliedmaßen, links und rechts Reihen voller verzückter Stoibers. Wie kommt man hier raus? Zu Tode langweilen, endlich weiß ich, was das heißt: lieber sterben wollen, als das weiter erleben zu müssen. Eine Dame hat einen Kollaps und wird unter lautem Gerumpel entsorgt. Oh ja, man reiche mir einen Kollaps.

Erregt das jetzt wirklich die Zuhörer? Ihre beherrschten Gesichter verraten nichts darüber. Ist Wagner Rock für emotional Unterentwickelte? Geraten sie außer sich, wollen tanzen, schreien, ein Leben im Takt dieser Musik? Was immer es ist, ich werde es an diesem ersten Abend nicht lösen.

Bayreuth ist eine Perle in Bayern. Oder auch: die größte technische Revolution, auf die ein Urinstrahl treffen kann. Entschuldigung, das gehört nicht hierher, Werbung im Hotelzimmer-TV, was man im Fernsehen alles sagen darf, ohne bombardiert zu werden. Bayreuth also sieht unendlich reich aus. Das Fichtelgebirge lappt in der Umgebung, die Häuser geputzt und renoviert, berauschend schöne Dreißiger-Jahre-Villen in grünen Seitenstraßen und das wieder aufgebaute Haus Wagners. Alleen, ein Park, und hier wird mir Wagner sympathisch. Er kann ja nichts für seine Fans. Ich sitze in der Bibliothek, irgendeine Wagner-Musik rollt durch den Raum, in den Park, und will etwas ganz Großes. Das hat nichts mit deutsch zu tun, oder vielleicht doch, und da wäre ohne Hitler auch nichts falsch daran gewesen. An diesem ernsthaften Volk in der Mitte, nicht verrückt wie die Nordländer, zu kalt, um als Südländer durchzugehen. Zu groß, um sich selber ignorieren zu können. Ernsthafter Wald, ernsthafte Kunst, ernsthafte Philosophen, schwere Menschen mit rechteckigen Gesichtern, die in ihrer guten Ausprägung vermutlich nach etwas Hehrem suchten. Der deutsche Wald. Die Reinheit der Kunst. Dieses Ringen, sich selber zu verlassen, sich zu erheben über die Trivialität des Lebens, des Sterbens, die albernen Jahre dazwischen. Es wäre doch alles nicht schlimm gewesen, wenn sie einfach, sonor über Schopenhauer diskutierend, auf Kreidefelsen herumgestanden hätten, wie Stöcke, aber dann kam wieder der Mensch dazwischen, der sich denkt, wenn ich schon mehr denke als andere Völker und weniger Spaß habe, dann bedeutet das, dass ich ihnen überlegen bin. Dann muss doch die ganze Welt so aussehen. In Gehröcken Haltung bewahrend, Meister der Beherrschung, größte Verleugner des Originaltones. Was ist nur aus den Deutschen geworden? Wie traurig ist das alles. Diese Fettwurst essende Gemeinschaft von Fußballprolls. Hurra, wir sind Deutschland, und wir sind stolz darauf. Worauf nur, ihr Dumpfbacken? Dass wir die Fahne wieder ansehen können, ohne uns zu übergeben? Dass sich das Land von allem Dreck reinigt, braucht sicher noch hundert Jahre, denke ich, als ein Bayreuther mir auf dem Fahrrad auf dem Fußweg entgegenkommt, nicht ausweicht, brüllt – rechts gehen. Fast rauscht mein rechtes Ärmchen gen Himmel.

Im Haus Wahnfried, ich liebe diesen Namen, wenn ich Kinder bekomme, werde ich sie alle so nennen, lese ich die Notizen zur Parsifal-Inszenierung von Schlingensief, geschrieben von seinem Dramaturgen Carl Hegemann. Und Wagner wird mir durch diesen Text noch verständlicher. Diese große Albernheit des Lebens – egal ob man Künstler ist und versucht sich und anderen eine Idee oder eine Möglichkeit zur Verdrängung zu geben, man wird vermodern, Maden werden tanzen, in uns allen, und dumm, wem das nicht täglich klar ist. Die Musik in Wagners Nachbaubibliothek bekommt etwas Schweres, Sehnendes. Das war dem doch egal, diese Stoiber-Gattinnen, die Fans, die Bausch und Glorie sehen wollen, nur den eigenen Stuhlgang verdrängend, da konnte er doch wirklich nichts dafür. Die Vereinnahmung durch Hitler, sicher kann man in jeder Kunst das Trivialste herausfiltern. Es ist auch ziemlich egal, wie Wagner war, als Mensch ist er uninteressant, es zählt nur, was einer tut, das allein kann einen kleinen Einfluss haben, einen Lichtstrahl, ein wenig Hoffnung, ehe auch die nächste Generation zu Staub wird.

Am zweiten Abend Schlingensiefs Parsifal-Inszenierung. Eine übervolle Drehbühne, tote Hasen, Projektionen, Selbstmordattentäter, KZ-Stimmung, Slumhäuser, venezianische Brücken, alle Minuten ein neues Bild, das ist ganz großartig, da passiert etwas, da wird das Hirn angeregt, da kommt man ins Assoziieren, das ist Kunst, man spürt ein Anliegen, aber man muss es nicht deuten, kann interpretieren. Was bin ich dankbar für Schlingensief, der weitermacht und dem das Buhen der Wagnerianer am Ende sicher wehtut, wem tut so was nicht weh, stehen wir doch alle nicht über unserer Eitelkeit, noch nicht, das kommt vielleicht noch. Und wie tragisch, dass die Menschen, die diese Inszenierung sehen sollten, nie eine Karte bekommen werden. Da ist doch dieser Wartezirkus mit den Tickets und die Verteilung an wen auch immer, auf jeden Fall nicht an Leute aus meiner oder Schlingensiefs Familie. Das Ansinnen, alle zu erreichen, auch Stoiber und seine Frau, ist ehrenwert, aber vermutlich eine sehr schwere Aufgabe. Sicher, das sind auch Menschen, doch es steht ihnen zu, einen anderen Geschmack zu haben. Sie wollen Wiederholung, Tradition, große Gesten und untergehende Sonnen auf der Bühne. Das ist, was sie glücklich macht. Man mag es ihnen gönnen. Es gibt ja Raum für vieles in unserem Leben, nebeneinander, übereinander, Parallelwelten. Solange sie nicht böse werden, können sie anders sein bis zum Umfallen. Manche wollen an das Erhabene glauben, wenn es ihnen hilft bei ihrer Art Lebenstheater, bitte. In Schlingensiefs Arbeit sehe ich eher den Menschen, der immer kleiner ist als das, was er kreieren kann.

Die Welt, die so ein hässlicher Ort ist hinter den Fassaden oder auch schon davor. Da kann man sich doch nicht in grüne Auen flüchten und von der Schönheit der Erde reden. Kann man doch. Interessiert mich aber nicht. Wie gehen wir würdevoll unter, zusammen mit diesem Müllhaufen, den wir geschaffen haben? Mit diesen Geschwüren von Häusern. Nicht nur in Indien oder Afghanistan, wir sitzen ja mittendrin. Diese Lieblosigkeit, mit der Deutschland zurechtgezimmert wurde, die ist da doch, die atmen wir ein, jeden Tag, selbst in Bayreuth, das wenig Bomben erwischt zu haben scheint, stehen diese Geschwüre. Die Buden, der Schlecker, all dieser Dreck. Arme Menschen, arme Erde, es bleiben nur Fluchten, kleine Momente, zu denen einem Künstler verhelfen, Wagners, Schlingensiefs, wo man eins wird mit seinem Kopf und verschwindet aus all dem Dreck, dem Körper und eine Idee hat oder Hoffnung, wie es sein kann, wenn wir diese Welt verlassen dürfen. Vielleicht ist tot sein wirklich nicht die schlechteste Alternative. Und bis dahin nur noch Auen ansehen und Kunst und entrückt in den Himmel schauen, der immer da sein wird, den konnten wir noch nicht verbauen. Und träumen, dass sich das Ende mit dem, wovon wir träumen in seltenen Momenten guter Kunst, decken wird.


Bayreuth ist immer noch ein Ort großer Kulturdebatten. Nach prominenten Gastautoren wie Slavoj Žižek, Michel Houellebecq und Patti Smith wirft in diesem Jahr die Schriftstellerin Sibylle Berg ihren persönlichen Blick auf den Grünen Hügel


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