Brecht
Tot oder nur gestorben?
Berthold Brecht ist der bestgehasste Klassiker der deutschen Literaturgeschichte. Warum der Kommunist zu Unrecht verachtet wird
Nichts ist leichter, als verächtlich über Brecht zu sprechen. Der Salonrevolutionär im Designerarbeitsanzug, der Kapitalistenschreck mit der kapitalen Zigarre, der Rohrstockdramatiker, Moralprediger und Besserwisser, der lyrische Gelegenheitssentimentalist und vor den Natschalniks kuschende Dreigroschenrocker, Frauenverbraucher, Stalinpreisträger und, nicht zu vergessen: ungewaschene Adept! So lauten die Klischees einer wohlfeilen Brecht-Verachtung, die nun seit mehr als fünfzig Jahren grassiert. Weil er ein wildes Leben führte und als Dichter Ideale pflegte, hinter denen er als Mensch naturgemäß zurückblieb – was wiederum zur Radikalisierung seiner Texte beitrug –, bilden manche Kritiker sich ein, der tote Kommunist sei mittels seiner eigenen Argumente mühelos zu beerdigen. Am liebsten werfen sie ihm vor, er habe seine Mitarbeiterinnen ausgebeutet. Gerade er, der erbitterte Bekämpfer des kapitalistischen Prinzips Ausbeutung! Seltsamerweise scheint das Bedürfnis, Brecht als falschen Proleten zu enttarnen, nach dem Kollaps des Staatssozialismus noch gewachsen.
»Die hämischen Nachrufe in der westdeutschen Winkelpresse«, schrieb 1998, anlässlich von Brechts 100. Geburtstag, der Dramatiker Volker Braun, hätten ihm schon damals, 1956, als er selbst gerade sechzehn war, klar gemacht, »wie man einen Feind behandelt«. Und die Lektion gilt weiterhin. Die Anti-Brechtianer haben es diesen Sommer bereits vorgemacht: Man kapriziert sich unter großem rhetorischem Getöse auf Äußerlichkeiten und kolportiert in feinem Überlegenheitston Anekdötchen, man ergeht sich in Anspielungen auf die privaten Malaisen des (Zitat, Zitat:) armen B. B., liest seine dekonstruktivistische Thesenliteratur eins zu eins wie die Gebrauchsanweisung für eine Moulinette, nimmt zynische Figurenrede für bare Münze und überhört geflissentlich den Skeptizismus, der gerade in den lauten Klassenkampfparolen der Lehrstücke steckt.
»Kaltes Dulden, endloses Beharren« fordert der Kontrollchor in der Maßnahme, Brechts wohl am hartnäckigsten missverstandenem Text, von den kommunistischen Revolutionären. Die bessere Welt müsse um jeden Preis verwirklicht werden, Mitleid und gerechte Empörung seien bei der Durchsetzung der Gerechtigkeit nur hinderlich. Deshalb haben nach Ansicht des Chores die drei Agitatoren, die einen allzu sanften jungen Genossen exekutierten, vorbildlich gehandelt. Am Ende des Stücks erzählen die Mörder, wie sie den Jungen in eine Kalkgrube warfen. Darauf der Chor: »Eure Arbeit war glücklich / Ihr habt verbreitet die Lehre der Klassiker / Das Abc des Kommunismus / Wir sind einverstanden mit euch.« Erst kommt die Kalkgrube, dann der Kommunismus. Eine schauderhaftere Pointe lässt sich kaum denken, und der Autor tut nichts, um sie in ein mildes Licht zu rücken.
Denn die »Maßnahme« ist kein Hohelied der linken Barbarei, sondern entfaltet zum Zweck der Katharsis eine Dialektik der Grausamkeit. Was Brecht hier 1930 vorführt, wird später Thema in Sartres Schmutzigen Händen, Camus’ Mensch in der Revolte und Heiner Müllers Mauser. Die Apologie der Gewalt im Namen der Freiheit. Die einverständliche Verurteilung der Menschlichkeit. Die Ablehnung der Güte als Sicherheitsrisiko. Es ist das Dilemma, an dem der Kommunismus scheitern wird. Es ist ein Jahrhundertthema, das auf das nächste Jahrtausend vorausweist, wenn sich angesichts des internationalen Terrorismus die Frage stellt: Wie bekämpft man den Terror, ohne seiner Amoral anheimzufallen? Die Antwort, die Brecht nahe legt, lautet: Gar nicht. Er sieht den unauflöslichen Konflikt zwischen der Notwendigkeit menschlichen Handelns und der Pervertierung dieses Handelns in Krieg und Knechtschaft. Er unterscheidet sich von rechten Theoretikern, indem er den apokalyptischen Aspekt des Geschichtsverlaufs nicht verherrlicht, und von linken, indem er die »notwendige« Gewalt entzaubert. Denn Brecht, entgegen anders lautenden Gerüchten, war kein Anhänger Trotzkijs (»Die Arbeiterklasse kann den demokratischen Charakter ihrer Diktatur nicht garantieren«), eher Girondist (»Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder«). Um die düstere Pointe seines Lehrstücks – das Lob eines auf Mord gebauten Kommunismus – als positiven Autorenkommentar zu lesen, muss man schon beide Augen fest verschließen.
Tatsächlich haben sich nicht wenige Interpreten blind gestellt. Es ist nur noch unklar, was für die künftige Brecht-Rezeption ausschlaggebend sein wird: die Blindheit seiner protobolschewistischen Verehrer oder die seiner neokonservativen Verächter. Deren alle Jubeljahre anschwellender Bocksgesang weicht mittlerweile einem verächtlichen Desinteresse. Vom hohen Thron der Gleichgültigkeit herab belächelt man Brechts littérature engagée, mokiert sich über seine vermeintliche Gedankenschlichtheit und seine mangelnde stilistische Eleganz. Als der Verteidiger der kleinen Leute mit seiner Prolet-Ästhetik die Theater eroberte, fand ihn das Bildungsbürgertum noch erfrischend. Doch weil er das hässliche Unrecht nicht in die erhofften schönen Dialoge goss und seine Empörung über die gute Gesellschaft nie mäßigte, hält die ihn heute für einen illegitimen Klassiker. Ganz hübsch sei zwar die frühe Lyrik, aber diese Dramen, Galilei , Courage , DerKreidekreis – einfach unerträglich!
Es lohnt sich, nachzubohren, was genau denn unerträglich sei. Meist stellt sich nämlich heraus, dass die geharnischte Brecht-Aversion auf irgendeiner mausgrauen Inszenierung beruht oder auf der Schullektüre von vor dreißig Jahren. Im Westen scheint der Brecht-Unterricht sogar traumatischer gewesen zu sein als im Osten, vielleicht deshalb, weil die zukunftsstrahlenden Interpretationen linker Westlehrer nicht durch hautnahen Kontakt mit dieser Zukunft konterkariert wurden und sich deshalb inbrünstiger vortragen ließen. Die ostdeutschen Leselisten quollen ja keineswegs über vor lauter Brecht. Wahrscheinlich galt er den Lehrplanstrategen der DDR als zu unsicherer Kantonist. »Wenn ihr die Freiheit wollt, müsst ihr die Unterdrücker unterdrücken. Und von eurer Freiheit so viel aufgeben, als nötig ist«, ruft der Delegierte Varlin in den Tagen der Commune den Bürgern von Paris zu, die aber entgegnen: »Nein, nein! – Das bedeutet Diktatur. – Wollen Sie leugnen, dass die Anwendung von Gewalt auch den, der sie anwendet, erniedrigt?«
Das wollten die Jakobiner allerdings leugnen, und die Statthalter der Diktatur des Proletariats erst recht. Nur Brecht konnte sich zu keinem klaren Klassenstandpunkt durchringen, er musste alles eigenhändig infrage stellen, obwohl er wusste, dass scharfes Denken schmerzhaft ist. »Der vernünftige Mensch vermeidet es, wo er kann«, sagt der Emigrant Ziffel in den Flüchtlingsgesprächen . Brechts Problem heute ist, dass auch die Demokratie zu viele solcher vernünftigen Menschen beherbergt. Sie möchten ihren Kopf nicht unnötig mit komplizierten Fragen belasten. Sie möchten einen kritischen Film über die DDR, wie etwa Das Leben der Anderen, leichthin konsumieren. Deshalb durfte die Hauptfigur des Films, der Stasi-Hauptmann Wiesler, als er abends auf dem Sofa lag und an seiner revolutionären Mission zweifelte, nicht die Tage der Commune oder gar die Maßnahme lesen. Er las, was sonst, Brechts melancholisch-balladeske Erinnerung an die Marie A., denn darin kommen Apfelbäume, Liebe, Sommerhimmel vor, und die berühmte Wolke dümpelt ungeheuer oben. Ungeheuer oben! nennt sich ranschmeißerisch auch der Auftakt zum dreiwöchigen Brecht-Festival des Berliner Ensembles, das am 12. August beginnt.
Trotzdem bleibt Brecht brisanter, als die Kinoregisseure und Eventdramaturgen glauben. Eben veröffentlichte der Suhrkamp Verlag ein unbekanntes Stück aus dem finnischen Exil, das so radikal emanzipatorisch und so patriotismuskritisch ist, als hätte Brecht es nicht 1940, sondern gestern geschrieben. Erzählt wird das Schicksal der Judith von Shimoda, einer Geisha, die im Japan des 19. Jahrhunderts zum Dienst bei dem verhassten US-amerikanischen Generalkonsul gepresst wird. Es ist die Zeit, da die Amerikaner als Wirtschaftspartner auftauchen, der Umgang mit ihnen jedoch noch verpönt ist. Dass die Geisha sich als »Ausländerflittchen« opfert, um die Bombardierung ihrer Heimatstadt Shimoda zu verhindern, bringt ihr kurzen Ruhm und lebenslange Demütigung ein. Patriotismus kann, nach Brechts Interpretation, keine wahre Liebe sein. Er ist ein Propagandatrick, der freie Menschen an einen selbstsüchtigen Staat namens Vaterland bindet. Am Ende lauscht die greise Geisha – verarmt, vereinsamt und vom Alkohol zerrüttet– der Verklärung ihrer Tat durch die Straßensänger, ihr Einspruch wird vom ideologisch verblendeten Volk niedergezischt.
Wer den neuen deutschen Patriotismus in altem Licht beurteilen will, muss Brecht lesen. Wahr ist: Der Dramatiker wollte, im Gegensatz zum frühen Lyriker, kein Schönschreiber sein, sondern einer, der absichtlich sperrig, schwer verdaulich schrieb, weil er an der Unverdaulichkeit der Verhältnisse litt. Wahr ist auch: Seine politischen Parabeln tendierten mitunter ins Tiradenhafte. Und sein Linkssein war, anders als heutzutage üblich, keine bloße Phase, aus der man herauswächst wie aus einem modisch gewagten Hemd. Das werden ihm die Ex-68er, die gewendeten SED-Bonzen und Altersopportunisten nie verzeihen. Denn seine Kardinaluntugend, dem Kommunismus treu geblieben zu sein, stellt ihre abgedroschene Lebenslüge infrage: Wer in der Jugend kein Kommunist sei, habe kein Herz, wer es als Erwachsener bleibe, habe keinen Verstand.
Brecht hatte bereits als junger Dichter genug Herz und Verstand, um die Brüchigkeit, ja Undurchführbarkeit der linken Utopie zu erkennen. In einem Lehrstück von 1929 – das in der großen Werkausgabe bisher fehlte, jetzt vom Deutschlandfunk neu vertont wurde und von dem Regisseur Frank-Patrick Steckel als Bühnenversion uraufgeführt wird (Berliner Ensemble, 31. August) – demonstriert er als universelles Existenzgesetz, »dass der Mensch dem Menschen nicht hilft«. Das vergessene Hörspiel ist eine konsequent fortschrittsskeptische Polemik gegen den Lindberghflug, heftiger Einspruch des Autors gegen sich selbst. Da liegt der abgestürzte Ozeanflieger am Boden, und die herbeigeeilte Menge beschließt, ihn krepieren zu lassen, da sein Heldenmut der Gemeinschaft nicht genützt hat. In knappen, harten Worten malt Brecht das Porträt einer unverbesserlich grausamen Menschheit, die selbst den Sterbenden kühl aburteilt.
Da war der Dichter dreißig Jahre alt. Gegen den eigenen Fatalismus hat er bis zu seinem Lebensende angeschrieben, eine sisyphossche Anstrengung, sich vom Sinn des Lebens, vielleicht sogar des Marxismus zu überzeugen. Wie feige dagegen seine Verächter. Ihre postutopische Coolness, ihr Einverständnis mit der Welt. Sie lassen die abgestürzten Piloten links liegen und freuen sich, dass Brecht tot ist.
- Datum 14.8.2006 - 06:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.08.2006
- Kommentare 4
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Und wieder einmal, wie zuletzt bei Handke, oder nun auch Grass, wird dem angeblichen Genie zugesprochen, wofür jeder Hanswurst und auch Otto-Normalverbraucher zur Rechenschaft gezogen würde - nicht, daß er (das Genie, wie der Normalsterbliche) Fehler gemacht hätte, wäre zu bemäkeln, sondern wie deren eigene aufgeblasene Rechthaberei dazu zu stehen kommt.
Verblendete Stalin-Versteher, Hitler-Verehrer, Milosevic-Elogen und ganz normale alltägliche moralisch-unwürdige Knallschotereien gibt es eine Menge in der Welt (interessant allerdings, daß gerade bei deutschen Schriftstellern der natürliche Warninstinkt vor den politischen Schurken so verlässlich versagt: ach, gibt es eigentlich einen George Orwell in hiesigen Landen?) - aber die Dummdreistigkeit aufzubringen, sich danach noch vor die große Menge zu stellen, und die öffentliche und private Moral der Anderen einzuklagen, dazu braucht es wohl solcher "Genies". Jeder Andere würde beschämt zurücktreten und den Mund halten, bzw. leiser zu sprechen.
Für ZEIT-Redakteurinnen mag Brecht (wie schon für so viele zeitgenössische Frauen) ja großen Punk besessen haben - ich behalte mir aber das Recht vor, hinter diesem angeblichen Punk des Herrn Brecht den verdrucksten protestantisch-bigotten Augsburger Spießer nicht ignorieren zu können - worin bestand denn eigentlich dieser "Punk"? ...mein Gott, wie kann man aus einem Brecht einen Halbgott des Unkonventionellen stilisieren wollen - wo es doch einen Oscar Wilde, Truman Capote und andere, wahrhaft weltläufige (und auch sehr witterungsstarke) Dichter und Schriftsteller in der Welt gibt....
Gut geschrieben Frau Finger. Der Brecht hat in Wahrheit so viele Vorschläge geliefert, wie man über die Literatur und das Theater ein Bild von der Welt, aber auch von der eigenen Innenwelt, erlangen könnte, es reichte für mehrere Dichterleben. Aber er war auch ein begnadeter Leser und Entdecker anderer Künstler und ein gewitzter Theoretiker. - Der ganze klatschige Feuilletonismus im Trio mit hochverehrtem Gast, oder Inszenierungen, die aus den Stücken Madame Tussaud Objekte machen, ändern daran nichts. - Schön finde ich auch, wie geschickt Sie viele Werke Brechts einfach mit dem Titel nennen, in Ihrem knapp geratenen Beitrag. Da werden schon einige Leutchen die wohlfeilen Ausgaben suchen gehen oder die Spielpläne der Theater durchforsten. Danke.
Guter Text, aber bitte - wenn ihr den Bertolt partout nicht hinbekommt, schreibt doch einfach "Bert"!
Und nun, nach der erhebenden Lektüre dieser Brecht-Eloge, setzen Sie sich nochmal hin, Frau FInger, und lesen nach, was Sie eben noch über Grass geschrieben haben.
Und wenn Sie damit fertig sind, empfehle ich zum Ausklang die Lektüre von Sontheimers "Das Elend unserer Intellektuellen". Und dann nochmal alles von vorne, bitte!
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