Was ist das bereits für ein Titel! Man muss Songs In The Key Of Life einmal laut auf Deutsch vor sich hin sagen, um ein Gefühl für jenes umfassende Sendungsbewusstsein zu bekommen, das Stevie Wonder antreibt, als er 1976 diese Platte herausbringt: Lieder in der Tonart des Lebens . Hier hat jemand die ganz große Echokammer der Weltweisheit angeworfen. Um das Ich und das Du soll es gehen, das Viertel und das Land, die Liebe und das Leiden, die Geschichte und die Gegenwart, das Leben, Gott und wie alles zusammenhängt. Hält eine Platte so viel Welt aus?

Sie tut es. Die Bürgerrechtsbewegung mag zerfallen und die Träume der Gegenkultur mögen geplatzt sein – Stevie Wonder nimmt sich die Trümmer der großen Utopie-Erzählungen der amerikanischen Sechziger und transponiert ihre Versprechen in beglückendes Emanzipations-Moll. »Music is a world within itself / With a language we all understand«, singt er in Sir Duke, seiner Ode an Duke Ellington, und nach dieser Maßgabe konstruiert er Songs In The Key Of Life . Der Humanismus der schwarzen Kirchen bildet das Gravitationszentrum, um das Stevie Wonder all die Dinge kreisen lässt, die ihn beschäftigen.

Und was kommt hier nicht alles zusammen: die Erinnerung an Jahrhunderte afroamerikanischen Leidens (Black Man), große Schmachtfetzen (Summer Soft), ebenso großes Jazzfunk-Gedaddel (Contusion), eine Ode an seine Kindheit (I Wish), eine ans Kinderkriegen (Isn’t She Lovely), aus einer Regentropfen-Orgel perlende Liebeslieder (As), das Warnen vor dem Leben in der Vergangenheit (Pasttime Paradise). Zusammengeklammert durch die schier endlose Vielfalt seines musikalischen Talents. Er zieht Jazz und Soul, Disco und Funk heran – für Village Ghetto Land, ein Klagelied über das Elend der schwarzen Ghettos, spielt er gar Barockskalen auf einem Synthesizer. Man darf ruhig Meisterwerk dazu sagen.

Es ist auch Stevie Wonders ganz individuelles Emanzipationsdrama, das diese Platte aufführt. Seine Musik hat den blinden Jungen in den Sechzigern zum Motown-Kinderstar werden und ihn in den frühen Siebzigern die Begrenzungen der Motown-Maschine sprengen lassen. Songs In The Key Of Life ist der Höhepunkt dieses Bildungsromans – der Protagonist ist Künstler und Weltenschöpfer geworden. Und damit ist der Spaß auch vorbei. Zum einen für Stevie Wonder, dessen Karriere von nun an in mediokre Platten und ehrenwertes Engagement auseinander fallen wird. Aber auch für den schwarzen Pop. Nie wieder werden Privates und Politisches, Gegenwart und Geschichte eine solch organische Einheit bilden. Was nicht zuletzt genau an jenen Kids liegt, die zu der Zeit, als Stevie Wonder das Village Ghetto Land besingt, einen neuen, fragmentarischen Sound entwickeln. Die HipHop-DJs zerstückeln das Erbe der schwarzen Musik, um es am Plattenspieler neu zusammenzusetzen. Es sind die Splitter des großen Entwurfs, die als Sample in unzähligen Stücken wieder auftauchen.

Stevie Wonder: Songs In The Key Of Life (Motown/Universal)