Medikamente Seelentröster

Von guten und bösen Drogen: Das berüchtigte "Special K" hilft gegen Depressionen

Das Studienergebnis klingt sensationell: Zum ersten Mal scheint ein wirksames Mittel gegen Depression gefunden – und was für eines. Da, wo Psychotherapien und andere Medikamente seit Jahren versagen, wirkt das neue Wundermittel innerhalb weniger Stunden. Nach einem Tag, so berichten die amerikanischen Psychiater fast ungläubig, seien bereits bei einem Drittel der behandelten Patienten die Symptome der Depression verschwunden; und die Wirkung einer einzigen Dosis habe mindestens eine Woche lang angehalten.

Sagenhaft. Wenn da nicht dieser kleine Pferdefuß wäre. Denn leider ist das hochpotente Medikament die Droge Ketamin, die Halluzinationen und Nahtod-Erfahrungen auslöst und im Vietnam-Krieg als »Vitamin K« zu trauriger Berühmtheit gelangte.

Darf so ein Stoff, der gern auch mal in der Drogenszene missbraucht wird, zur Behandlung zugelassen werden? In Deutschland wäre vermutlich allein schon die Studie undenkbar gewesen. Von allem, was mit dem Etikett »Droge« belegt wird, lassen hiesige Mediziner und Ethikkommissionen lieber die Finger. Deshalb hat es, nebenbei gesagt, die Schmerztherapie in Deutschland so schwer. In den USA scheint man da offener, die neue Depressionsstudie stammt vom renommierten National Institute of Mental Health in Bethesda und wurde korrekt im Fachjournal Archives of General Psychiatry veröffentlicht.

Natürlich ist Vorsicht angebracht: 17 Probanden sind nicht gerade viel, und das sensationelle Ergebnis muss erst überprüft werden. Dennoch zeigt es, auf welch wackeligen Beinen die gern vorgenommene Einteilung in »gute« und »böse« Drogen steht. Auch verpönte Stoffe können – in richtiger Dosierung – heilsam wirken. Umgekehrt können selbst anerkannte Medikamente fatale Nebenwirkungen entfalten. So belegt eine neue Untersuchung der Columbia University, dass übliche Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen offenbar die Neigung zum Suizid erhöhen.

Solche Resultate könnten Anlass sein, unsere tief sitzenden Vorurteile gegenüber bewusstseinsverändernden Stoffen zu überdenken. Nur weil ein paar vergnügungssüchtige Partygänger Substanzen missbrauchen, dürfen Patienten potienzelle Heilmittel nicht vorenthalten werden. Die Natur unterscheidet nicht zwischen guten und bösen Wirkstoffen.

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 12.08.2006 um 5:40 Uhr
    1. Warum?

    Lieber Herr Schnabel, liebe ZEIT-Wissen Redaktion,

    Warum müssen Sie in Ihrer so angesehenen Wochenzeitung, auch wenn es nur "online" sein sollte, solche Artikel einstellen?

    Sehr gut wirksame Antidepressiva sind seit den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt. Mittlerweile gibt es mindestens 5, wenn nicht 6 Stoffgruppen mit unterschiedlichen Rezeptorenangriffspunkten, die alle gut wirksam sind. Wie bei fast jeder Therapie in der Medizin, gibt es allerdings sogenannte "Theapieversager".

    An einer solchen, äusserst ausgewählten, kleinen Gruppe von Patienten, die vorher erfolglos jeweils mit sechs (!) anderen antidepressiven Medikamenten behandelt wurden, sonst hätte man sich das schon aus ethischen Gründen nicht getraut, die zudem alle die Symptome einer schweren Depression zeigten, erprobte man nun für die von Ihnen zitierte, mit einigen Fragezeichen versehene Studie, die Verabreichung von Ketamin.

    Ketamin ist ein Abkömmling des Phenylcyclidins(PCP), in Drogen-Userkreisen auch "Angel dust" genannt. Es wirkt an Rezeptoren, an denen auch Opiate und Amphetamine (Aufputschmittel) oder Verwandten der Amphetamine, wie z.B. "Ectasy", angreifen. Daher die unerwünschten Wirkungen des Ketamins, die seinen Einsatz in der Anästhesie und Notfallmedizin limitieren.

    Worum ging es primär in der Studie?
    1. Fast alle bisher bekannten antidepressiven Medikamente besitzen bis zum Eintritt ihrer Wirkung eine Latenz. Frühestens nach 2-3 Wochen werden die Erfoge oder Mißerfolge sichtbar.
    Eine Behandlungsform, die sehr schnell bei theapieresistenten Patienten mit schwerer Depressionen Erfolge bringen kann, ist umstritten, die Elektrokrampfbehandlung.
    2. Derzeit gilt als Standard, bei der Behandlung mit antriebssteigernden Antidepressiva generell, oder bei sehr starkem Leidensdruck, oder aber ausgeprägter Neigung zum Suizidversuch, die Behandlung mit der Verabreichung von Tranquilizern (vorzugsweise Benzodiazepinen) zu kombinieren.

    Das hat zwar den erwünschten Effekt einer schnellen Distanzierung und Sedierung, andererseits verhindert eine solche Begleitmedizin den psychotheapeutischen Zugang, nebelt den Patienten ein, kann bei längerer Gabe zu Absetzproblemen führen. Zudem maskieren die sedierenden
    Medikamente die Beobachtung des Effektes der Hauptmedikation.

    3. Gewünscht wäre also ein Medikament mit sofortiger und anhaltender antidepressiver Wirkung. Als Notfallmedikament in der Psychiatrie und als neuer Wirkstoff für die Dauerbehandlung. Daher der, eher "heroische", Versuch mit Ketamin.

    Unsere Begeisterung über die neue vermutete Wunderdroge Ketamin sollte sich in sehr, sehr engen Grenzen halten.

    1. Nur ~1/3 der schon extrem ausgewählten Patienten zeigten eine deutlich positive Wirkung nach einer Woche.
    (Zum Vergleich: Standardantidepressiva zeigen nach 3-4 Wochen bei ~1/3 eine sehr gut, bei ~1/3 eine deutliche und
    bei dem letzten Drittel keine Wirkung).
    2. Der "Soforteffekt" speiste sich wohl aus dem "Flush" (der schnellen Anflutung und Bindung der Droge an den Rezeptoren) dieser phenycyclidinähnlichen Substanz. Ähnliche Effekte wären im Prinzip wohl auch mit Heroin, Kokain, Amphetaminen etc., bei depresiven Patienten erzielbar.
    3. Dauermedikation, Doppelblindversuche gegen andere wirksame Antidepressiva, die Wirkung bei weniger speziellen Probandengruppen und unerwünschte Wirkungen lassen sich, bei geringer Behandlungsfallzahl und kurzer Dauer des Versuchs nicht einschätzen.- So gilt z.B. vor allem für alle PCP-Derivate,Ectasy,Amphetamine, aber auch die klassischen Suchtmittel, dass sie bei Dauergebrauch schwerste, sehr therapieresistente Psychosen und Depressionen auslösen können.

    4. Eine generelle Vorsicht bezüglich jeder Erfolgsmeldung sollte
    sich jedoch schon aus einer einfachen Plausibilitätsüberlegung
    ergeben.
    Medikamente werden in der Psychiatrie und in anderen
    Fachgebieten noch immer in der großen Mehrzahl "empirisch" eingesetzt. D.h., zuerst probiert man Medikament A mit der statstisch besten Wirksamkeit und den möglichst geringsten unerwünschten Wirkungen. Bei Unwirksamkeit dann B, usw.
    Bei Medikamentenstudien mit Antidepressiva, aber auch mit Antipsychotika, hat man in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass rein empirisch, die anerkannt wirksamen Medikamente allesamt gleich gut geeignet sind, sich also in der Erstbehandlung gegenseitig ersetzen könnten.

    So entwickelte sich eine Therapielinie, die vor allem versucht, je individuell mit dem Medikament zu beginnen, von dem die geringsten unerwünschten Wirkungen zu erwarten sind.
    (Z.B. bei einer Frau mit schweren Depressionen würde man möglichst Medikamente in der Dauertheapie vermeiden, die "dick" machen, um nicht noch zusätzlich das Körperselbstbild
    der Patientin zu erschüttern.)

    In dieser Beziehung verspricht Ketamin kein aussichtsreicher
    Kandidat für den Goldstandard der Depressionsbehandlung zu werden.

    Zuletzt noch eine Anmerkung zur Antidepressivabehandlung und Suizidalität:

    Schon lange ist bekannt, dass vor allem antriebssteigernde Antidepressiva zu vermehrter Suizidalität führen können,
    weil sich der Antrieb der depressiven Patienten unter der Medikation schneller wieder steigerte, als sich die Stimmung aufhellt und jene fatale Entschlossenheit zum Suizid auflöst. Daher gab man die o.g. Tranquilizer zusätzlich oder setzte antreibssteigernde, vor allem ältere trizyklische Medikamente, nicht mehr ein.
    In der Behandlung von Kindern und Jugendlichen war und ist man noch "gezwungen"(Zulassung,Wirksicherheit, Nebeneffekte) länger bekannte "ältere" Antidepressiva in niedriger Dosis einzusetzen. Daher könnte der heute feststellbare signifikante Unterschied stammen, den Sie und die Fachpresse beschreiben. - Aber auch hier sind die Fallzahlen eigentlich für sichere Bewertungen viel zu gering.

    Einzig der letzten These Ihres Artikels, Herr Schnabel, lässt sich
    ein Positivum abgewinnen. Tatsächlich wären Cannabis, Kokain und Co. in der Hand verantwortungsvoller Ärzte ohne Scheuklappen sowohl in der Schmerztherapie, als auch bei chronischen Erkrankungen ein Segen und nicht immer nur Teufelszeug.
    Schon Freud, Fliess und Co. wussten z.B. um die Heilkraft und schmerzlindernde Wirkung des Kokains, besonders für heikle
    Frauenleiden.

    In diesem Sinne, Glück auf, auf ein Neues.

  1. Was heißt hier eigentlich Mißbrauch von Drogen? Warum wird dieses puritanische Konzept unkritisch übernommen? Drogenbenutzung entspringt dem Wunsch nach Rausch - und die Möglichkeit, Rauschzustände bewußt herbei zu führen, unterscheidet den Menschen wesentlich vom Tier. Es gibt Menschen, für die der 102jährige Joopi Heesters kein erstrebenswertes Vorbild ist - lasst uns das Recht, Gesundheit selbst zu definieren!

    Holger App
    Frankfurt am Main

  2. Habe ich Sie richtig verstanden: Depression als eine Form der Sinnsuche?

  3. 4. \N

    "Dennoch zeigt es, auf welch wackeligen Beinen die gern vorgenommene Einteilung in »gute« und »böse« Drogen steht."

    Genau. Drogen können nämlich nicht "böse"(=falsch/schlecht) sein. Höchstens der Missbrauch derselben oder eine intolerante, verbietende Gesellschaft, in der der Konsum stattfindet.

    Meine Meinung.

  4. single und midlife sind doch zwei "depressiogene
    auslöser", wenn die irreparablen defizite der kindheit dann zu tage treten. aber es muß ja nicht jeder psychiater psychotherapie machen, oder ?

    • Besser
    • 10.08.2006 um 17:57 Uhr

    Der schnelle Weg eine Depression zu bekämpfen scheint vermutlich sehr verführerisch. Wir leben in einer Zeit, in der alles schnell passieren muss, auch die Zuwendung zu Kindern, zu Partnern, zu Freunden. Es geht nur noch darum, dass etwas lukrativ ist oder nicht. Damit verliert das Leben den eigentlichen Sinn. Sinnsuche braucht Zeit und Raum und bringt kein Geld ein. Man sieht es auch nicht in Form eines Statussymbols. Hier will uns doch unsere Seele etwas Wichtiges mitteilen. Wir sollten hinhören und die Dinge ändern, die uns belasten. Wenn man in einen schlechten Film gegangen ist, zwingt einen niemand ihn bis zuende anzusehen. Man muß nur selber aufstehen und gehen. Aber wer tut es schon?

  5. Ihr Kommentar ist vollkommener Schrott, wir reden nicht von einer einfachen Erkältung oder einem gelegentlichen schlechten Allgemeinbefinden, wir reden von einer Krankheit, die für 1 von 6 Patienten tödlich endet. Patienten, die gar nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Wir reden von einer krankheit deren psychische Heilung ein Prozess von Jahren ist.

    Ihr Kommentar entbehrt meiner Ansicht nach jeder fachlichen Grundlage. Natürlich ist es notwendig eine psychotherapeutische Behandlung durchzuführen, aber diese ist ein, von einem Spezialisten moderierter, Lernprozess der unmöglich bei einem Menschen durchgeführt werden kann, dessen Ängste und Beklemmungen ihn so sehr beeinträchtigen, dass er mental nicht an der Therapie teilnimmt. Allein aus diesem Grund werden in der klassischen Psychatrie zwei wege gleichzeitig verfolgt. Der erste ist die medikamentöse Behandlung der Symptome und der zweite ist die Psychotherapeutische Behandlung. Um diese aber schnellstmöglich zu beginnen, ist es notwendig die Symptome so schnell wie möglich zu bekämpfen. "Normale" Antidepressiva wirken jedoch erst nach mindestens 2-3 Wochen und haben wie die meisten Psychopharmaka erhebliche Nebenwirkungen.

  6. Es scheint zu stimmen, dass die Selbstmordwahrscheinlichkeit durch erstmalige Antidepressivagabe bei Kindern und Jugendlichen erhöht wird - insbesondere bei selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern.

    Als Hauptgrund wird angenommen, dass bei erstmaliger Gabe die antidepressive Wirkung mit bis zu 4 Wochen Verzögerung einsetzt, hingegen eine "antriebssteigernde" Wirkung sofort.

    Diesem Effekt kann mit einer kurzfristigen Gabe von Benzodiazepinen abgeholfen werden.

    Sonstige Drogen braucht man jedenfalls dafür nicht.

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