Iran Strahlende Zukunft
In Iran regt sich Kritik gegen die konfrontative Außenpolitik. Doch das Regime lässt sich nicht beirren
Während die Hisbollah-Milizen Raketen auf Israel schossen und die israelische Armee ihre Angriffe auf den Libanon verstärkte, starb vergangene Woche in dem Teheraner Evin-Gefängnis nach einem Hungerstreik Akbar Mohammadi. Zwischen dem Tod Mohammadis und dem Krieg im Libanon besteht ein unseliger Zusammenhang: Je lauter der Kriegslärm in der Nachbarschaft, desto härter kann das Regime in Teheran zuschlagen, ohne Schaden zu nehmen.
Mohammadi saß seit 1999 in Haft. Damals gingen Studenten zu Tausenden auf die Straße und forderten mehr Demokratie. Er war einer der Anführer gewesen. Als Präsident des Landes amtierte ein Mann namens Mohammed Chatami, der seinem Volk mehr Freiheit versprochen hatte. 1999 war für Iran ein Jahr der Hoffnung gewesen.
Sieben Jahre später ist Mohammadi tot, im Irak herrscht Bürgerkrieg, in Afghanistan ein Guerillakrieg und im Libanon ein Bomben– und Raketenkrieg. Der Holocaustleugner Mahmud Ahmadineschad ist Präsident Irans und nutzt die Chance, die Daumenschrauben anzuziehen. Gerade wurde die Menschenrechtsorganisation der Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi verboten. 2006 ist ein dunkles Jahr für Iran und für die Region.
Das Schlimmste daran ist, dass die iranische Führung das nicht so sieht. Im Gegenteil, sie wähnt sich auf dem richtigen Weg. Der oberste religiöse Führer Ali Chamenei spricht von dem »neuen Nahen Osten mit Iran in seinem Zentrum«, und das Sprachrohr des Regimes, die Zeitung Keyhan, schreibt: »Der neue Nahe Osten wird nun unter Schmerzen und Leiden geboren. Amerika, Europa und Israel müssen jetzt bezahlen und ebenfalls leiden (…)« Da klingt viel Selbstbewusstsein eines Regimes durch, das sich zur Hegemonialmacht im Nahen Osten aufschwingen will.
Das freilich ist nicht eine Besonderheit der Islamischen Republik Iran. Auch der säkulare Schah sah sich als bestimmende Macht im Nahen Osten. Seine Ölmilliarden gab er vor allem für moderne Waffen aus. Die Nachbarn sollten die Militärmacht Iran fürchten. Die islamischen Revolutionäre aus Teheran allerdings wollen nicht nur die Region dominieren, sie wollen nach den Worten ihres Präsidenten »Israel auslöschen«. Neu ist auch das nicht. Schon Revolutionsführer Ajatollah Chomeini sprach davon. Nur, er hätte das nicht bewerkstelligen können. Er hatte keine Atombombe.
Vergangene Woche lehnte Ali Laridschani, Chefunterhändler in Atomfragen, das Ultimatum der UN rundheraus ab, wonach Iran bis zum 31. August die Uran-Anreicherung stoppen müsse. »Wir werden die nuklearen Aktivitäten, wo nötig, ausweiten«, sagte Laridschani. Allerdings drohte er nicht mit dem Abbruch der Verhandlungen. Alle »Aktivitäten« sollen nach seinen Worten unter der Aufsicht der Internationalen Atombehörde (IAEA) erfolgen. »Wir müssen neu verhandeln.«
Trotz dieser scheinbar beruhigenden Worte bleibt es dabei: Mit jeder weiteren Krise rückt Iran mehr und mehr in das Zentrum des Sturmes, der am 11. September 2001 entfesselt wurde. Die Töne werden immer schriller, die Botschaften dringlicher. Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer hielt vergangene Woche einen Vortrag im Teheraner Center for Strategic Research. Dabei zog er einen dramatischen Vergleich zwischen Iran und der deutschen Geschichte: »Wir waren Anfang des 20.Jahrhunderts die führende Macht Europas, aber wir haben falsche Entscheidungen getroffen und ein totales Desaster erlebt. Worin bestand unser Fehler? Wir haben unseren hegemonialen Ambitionen nachgegeben, die sich auf unsere militärische Macht und unser Prestige stützten. Aber wir haben die antihegemonialen Instinkte Europas unterschätzt.« Klarer kann man es nicht formulieren: Wenn ihr nach Hegemonie strebt, werdet ihr und die ganze Region die Verlierer sein.
Diese Botschaft wird durchaus verstanden, auch innerhalb der so genannten konservativen Kreise des Regimes. Hassan Rohani, der bis vor einem Jahr die Atomverhandlungen für Iran führte und gewiss nicht zu den Reformern zählt, schreibt in einem aufsehenerregenden Artikel: »Das Ziel unserer Revolution war doch die Gründung und der Aufbau des islamischen Staates. Jetzt dürfen wir nicht zu dem Ursprung der Revolution zurückgehen. Das sind genau die Wurzeln unserer Differenzen.« Das ist eine deutliche Kritik an der konfrontativen Außenpolitik, die Iran seit dem Amtsantritt Mahmud Ahmadinedschads betreibt. Sie macht den Kern der Auseinandersetzung innerhalb des konservativen Lagers deutlich. Die einen wollen die Revolution exportieren, die anderen wollen den islamischen Staat konsolidieren, das heißt, sie möchten »draußen« möglichst Ruhe haben, um »drinnen« die vielen Probleme anzugehen, allen voran die Arbeitslosigkeit, die Inflation und als übergeordnetes Thema die drohende Machterosion angesichts einer Bevölkerung, die von der Politik tief enttäuscht ist. Ahmadineschad hingegen verfolgt die entgegengesetzte Strategie. Er will »draußen« möglichst viel Unruhe, um »drinnen« seine autoritären Programme durchzusetzen und für seine eigenen Unzulänglichkeiten einen Sündenbock zu schaffen.
Die dritte Gruppierung, jene, die Iran in eine Demokratie verwandeln möchte, wird unterdrückt. Wer noch nicht schweigen muss, den bringt der Krieg im Libanon in größte Not. Ali Chamenei geißelt den »bösen Wolf Zionismus« und beschuldigt die »Blut saufenden Zionisten« des Massenverbrechens. Hisbollah bezeichnet er als leuchtendes Beispiel des Widerstands und ihren Chef Scheich Nasrallah als »heldenhaften Führer«. In diesem aufs äußerste vergifteten und militarisierten Klima wird jede kritische Äußerung zum persönlichen Risiko. Das Sprachrohr der Regierung, die Zeitung Keyhan, bezeichnet den Konflikt im Libanon mit kaum verhohlener Befriedigung als »Krieg gegen die Demokratie«.
Der Schwerpunkt der Auseinandersetzung um die Zukunft Irans hat sich wohl in das Innere des Machtzirkels verlagert. Es geht dabei ums Ganze. Die »Pragmatiker« scheinen begriffen zu haben, dass Irans Pokerspiel in der Region im Sinne von Joschka Fischer schief gehen könnte. Kein Geringerer als Haschemi Rafsandschani, lange Zeit einer der mächtigsten Männer des Landes, warnte in einem Brief an junge Kleriker davor, zu sehr die »Faust zu schütteln«, denn schnell könne diese Faust auch die treffen, die sie gerade noch erhoben hätten. Auch mit dieser Metapher kann man den eigenen Untergang beschreiben.
Die innenpolitische Auseinandersetzung bestimmt Irans Außenpolitik wesentlich mit, ganz gleich, ob es um die Nuklearfrage geht, um die Beziehungen zu Hisbollah im Libanon oder um das Verhältnis zum Westen ganz generell. Analytiker wie der Teheraner Professor für internationale Politik, Hermidas Bavand, denken, dass sich das Regime nach und nach in eine Militärdiktatur verwandelt. Das ist kein Zufall, sondern das Produkt einer nachvollziehbaren Entwicklung. Anfang des Jahres 2003 gab es viele Stimmen in Iran, die vor einem Krieg im Irak warnten. Er hätte eine weitgehende Militarisierung zur Folge. Tatsächlich hat Ahmadineschad das System konsequent mit den Seinen durchsetzt, mit uniformierten Radikalen. Und die Region? Auch sie wimmelt nur so von Soldaten, Milizen und Kriegsknechten.
- Datum 09.08.2006 - 08:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.08.2006
- Kommentare 9
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Nun, wenn Irans Präsident sagt, dass er das "zionistische Regime beseitigen will", GB's Präsident und fast sämtliche Medien daraus ein "Israel vernichten wollen" machen, bin ich scheinbar der einzige, dem dies auffällt. Über den Unterschied dürfte man sich bewußt sein. Schließlich verlangen gerade USA/UK/Israel täglich Regimewechsel nach ihrem Gusto.
Weiterhin stünden, wenn überhaupt, Aussagen Irans Taten Israels gegenüber, nicht erst seit dem Libanonfeldzug, welcher eine Pufferzone als Ergebnis haben soll, am besten mit ausländischen Kampftruppen besetzt, wenn Syrien und Iran angegriffen werden. Mein Tip: Ein angeblicher Terroranschlag aus dieser Ecke wird die Begründung liefern. Gruß an die Kongresswahlen...
Selbst wenn Iran Atomwaffen hätte, würde es dann Israel angreifen, um umgehend einen Gegenschlag, zur Not von See aus mit den von Deutschland gelieferten U-Booten, zu erhalten, von der Reaktion der USA zu schweigen?
Es steht keinerlei Logik hinter den Befürchtungen in Richtung Teheran, außer die regionale Vormachtstellung Israels zu sichern. Wer jetzt mit der Unberechenbarkeit radikalislamischer Mullahs kommt, der führe sich die Unberechenbarkeit der USA und Israels vor Augen, welche bereits Kriege auf Lügen basierend führten und führen. Wobei die berühmten WMD's scheinbar schon wieder aus den Köpfen sind. Also treiben wir die Sau noch einmal durch's Dorf.
Wem es um den Frieden geht, der sollte für einen atomwaffenfreien Nahen Osten sein. Nationen, die sich angeblich nur mit Atomwaffe und Militärmacht behaupten können, sollten evtl. einmal bei sich selbst anfangen zu fragen, warum dies so ist. Die militärische Vormacht blockiert hier nur den Weg zum Dialog und Frieden. Es ist schon augenfällig, dass immer die anderen schuld sind im Nahen Osten...
PS: Interessierten Lesern empfehle ich die Lektüre des Institute for Advanced Strategic and Political Studies "Study Group on a New Israeli Strategy Toward 2000." mit dem Titel "A Clean Break: A New Strategy for Securing the Realm". Mitwirkende wie Richard Perle haben darin beschrieben, wie nach einer Zerschlagung des Iraks, gegen Syrien und Iran auf libanesischem Boden vorgegangen werden soll.
@PrinzBernhard - Ich bezweifle nicht, dass der iranische Präsident die westliche Kultur gerne austauschen möchte...
Um festzustellen, wie es dabei um Gedanken(freiheit) und Dialog steht, reicht ein Blick auf den oben stehenden Artikel.
>"Die Zeit der Bombe ist aber vorbei. Begonnen hat eine Ära >von Gedanken, Dialog und kulturellem Austausch"
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"Die Zeit der Bombe ist aber vorbei. Begonnen hat eine Ära von Gedanken, Dialog und kulturellem Austausch"
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WASHINGTON, 10. August (RIA Novosti). Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad rief George Bush auf, seine "arrogante" Einstellung zur Islamischen Republik Iran zu revidieren, sonst werde der US-Präsident "schlecht enden".
"Der Hass gegen den US-Präsidenten wächst weltweit täglich", sagte er in einem CBS-Interview das dem amerikanischen Fernsehjournalisten Mike Walles am Dienstag in Teheran gewährt wurde. Er verwies darauf, dass Bush die Einladung der iranischen Führung zu einem Dialog verweigert hatte. "Bitte übermitteln Sie ihm unsere Botschaft - derjenige, der unsere Einladung verweigert, wird schlecht enden".
Die USA "wollen ein Imperium aufbauen und wollen nicht neben den anderen Nationen in Frieden leben", so der iranische Staatschef. Nach seiner Ansicht glaubt Bush daran, dass "seine Stärke von seinem nuklearen Arsenal ausgeht".
"Die Zeit der Bombe ist aber vorbei. Begonnen hat eine Ära von Gedanken, Dialog und kulturellem Austausch", erklärte er.
Auszüge aus dem Interview wurden von CBS am Donnerstagabend gesendet, in der vollen Länge wird das Gespräch am Sonntag gebracht.
"Die Zeit der Bombe ist aber vorbei. Begonnen hat eine Ära von Gedanken, Dialog und kulturellem Austausch"
Zum ersten Mal stimme ich ihnen aus ganzem Herzen voll zu, unter der Bedingung, dass diese Zeit des Austausches auch tatsaechlich beginnt!
Ich schliesse aus Ihren Aeusserungen, dass Sie von weiterer Urananreicherung, die zur Entwicklung von Atomwaffen gebraucht werden koennte, von nun an voellig absehen werden!
Ich bin begeistert!
Ein Glaeubiger ihres Landes hat mich schon eingeladen, um ihr schoenes Land zu besichtigen!
Die Welt wuerde jubeln, wenn sie deutlich machen: es kommt nicht auf Atomwaffen an, es kommt auf den Geist, die Seele, das Herz an in dieser Welt!
Wenn sich das als wahr herausstellt, wird ihr Land das naechste sein, das ich gerne besuche!
Auch in Deutschland regte sich Kritik: gegen die tendenziöse Berichterstattung der Zeit über den Nahen Osten, sowie die Zensur der Kommentare. Nur, die Zeit lässt sich eben nicht beirren. Herr Joffe hat scheinbar das gleiche Wertedreieck wie Herr Döpfner vom Springer-Verlag: "USA, Israel, Marktwirtschaft".
Dazu gehört dann eben auch, den Iran zu verteufeln und Fakten auszublenden.
Zu den Fakten gehört, dass:
- Iran im Atomwaffensperrvertrag ist
- die zivile Nutzung von Atomkraft dessen Mitgliedern erlaubt ist
- das Angebot des Iran an die IAEA jegliche Anreicherung zu überwachen
- Iran selbst Uranvorkommen hat, die es nutzen möchte, was diverse Pressemeldungen dieser Woche zum Thema "Uranschmuggel in den Iran" ad absurdum führt und als billigste Propaganda entlarvt
- jegliche Auslagerung der Anreicherung diese Autarkie durchkreuzt
- die US-Regierung zu Zeiten des Schahs dem Iran Atomkraft quasi aufdrängen wollte
- Israel nicht im Atomwaffensperrvertrag ist und munter Atomwaffen produziert
PS: Herr Ladurner, das Blatt heißt kayhan, aber im Zuge sauberster Recherchen kann das schon mal untergehen...
Wer wie Sie andern vorwirft, daß sie wesentliche Aspekte der Politik Theherans ausblenden und dann selbst die Drohung Ahmadineschads gegen Israel ausblendet, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, Propaganda zu betreiben.
Schaut man sich die Argumentationsketten an, so fällt doch eine gewisse Nähe zur Odessa-Connection auf. Zufall?
Nein, ich hab's auch gesehen:
"Nun, wenn Irans Präsident sagt, dass er das "zionistische Regime beseitigen will", GB's Präsident und fast sämtliche Medien daraus ein "Israel vernichten wollen" machen, bin ich scheinbar der einzige, dem dies auffällt."
Iran wird vorgeworfen ein Regimewechsel zu wollen (also ein Wunsch), aber Israel darf sich durch bombardieren von Strassen, Brücken, Krankenhäusern verteidigen (also Taten).
Israel wurde von Europäer, wegen europäischer Taten, ausserhalb Europa gegrüdet. Ich kann sehr gut verstehen das dieses den Leuten, die damals schon in dem Gebiet waren, nicht so sehr gut gefällt. Wir, Europäer, haben unser Schuldbewustsein in den Aussland evaküiert, und deshalb sollen millionen leute, die nichts, absolut nichts, mit den einen oder anderen zu tun hatten, seit Generationen bezahlen.
Und darauf hin wollen wir jetzt gegen ein anderes Land in der Gegend gehen, weil wir ihnen nicht glauben was sie sagen (nähmlich das sie keine Atomwaffen wollen). Weil diese über ihrem Atomprogramm gelogen haben ? Das haben doch andere auch getan (Pakistan, Indien, Israel).
Wie viel besser sind wir Europäer dass wir so selbstverständlich allen anderen vorschreiben wollen was sie machen dürfen ?
zoltan
"Die Zeit der Bombe ist aber vorbei. Begonnen hat eine Ära von Gedanken, Dialog und kulturellem Austausch"
Mir wird ganz warm ums Herz und mir kommen die Tränen der Erleichterung. Endlich ist sie da, die neue Ära, mit Ahmadineschad, dem Messias, der der Welt das Heil beschert und Israel und den Juden den "ewigen Frieden".
Hoffentlich haben es die Gefangenen in den Kerkern des Mullahregimes auch vernommen. Aber wahrscheinlich sprechen Sie nicht laut genug, um den Dialog aufrechterhalten zu können - oder aber die Mauern sind zu dick.
Die Ära des kulturellen Austauschs - ja sie ist schon da. Überall auf den Straßen Theherans sieht man die von Ahmadineschad zum kulturellen Austausch aufgeforderten Iraner, bereit den Argumenten anderer Kulturen zu lauschen. Ihre Gesten werden von uns Europäern völlig mißverstanden. Wir sind einfach unfähig ihre Friedenspalmen in den Fäusten zu erkennen.
Mein Gott, königliche Hoheit! So primitiv kann Ihre Propaganda doch nicht sein. Das ist beleidigend für die Leser von ZEIT-online.
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