Wandern : Hose runter, Schuhe an

Naturisten sind die Aktivisten der FKK-Bewegung. Wenn der Sommer am heißesten ist, marschieren sie nackt durch die Eifel.

Es ist kurz vor Mittag, als ich den Punkt erreiche, an dem es kein Zurück mehr gibt. Die Sonne brennt, die Luft im Rheintal ist stickig, das T-Shirt klebt auf der Haut. Manch einer, der jetzt draußen herumläuft, wird sich wünschen, die lästige Kleidung einfach abzustreifen. Ich nicht. Mir steht es bevor.

Die Nacktwanderer treffen sich auf einer abgeschiedenen Wiese am Südrand von Bonn, die ihnen auch als Campingplatz dient. »Das Woodstock der Bewegung« hat jemand die Zusammenkunft genannt. Das war etwas übertrieben. Ich zähle eher 50 als 500.000, die hier nackt grillen, baden oder plaudern. Aber immerhin. Für einen Trend, an dem nichts zu verdienen ist, gewinnt die Nacktläuferei beachtlich an Boden. 2001 demonstrierte ein Häuflein Nackter am Brandenburger Tor. 2003 marschierte ein Fernfahrer nackt von Südengland nach Schottland, unterbrochen von diversen Gefängnisaufenthalten. 2005 verlegte das Berliner Ehepaar Gramer das Manifest Nacktaktiv, das gerade ins Englische übersetzt wird. Die nacktaktiven Deutschen nennen sich selbst Naturisten. Auf drei- bis vierhundert schätzen sie ihre Zahl. Sie finden einander in Internet-Foren und auf Veranstaltungen wie dieser.

Warum nackt? Um eine Antwort ist hier niemand verlegen. Man wandert doch, um die Natur zu genießen – mit allen Sinnen, wie es so schön heißt. Kleidungsstücke wirken dabei nur als Puffer. Also runter damit, wann immer die Witterung es erlaubt. Warum ganz nackt? Ich frage die Gramers, die eigens aus Berlin angereist sind. Wegen der Kraftlinien, erklärt Wolfgang. Die fließen nämlich längs durch den Körper und mögen es nicht, wenn etwas quer getragen wird. Schon ein String-Tanga schnürt den Energiefluss ab.

Ich selbst, energetisch noch nicht auf der Höhe, habe eine schlichtere Theorie: Renitenz. Diese Leute hören lauter als andere jene Gouvernantenstimme, die ihnen sagt, sie sollten sich schämen, für ihren Körper und mithin für sich selbst. Sie schämen sich aber nicht mehr, und das wollen sie zeigen. »Für mich ist das Nacktwandern ein Schritt zur Selbstheilung«, sagt Dieter, ein kerniger Rheinländer mit rasierter Brust. »Man sagt ja auch ›sich ent-wickeln‹«, ergänzt Anita Gramer. Von diesen Wortweisheiten hat sie einige auf Lager. Anita ist die Uschi Obermaier des Naturismus. Das gemeinsame Buch (»mit 138 Abbildungen«) zeigt sie bei allerlei Aktivitäten, vom Joggen über das Reiten bis zum Schlittenfahren. »Da waren wir hinterher ein bisschen erkältet«, sagt sie. Ein geringer Preis für die spirituelle Genesung.

Ich halte mich lieber an Bernadette, ihre jüngere Schwester, die auch zum ersten Mal dabei ist. »Sie ist jetzt reif«, meint Anita. Bernadette überlegt noch, ob das ein Kompliment ist. Bis zuletzt suchte sie Ausreden für den Fall, dass der Mut sie verließe. Nun steht sie bei den anderen, abmarschbereit und nackt. »Am besten, man bringt das schnell hinter sich«, hat ihr Schwager gesagt.

Vielleicht liegt es ja nur an der Hitze, dass mir ein Sprung vom Fünfmeterbrett in den Sinn kommt: Man steigt die Leiter hoch und merkt mit jeder Sprosse deutlicher, dass man einen Fehler macht, einen idiotischen, furchtbaren Fehler. Aber man kann nicht umkehren, weil hinter einem schon die anderen drängen, die nicht verstünden, welche Qualen man leidet.

Schuhe aus, alles aus, Schuhe wieder an. Das ist eine ungewohnte Abfolge. Gefühlte zehn Minuten falte ich mein T-Shirt zusammen und stopfe es in den Rucksack. Hauptsache, irgendwas tun. Ein letzter Blick nach unten: Will die Welt das sehen? Sei’s drum, sie muss. Es ist ja auch nicht die ganze Welt, sondern nur die Eifel, dünn besiedeltes Land.

27 Wanderer haben sich zusammengefunden; die meisten sind Männer. »Meine Frau wollte nicht mit«, erzählt Dieter. »Die hatte Angst, da ist eine schöner als sie.« Ganz falsches Denken, meinen die Naturisten. Wer den eigenen Körper als Ware betrachtet, wird seines Lebens nicht mehr froh. Nacktheit ist Reinheit. Und Unschuld. Kleidung empfindet man hier als das wahrhaft Frivole, all dieses Verhüllen und Verheißen. »Anziehen wirkt anziehend«, sagt Anita Gramer. »Man sagt ja auch ›anzüg-lich‹«, sekundiere ich.

Es gibt diesen Scherz von W. C. Fields: »Haben Sie keine Angst, Madame. Schlimm ist nur der letzte Meter.« Er sagt das von einem Flugzeugabsturz. Beim Nacktwandern verhält es sich umgekehrt. Es stimmt, man gewinnt einen neuen Blick auf die Landschaft: auf Flora (Hat sie Dornen?) und Fauna (Kriecht sie am Bein hoch?), auf das Panorama (Kommen Leute?) und sogar auf die Ortsschilder (Kennt mich da jemand?). »Ich esse erst mal ein Käsebrötchen«, bemerkt Bernadette. Ich beneide sie um ihre Kaltblütigkeit.

Wir wandern auf abgelegenen Pfaden von einem Parkplatz bei Niederzissen durch das Brohltal in der östlichen Vulkaneifel. Eigentlich ist es bloß ein Spaziergang; nicht jeder Naturist ist ein Sportler. Nach einer halben Stunde die erste Rast auf freiem Feld. Einige klettern auf Strohballen. Der Veranstalter der Wanderung, ein fülliger Mann mit dem Spitznamen Regenmacher, erzählt etwas über die Gegend. »Da hinten seht ihr die Burg Olbrück, das Wahrzeichen des Brohltals. Da können wir uns nicht sehen lassen.« Er hat das Gebiet zuvor im Selbstversuch auf No-go-Areas überprüft. 

Eins merke ich rasch: Diese Leute sind keine Spinner. Fast alle zählen angezogen zu den Stützen der Gesellschaft, als Beamte, Akademiker, Ingenieure. Sogar ein Pfarrer wandert mit. Sie verweisen beredt auf die lange Tradition der nackten Naturerfahrung, auf das alte Griechenland und auf Goethe, der in Dichtung und Wahrheit immerhin davon fantasiert (»Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommnen Gewässern einher…«), vor allem aber auf die Lebensreformbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts, für die sogar Hermann Hesse sich auszog. Heute gehe es aber viel entspannter zu, sagt Regenmacher: »Wir haben hier sogar Leute, die Fleisch essen.«

Die Nacktwanderer sind gewissermaßen der militante Flügel der FKK-Szene und dort entsprechend umstritten. Das Camp in Bonn entstand nur, weil der Gründer zuvor beim örtlichen Nacktbadeclub herausgeflogen war, wegen zu großer Freizügigkeit, wie er sagt: »Die haben eine richtige Gerichtsverhandlung abgehalten.« Umgekehrt stänkern die Wanderer über die Bader, die sich freiwillig in ihre Ghettos zurückzögen und dort Gartenzwerge polierten. Eine Wanderin hat ein Fähnchen »FKK-Platz« dabei, das sie aufstellt, wo immer sie steht. FKK – c’est moi.

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