Medizin Geld oder Sterben

Im Kampf gegen Aids fehlte lange das Geld, jetzt fließen Milliarden. Daran hat Richard Feachem großen Anteil. Vor der Aids-Konferenz 2006 in Toronto erklärte der Chef des Global Fund, wie die Mittel am besten investiert werden

DIE ZEIT: Eines vorweg: Was haben die vielen roten Sachen hier in Ihrem Büro zu bedeuten?

Richard Feachem: Richtig, alles ist rot. Hier ein rotes Armani-Brillenetui, das sind die völlig roten Sonderausgaben des Independent und des Lancet , eine rote American-Express-Kreditkarte. Und schauen Sie, dieses rote Motorola-Handy…

ZEIT: Sind Sie unter die Werbetreibenden gegangen? Ich dachte, Sie finanzieren Hilfsprojekte im Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria.

Feachem: Das ist unsere neueste Kampagne, um private Spender ins Boot zu holen. Eigentlich war der Global Fund ja als Partnerschaft zwischen privaten und staatlichen Geldgebern angelegt. Aber das funktionierte nur teilweise. Seit der Gründung des Global Fund vor vier Jahren bis zum ersten März dieses Jahres haben wir fünf Milliarden Dollar Spendengelder eingenommen – aber nur fünf Millionen Dollar davon kamen von Firmen und Einzelpersonen. Der U2-Sänger Bono kam auf die Idee mit dem »Product RED«. Firmen können die Marke RED nutzen, und ein Teil der Einnahmen geht dann an den Global Fund. Das funktioniert. In nur wenigen Wochen haben sich die Einnahmen von privaten Spendern auf 15 Millionen Dollar verdreifacht.

ZEIT: Es ist jetzt 25 Jahre her, dass Aids zum ersten Mal offiziell registriert wurde. In Toronto treffen sich nächste Woche 20000 Experten und beraten, wie sie dem Problem begegnen können. In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, dass es bei Aids nur noch darum geht, genug Geld einzusammeln. Wie ist der Stand der Dinge?

Feachem: In den ersten 20 Jahren haben wir nicht bemerkt, wie groß und ernst das Problem ist, und nichts getan. In den vergangenen sechs Jahren aber änderte sich das dramatisch. Aids wird seither ernst genommen, und die Politik übernahm die Führungsrolle. George W. Bush, Tony Blair, Jacques Chirac und viele andere sprechen jetzt oft über HIV. Plötzlich wird mehr Geld investiert, und es gibt antivirale Therapien auch in Afrika. Vorher hat niemand geglaubt, dass das möglich wäre. Und jetzt kommt eine einflussreiche Person wie Bono und sagt: Product RED, das ist eine coole Idee, und du hilfst Menschen in Afrika mit Aids. Jetzt erst gewinnt die Hilfe an Fahrt.

ZEIT: UNaids hat festgestellt, dass inzwischen acht Milliarden Dollar pro Jahr in den Kampf gegen Aids investiert werden. Das ist rund doppelt so viel wie noch 2003. Reicht das nicht?

Feachem: UNaids hat festgestellt, dass nicht acht, sondern 20 Milliarden Dollar jährlich nötig wären. Am Anfang haben viele Skeptiker gesagt: Ihr werdet das Geld bekommen, aber ihr werdet es nicht ausgeben können, weil arme Länder die Summen gar nicht absorbieren und einsetzen können. Falsch, falsch, falsch. Gerade ist eine Studie von der Harvard University herausgekommen, die das Gegenteil beweist. Auch sehr arme Länder können die Investitionen sinnvoll und erfolgreich verwenden. Diese Botschaft sollte von allen Dächern verkündet werden.

ZEIT: Es gibt das Aids-Hilfe-Programm des amerikanischen Präsidenten Bush, kurz Pepfar , die Impfstoffinitiative GAVI, die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, den Global Fund und viele andere mehr. Ist diese Hilfskonkurrenz nicht kontraproduktiv?

Feachem: Auf der Geberseite gibt es mit der Vielzahl der Ansätze keine größeren Schwierigkeiten. Bedenken Sie: Noch vor zehn Jahren hatte die WHO das intellektuelle Monopol für Initiativen und Ideen zur Weltgesundheit. Jetzt haben wir die Pluralität der Ideen. Das ist gesünder. Allerdings gibt es auf der Empfängerseite Schwierigkeiten. Wenn zum Beispiel in der Hauptstadt von Uganda 20 verschiedene Organisationen Aids-Hilfe anbieten, überfordert das die Bürokratie des Landes. Aber die OECD arbeitet im Moment hart daran, die verschiedenen Aktivitäten aufeinander abzustimmen. So sollten die Gelder zum Beispiel in einen Topf geworfen und erst dann verteilt werden. Allerdings muss man auch sagen, dass dieses Koordinationsproblem nur in 15 von 132 Ländern existiert, die der Global Fund unterstützt. Nur dort treffen sehr viele Organisationen aufeinander. In den meisten anderen Staaten ist der Global Fund der einzige Geldgeber.

ZEIT: Der Investor Warren Buffet hat gerade das Vermögen der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung mit 30 Milliarden Dollar verdoppelt. Birgt dieses Hilfsmonopol nicht Gefahren?

Feachem: Sie haben eine starke Position – aber kein Monopol. Nehmen Sie zum Beispiel den Global Fund. Er investiert jährlich mehr als die Gates-Stiftung. Aber was viel wichtiger ist: Andere Stiftungen und reiche Wohltäter beobachten sehr genau, was Gates und Buffet tun. Es animiert auch andere Philanthropen, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Das alles aber sollte nicht dazu führen, dass sich die Geberländer aus ihrer Verantwortung zurückziehen.

ZEIT: In Uganda haben Sie letztes Jahr die Förderung ausgesetzt. Zuerst hatte das Land mit vorbildlichen Aufklärungskampagnen gegen Aids geglänzt, plötzlich gab es erhebliche Korruption. Hat zu viel Hilfsgeld das Land korrumpiert?

Feachem: Ja, wir mussten reagieren. Aber in den anderen 14 Ländern, in denen sehr viele Organisationen engagiert sind, gab es keine Korruption. Es besteht also kein Zusammenhang.

ZEIT: Immer wieder entsteht der Eindruck, es müssten nur die Medikamente verteilt und der richtige Impfstoff gefunden werden – dann löse sich die Aids-Katastrophe schon auf. Auch die Bill- und-Melinda-Gates-Stiftung konzentriert sich auf solche technischen Lösungen. Müssten nicht eher die riesigen Einkommensunterschiede in den Ländern angegangen und Infrastruktur aufgebaut werden?

Feachem: Für erfolgreiche Projekte benötigen wir vier Zutaten: eine politische Führung, die Aids-Programme unterstützt, zweitens viel, viel Geld, drittens Technologien wie Impfstoffe, die zumindest 50 bis 60 Prozent der Menschen schützen. Und dann brauchen wir Gesundheitssysteme, die adäquat finanziert sind und auch auf dem Land funktionieren. In Südafrika existiert diese Infrastruktur, in Malawi nicht. In Malawi sind extrem viele medizinische Fachkräfte abgewandert. Es gibt inzwischen mehr malawische Krankenschwestern in Manchester als in Malawi selbst. Diese Wanderung geschieht sogar innerhalb von Afrika, zum Beispiel nach Südafrika und nach Botswana. Mit der Hälfte des Geldes vom Global Fund stärken wir deshalb die Gesundheitssysteme der Länder.

ZEIT: Gibt es ein spezielles Erfolgsrezept für ein effizientes Gesundheitssystem in Afrika?

Feachem: Der Global Fund ist jetzt vier Jahre alt. Wir haben rund 400 Programme finanziert und geradezu obsessiv evaluiert. Wir haben zum Beispiel gelernt, dass das Engagement der Zivilgesellschaft besser funktioniert als das von Regierungen. Und wir haben gesehen, dass der Kampf gegen Tuberkulose leichter ist als der gegen Aids und Malaria.

ZEIT: Warum das?

Feachem: Jede Krankheit hat ihre internationale Mafia. Die Tuberkulose-Mafia weiß genau, was sie tut. Alle Behandlungsprozeduren sind extrem vereinfacht und standardisiert. Diese Standards sind inzwischen in allen Ländern implementiert. Im Vergleich dazu sind die Aids- und die Malaria-Leute noch ziemlich desorganisiert. Sie diskutieren noch, was die 100-prozentig beste Lösung ist. Dabei wären 80 Prozent schon ausreichend.

ZEIT: Sehr große Einkommensunterschiede in einem Land scheinen besonders abträglich für die Gesundheit zu sein. Sollte man daher nicht auch einen Teil der Hilfe darauf verwenden, diese Unterschiede auszugleichen?

Feachem: Arme Menschen erleiden die meisten Infektionskrankheiten. Wenn man also wie der Global Fund in die Gesundheit der Menschen investiert, investiert man automatisch in die ärmere Bevölkerung. Auf diese Weise wird das Einkommen auch etwas umverteilt. Es wird allerdings gerade debattiert, ob es wichtiger ist, sich auf diesen Unterschied an sich zu konzentrieren oder auf die Beseitigung der absoluten Armut.

ZEIT: Sie haben den Global Fund mit gegründet und waren der erste Direktor. Jetzt aber wollen Sie gehen. Warum?

Feachem: Nächstes Jahr bin ich fünf Jahre dabei. Man hat mich gefragt, ob ich weitermachen will. Ich habe entschieden, dass es Zeit wird für einen neuen Leiter. Jede Organisation hat ihren Lebenszyklus. Der Global Fund ist jetzt aus der Adoleszenz heraus, und es wäre vernünftig, jemand anderen für das frühe Erwachsenenalter zu finden.

ZEIT: Was werden Sie tun?

Feachem: Ich habe zwei Professuren an kalifornischen Universitäten, die eine in Berkeley, die andere in San Francisco, wo ich auch das Institut für Weltgesundheit gegründet habe. Dorthin werde ich zurückkehren.

ZEIT: Was ist das Resümee Ihrer Arbeit?

Feachem: Als wir anfingen, waren wir zehn Leute in einem kleinen Büro, jetzt sind wir 300 Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Wir haben in nur vier Jahren aus dem Nichts eine große und innovative Institution aufgebaut, die große Wirkung hat, weltweit. Darauf bin ich stolz. Ich bin allerdings betrübt, dass wir nicht noch weiter gekommen sind.

ZEIT: Was war besonders frustrierend?

Feachem: Es ist ein sehr anstrengender Job. Man muss immer größere Mengen Geld beschaffen. Dieses Jahr brauchen wir drei Milliarden Dollar, letztes Jahr waren es 1,5 Milliarden. Da muss man sich schon mit Institutionen und Menschen streiten, die sehr viel konservativer und weniger visionär sind als man selbst.

Das Gespräch führte Harro Albrecht

Der Mensch …
Das erste Mal erfuhr Richard Feachem 1962 auf der Pazifikinsel Guadalcanal, wie schwierig das Leben fernab jeder Gesundheitsversorgung ist. Damals war der Brite 18 Jahre alt, und diese Erfahrung hat ihn geprägt. Feachem wurde Arzt, Dekan der London School of Hygiene and Tropical Medicine, Leiter des Gesundheitsbereichs der Weltbank und Ideengeber für die Bill and Melinda Gates Foundation. 2000 rief UN-Generalsekretär Kofi Annan den Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria ins Leben. Feachem wurde dessen erster Direktor.

... und seine Idee
Der Malaria-Experte ist die graue Eminenz der Spendengeldhochfinanz. Er trifft Staatspräsidenten und die Reichsten dieser Welt und knöpft ihnen neue Milliardenhilfen ab. Immer wieder denkt er sich Strategien aus, wie sich Geld beschaffen lässt. Sein neuster Coup ist die Verbreitung des Product-Labels »RED«. Die Idee dafür hatte Rock-Sänger Bono. Ein Teil der Einnahmen für die »Roten Produkte« überweisen die beteiligten Firmen an den Global Fund.

 
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