Atomenergie Geisterflug

Wie gefährlich war der Störfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark wirklich?

Im Schatten des Atomkraftwerks, über dessen Störfall Europa diskutiert, blüht der Tourismus. Forsmarks Bruk im nordöstlichen Uppland, 120 Kilometer von Stockholm und nur drei vom Kraftwerk Forsmark entfernt, ist in diesem Rekordsommer ein beliebtes Reiseziel. Im Wirtshaus am idyllischen Dorfteich lassen Familien sich unter Weidenbäumen Köttbullar und gebratene Heringe schmecken.

Vor wenigen Tagen erst hieß es, in Forsmark habe sich »der schwerste Störfall seit Tschernobyl« ereignet. Aber war da was? Im Heimatmuseum sind wie eh und je die alten Pferdeschlitten der Barone af Ugglas zu besichtigen, denen hier alles gehörte. Bis Forsmarks Kraftgrupp, eine Tochter des Energieunternehmens Vattenfall, 1975 die Ortschaft kaufte, um an der nahen Küste das Kraftwerk zu errichten.

Der aufwändig renovierte Ort ist ein Aushängeschild für den Konzern, der sich um mehr Akzeptanz für die Atomkraft bemüht. Von hier führen täglich Bustouren zum AKW. Sie sind bei den Touristen beliebt. Die Region lebt seit 1980 mit und von der Kernkraft. Das schwedische Endlager für Atommüll liegt ebenfalls vor Ort und soll erweitert werden, in Forsmark sind kaum Proteste zu erwarten. Jetzt in der Hauptsaison bietet Vattenfall als besondere Attraktion einen Besuch im Simulator des Kernkraftwerks an: »Komm mit, und erlebe, wie man ein Kraftwerk steuert und wie die Besatzung mit unterschiedlichen Störungen umgeht.«

Solche Werbung, die immer noch im Info-Laden ausliegt, wirkt unterdessen naiv. Der Störfall in Forsmark hat gezeigt, dass die Simulationen an der Wirklichkeit vorbeigehen, wenn Unvorhergesehenes ein Kraftwerk unsteuerbar und die Besatzung hilflos macht. So sieht es jedenfalls Lars-Olov Höglund, das Enfant terrible der schwedischen Kernkraftindustrie. Die Gelassenheit der Sommerfrischler in Forsmark ist nur die eine Seite des schwedischen Umgangs mit der Atomfrage. Die andere Seite vertritt derzeit der weißhaarige Endfünfziger Höglund, der in einem nördlichen Vorort der schwedischen Hauptstadt lebt. Höglund hat durch seine Kommentare aus einem beinahe öffentlich untergegangenen Vorfall eine internationale Debatte über Reaktorsicherheit gemacht.

Rechner stürzten ab, Lautsprecher verstummten, Anzeigen fielen aus

Er hatte zwischen 1976 und 1986 für Vattenfall gearbeitet, zuletzt als Konstruktionschef für das Kraftwerk Forsmark. In der letzten Woche sagte Höglund gegenüber einer Lokalzeitung: »Die Kernschmelze konnte nur durch Glück verhindert werden.« Was sich in seiner alten Arbeitsstätte abgespielt habe, sei der schlimmste Störfall seit Harrisburg und Tschernobyl. »Die schwedischen Medien stellten die Sache so dar, als habe alles nach Plan funktioniert«, sagt er.

Zwei von vier Notstromgeneratoren seien schließlich angesprungen. »Die unheimliche Wahrheit ist aber, dass niemand weiß, warum diese beiden funktioniert haben und nicht auch ausgefallen sind. Wären jedoch alle vier ausgefallen, hätte niemand mehr das Schlimmste verhindern können, und der Kern wäre geschmolzen. Wir waren also näher an der Möglichkeit einer Kernschmelze, als ich es je erleben möchte.«

Höglund sieht sich nicht als Atomkraftgegner. Er kritisiert allerdings, im Zeichen der Profitmaximierung würden zunehmend die Sicherheitsstandards heruntergefahren. Schon der Beginn der Probleme in Forsmark spreche dafür: »Warum lässt man heute Wartungsarbeiten am Stromnetz bei laufendem Reaktorbetrieb durchführen? Damit man bloß kein Geld durch Stillstand verliert!«

Wartungsarbeiten am Netz hatten nach der Mittagspause am 25. Juli in einer Hochspannungs-Schaltanlage einen Kurzschluss verursacht. 400.000 Volt, rums! Schlagartig wurde das Atomkraftwerk Forsmark 1 vom Netz getrennt, automatisch stoppten die Kontrollstäbe in dem Reaktor die nukleare Kettenreaktion, die Turbinen liefen aus und damit die eigene Stromversorgung der Anlage.

In solchen Fällen springen normalerweise vier Notstromdieselgeneratoren an und erzeugen den dringend erforderlichen Strom, etwa zum Betreiben von acht großen Pumpen. Diese sollen das Wasser im Reaktor umwälzen und so die gewaltige Hitze aus den abgeschalteten, aber immer noch massiv nachglühenden Brennstäben abführen. Fallen diese Pumpen für längere Zeit aus, dann droht eine Kernschmelze mit einem Totalverlust des Reaktors wie 1979 in Three Mile Island bei Harrisburg. Im Extremfall kommt es zu einer Katastrophe mit massivem Radioaktivitätsaustritt ähnlich wie in Tschernobyl (zur Klassifizierung nuklearer Stör- und Unfälle siehe Grafik).

In Forsmark sprangen jedoch nur zwei der Notstromdiesel an, lediglich vier der acht Pumpen liefen. Schlimmer noch: Entgegen der technischen Auslegung hatte der Kurzschluss von außen durchgeschlagen und innen wichtige Geräte zerstört. »Das ist ähnlich wie beim Blitzschutz, wenn trotzdem ein Blitz durchschlägt und Überspannung im Haus Computer und Fernseher zerstört«, erklärt Michael Sailer vom Öko-Institut Darmstadt. Sailer ist Mitglied der deutschen Reaktorsicherheitskommission, war jahrelang ihr Vorsitzender und hat Kontakt mit den schwedischen Kollegen von der Statens Kärnkraftinspektion (SKI), die im Auftrag der Regierung nun den Störfall gründlich untersuchen.

In Forsmark 1 stürzten tatsächlich Computer ab, die Lautsprecher und viele Anzeigegeräte fielen aus, allerdings nicht wegen direkter Zerstörung, sondern weil Teile der Notstromversorgung versagten. Nach einem vorläufigen Bericht der SKI hatte das Kontrollpersonal gravierende Probleme, weil vitale Reaktordaten nicht klar erkennbar waren. Beispielsweise sank der Wasserstand im Reaktor durch die Schnellabschaltung deutlich, das exakte Niveau blieb jedoch unklar wegen des Stromausfalls.

Der glühende Reaktorkern muss unbedingt unter Wasser bleiben, der Sicherheitspegel aber war von vier auf etwa zwei Meter geschrumpft. Mangels Power war auch die genaue Stellung der wichtigen Kontrollstäbe, die das nukleare Feuer regeln, nicht erkennbar. Michael Sailer spricht plastisch von einer »Geisterfahrt auf einer bekannten Geisterbahn«. Dennoch bestätigt der Sicherheitsexperte, dass von einem unmittelbar bevorstehenden GAU, den Atomkritiker beschworen, nicht die Rede sein kann. Übereinstimmend mit der SKI und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, ordnet er den Störfall auf der siebenstufigen Internationalen Nuklearen Ereignis-Skala INES in der Kategorie zwei ein.

Der Meiler war nie außer Kontrolle, die automatische Regelung hielt ihn fest in der Spur der »Geisterbahn«, auch wenn die Besatzung halb blind mitfuhr. So waren die Kontrollstäbe korrekt auf »aus« gestellt, der Wasserverlust verlief programmgemäß: Sicherheitsventile hatten massiv Dampf abgelassen, um Druck und Hitze abzubauen. Die Notkühlung war beim sinkenden Druck angesprungen und hatte Wasser in den Reaktor gespeist. Im Reaktorraum (Containment) hatten Sprinkleranlagen eingesetzt. Nach 23 Minuten schaffte es die Mannschaft, verstärkt durch Kollegen aus den beiden Nachbarreaktoren, den Spuk zu beenden. Per Hand starteten sie die beiden ausgefallenen Notstromdiesel, und mit dem Strom kehrte Normalität zurück.

Nach dem Störfall ließ der deutsche Umweltminister die Muskeln spielen

Auch wenn noch einmal alles gut gegangen ist – die Fachleute sind sich einig, dass es ein Störfall war, der Konsequenzen erfordert. Michael Sailer ordnet ihn unter die zehn bis fünfzig größten Störfälle ein. »Man hat den Eisberg zwar nicht berührt, ihn aber gesehen«, meint er. Unklar war bis Redaktionsschluss, ob es sich bei der Zerstörung zweier Aggregate in der Notstromversorgung um Materialfehler handelte oder, gravierender, um grundsätzliche Fehler in der komplexen Schaltlogik.

Die zerstörten Geräte waren Umformer, die Gleichstrom aus Batterien der Notversorgung in Wechselstrom umwandeln, den die Anzeigeinstrumente und die Anlasser der Notdiesel benötigen. Wären auch die beiden anderen Umformer ausgefallen, hätte es einen Blackout mit gravierenden Folgen gegeben, laut SKI »schwerwiegender als in der Sicherheitsanalyse vorhergesehen«.

Was in Forsmark passierte, ist auch ein Störfall für die Politik in Schweden. Dort hat gerade die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen. Das Land ist in der Atomfrage tief gespalten, Forsmark zwingt die Parteien nun, Farbe zu bekennen. Schon 1980 hat Schweden, unter dem Eindruck von Harrisburg, per Referendum den Ausstieg beschlossen. Doch noch heute hängt die Energieversorgung zur Hälfte vom Atomstrom ab.

Obwohl der Ausstieg bis 2010 vollzogen sein soll, wurden bisher nur zwei (eher kleine und alte) Reaktoren in Barsebäck nahe der dänischen Grenze abgestellt. Dafür hat man die Kapazitäten der verbleibenden Kraftwerke erhöht. Und nicht erst seit Finnland den Bau eines AKW angekündigt hat, mehren sich die Zweifel, ob der Ausstieg das letzte Wort sein soll. Umfragen hatten ergeben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die weitere Nutzung der Kernkraft befürwortet – vor Forsmark.

Der Riss geht quer durch die Gesellschaft, vor allem durch die linke Regierungskoalition und mitten durch die sozialdemokratische Partei, die sie anführt. Grüne und Linkspartei, von deren Unterstützung Ministerpräsident Göran Persson abhängt, machen jetzt Druck, die Stilllegung eines Reaktors für die nächste Regierungszeit anzukündigen. Perssons Rivale im Kampf um die Macht, Fredrik Reinfeldt von der konservativ-liberalen »Allianz«, drängt andererseits, die Sozialdemokraten sollten sich endlich für oder gegen Atomkraft bekennen.

Persson zeigt keine Eile, den Ausstieg voranzutreiben. Er verspricht im Wahlkampf nur vage, die Kernkraft »in angemessener Zeit« abzuschaffen. Taktisch bleibt dem Regierungschef auch keine andere Wahl – stellte er jetzt den Ausstiegsbeschluss zur Disposition, zerrisse dies seine Partei und die Regierungskoalition.

Den deutschen Sozialdemokraten geht es ähnlich. Unter Rot-Grün wurden zwar alte Meiler feierlich stillgelegt, an der Erzeugung von Atomstrom hat sich jedoch kaum etwas geändert – wegen der »Ertüchtigung« der übrigen Kernkraftwerke. So wird derzeit die Leistung des Meilers in Krümmel um 75 Megawatt gesteigert. Die Christdemokraten befürworten den Ausstieg aus dem Ausstieg. Linke, Grüne und Umweltverbände hingegen sehen Forsmark als gegebenen Anlass, sich möglichst rasch von der »unbeherrschbaren« Kernenergie zu verabschieden.

Unter dem politischen Druck gab Bundesumweltminister Sigmar Gabriel seine moderate Haltung auf, erst solide Informationen aus Schweden abzuwarten und dann zu handeln. Obwohl die deutschen Kernkraftbetreiber Vattenfall, E.on, RWE und EnBW einstimmig beteuerten, ein Störfall wie in Schweden sei wegen anderer Notstromversorgung hierzulande unmöglich, drohte er plötzlich mit vorläufigen Stilllegungen für Anlagen, die keinen »lückenlosen Sicherheitsnachweis« beibrächten. Den hätten nicht nur die Betreiber, sondern auch die Länder als Aufsichtsbehörden zu liefern: bis Dienstag 12 Uhr. »Nun lässt der Bundesumweltminister die Muskeln spielen«, schwärmte die ausstiegsorientierte Frankfurter Rundschau .

Muskelspiele enden meist als Maskenspiele. So bestätigte die schleswig-holsteinische Aufsichtsbehörde für die Kraftwerke Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel die Einschätzung der Betreiber E.on und Vattenfall. Auch die gemeinnützige Gesellschaft für Reaktorsicherheit GRS, die hauptsächlich der Bundesregierung zuarbeitet, kam zu dem Schluss, ein Störfall wie in Schweden sei in Deutschland nicht möglich.

Intern ist offenbar die Ursache der gestörten Notstromversorgung bekannt. Der Sprecher der Forsmark Kraftgrupp, Claes-Inge Andersson, sagte, Computersimulationen hätten »eindeutig geklärt«, warum zwei der vier Notstromaggregate nicht automatisch angesprungen seien. Ob es sich um Material- oder Systemfehler handelte, verriet er nicht, um die Zusammenarbeit mit der Statens Kärnkraftinspektion nicht zu stören. Ein Materialfehler wäre nur eine Fußnote, ein Systemfehler dürfte die Kraftwerksgemeinde noch länger beschäftigen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn Sie sich richtig informiert hätten wäre Ihnen
    nicht entgangen, daß die Wartenbeleuchtung ausgefallen
    war,Störmeldungen teilweise nicht mehr angezeigt wurden,
    das Personal keinerlei Informationen über den Grund
    des Lastabwurfes hatte und damit eine Gesamtbeurteilung,
    nach reinen Erfahrungswerten herbeigeeilter Operatoren,
    sogar gegen bestehende Vorschriften und sogar gegen die
    übliche Vorgehensweise, durchgeführt werden mußten.

    Der äußerst mutige Herr Sjulander muß schon sehr genau
    die Schwächen der Hilfssysteme gekannt haben. Er hat das
    örtliche Netz (60kV) wieder zugeschaltet. Diese Handlung
    ist eine absolut nicht übliche Vorgehensweise wenn Warten-
    anzeigen unvollständig sind.

    Durch die zugeschaltete Fremdspannung wurde die hängende
    Verriegelung zweier Notstromaggregate aufgehoben und diese
    Teilanlagen gingen autonmatisch in Betrieb.

    Das ist eine abenteuerliche Veranstaltung gewesen und ich
    kann aus eigener Erfahrung mitfühlen, wie es diesen Leuten
    ergangen ist.

    Nochmals betont! Herr Sjulander hat einen Riesenmut bewiesen
    denn das hätte bei dem bekannt instabilen Ortsnetz auch
    schiefgehen können und die anderen, bereits laufenden
    Aggregate zum Ausfall bringen können. Dieser Fehler war
    absolut denkbar. Er muß sehr genaue Detailkenntisse der
    Zusammenhänge gehabt haben sonst hätte er die verbotene
    Schalthandlung nicht vorgenommen.

    Ihre Bemerkungen zum Reaktor sind überflüssig. Dessen
    Steuerung war durch den Reaktorschutz (reactor protection
    system No.516)in den Schnellstop gegangen und die I- und
    N-Schutzketten hatten angesprochen. Damit wurden die
    Brennstäbe eingefahren. Die Brenstabpositionen wurden
    nur teilweise korrekt angezeigt. Auch hier waren teilweise
    die Hilfsspannungen ausgefallen. Was ein Disaster!

    Und Herrn Höglund zu kritisieren steht Ihnen schon
    garnicht zu. Das können Sie als Außenstehender nicht
    beurteilen.

    Um es auf den Punkt zu bringen!

    In diesem 'Atom'Kraftwerk stimmen die konventionellen
    Schutz-Systeme nicht. Der Kardinalfehler liegt in dem
    völlig unsicheren Selektivitätskonzept der gesamten
    Schutzeinrichtungen und Steuerungen.

    In den letzten 35 Jahren sind in allen(!)Kraftwerken
    unzählige Veränderungen durchgeführt worden. Alleine
    die Umstellung von analogen zu digitalen Steuerungs-
    und Überwachungssystemen bringen äußerst komplexe
    Schaltungen mit sich. Wehe es herrscht keine präzise
    Ordnung in der Dokumentation; Fehler sind sowieso
    zu Hauf vorhanden. Da müßten Sie einmal die Praxis
    erleben.

    Erst seit ca. 1982 gibt es brauchbare CAD-Systeme.
    Und die Kompatibilität der gelieferten Zeichnungen
    der Lieferfirmen, immer wieder andere CAD-Systeme,
    haben die Sache nicht gerade einfach gemacht.

    Erst seit 1991 hat man mit der Errichtung von
    Kraftwerkssimulatoren angefangen und die neueste
    Technik wird erst seit 1995 genutzt.

    Doch auch diese Einrichtungen bedeuten, daß es erst
    einmal ein paar Jahre braucht um brauchbare Konzepte
    für Ereignissimulationen zu erarbeiten.

    Sämtliche bekannten Störfallereignisse müssen außerdem
    noch für ein autarkes und sehr schnelles Anbindungs-
    konzept an die unterschiedlichen Kraftwerkssteuerungen
    angepaßt und durch Versuch und Irrtum auf Herz und
    Nieren getestet werden.

    Weiterhin ist ein Traingskonzept für den Simulator
    und die Aus- und Weiterbildung des alten und neuen
    Personals zu erarbeiten.

    Tatsache ist: 'Forstmark' herrscht überall!
    Und überall ist es zunächst die schnöde Elektrotechnik,
    die nicht sauber beherrscht wird. Es ist daher absolut
    zweitrangig, daß die Energiequelle ein Atomreaktor ist.

    Anti-Atom hat so etwas Blumiges, Ideologiehaftes, aber
    man lasse sich nicht täuschen. Fachleute sind gegen
    Atomkraftwerke weil sie der angewandten Elektrotechnik
    nicht trauen. Das atomare Strahlung freigesetzt wird
    bleibt deshalb trotzdem eine Folgeerscheinung.

    Außerdem, Chemieunfälle können ebenso desaströse Folgen
    haben; auch hier versagt erst die Elektrotechnik!

    Auslöser aller Probleme ist aber der Faktor Mensch.
    Die Techniker haben das System so komplex gemacht,
    das sie die Sicherheitseinrichtungen nicht immer
    ganz in den Griff bekommen. Damit müssen wir leben.

    Die Öffentlichkeit läßt man im Regen stehen und es
    wird einfach nicht nachprüfbar über die wirklichen
    Zusamenhänge berichtet.

  2. Die nukleare Kettenreaktion war durch das Einbringen der Regelstäbe beendet worden. Tatsächlich wird aber im Kern noch Wärme produziert, die so genannte Nachzerfallswärme. Die während der nuklearen (neutronengesteuerten) Kettenreaktion entstandenen Spaltprodukte zerfallen weiter und setzen dabei Wärme frei. Diese Wärme muss auch abgeführt werden, dafür sind Nachkühlsysteme da, die in jedem Kraftwerk mit einer gewissen Redundanz ausgelegt sind. Die zu Beginn des Ereignisses arbeitenden zwei Notstromdiesel haben genügend Wasser zur Kühlung des Kerns eingespeist, der Wasserspiegel wäre auch ohne das nach 23min erfolgte manuelle Anschalten der restlichen zwei Diesel nie unter ein für den Kern gefährliches Niveau gefallen, da ja die Nachzerfallswärme mit der Zeit relativ schnell abfällt und ergo weniger Wasser gebraucht wird, um diese abzuführen. Der anfängliche Abfall auf 2m Sicherheitsreserve ist da einkalkuliert.

    Am Anfang des Artikels wird behauptet, dass man sich sehr nahe an einer Kernschmelze befunden hätte. Das ist natürlich Unfug und Panikmache, da selbst im Falle des Versagens ALLER Notstromdiesel noch mindestens ein alternatives Stromkonzept vorhanden ist.

    In diesem Zusammenhang soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass L. Höglund, aus dessen Aussagen die erste Hälfte des Artikels besteht, sich schon seit Jahren in einem Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Betreiber von Forsmark, befindet.

    Aber diese Fakten verschweigen wir dem geneigten Leser lieber.

    • Kamm
    • 13.08.2006 um 13:52 Uhr

    Wie war nun die Notstromversorgung mittels Dieselaggregaten ausgelegt: 4 x 50 % oder 4 x 100 %? Kann also ein Diesel allein den erforderlichen Strom für die Notkühlung und den Betrieb anderer existenzieller Anlagenteile liefern oder braucht es dazu mindestens zwei Diesel? Und womit ist die Behauptung von Herrn Höglund begründet, man habe 7 oder 30 Minuten vor dem GAU gestanden? Wäre bei einem Ausfall von nur einem Notstromdiesel der Fall mit Ines 0 eingestuft worden, wie das z.B. in Deutschland beim Nichtanspringen von einem dieser Diesel (z. B. am 26.5.06 in Gundremmingen) geschieht?
    Raimund Kamm

    • hagman
    • 22.08.2006 um 11:36 Uhr

    @GuentherPikos @otherland. Die Person Höglund, die eine nicht unbedeutende Rolle in der Diskussion um den Störfall spielt erscheint mir sonderbar. Immer wieder ließt man von einem vermeintlichen Rechtsstreit, dann heisst es wieder es habe niemand zu interessieren. Ich denke, dass über einem Mann der eine ganze Medienwelle losgetreten hat endlich einmal mehr Hintergründe bekannt werden sollten um seine Aussagen einordnen zu können. Hat er gerade Grund endlich die Wahrheit zu sagen? Oder gerade nicht? Wer immer Informationen hat sollte diese Quellen angeben, auch der Wikipedia würde etwas mehr Background zu Höglund gut zu Gesicht stehen.

    • hagman
    • 22.08.2006 um 11:35 Uhr

    @GuentherPikos @otherland. Die Person Höglund, die eine nicht unbedeutende Rolle in der Diskussion um den Störfall spielt erscheint mir sonderbar. Immer wieder ließt man von einem vermeintlichen Rechtsstreit, dann heisst es wieder es habe niemand zu interessieren. Ich denke, dass über einem Mann der eine ganze Medienwelle losgetreten hat endlich einmal mehr Hintergründe bekannt werden sollten um seine Aussagen einordnen zu können. Hat er gerade Grund endlich die Wahrheit zu sagen? Oder gerade nicht? Wer immer Informationen hat sollte diese Quellen angeben, auch der Wikipedia würde etwas mehr Background zu Höglund gut zu Gesicht stehen.

    • hagman
    • 24.08.2006 um 10:30 Uhr

    Wie die Geschichte durch Höglund entstand ist mir klar. Nur über ihn weiss man nichts. Mehr Quellen? Rechtsstreit: Worum ging es? ich werde weiter suchen...

    • Crest
    • 09.08.2006 um 17:06 Uhr

    Die siebenstellige Skala ist Anfang der 90-er Jahre von der IEAO eingeführt worden, um der Öffentlichkeit nach internationalen Kriterien die Schwere eines Un-/Störfalls zu verdeutlichen. Die vorher auch in den Medien häufig benutzte dreiteilige Skala N (Normal), S (Sofort), E (Eilt) diente der Kommunikation zwischen Aufsichtsbehörde und Betreiber zum Zwecke einer eigenständigen Beweissicherung durch die Behörde.

    Jene dreiteilge Skala ist jedoch nur schwach mit einer tatsächlichen Bedrohung für die Bevölkerung korreliert. ("Sofort" suggeriert natürlich etwas schwerwiegendes, bedeutet aber z.B. nur, dass durch ein Leck ein zehntausendstel der zulässigen Jahresmenge an tritiumhaltigen Wasser ausgetreten ist. 23.07.90 KKW Krümmel)

    Vieles,was auf der dreiteiligen Skala in der Mitte oder ganz oben stand, ist damit auf der siebenteiligen Skala relativ weit nach unten gerutscht. Insofern hat die dreiteilige Skala ein großes emotionales Manipulationspotential.

    Wundert es, dass deshalb die neue siebenstellige Skala von Beginn an "als Instrument der Verharmlosung" von den Kernenergiekritigern verdächtigt wurde? (Für Interessenten zum Nachlesen: Bild der Wissenschaft 4/1991 S.13)

    Nun ist der Störfall in Forsmark als Störfall der Stufe 2 klassifiiert worden. Man musste aber schon genau in den Medien suchen, diese für die Öffentlichkeit wichtige Information zu finden. Gefunden hatte ich sie zunächst nur in einem Diskussionsforum.

    Soll man jetzt sagen, das tiefe Ranking (nur Stufe 2) passte vielen Redakteuren nicht ins (ideologische) Konzept?

    Schon vor einem Vierteljahrhundert Jahrhundert wurde beschrieben, wie man bei harmlosen Störungen im Versuchsbrüter in Karlsruhe "einen Luftballon laut aufsteigen - und leise platzen ließ".

    Auch heute noch muss die Versuchung einfach unwiderstehlich sein, "einen Luftballon laut aufsteigen zu lassen..."

    Herzlichst Crest

    • dilore
    • 10.08.2006 um 8:08 Uhr

    Gemäss der Schwedischen Überwachungsbehörde wäre eine Kernschmelze nach 90 Minuten ohne Stromversorgung eingetreten.

    Nach dem Stromausfall im nationalen Netz gab es dennoch Strom von ausserhalb von einem regionalen Netz. Dieses war jedoch anscheinend überbelastet, die Forsmarkangestellten bezeichneten diese Stromversorgung als unzuverlässig. Eine Papierfabrik in der Nähe die auch von diesem Netz versort wird war für eine Stunde stillgelegt. Die Stromversorgung in Forsmark ging jetzt über Batterien.

    Das Personal hatte Anweisung, in den ersten 30 Minuten nichts von sich aus zu unternehmen sondern sich auf die Analyse der Situation zu konzentrieren. Diese Anweisung wurde nicht befolgt, nach 23 Minuten entschied man sich, die restlichen zwei Dieselgeneratoren von Hand zu starten.

    Ausserdem gab es noch eine Gasturbine beim Kraftwerk zur Notstromversorgung. Auch diese hätte normalerweise automatisch anspringen sollen, war aber anscheinend auf 'manuell' gestellt. Ich nehme an, dass man wenn der Start der Dieselmotoren missglückt gewesen wäre, versucht hätte, die Gasturbine zu starten.

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