Im Schatten des Atomkraftwerks, über dessen Störfall Europa diskutiert, blüht der Tourismus. Forsmarks Bruk im nordöstlichen Uppland, 120 Kilometer von Stockholm und nur drei vom Kraftwerk Forsmark entfernt, ist in diesem Rekordsommer ein beliebtes Reiseziel. Im Wirtshaus am idyllischen Dorfteich lassen Familien sich unter Weidenbäumen Köttbullar und gebratene Heringe schmecken. BILD

Vor wenigen Tagen erst hieß es, in Forsmark habe sich »der schwerste Störfall seit Tschernobyl« ereignet. Aber war da was? Im Heimatmuseum sind wie eh und je die alten Pferdeschlitten der Barone af Ugglas zu besichtigen, denen hier alles gehörte. Bis Forsmarks Kraftgrupp, eine Tochter des Energieunternehmens Vattenfall, 1975 die Ortschaft kaufte, um an der nahen Küste das Kraftwerk zu errichten.

Der aufwändig renovierte Ort ist ein Aushängeschild für den Konzern, der sich um mehr Akzeptanz für die Atomkraft bemüht. Von hier führen täglich Bustouren zum AKW. Sie sind bei den Touristen beliebt. Die Region lebt seit 1980 mit und von der Kernkraft. Das schwedische Endlager für Atommüll liegt ebenfalls vor Ort und soll erweitert werden, in Forsmark sind kaum Proteste zu erwarten. Jetzt in der Hauptsaison bietet Vattenfall als besondere Attraktion einen Besuch im Simulator des Kernkraftwerks an: »Komm mit, und erlebe, wie man ein Kraftwerk steuert und wie die Besatzung mit unterschiedlichen Störungen umgeht.« BILD Pannen-Ranking

Solche Werbung, die immer noch im Info-Laden ausliegt, wirkt unterdessen naiv. Der Störfall in Forsmark hat gezeigt, dass die Simulationen an der Wirklichkeit vorbeigehen, wenn Unvorhergesehenes ein Kraftwerk unsteuerbar und die Besatzung hilflos macht. So sieht es jedenfalls Lars-Olov Höglund, das Enfant terrible der schwedischen Kernkraftindustrie. Die Gelassenheit der Sommerfrischler in Forsmark ist nur die eine Seite des schwedischen Umgangs mit der Atomfrage. Die andere Seite vertritt derzeit der weißhaarige Endfünfziger Höglund, der in einem nördlichen Vorort der schwedischen Hauptstadt lebt. Höglund hat durch seine Kommentare aus einem beinahe öffentlich untergegangenen Vorfall eine internationale Debatte über Reaktorsicherheit gemacht.

Rechner stürzten ab, Lautsprecher verstummten, Anzeigen fielen aus

Er hatte zwischen 1976 und 1986 für Vattenfall gearbeitet, zuletzt als Konstruktionschef für das Kraftwerk Forsmark. In der letzten Woche sagte Höglund gegenüber einer Lokalzeitung: »Die Kernschmelze konnte nur durch Glück verhindert werden.« Was sich in seiner alten Arbeitsstätte abgespielt habe, sei der schlimmste Störfall seit Harrisburg und Tschernobyl. »Die schwedischen Medien stellten die Sache so dar, als habe alles nach Plan funktioniert«, sagt er.

Zwei von vier Notstromgeneratoren seien schließlich angesprungen. »Die unheimliche Wahrheit ist aber, dass niemand weiß, warum diese beiden funktioniert haben und nicht auch ausgefallen sind. Wären jedoch alle vier ausgefallen, hätte niemand mehr das Schlimmste verhindern können, und der Kern wäre geschmolzen. Wir waren also näher an der Möglichkeit einer Kernschmelze, als ich es je erleben möchte.«

Höglund sieht sich nicht als Atomkraftgegner. Er kritisiert allerdings, im Zeichen der Profitmaximierung würden zunehmend die Sicherheitsstandards heruntergefahren. Schon der Beginn der Probleme in Forsmark spreche dafür: »Warum lässt man heute Wartungsarbeiten am Stromnetz bei laufendem Reaktorbetrieb durchführen? Damit man bloß kein Geld durch Stillstand verliert!«

Wartungsarbeiten am Netz hatten nach der Mittagspause am 25. Juli in einer Hochspannungs-Schaltanlage einen Kurzschluss verursacht. 400.000 Volt, rums! Schlagartig wurde das Atomkraftwerk Forsmark 1 vom Netz getrennt, automatisch stoppten die Kontrollstäbe in dem Reaktor die nukleare Kettenreaktion, die Turbinen liefen aus und damit die eigene Stromversorgung der Anlage.

In solchen Fällen springen normalerweise vier Notstromdieselgeneratoren an und erzeugen den dringend erforderlichen Strom, etwa zum Betreiben von acht großen Pumpen. Diese sollen das Wasser im Reaktor umwälzen und so die gewaltige Hitze aus den abgeschalteten, aber immer noch massiv nachglühenden Brennstäben abführen. Fallen diese Pumpen für längere Zeit aus, dann droht eine Kernschmelze mit einem Totalverlust des Reaktors wie 1979 in Three Mile Island bei Harrisburg. Im Extremfall kommt es zu einer Katastrophe mit massivem Radioaktivitätsaustritt ähnlich wie in Tschernobyl (zur Klassifizierung nuklearer Stör- und Unfälle siehe Grafik).

In Forsmark sprangen jedoch nur zwei der Notstromdiesel an, lediglich vier der acht Pumpen liefen. Schlimmer noch: Entgegen der technischen Auslegung hatte der Kurzschluss von außen durchgeschlagen und innen wichtige Geräte zerstört. »Das ist ähnlich wie beim Blitzschutz, wenn trotzdem ein Blitz durchschlägt und Überspannung im Haus Computer und Fernseher zerstört«, erklärt Michael Sailer vom Öko-Institut Darmstadt. Sailer ist Mitglied der deutschen Reaktorsicherheitskommission, war jahrelang ihr Vorsitzender und hat Kontakt mit den schwedischen Kollegen von der Statens Kärnkraftinspektion (SKI), die im Auftrag der Regierung nun den Störfall gründlich untersuchen.

In Forsmark 1 stürzten tatsächlich Computer ab, die Lautsprecher und viele Anzeigegeräte fielen aus, allerdings nicht wegen direkter Zerstörung, sondern weil Teile der Notstromversorgung versagten. Nach einem vorläufigen Bericht der SKI hatte das Kontrollpersonal gravierende Probleme, weil vitale Reaktordaten nicht klar erkennbar waren. Beispielsweise sank der Wasserstand im Reaktor durch die Schnellabschaltung deutlich, das exakte Niveau blieb jedoch unklar wegen des Stromausfalls.

Der glühende Reaktorkern muss unbedingt unter Wasser bleiben, der Sicherheitspegel aber war von vier auf etwa zwei Meter geschrumpft. Mangels Power war auch die genaue Stellung der wichtigen Kontrollstäbe, die das nukleare Feuer regeln, nicht erkennbar. Michael Sailer spricht plastisch von einer »Geisterfahrt auf einer bekannten Geisterbahn«. Dennoch bestätigt der Sicherheitsexperte, dass von einem unmittelbar bevorstehenden GAU, den Atomkritiker beschworen, nicht die Rede sein kann. Übereinstimmend mit der SKI und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, ordnet er den Störfall auf der siebenstufigen Internationalen Nuklearen Ereignis-Skala INES in der Kategorie zwei ein.

Der Meiler war nie außer Kontrolle, die automatische Regelung hielt ihn fest in der Spur der »Geisterbahn«, auch wenn die Besatzung halb blind mitfuhr. So waren die Kontrollstäbe korrekt auf »aus« gestellt, der Wasserverlust verlief programmgemäß: Sicherheitsventile hatten massiv Dampf abgelassen, um Druck und Hitze abzubauen. Die Notkühlung war beim sinkenden Druck angesprungen und hatte Wasser in den Reaktor gespeist. Im Reaktorraum (Containment) hatten Sprinkleranlagen eingesetzt. Nach 23 Minuten schaffte es die Mannschaft, verstärkt durch Kollegen aus den beiden Nachbarreaktoren, den Spuk zu beenden. Per Hand starteten sie die beiden ausgefallenen Notstromdiesel, und mit dem Strom kehrte Normalität zurück.

Nach dem Störfall ließ der deutsche Umweltminister die Muskeln spielen

Auch wenn noch einmal alles gut gegangen ist – die Fachleute sind sich einig, dass es ein Störfall war, der Konsequenzen erfordert. Michael Sailer ordnet ihn unter die zehn bis fünfzig größten Störfälle ein. »Man hat den Eisberg zwar nicht berührt, ihn aber gesehen«, meint er. Unklar war bis Redaktionsschluss, ob es sich bei der Zerstörung zweier Aggregate in der Notstromversorgung um Materialfehler handelte oder, gravierender, um grundsätzliche Fehler in der komplexen Schaltlogik.

Die zerstörten Geräte waren Umformer, die Gleichstrom aus Batterien der Notversorgung in Wechselstrom umwandeln, den die Anzeigeinstrumente und die Anlasser der Notdiesel benötigen. Wären auch die beiden anderen Umformer ausgefallen, hätte es einen Blackout mit gravierenden Folgen gegeben, laut SKI »schwerwiegender als in der Sicherheitsanalyse vorhergesehen«.

Was in Forsmark passierte, ist auch ein Störfall für die Politik in Schweden. Dort hat gerade die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen. Das Land ist in der Atomfrage tief gespalten, Forsmark zwingt die Parteien nun, Farbe zu bekennen. Schon 1980 hat Schweden, unter dem Eindruck von Harrisburg, per Referendum den Ausstieg beschlossen. Doch noch heute hängt die Energieversorgung zur Hälfte vom Atomstrom ab.

Obwohl der Ausstieg bis 2010 vollzogen sein soll, wurden bisher nur zwei (eher kleine und alte) Reaktoren in Barsebäck nahe der dänischen Grenze abgestellt. Dafür hat man die Kapazitäten der verbleibenden Kraftwerke erhöht. Und nicht erst seit Finnland den Bau eines AKW angekündigt hat, mehren sich die Zweifel, ob der Ausstieg das letzte Wort sein soll. Umfragen hatten ergeben, dass eine Mehrheit der Bevölkerung die weitere Nutzung der Kernkraft befürwortet – vor Forsmark.

Der Riss geht quer durch die Gesellschaft, vor allem durch die linke Regierungskoalition und mitten durch die sozialdemokratische Partei, die sie anführt. Grüne und Linkspartei, von deren Unterstützung Ministerpräsident Göran Persson abhängt, machen jetzt Druck, die Stilllegung eines Reaktors für die nächste Regierungszeit anzukündigen. Perssons Rivale im Kampf um die Macht, Fredrik Reinfeldt von der konservativ-liberalen »Allianz«, drängt andererseits, die Sozialdemokraten sollten sich endlich für oder gegen Atomkraft bekennen.

Persson zeigt keine Eile, den Ausstieg voranzutreiben. Er verspricht im Wahlkampf nur vage, die Kernkraft »in angemessener Zeit« abzuschaffen. Taktisch bleibt dem Regierungschef auch keine andere Wahl – stellte er jetzt den Ausstiegsbeschluss zur Disposition, zerrisse dies seine Partei und die Regierungskoalition.

Den deutschen Sozialdemokraten geht es ähnlich. Unter Rot-Grün wurden zwar alte Meiler feierlich stillgelegt, an der Erzeugung von Atomstrom hat sich jedoch kaum etwas geändert – wegen der »Ertüchtigung« der übrigen Kernkraftwerke. So wird derzeit die Leistung des Meilers in Krümmel um 75 Megawatt gesteigert. Die Christdemokraten befürworten den Ausstieg aus dem Ausstieg. Linke, Grüne und Umweltverbände hingegen sehen Forsmark als gegebenen Anlass, sich möglichst rasch von der »unbeherrschbaren« Kernenergie zu verabschieden.

Unter dem politischen Druck gab Bundesumweltminister Sigmar Gabriel seine moderate Haltung auf, erst solide Informationen aus Schweden abzuwarten und dann zu handeln. Obwohl die deutschen Kernkraftbetreiber Vattenfall, E.on, RWE und EnBW einstimmig beteuerten, ein Störfall wie in Schweden sei wegen anderer Notstromversorgung hierzulande unmöglich, drohte er plötzlich mit vorläufigen Stilllegungen für Anlagen, die keinen »lückenlosen Sicherheitsnachweis« beibrächten. Den hätten nicht nur die Betreiber, sondern auch die Länder als Aufsichtsbehörden zu liefern: bis Dienstag 12 Uhr. »Nun lässt der Bundesumweltminister die Muskeln spielen«, schwärmte die ausstiegsorientierte Frankfurter Rundschau .

Muskelspiele enden meist als Maskenspiele. So bestätigte die schleswig-holsteinische Aufsichtsbehörde für die Kraftwerke Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel die Einschätzung der Betreiber E.on und Vattenfall. Auch die gemeinnützige Gesellschaft für Reaktorsicherheit GRS, die hauptsächlich der Bundesregierung zuarbeitet, kam zu dem Schluss, ein Störfall wie in Schweden sei in Deutschland nicht möglich.

Intern ist offenbar die Ursache der gestörten Notstromversorgung bekannt. Der Sprecher der Forsmark Kraftgrupp, Claes-Inge Andersson, sagte, Computersimulationen hätten »eindeutig geklärt«, warum zwei der vier Notstromaggregate nicht automatisch angesprungen seien. Ob es sich um Material- oder Systemfehler handelte, verriet er nicht, um die Zusammenarbeit mit der Statens Kärnkraftinspektion nicht zu stören. Ein Materialfehler wäre nur eine Fußnote, ein Systemfehler dürfte die Kraftwerksgemeinde noch länger beschäftigen.