Lebenszeichen Ausziehen!

Martenstein liefert einen Beitrag zur Patriotismusdebatte

Vor Jahren lebte ich an einem griechischen Strand inmitten des Landes Griechenland. Während wir auf unserem alten Schoner, dessen Planken nach Kalimera und Sirtaki rochen, richtungslos wie einst der Held Odysseus vor der Küste kreuzten, deutete ich auf einen weit entfernten Strand, der in den Augen der Gefährten kaum mehr war als eine fadendünne Linie am Horizont, und sagte: »Lasst uns dorthin fahren, dort werden wir Deutsche treffen.« Die Gefährten bedrängten mich mit Fragen. Ich sagte: »Seht ihr die winzigen weißen Punkte, die in der Dünung auf- und abtanzen wie Funken über dem Lagerfeuer? Es sind weiße Hinterteile, Hunderte von ihnen, die in der Sonne leuchten. Deutsche baden nackt. Andere Völker mögen das Salz der Erde sein. Wir sind das weiße Hinterteil der Erde.« Die anderen schlugen die Hände vor ihre Münder, sie wollten nicht gern das Hinterteil der Erde sein. Ich aber sagte: »Was ist schon dabei?«, streifte meine Gewänder ab und hüpfte ins Wasser.

Wenn die Engländer in ihren Zeitungen Karikaturen von Deutschen abdrucken, dann sind wir Geschöpfe mit Pickelhauben und Schnurrbärten. Die Engländer müssten Nackte malen. Nackte Männer mit Dreitagebärten, die Volleyball spielen. Nackte Frauen, die auf dem Bauch liegen und Kochtipps in der Brigitte lesen. Nackte Jugendliche, die zu Technomusik tanzen. Nackte Familien, die sich auf dem Campingplatz nackt streiten. Das ist typisch deutsch. In einem amerikanischen Berlin-Führer, den ich entdeckt habe, weist der Autor die Touristen darauf hin, dass sie in Deutschland jederzeit darauf gefasst sein müssten, nackte Menschen zu sehen, sie sollten diese Nacktheit aber bitte nicht sexuell auffassen, die deutsche Nacktheit sei etwas Kulturelles, historisch Gewachsenes, wie in Amerika die übertriebene Höflichkeit, in England die Arroganz oder in Italien der Lärm.

Tatsächlich haben alle deutschen politischen Systeme des vergangenen Jahrhunderts eine nackte Unterströmung gehabt. Im Kaiserreich und in Weimar gab es die Lebensreformbewegung und die Sonnenkinder, bei den Nazis gab es den Bildhauer Arno Breker. In der DDR passte die Stasi darauf auf, dass immer alle nackt badeten, Badehosen galten als subtile Systemkritik. In Westdeutschland wollte Adenauer den nackten deutschen Sonderweg beenden, aber 1968 haben sich sofort wieder alle ausgezogen. Aus historischen Gründen soll man auf gar keinen Fall die Meinung vertreten, dass nur junge, perfekt gebaute Menschen sich öffentlich ausziehen sollten, dies entspräche nämlich exakt der nacktheitspolitischen Haltung der Nationalsozialisten mit ihren pseudogriechischen, muskelbepackten Arno-Breker-Statuen.

Deutsch zu sein heißt eine Sache nackt zu tun. Deswegen finde ich, dass wir, die Teilnehmer an der Patriotismusdebatte dieses Sommers, uns alle gemeinsam nackt ausziehen und uns so fotografieren lassen sollten, um uns zu der deutschen Kulturgeschichte zu bekennen und um aller Welt zu zeigen, dass der neue deutsche Patriotismus schon rein optisch nicht das Geringste mehr mit der Zeit Arno Brekers zu tun hat. Anschließend spielen wir Volleyball.

Noch mehr Nacktheit im Ressort Reisen: Michael Allmaier über Nacktwandern in der Eifel »

Lebenszeichen - Harald Martensteins Gedanken über den aktuellen Zustand chronologisch archiviert »

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 15.08.2006 um 22:25 Uhr

    Lieber Martenstein,

    Danke für diese köstlichen Erbaulichkeiten.

    Der Künstler mit dem größten Nacktheitsimpact im braunen
    Sumpfland war übrigens Adolf Ziegler, der "Reichsschamhaarmaler".

    Aber mit Breker liegen Sie auch nicht ganz daneben, denn als
    aus "edler Einfalt und stiller Größe" erst einmal tumbe Einfalt und schiere Größe wurde, verlor die Nacktheit jeglichen Reiz.

    Kein Beitrag zur Patriotismusdebatte aber vielleicht ein Sie reizendes Aperçu zum Thema Nackheit:

    In A.Askoldovs sehenswertem Film "Die Kommissarin" fährt an den zunächst noch tanzenden Kindern des jüdischen Blechners Jefim eine riesige Kanone vorbei. Sie macht sich vorher in dem abgerissenen, gerade von den "Weißen" zurückeroberten, Städtchen, durch ihre gewichtig polterndes Räderwerk bemerkbar. Die Erde bebt, die Kleinen auch. Im Moment der Vorbeifahrt schauen sie an sich herunter. - So klein unsere, so groß und böse der Metallene. Furcht und Zittern.

    Schön, dass wir hauptsächlich noch ästhetische Gründe nennen
    müssen, nicht ganz ohne Kleider herumzustehen.

    Grüße

  1. Lieber Harald,
    ich beglückwünsche Sie zur Gründung dieser neuen nackten und friedvollen ersten Friedensbewegung der Liebe und der Nacktheit in Deutschland. Ihr Scharfblick hat es natürlich wieder auf den Punkt gebracht.
    Wer nackt ist will, so glaube ich, nicht kämpfen, sondern seine Freiheit genießen und so ist ihr Vorschlag ein phantastischer. Ich glaube aber, und das ist ja typisch deutsch, dass eine große Abordnung gefunden werden sollte, wo alle Alterstufen und Geschlechter gleichmäßig vertreten sind und diese dann geordnet, entweder vor dem Brandenburger Tor oder vor dem Reichstag an- und auftreten sollten. Natürlich schlage ich Sie als Leiter dieser dann so schönen Abordnung des gesamten deutschen Volkes vor.
    Es ist wieder herrlich ihre Worte zu lesen.
    Liebe Grüße LK.

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