Letztes Jahr habe ich begonnen, meine Träume zu zeichnen. Die Idee kam mir während einer langen Tournee. Es war eine Soloshow, für die ich zehn Monate lang durch die USA und Europa reiste. Ich saß jeden Abend in einem dunklen Saal und trug ein langes Gedicht vor, mit Musik vom Laptop. Es war nicht die Art von Tournee, wo man nach der Show mit der Band ein Bier trinken geht. Außerdem musste ich mit meiner Energie haushalten, weil ein Termin den anderen jagte. Jeder Abend verlief gleich: Show. Applaus. Taxi. Gute Nacht. Ich fühlte mich einsam. BILD

Normalerweise reise ich gern allein, weil ich dabei viel mehr Leute kennen lerne. Diesmal war es anders. Immer öfter wachte ich nachts in einem Hotelzimmer auf und hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich war. Mein Geist drehte langsam auf. Die Träume wurden von Nacht zu Nacht verstörender. Sie wurden zu stark für mich. Ich musste irgendwohin damit.

Buchstäblich in Notwehr stellte ich meinen Laptop mit einem Zeichentablett neben das Bett. Der Computer lief im Sleep-Modus, ich musste nur die Leertaste drücken und konnte direkt in Photoshop zeichnen. Ich mag Stifte, aber Computer sind praktischer, man muss kein Papier mit sich herumschleppen. Computer sind perfekt für Träume, weil sie eine Art externes Gehirn sind. Sobald ich aufwachte, egal ob morgens oder mitten in der Nacht, begann ich zu zeichnen. Es war der Versuch, ein wenig Kontrolle über die Situation zu bekommen. Indem ich sie zeichnete, konnte ich die Bilder von mir wegschieben. In der Zeichnung waren sie sicher aufgehoben, wie in einem Käfig.

Zum Beispiel folgendes Bild: Hunderte kopflose Eichhörnchen, die singen. Die Stimmen kommen aus ihren durchtrennten Hälsen. Oder der Traum, in dem ich in einem muffigen Badezimmer stehe, und egal wie ich mein Haar kämme, ich sehe immer aus wie Harpo Marx. Oder: In einem Restaurant wird mir ein Pinguin serviert. Alles ist kalkweiß, ich weiß nicht, was ich tun soll. Der Pinguin atmet vielleicht noch. Ich hatte keine Zeit, ihn zu analysieren. Oder auch nur zu fragen: Warum hat man mir einen Pinguin serviert? Ich wollte nicht verstehen, worum es ging. Ich wollte einfach nur zeichnen.

Mancher Traum war einfach lächerlich, wie der mit der unfertigen Skulptur in meinem Loft: ein riesiger Käse in Form einer Treppe. Eine Skulptur, die ich niemals fertig stellen würde. Oder folgender: Lou und ich haben eine riesige Wand aus Blasen erfunden. Wir wissen nicht, was wir damit machen sollen. Also rufen wir ein paar PR-Leute an. Einmal stehe ich auf einem Balkon und sehe Paris brennen. Am Tag, als ich das träumte, am 20. März 2005, war ich natürlich nicht in Paris.

Diese Träume hatten keinen Anfang und kein Ende, keine Erzählstruktur. Es waren einfach Bilder. Ich bin nicht schreiend aufgewacht. Niemals. Ich kam mir dabei vor, als würde ich etwas aus der Distanz beobachten, eine Art Theatervorstellung. Ich wusste, ich hatte alles selbst erschaffen. Aber ich war immer einen Schritt entfernt. Vielleicht weil ich das alles für eine Art Marionettentheater hielt. Dennoch war ich sehr aufgeregt, wenn ich aufwachte. Ich versuchte mich so gut wie möglich zu erinnern. Ich wollte alles festhalten. Es war kein sanftes Erwachen. Ich fuhr hoch. Großartiges Bild! Mal es!

Aus meinem kleinen Hobby wurde eine Obsession. Beinahe hätte ich mir einen Wecker gestellt: Wach auf und zeichne! Die meisten Träume kamen in der dritten Phase des REM-Schlafs. Angeblich erinnert man sich nicht an Träume aus dieser Phase. Im normalen Leben falle ich sanft in den Schlaf und träume Dinge, an die ich mich vielleicht nie erinnere. Aber diese Träume waren nicht so. Sie fühlten sich an, als kämen sie wirklich aus der Tiefe. Jetzt mache ich ein Buch aus meinen Bildern, es heißt »Nightlife«.

Ich habe die Zeichnungen betrachtet wie ein Tagebuch. Ich wusste nicht genau, warum ich das tat. Ich lese meine Tagebücher nicht. Ich schreibe Tagebücher und lege sie weg. Vielleicht weil ich Angst habe, etwas zu verlieren. Ich versuche, etwas festzuhalten. Eine Schmetterlingssammlung von den Tagen meines Lebens.

Manchmal, wenn ich einen Tag frei hatte, arbeitete ich weiter an den Zeichnungen. Dann kam unter Umständen der gesamte Traum wieder hoch, und ich brachte Traum und Wirklichkeit durcheinander. Besonders wenn es um einen »Extraraum« ging. Man öffnet die Tür und denkt: Wow!, diesen Raum hatte ich vergessen. Darin geht es natürlich um etwas Unvollendetes. Manchmal denke ich dann in der Realität, ich sollte diesen Raum mal aufräumen. Da spielt ein leichtes Schuldgefühl hinein. Hin und wieder, wenn ich mich im wirklichen Leben für etwas schuldig fühle, höre ich eine innere Stimme, die sagt: Du solltest dieses Zimmer aufräumen.

Die Wirkung des Zeichnens war kathartisch. Nachdem die Tournee vorbei war, waren auch die Träume weg. Es war, als hätte ich mein eigenes kleines Privattheater betrieben, um mich zu unterhalten. Bei vielen Bildern fiel mir auf, dass ich da immer einen Kopf im Vordergrund des Bildes gemalt hatte. Oft fragte ich: Wer ist dieser Beobachter? Das war ich, wie ich mir die Szene ansah. Ich habe dabei gelernt, mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie der Körper mit meinem Bewusstsein Kontakt aufnimmt. Träume sind die magische Sprache des Körpers. Der Körper spricht zu uns. Er hat keine Worte, er kann uns nur Bilder vermitteln. Bilder, die mit Gefühlen aufgeladen sind. Der Körper spricht zu dir in einer Sprache, die nur für dich gemacht ist. Du bist der Einzige, der sie verstehen kann.

Als kleines Kind sah ich dauernd in den Himmel. Das gab mir ein Gefühl von Frieden. Ich wusste: Der Himmel ist immer da. Wenn ich nervös werde, kann ich noch immer in den Himmel schauen, und schon bin ich wieder bei mir. Der Himmel, große Bäume, das gab mir eine Vorstellung davon, wie klein ich selbst war – und wie groß und wunderbar die Welt. Die Ebenen von Illinois, wo ich aufgewachsen bin, sind für mich bis heute die schönste Landschaft. Dort, in der Nähe von Chicago, ist der Himmel manchmal dunkelblau, beinah lila.

Unsere Medienwelt lässt uns denken, wir wären niemals hier, sondern immer woanders. Wir wollen einen besseren Job, wir wollen ein anderes Auto, wir wollen nach Tahiti. Wir haben immer einen Plan. Aber wir sind niemals dort, wo wir gerade sind. Die unglaubliche Schönheit des Lebens besteht darin, wirklich hier und jetzt in diesem Raum zu sein. Das ist der größte Reichtum von allen. Ich versuche, nicht zurückzusehen, nichts zu bereuen. Ich versuche, hier zu sein. Das habe ich aus meinen Träumen gelernt.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke