Vertreibung Trübe Wege

Eine Ausstellung über Flucht und Vertreibung in Berlin entlastet die deutsche Geschichte und erschwert die Beziehungen zu Polen

Erzwungene Wege – die Doppeldeutigkeit dieser Überschrift ist gar nicht zu übersehen. Recht allgemein und zurückhaltend werden unter diesem Titel »Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert« skizziert, und darum geht es in der frisch eröffneten Ausstellung am prominenten Ort in Berlin, im Kronprinzenpalais Unter den Linden. Zugleich klingt allerdings auch ein Unterton von Triumph durch. Dazu muss man wissen, dass diese Ausstellung von Erika Steinbach initiiert worden ist. Sie und der Bund der Vertriebenen, dessen Chefin sie ist, betrachten das Projekt, nun, auch als »erzwungenen Weg«. Auf ihm will sie unbedingt dem umstrittenen »Zentrum gegen Vertreibungen« näher kommen. Wird die Ausstellung bejubelt und besucht, so hofft sie offenkundig, ist die Zentrumsidee nicht mehr zu bremsen.

Für Aufsehen ist gesorgt. Schon bevor die Zwillingsbrüder von der Recht- und Gerechtigkeitspartei, Lech und Jaroslaw Kaczyński, zum Präsidenten sowie zum Regierungschef Polens avancierten, galt neben den drohenden Restitutionsansprüchen der Preußischen Treuhand gerade das »geplante Zentrum gegen Vertreibungen« als Beleg für einen vermuteten deutschen Revisionismus. Nachdem aber beide, sozusagen doppeltes Misstrauen verkörpernd, Warschaus vermeintlichen Schmusekurs gegenüber den Nachbarn mit ihren ungefilterten Tacheles-Gebärden ersetzen wollen, lässt sich das Echo schon vorab ausmalen – und wäre die Ausstellungsidee auch noch so lupenrein und integer.

Schon vor der Eröffnung gab es Streit unter den Kuratoren

Aus Sorge vor einem erwartbaren Warschauer Unmut muss man sich sicher nicht den Mund verbieten lassen. Zurzeit gibt es keine »symmetrische« Fehlerbilanz, Warschaus auf die nationale Selbstsicht fixiertes Koalitionsgemix bietet ein Jammerbild. Gleichwohl: In diesem heiklen Moment stehen die Erzwungenen Wege - und bald auch die ersten Klagen der Preußischen Treuhand vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg. Jetzt kommen die »deutschen Kaczyńskis«, unsere Recht- und Gerechtigkeitspartei, könnte man sagen.

Ob die Ausstellung die Aufregung wert ist oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Bundestagspräsident Norbert Lammert, der frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck und der ungarische Schriftsteller György Konrád haben sich hergegeben als Eröffnungszeremonienmeister, um die Sache ins Unverfängliche einzubetten. Bedauerlich, dass so viele ein Projekt zu legitimieren helfen, das nie europäisch und nie wahrhaft deutsch-polnisch gedacht war.

Ungewollt wird jetzt der diffuse Versöhnungsgeist auf die Probe gestellt, der in Berlin weht. Einerseits wird Warschau freundlichst umworben und schier alles niedrig gehängt. Andererseits aber wird nun überall auch geschichtspolitische Entwarnung geblasen. Mal klingt das reichlich selbstgefällig: Wir sind lernfähiger als alle! Mal ruft das Feuilleton nach »Abrüstung innerdeutscher Debatten« (FAZ), weil das doch alles überzogene Dramatisierungen seien – in Zeiten der Großen Koalition. Und schließlich heißt es, verflixt harmlos sei das alles und das Holocaust-Mahnmal stehe ohnehin festbetoniert.

Flexibel auf ihren Umwegen haben Erika Steinbach und mit ihr die Ausstellungsmacher genau auf solchen Stimmungswandel reagiert. Praktisch sieht die Nachbesserung, also die »europäische Einbettung«, nun so aus, dass die »unterschiedlichen Beweggründe und Rahmenbedingungen für Vertreibungen« an historischen Schicksalen klar gemacht werden sollen: Die Liste reicht vom Völkermord an den Armeniern (1915/16) über die Umsiedlung der West-Karelier (1939 und 1944) bis zu Vertreibungen und Deportationen von Polen, Balten, Ukrainern und Russlanddeutschen (1939 bis 1949) oder Italienern aus Jugoslawien (1944) und Bosniern in den neunziger Jahren.

Mit Stolz haben die Ausstellungsmacher vorab gezeigt, wie sie um Polen geworben haben und sogar Vorzeigestücke ergattern konnten – trotz der enormen Reserviertheit im Land an der Weichsel, wo der Verdacht blüht, mit solchen Ausstellungen sollten Opfer und Täter vermischt, der deutsche Zivilisationsbruch relativiert werden. Camouflage? Nein, die deutsche Vertreibung, wird nun erläutert, sollte »kontextualisiert« werden, um klar zu machen, dass sie »nicht einzigartig« sei. Man wandert also im Kronprinzenpalais tatsächlich durch ein Jahrhundert der Katastrophen in Europa.

Beträchtlicher Mut gehört schon dazu, diese komplexe Geschichte zusammenzuzwingen, oder auch »Rassismus und Antisemitismus« als »Baustein des Holocaust« abzukoppeln vom Gesamtbild. Schon über die Darstellung des deutsch-polnischen Grenzvertrages aus dem Jahr 1990 aber gab es, wie die Süddeutsche Zeitung schildert, unter den Kuratoren Streit. So bleibt ein blinder Fleck an der Stelle, die jahrzehntelang ein Politikum sondergleichen war. Zur Erinnerung: Helmut Kohl, der die Vertriebenen-Stimmen nicht aufs Spiel setzen wollte, fuhr zur Unterzeichnung des Vertrages demonstrativ nicht mit. Das sollte der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher besorgen.

Und heute, wo angeblich die Idee des homogenen Nationalstaats als »Hauptursache« für die Vertreibungen dargestellt werden soll, argumentiert Erika Steinbach: Der Vertrag werde nicht gezeigt, weil er mit der Vertreibung »jedenfalls im Moment« nichts zu tun habe. Auch als Dokument der Versöhnung will sie ihn nicht in der Vitrine sehen. Die alte deutsche Ostgrenze von 1937 sei bis zum Zwei-plus-Vier-Vertrag von allen Regierungen und vom Verfassungsgericht als Ostgrenze anerkannt worden. Um Grenzen geht es nicht? Kaum zu glauben.

Beunruhigt über den »unbegründeten Ausbruch von Emotionen« haben sich die Mitglieder der deutsch-polnischen Kopernikus-Gruppe, ein Zusammenschluss von Historikern und Journalisten, schon vor der Ausstellungseröffnung in einem Appell gezeigt. Ehrlich wird darin geschildert, »dass es immer schwieriger wird, im politischen Leben Polens an verantwortlicher Stelle Partner zu finden, mit denen sie auch komplizierte Fragen des deutsch-polnischen Verhältnisses diskutieren können«. Deutsche und Polen sollten wissen, dass sie sehr viel mehr verbindet, »als diejenigen Politiker und Medien wahrhaben wollen, die sich mit den Beziehungen der beiden Völker auf anachronistische Weise beschäftigen«.

Nicht alle polnischen Empfindlichkeiten sind unbegründet

Einen ähnlichen Versuch, die Beziehungen zurückzuleiten in langjährig erprobte Gesprächsbahnen, hatte kürzlich in Schloss Genshagen das Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit unter der Regie Rudolf von Thaddens unternommen. Erfrischend und bemerkenswert daran war, wie die Nachbarn im Gespräch versuchten, die Konflikte auf der politischen Beletage sanft zu korrigieren. Aber was, wenn gerade die berufenen Korrektoren den Konflikt »oben« noch dramatisieren?

Das könnte jetzt geschehen. Denn die Ausstellung in Berlin hat einen Pferdefuß, den sie nicht los wird – die solitäre und falsche Gründungsidee des Zentrums und die Nonchalance von Berlin. Das neue Deutsche Historische Museum (DHM) strahlt eine eigentümliche Neutralität, ja Unparteilichkeit, aber kein Engagement aus. Die unprovokative, auf das »Ankommen« fixierte Ausstellung über »Flucht, Vertreibung, Integration« in seinen Räumen wird verlängert, damit man sie parallel sehen kann. Nach Erzwungene Wege stellt sich aber die Frage, ob diese Neutralität – ungewollt – den Auftakt gab für gezieltere Interventionen, bei denen sich Geschichtspolitik und Politik-Kontroversen unglücklich verquicken.

Zurück zu den Ursprüngen der Idee führt schon allein die Grenzfrage, und es lässt sich ja schwer sagen, das sei bloß »Irrationalität« auf polnischer Seite, wenn zugleich die Treuhand vor den Menschenrechts-Gerichtshof zieht. Es gibt unbegründete, es gibt aber auch nachvollziehbare polnische Empfindlichkeiten. Nicht alles ist mit »Kaczyński« zu erklären.

 
Leser-Kommentare
  1. „Gleichsetzen“ kann man nicht, darf man nicht, man müsse noch diesen oder jenen einbeziehen.

    Was denn nun? Vielleicht doch lieber eine Ausstellung ausschließlich über das Leid der deutschen Vertriebenen? Oder fehlt dann etwa wieder die politisch korrekte „Einbindung“?

    • Romat
    • 15.08.2006 um 12:12 Uhr

    @ Colon:

    Lieber Colon,

    wie ich schon in meinem vorigen post versucht habe deutlich zu machen, ist mir einfach nicht klar, was das beständige Verweisen auf „Ursache und Wirkung“ oder „Aktion und Reaktion“, das in diesem Zusammenhang logisch ohnehin einfach einen categorial mistake darstellt, eigentlich für einen Sinn haben soll.
    Entweder dient es der Relativierung, Entschuldigung oder Rechtfertigung der besagten Verbrechen bzw. der Verschiebung der Verantwortung von den Tätern auf andere (sei es auf das NS-Regime, sei es sogar schlimmstenfalls auf die Opfer). Dann ist es falsch und abzulehnen und ich würde eine Ausstellung oder ein Zentrum, das in diesem Sinn argumentiert, für gänzlich verfehlt und in moralischer Hinsicht inakzeptabel halten. (allerdings scheint das es zu sein, worauf Ihre Idealvorstellung eines solchen Zentrums hinausläuft). Oder es dient dem nicht. Dann ist es für das moralische und das historische Urteil aber irrelevant und ich begreife dann einfach nicht, warum so beharrlich darauf rekurriert wird.
    Mein Eindruck ist jedenfalls, daß es doch dem ersteren dient. In diesem Sinn verstehe ich auch die Überschrift Ihres Beitrags: „Historisch gerecht urteilen“. Ich sehe aber nicht, inwieweit ein gerechtes Urteil zu einem anderen Ergebnis kommen könnte als dem, daß Vertreibungen und Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung durch nichts zu rechtfertigende oder zu entschuldigende Verbrechen waren, für die diejenigen die volle Verantwortung tragen, die sie befohlen und/oder durchgeführt haben. Jede andere Beurteilung wäre schlicht falsch.
    Sie scheinen das allerdings anders zu sehen und rekurrieren dazu nun auf die Kategorie der „Notwehr“, die, wie ich ja bereits gesagt habe, in der Tat eine mögliche Rechtfertigung für eine Handlung darstellen kann, die ansonsten als Verbrechen zu betrachten wäre. Ich sehe aber einfach beim besten Willen nicht, wie man die Vertreibungen allen Ernstes als „Notwehr“ sollte charakterisieren können (in Parenthese: beim Bombenkrieg ist es nicht wie bei den Vertreibungen prima facie evident, ihn nicht als Notwehr zu rechtfertigen, es läßt sich aber auch hier logisch einwandfrei zeigen, daß die Bombardements, die vorsätzlich und bewußt gegen die Zivilbevölkerung gerichtet waren, die Kriterien einer Rechtfertigung als Notwehr nicht erfüllen).
    Falls Ihnen das dennoch nicht evident sein sollte, nur einige Stichworte dazu:
    a.) Notwehr darf sich nur gegen denjenigen richten, von dem die Bedrohung akut ausgeht; das sind im Kriegsfall die Kombattanten, aber in jedem Fall nicht die Zivilbevölkerung. Schon allein deshalb lassen sich die Vertreibungen nicht als Notwehr rechtfeetigen oder entschuldigen
    b.) Eine Rechtfertigung durch Notwehr endet, sobald vom Angreifer keine gegenwärtige Bedrohung mehr ausgeht. Eine vermutete spätere Bedrohung zählt nicht: es gibt keine „präventive Notwehr“ auf der Basis von bloßen Vermutungen über die Zukunft. Zudem könnte eine solche „Präventionsabsicht“, wie ich bereits ausgeführt habe, die Vertreibungen aus dem Osten Deutschlands ohnehin nicht rechtfertigen.
    c.) Das zur Notwehr angewandte Mittel muß erforderlich und geeignet sein, den Angriff abzuwehren. Es ist aber beim besten Willen nicht zu sehen, inwiefern die Vertreibungen „geeignet“ gewesen wären, den Sieg über das NS-Regime herbeizuführen, geschweige denn, wie sie auch nur im entferntesten dazu erforderlich gewesen sein sollten.
    Kurzum halte ich Ihren Versuch eines Rekurses auf die Kategorie der Notwehr schlicht für abstrus und aussichtslos.
    Es bleibt insofern bei der historischen wie der moralischen Beurteilung der Vertreibungen (wie auch des Bombenkriegs gegen die Zivilbevölkerung) als durch nichts zu rechtfertigende oder zu entschuldigende Verbrechen, für die diejenigen, die sie befohlen und/oder ausgeführt haben, die volle Verantwortung tragen. Die Vertriebenen sind eben nicht, wie Herr Benz sie einmal genannt hat, „Hitlers letzte Opfer“, sondern einzig und allein Stalins und Beneschs Opfer.
    Wenn ein europäisch angelegtes Zentrum zu dieser Beurteilung käme, hätte ich kein Problem damit. Da man aber mit größter Sicherheit davon ausgehen kann, daß die Vertreter der Vertreiberstaaten, wären sie an der Konzeption eines solchen Zentrums beteiligt, diese Beurteilung, die wie die ethische Analyse zeigt, die einzig richtige und gerechte ist, verhindern würden, bin ich strikt gegen ein europäisch angelegtes Zentrum.

    Zum Abschluß noch zwei kleine Anmerkungen:
    1.) Sie schreiben in Ihrem letzten Beitrag, man dürfe bei der Bewertung von Handlungen die Motivation nicht außer Acht lassen. Das ist natürlich richtig, aber das habe ich auch gar nicht bestritten. Ich habe aber darauf hingewiesen, daß es nur zwei Motivationen gibt, die ansonsten ethisch illegitime Handlungen zu rechtfertigen oder entschuldigen vermögen, nämlich die Motivation der Notwehr und die der Bestrafung. Und beides kommt hier eben nicht in Frage.
    2.) Sie schreiben, daß Sie meine historische Herleitung der Vertreibungen aus Stalins großrussischem Expansionismus (im Falle der „Westverschiebung Polens“) und dem Panslawismus (im Falle der Vertreibungen aus der Tschechoslowakei etc.) nicht teilen. Über das zweite kann man m.E. noch streiten, obwohl ich Begründungen wie „Angst“ tatsächlich für rein vorgeschoben halte, aber über das erstere doch wohl nicht allen Ernstes. Woher wollen Sie die „Westverschiebung Polens“ denn bitte sonst herleiten? Sie werden die Annexion Ostpolens durch die Sowjetunion und die dem folgende Kompensation Polens durch Deutschland östlich der Oder und Neiße doch wohl nicht allen Ernstes mit „Furcht vor den Deutschen“ erklären??? Das ist doch völlig abwegig.

  2. 3. \N

    Der Umgang mit dem Schicksal der Vertriebenen, die in der öffentlichen Darstellung in die "Schmuddelecke" abgedrängt werden, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft und ein Zeichen, wie hoffähig antiliberales Gedankengut immer noch ist.

    Es muss möglich sein, persönlich erlittenes Leid darzustellen - ohne dass damit eine Relativierung des zuvor von Deutschland und von Deutschen ausgehenden Krieges und Völkermordes einhergeht. Es ist perfide, mit dem Vorwurf der Relativierung umgekehrt das Unrecht der Vertreibung zu relativieren und totzuschweigen (zumindest gegenüber denjenigen Deutschen, die keine Schuld auf sich geladen hatten - Nazigegner, Kinder -, war es ein Unrecht, wie nachvollziehbar es aus Sicht der Vertreiber angesichts des von ihnen zuvor erlittenen Unrechts auch immer gewesen sein mag).

    Peter Glotz ("Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück") schrieb über die Nazigegner im Sudetenland - etwa 10% der dortigen deutschen Bevölkerung -, sie seien von den Westalliierten zweimal verraten worden: 1938 wurden sie in den Machtbereich Hitlers gegeben, nach dem Krieg wurde der Tschechoslowakei ihre Vertreibung gestattet. Wir sind dabei, sie ein drittes Mal zu verraten.

    P.S.: Natürlich gab und gibt es auch Altnazis unter den Vertriebenen, die dies als Plattform nutzen wollen. Aber die schwächt man am effektivsten, indem man eine rationale öffentliche Debatte zu diesem Thema zulässt. In den Hinterzimmern lokaler Halböffentlichkeit gedeihen Revanchismus und unreflektierte Behauptungen besser als im Licht einer öffentlichen, fairen Debatte.

  3. Erschwert werden die Beziehungen durch die Verteibung. Meine Eltern und Großeltern waren aufrechte Sozialdemokraten und Hitlergegner, wenngleich nicht im Widerstand. Ich vermag auch für Deutsche keine Kollektivschuld einzuräumen.

  4. Wie sagte doch ein bekannter Poet in geradezu gespenstischer Hellsichtigkeit über den 2. Weltkrieg? Daran werden wir noch 100 Jahre zu löffeln haben (sinngemäß).

    Der Artikel und die Kommentare zur Ausstellung sind wieder einmal der schlagende Beweis. Auf der einen Seite wird im verschwörerischen Ton geraunt, wer dann wohl alles etwas gegen diese Ausstellung haben könnte, die politische Korrektness wird bemüht. Fremde Mächte (oder Freunde?) könnten dies missverstehen weil ein Grenzvertrag von 1990 fehle weshalb möglicherweise auf Revisionismus zu schließen sei etc. pp..

    Andererseits wird, in teilweise recht harschem Ton, reklamiert, dass es ja wohl eine Frechheit sei dem Unrecht der Vertreibung nicht angemessen gedenken zu können.

    Ich persönlich bin der Auffassung, dass tatsächlich schweres nicht wieder gut zu machendes Unrecht an den Vertriebenen geschehen ist, an welches es zu erinnern gilt.

    Die Vertreter der „nicht dürfen aufrechnen“ Argumente sollten 60 Jahre nach Kriegsende und Vertreibung vielleicht mal darüber nachdenken, dass unsere polnischen und tschechischen Nachbarn wohl selber ganz genau wissen was passiert ist und welchen Anteil sie daran hatten. Im übrigen sind die polnischen Bürger die jetzt in Schlesien wohnen selbst Vertriebene, aus den jetzigen ukrainischen Gebieten, und in einer ähnlichen Situation wie die deutschen Betroffenen!

    Vielleicht kann man sich nun endlich mal darauf einigen, dass die Grenzen so bleiben wie sie sind und über die Opfer der nicht nur vor 60 Jahren geschehenen Landnamen und Vertreibungen nachdenken!

    Meine Großeltern sind auch im Treck von Schlesien aus mit zwei Kleinkindern durchs Land geirrt. In diesem Zusammenhang tangiert mich irgendeine „europäische Einbettung“ auch nur peripher!

    • WIHE
    • 19.08.2006 um 14:38 Uhr

    Zweck der Vertreibung:
    Irreversible Polonisierung und Tschechisierung von Gebieten, in denen Deutschsprachige die große Mehrheit stellten. Man war sich sicher, keine Volksabsitummung in diesen Gebieten gewinnen zu können.

    • Romat
    • 13.08.2006 um 16:50 Uhr

    @ Colon:

    In einem Ihrer vorigen Beiträge schreiben Sie: "Aber historisch und natürlich auch moralisch ist es nötig, die Kette von Ursachen und Wirkungen immer schön sauber mitzunennen."
    Aussagen dieser Art sind ist für einen beträchtlichen Teil des öffentlichen Diskurses über Kriegs- und Nachkriegsverbrechen an Deutschen geradezu exemplarisch und verdienen daher einmal einer genaueren Reflexion.
    Mit der Verwendung der Kategorien von "Ursache und Wirkung" sollen dabei die Täter dieser Verbrechen offensichtlich von ihrer Schuld entlastet werden und die Verantwortung für die von Ihnen begangenen Verbrechen auf die Opfer der Verbrechen zu verschieben.
    Zumindest sollen Verbrechen wie der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung, die Vertreibungen, die Plünderungen und Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee usf. wenn nicht gar gerechtfertigt, so doch zumindest entschuldigt oder in einem milden Licht dargestellt werden. Am Ende seien eben doch die Nazis oder sogar "die Deutschen" die wahren Schuldigen an diesen Verbrechen gewesen und eben nicht diejenigen, die sie begangen oder befohlen haben.
    Einem genaueren Nachdenken hält das allerdings nicht stand, denn die Kategorien zur Beschreibung und zur Beurteilung menschlichen Handlens sind nicht die kausal-mechanistischen Kategorien von "Ursache und Wirkung", sondern Freiheit, Verantwortung und moralische Pflicht.
    Menschen sind vernatwortliche Moralsubjekte und keine Billardkugeln, die den Gesetzen von Ursache und Wirkung unterworfen sind. Sie haben immer die Möglichkeit der Entscheidung und sind verpflichtet, moralisch zu handeln. Diejenigen, die Verbrechen wie die Vertreibungen oder den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung beschlossen, befohlen und durchgeführt haben, hätten sich ebensogut entscheiden können, das nicht zu tun (Juristen nennen das, soweit ich weiß, "Unterbrechung der Kausalkette" und eine solche leigt immer da vor, wo ein Moralsubjekt mehrere Handlungsoptionen hat). Sie haben es aber getan und damit tragen sie die volle Verantwortung für ihre Handlungen und die alleinige Schuld daran. Sie und niemand anderes: sie sind die Täter und diejenigen Deutschen, die besagten Verbrechen zum Opfer gefallen sind, die Opfer der Verbrechen
    Das omnipräsente Gerede von "Ursache und Wirkung" ist mithin kaum mehr als eine auf einem Kategorienfehler beruhende unreflektierte Phrase, die auch durch tausendfaches Nachplappern in Feuilletons, Internetforen und Politikerreden nicht richtiger wird.

    Da Sie nun allerdings zu den intelligenteren Zeitgenossen gehören, haben Sie in einem späteren Beitrag auch eine Lesart Ihres Gebrauchs der Kategorien "Ursache und Wirkung" angeboten, die schon eher in Betracht zu ziehen ist. Wenn Sie schreiben:
    "Nicht nationale "Homogenität" war der Hauptantrieb für die radikalen, menschenverachtenden Vertreibungen der Deutschen nach dem Krieg, sondern die Furcht, Deutsche könnten nach einer Zeit des Luftholens noch einmal in die Barbarei abgleiten und vollenden, was sie im Kriege nicht schafften.
    Mit den deutschen Minderheiten als beständigem Stachel im Fleische, wollte damals niemand mehr leben."
    dann bieten sie eine Lesart von "Ursache und Wirkung" an, die diese als die lediglich etwas unpräzise Metapher für das erscheinen läßt, was man einen "motivationellen Zusammenhang" nennen könnte.
    Dabei ist dann allerdings zu beachten, daß ein solcher "motivationeller Zusammenhang" ein Verbrechen weder entschuldigt, noch rechtfertigt, noch die Täter entlastet.
    Obgleich wir uns nun nicht mehr auf dem Gebiet der Ethik, sondern dem unsicheren Terrain der Geschichtswissenschaft, kann allerdings auch relativ problemlos zeigen, daß der von Ihnen behauptete Motivationszusammenhang falsch ist.
    Sie unterstellen als Motiv der Vertreibungen die Furcht, eine deutsche Minderheit könne einen "Stachel im Fleisch" des jeweiligen Staates bilden.
    Diese Argumentation weist schon den Nachteil auf, daß sie wenn überhaupt, nur für die Vertreibungen aus denjenigen Staaten (Tschechoslowakei, Jugoslawien) gelten könnte, in denen die vertriebenen Deutschen eine Minderheit bildeten. Die ganz große Mehrheit der Vertriebenen wurde aber nicht aus Gebieten vertrieben, in denen sie eine nationale Minderheit darstellten, sondern aus Deutschland selbst (wo sie evidentermaßen keine nationale Minderheit darstellten), nämlich aus Schlesien, Pommern, Ostbrandenburg und Ostpreußen (deshalb ist allerdings auch die Aussage der Ausstellung, das Motiv der Vertreibungen sei der "ethnisch homogene Nationalstaat" gewesen barer Unsinn). Zu einer "nationale Minderheit" wären die Deutschen erst durch die faktische Annexion dieser Gebiete im Zuge der polnischen Westverschiebung geworden.
    Diese war allerdings durch alles andere als "Furcht" motiviert, sondern einzig und allein durch Stalins nach Westen gerichteten großrussischen Expansionismus. Wenn die Vertreibungen aus Schlesien etc. also überhaupt die "Folge" von irgendwas waren, dann von Stalins imperialistischem Landhunger.
    Zutreffen könnte Ihre Erklärung mit der Furcht also allerhöchstens für die Vertreibungen z.B. aus der Tschechoslowakei etc. Obwohl sich hier kein so zweifelloser Nachweis der Falschheit Ihrer Annahme führen läßt wie im Fall der Vertreibungen aus Deutschland östlich Oder und Neiße, deutet die lange, tief im Panslawismus verwurzelte und weit ins 19. Jahrhundert hineinreichende Tradition, die der Gedanke einer Vertreibung der Deutschen aus Böhmen usw. unter tschechischen, jugoslawischen usw. Politikern und Intellektuellen hatte (Benesch hatte beispielsweise die Vertreibung der Deutschen schon in den 20'iger Jahren als die "ideale Lösung" favorisiert), eher darauf hin, daß da nur die Gunst der Stunde genutzt wurde, um ein Verbrechen zu begehen, das man schon lange hatte begehen wollen, wofür sich bislang aber noch keine Gelegenheit geboten hatte.

    MfG

    Romat

    P.S.: den Artikel von Herrn Hofmann habe ich bewußt nicht kommentiert, da ich darin auch wenig mehr gefunden habe als den Ausdruck von Ressentiments. Es ist schon bedauerlich für die "Zeit", deren Abonennt ich lange Jahre war, daß die Beiträge in ihrem Internetforum inzwischen oft ein höheres intellektuelles Niveau haben als die Artikel.

  5. Ich möchte mich bei der ZEIT Redaktion ausdrücklich dafür bedanken, dass mein Kommentar zum Artikel des hervorragenden Publizisten Gunter Hoffman erst gar nicht im Internetportal der ZEIT erschienen ist. Wieder einmal habe ich mich vor meiner verfluchten polnischen Spontaneität zu unguten Äußerungen hinreißen lassen. Deswegen freut es mich, das es bei der ZEIT noch gute deutsche Menschen gibt, die mich vor meiner Meinung schützen wollen. Diese gute Tat hat natürlich nichts mit Zensur zu tun. Es war eher eine wohlüberlegte und notwendige pädagogische Maßnahme der ZEIT Redaktion.
    Wo kämme man auch hin, wenn fehlgeleitete Polen die ZEIT nutzen würden, um Ihre "antideutschen" Ansichten zu verbreiten. Ein zuverlässiger Zensor der ZEIT ist eben vor allem auch ein guter Lehrer, der dem kritischen Leser nur den richtigen Umgang mit der Meinungsfreiheit beibringen will. In Deutschland herrschte schon immer kein Mangel an Lehrmeistern in Fragen des Demokratieverständnisses. Über diesen Umgang der ZEIT mit dem Recht zur freien Meinungsäußerung würden sich sogar die von der ZEIT so oft gescholtenen Kaczynski Brüder wundern.

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