Jossi ist ein Tagträumer, der es oft gar nicht wahrnimmt, wenn man ihm sagt, er möge sich an die Regeln halten. Dominik will nicht in den Kindergarten, wo er immer wieder wild um sich schlägt; er will stattdessen lieber zu Hause sein, wo es, wie er sagt, nicht so langweilig ist. Rahel sitzt im Kindergarten oft verloren in einer Ecke herum, um urplötzlich Streit mit anderen Kindern zu suchen. Ahib hat ein Mädchen in den Bauch getreten und ist in den Augen der Erzieherinnen leistungsschwach, während ihn seine Eltern für hoch begabt halten. Und der ewig unkonzentrierte, aggressive Robert findet aus seiner motorischen Unruhe nicht heraus.

Aus sicherem Abstand möchte man sagen: So sind Kinder nun mal. Es fehlt ihnen heute einfach an Freiräumen zum Toben, an Aufmerksamkeit, an strukturierten Tagesabläufen, an Räumen der Ruhe. Diese Kinder werden durch altmodische Bildungseinrichtungen und ihre zu großen Gruppen daran gehindert, sich ihrem Temperament gemäß zu entfalten. Geregelte Mahlzeiten und Schlaf, Schutz vor Reizüberflutung, feste Bezugspersonen, viel Bewegung im Freien: Das wär’s!

ADHS: Attention Deficit Hyperactivity Syndrom

Aus der Nähe sieht die Sache vielerorts unangenehm anders aus. Die Erzieherinnen jedenfalls wissen bei diesen Kindern oft nicht mehr ein noch aus, in den Kindergärten seien solche Kleinen untragbar, die Eltern sind ohnehin ratlos. All diese Kinder sind schnell verdächtig: ADHS, Attention Deficit Hyperactivity Syndrom, heißt die Diagnose: »Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen«, »mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität«, »Störungen des Sozialverhaltens«, »Ungehorsam und Widerstand gegen Autoritätspersonen«, so verschmelzen einschlägige Klassifikationen die Not der Kinder und Eltern zum Syndrom. In der Praxis wird das Bündel von Auffälligkeiten leicht zum griffigen Kürzel, zur Krankheit. Als würde damit irgendwas einfacher.

Wer je ein ADHS-verdächtiges Kind hoch konzentriert beim stundenlangen Schachspiel beobachtet hat, sträubt sich dagegen, das Kind krank zu nennen. Aber jeder kennt einen Jossi, einen Dominik, eine Rahel, die ihre Umwelt schlicht überfordern. Die Geschichten dieser Kinder, die Marianne Leuzinger-Bohleber, Psychoanalytikerin und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, zum Auftakt eines bemerkenswerten Buchs vorstellt, ließen sich allerdings auch anders erzählen, und ebendies tut die Analytikerin gleich: Jossi hat mit den Traumata seiner Eltern zu schaffen, afrikanischen Flüchtlingen, die politisch verfolgt waren. Dominik kann sich bald in einer kleineren Kindergruppe, einem privaten Kindergarten, gut konzentrieren, überspringt eines Tages ein Schuljahr und glänzt als mathematische Sonderbegabung. Rahel trauert um ihre Mutter, die an Lungenkrebs starb. Ahib, Kind einer anderen Kultur, kommt aus einem Dorf, in der sich Jungen vor allem auf der Straße behaupten müssen. Und Robert ist der Sohn einer alkoholkranken, arbeitslosen, sehr jungen Frau.

ADHS, gibt Leuzinger-Bohleber zu bedenken, kann also zumindest fünferlei sein: Ausdruck unbewältigter Traumata, einer besonderen Begabung, von Trauer, von kulturellen Verschiedenheiten, von früher Verwahrlosung. Und von noch vielem mehr.

ADHS, das ist gesellschaftlich gesehen: ein trauriges Spiegelbild heutiger kindlicher Lebensbedingungen. Historisch gesehen: ein Befund mit zumindest 150-jähriger Geschichte, Ausdruck der Normalitätsvorstellungen, die die Moderne an ihre Kinder richtet. Individuell gesehen: ein massenhaftes Dokument, dass die Liebe von Eltern ohne ärztlichen Beistand hilflos sein kann. Wissenschaftlich gesehen: Stoff für Experten verschiedenster Herkunft.

Es ist in der Tat an der Zeit, alle beteiligten Experten zusammenzuholen, wie es dieses Buch unternimmt, um einer Krankheit zuleibe zu rücken, die nach Ansicht vieler aber gar keine ist: das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS, dessentwegen weltweit, je nach Schätzung, zwischen 10 und 80 Millionen von Kindern Psychopharmaka verabreicht bekommen, in Deutschland sind es laut Leuzinger-Bohleber etwa 400000. Der Arzt und Sozialmediziner Hartmut Amft gibt an: Im Jahr 1985 wurde in Deutschland von 10000 Kindern eines mit Ritalin behandelt, dem konzentrationsfördernden Methylphenidat, im Jahr 2000 galt bereits eines von hundert Kindern als Ritalin-bedürftig. Die Tendenz setzt sich fort.