Archäologie Von wegen Barbaren

Deutsche Forscher entdecken im Tiefland Boliviens ein Fürstengrab. Gab es dort schon vor den Inkas eine Hochkultur?

Er trug eine Metallscheibe auf der Stirn und viele Ketten aus Knochen und Stein; sein Ohrschmuck war mit Schuppen eines Gürteltierpanzers besetzt, auf der Brust lagen Tigerkrallen. Der Tote, der hier im Tiefland Boliviens vor über tausend Jahren begraben wurde, hatte eine herausragende Stellung. War er ein Fürst? Das Grab auf dem Siedlungshügel Loma Salvatierra liefert jedenfalls den ersten archäologischen Beweis, dass es bei den Bewohnern Amazoniens sehr früh eine gesellschaftliche Hierarchie gab. Lebten sie gar in einer Hochkultur?

Noch hat Heiko Prümers darauf keine definitive Antwort. Dennoch ist er überzeugt, in Bolivien etwas Besonderes entdeckt zu haben. »Es gibt kein vergleichbares Grab«, schwärmt er. Seit zwölf Jahren erforscht er als Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) die Frühgeschichte Boliviens. Seine Funde könnten einige hartnäckige Klischees auf den Kopf stellen.

Lange Zeit galt als ausgemacht, dass nur die Inkas der Anden über eine Hochkultur verfügten. Die Bewohner des unüberschaubaren amazonischen Schwemmlandes dagegen, das den Anden vorgelagert ist und den größeren Teil des heutigen Bolivien ausmacht, galten als rückständig. Die Inkas beschrieben sie als Barbaren, und auch die spanischen Eroberer sahen in ihnen nur vagabundierende Jäger und Sammler.

Erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als gigantische Abholzungen des Regenwalds den Boden freilegten, kamen erste Belege für Sesshaftigkeit und systematische Bodenbearbeitung zum Vorschein. Hügel in der topfebenen Landschaft signalisierten erste Großsiedlungen. Kilometerlange Dämme und Kanäle sprachen für planvolles Handeln einer koordinierenden Elite. Und zwei Meter hohe Erdaufhäufungen, bis zu 100 Meter lang, wurden als raffinierte Hügelbeete gedeutet. Forscher postulierten, dass es in der angeblich lebensfeindlichen Schwemmlandebene zwischen 400 und 1400 nach Christus eine Hochkultur gegeben habe. Manche sahen gar die angeblichen Barbaren als Taktgeber für die Entwicklung im Hochland.

»Zweifellos haben die Kulturen des bolivianischen Tieflandes in vielen Bereichen prägend auf die andinen Hochkulturen gewirkt«, sagt Heiko Prümers. Nur, wo sind die Tieflandbewohner, und wer waren sie? Je länger er dieser Frage vor Ort nachgeht, umso vorsichtiger werden seine Erklärungen. Bisher hätten »sich hauptsächlich Leute am Schreibtisch Gedanken gemacht«, da gelte es erst mal »etliche Pappbauten zu beseitigen«, was nicht immer Freunde schaffe.

Die Siedlungshügel (Lomas) zum Beispiel finden sich fast ausschließlich im Südosten des Bezirks Beni, die Masse der Hügelbeete dagegen im Nordwesten, 150 bis 200 Kilometer entfernt. So weit sei doch niemand gelaufen, »um Felder zu bestellen«, mokiert sich Prümers. Zudem »gibt es bislang keinen einzigen Beweis, dass man dort irgendetwas angebaut hat«, resümiert er. Vielleicht war das eine oder andere »Hügelbeet« doch eine Siedlungsplattform.

Auch bei seinem Siedlungshügel, der Loma Salvatierra, stimmen bisherige Annahmen nicht, die Lomas seien Schutz gegen Überschwemmungen gewesen: Die größten Wohnanlagen liegen dort, wo »das Wasser nie hinkommt«. Nachdem Prümers im letzten Jahr eine ausgedehnte Wallanlage um seinen Hügel gefunden hat, fahndet er in den so eingefriedeten Niederungen nach landwirtschaftlicher Nutzung. Denn für die Entwicklung einer Hochkultur sind drei Faktoren wichtig: ein Nahrungsüberschuss durch Landwirtschaft; Sesshaftigkeit mit Häusern und eine strukturierte Gesellschaft mit einem Oberhaupt.

Zumindest Letzteres scheint durch das »Fürstengrab« nun belegt. Prümers hat dieses Oberhaupt den »Sub-Kaziken von Casarabe« getauft – nach dem nahe gelegenen Dorf. Über seinen »Kaziken« weiß er, dass er mit 170 Zentimetern recht groß und mit 35 Jahren schon ein älterer Mann war. Noch ist das Grab nicht genau datiert. Klar ist, dass es älter ist als einige Kindergräber in der Nähe, die im 8. oder 9. Jahrhundert nach Christus ausgehoben wurden. An den Beginn einer frühen Hochkultur will Prümers erst glauben, wenn er auf seinem Siedlungshügel neben dem Fürstengrab Häuser und im Umfeld Zeugnisse von Landwirtschaft gefunden hat. Eines ist für ihn sicher: »Barbaren waren das auf keinen Fall.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006 Nr. 34
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    • Schlagworte Archäologie | Bolivien | Wissenschaft | Amazonas | Anden
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