Der Essensgeruch wird noch in der Luft hängen, wenn Anke Schäferkordt an diesem Donnerstag vor ihre Angestellten tritt: Redakteure und Kaufleute, Tontechniker und Regisseure, Kameramänner und Archivare. In der Kantine von RTL, dem größten privaten Fernsehsender des Landes, beginnt um 14 Uhr eine Betriebsversammlung, die eigentlich eine Feierstunde werden sollte. RTL hat fabelhafte Monate hinter sich. Die private Konkurrenz ist abgehängt, die Fußballweltmeisterschaft überstanden, und die Werbeblöcke bersten. »Es müsste schon viel passieren, wenn wir am Ende dieses Jahres nicht besser dastehen als im abgelaufenen.« So hat es RTL-Chefin Schäferkordt vor kurzem beschrieben.

Doch bei RTL kursieren noch ganz andere Zahlen. Sie stammen aus dem Entwurf für einen neuen Haustarifvertrag. Schäferkordt will die Arbeitszeit verlängern, die Zuschläge für Mehrarbeit weitgehend abschaffen und neu eingestellten Mitarbeitern etwa 20 Prozent weniger bezahlen als bisher. Und das in einem Sender, der internen Zahlen zufolge 2005 einen Gewinn von fast 120 Millionen Euro erwirtschaftete. In dem es derzeit so gut läuft wie lange nicht mehr.

Seit sechs Jahren gehört der Sender mehrheitlich zu Bertelsmann, dem fünftgrößten Medienkonzern der Welt, und ein Bertelsmann zu sein, das war immer eine Frage der Haltung. Die Besitzer fühlten sich »ihren Mitarbeitern gegenüber menschlich verpflichtet«, wie Reinhard Mohn einmal gesagt hat. Ihm gehörte das Unternehmen, er führte es zur Größe und kontrollierte es, auch nachdem er die Mehrheit des Kapitals an die von ihm gegründete Bertelsmann Stiftung übergeben hatte.

Unternehmen würden nur bestehen können, wenn die »Mitarbeiter sich mit ihrer Firma identifizieren können, und eine solche Einstellung setzt materielle Gerechtigkeit voraus«, sagte Mohn bei anderer Gelegenheit, und als er seine Frau vor dreieinhalb Jahren zur Sprecherin der Familie machte, gab er ihr mit auf den Weg: »Die Familie wird eingesetzt, damit eine menschliche Haltung im Unternehmen gewahrt bleibt.«

Dieses Versprechen ist vielerorts nur noch Fassade. Tatsächlich häufen sich die Entlassungen in deutschen Tochtergesellschaften, und wer bleiben darf, arbeitet oftmals zu schlechteren Bedingungen als vorher.

Mit dem Buchclub begann nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaftswundergeschichte von Bertelsmann. Doch in diesem Frühjahr setzte die Club-Führung einen Gehaltsverzicht von bis zu 20 Prozent und Mehrarbeit von vier Stunden in der Woche durch. Eine Vereinbarung, die Mitarbeiter belohnt, wenn das Geschäft wieder besser laufen sollte, fehlt bis heute.

Die Bertelsmann Music Group hat sich in den vergangenen Jahren von weit mehr als tausend Mitarbeitern getrennt und viele hundert Künstler ad acta gelegt. Die deutsche Zentrale wurde kleingeschrumpft, das Geschäft mit dem Konkurrenten Sony Music zusammengelegt.

Eine zum Verlag Gruner + Jahr gehörende Druckerei in Dresden erhöhte die Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden für die bestehende Belegschaft und 42 Stunden für jeden neuen Mitarbeiter. Die dafür gegebene Beschäftigungsgarantie kann in der Frist von »einem Monat zum Monatsende« widerrufen werden, wenn sich abzeichnet, dass die Ergebnisse im abgelaufenen und im laufenden Geschäftsjahr zusammen einen Verlust ergeben.

Bei Bertelsmann werden nicht auf einen Schlag 7500 Mitarbeiter abgebaut wie bei der Allianz, und es gibt kein öffentliches Ringen um Mehrarbeit wie bei Volkswagen. Bei Bertelsmann geschieht alles Stück für Stück, so dezentral, wie der ganze Konzern organisiert ist. Gleichwohl klingt es vertraut. »Diese Firmen standen für das Modell der sozialen Marktwirtschaft und sind durch den globalen Wettbewerb, die Kapitalmärkte und den technischen Wandel unter Druck geraten«, sagt Josef Wieland, Professor für Werte-Management an der Universität Konstanz. »Unternehmenskultur bedeutet nicht, dass sie keine Leute entlassen dürfen. Es kommt auf das Wie an. Oft ändern Konzerne ihre Strategie und ihre Organisation, aber passen die Unternehmenskultur diesem Wandel nicht an.«

Bei Bertelsmann, das machte den Konzern über viele Jahre zu etwas Besonderem, hält man an den Grundsätzen von Reinhard Mohn fest und sieht sich damit als Vorreiter für andere. Liz Mohn, die Sprecherin der Familie, sagte erst im Juni dem manager magazin : »Ich will dafür sorgen, dass das, was er (ihr Ehemann, Anm. d. Red.) initiiert und auf den Weg gebracht hat, weiterentwickelt wird, ohne von seiner Basis abzugehen. Deshalb werde ich nicht müde, die Unternehmenskultur von Bertelsmann anzupreisen. Ich kann sie nur jedem zur Nachahmung empfehlen.«

Weil diese Kultur über Jahre im täglichen Handeln befolgt wurde, erwarb sich der Medienkonzern einen guten Ruf. Es ist ein Ruf, den sich andere Firmen mit vielen hundert Millionen Euro erkaufen müssen. Mohn schuf ihn mit seinen Vorträgen, seinen Büchern – und der Mitarbeiterbeteiligung. Er handelte dabei nie aus Mildtätigkeit. Er glaubte, er könne die Mitarbeiter auf diesem Weg zu höheren Leistungen anspornen. Und er knüpfte sein Versprechen an eine Bedingung, die bis heute gilt: Der Konzern strebt »eine das Wachstum und die Kontinuität des Unternehmens sichernde Verzinsung des eingesetzten Kapitals an«. Erst danach soll ein Teil des Gewinns an die Mitarbeiter ausgeschüttet werden.

Das Problem von Bertelsmann: Im Vergleich zum Jahr 2002 war der Umsatz zuletzt um eine halbe Milliarde Euro geringer, weil fast alle Medienmärkte eine tiefe Krise durchleben. Das Musikgeschäft leidet unter den Musiktauschbörsen, dem Buchclub laufen in Deutschland die Mitglieder weg, und viele Zeitschriften kriseln, weil sich vor allem junge Leser im Internet informieren und Anzeigen wegbrechen.

Andernorts hat Bertelsmann dieses Jahr wieder 1000 Jobs in Deutschland geschaffen, der Gewinn steigt. Deshalb sollte man vermuten, dass sich die Manager gerade dort an Mohns Werten messen lassen, wo massiv verdient wird: vor allem im Fernsehgeschäft – und damit bei RTL in Köln.

RTL-Chefin Anke Schäferkordt sagt es im jüngsten Bericht zur gesellschaftlichen Verantwortung bei Bertelsmann. »Was mir ganz wichtig ist: dass wir als Führungskräfte unsere Werte vorleben. Dass wir nicht Wasser predigen und Wein trinken.« Allerdings: Die Werte, von denen sie spricht, können nicht die von Reinhard Mohn sein. Denn was Schäferkordt täglich verantwortet, bricht mit der so gerühmten Unternehmenskultur.

Die RTL Group hat sich zum umsatzstärksten Bereich von Bertelsmann entwickelt und steht für fast ein Drittel der gesamten Einnahmen. Der operative Gewinn entsprach 2005 beinahe der Hälfte des Bertelsmann-Ergebnisses. Laut Investmentbank Goldman Sachs ist die RTL Group der wertvollste Unternehmensteil im Konzern.

Die RTL Group ist eine Perlenkette im Konzern, und der deutsche Sender RTL war über viele Jahre die dickste Perle. Auch wenn es in vergangenen Jahren deutlich schlechter lief als zuvor, lag das Vorsteuerergebnis nach Informationen aus dem Unternehmen immer noch bei zehn Prozent des Umsatzes. Vor diesem Hintergrund ist entscheidend, wie die Unternehmenskultur, auf die sich Manager und Eignerfamilie so viel zugute halten, bei RTL gelebt wird.

Was derzeit bei RTL geschieht, hat ein Ziel: den Sender mit weniger Mitarbeitern zu geringeren Kosten zu betreiben – fast egal, wie hoch der Gewinn bereits ist. Per Haustarifvertrag »sollen die Arbeitsbedingungen langfristig für alle schlechter werden«, sagt Michael Klehm vom Deutschen Journalisten-Verband. Vor dem Umzug des Senders vom bisherigen Gelände an der Aachener Straße auf das alte Messegelände in Köln-Deutz im Jahr 2008 durchkämmen zwei Mitarbeiter jede Abteilung. Bisher wurden etwa 15 Mitarbeiter entlassen; alle gehen davon aus, dass der große Schlag kurz vor dem Umzug kommt.

Zu einem »verantwortlichen« und »partnerschaftlichen« Umgang mit Mitarbeitern passt auch nicht, dass feste Stellen abgebaut und stattdessen mehr freie Mitarbeiter beschäftigt werden. Zuletzt traf es sogar Mitstreiter von RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Dieser bestätigt, er könne »den großen Teil des Budgets künftig für freie Kräfte ausgeben«. Auch in der Produktion versucht der Sender systematisch, unbefristete Festanstellungen zu vermeiden. Mitarbeiter fühlten sich immer wieder massiv dazu gedrängt, in konzerneigene Tochtergesellschaften zu wechseln, bei Zeitarbeitsfirmen anzuheuern oder waghalsige Firmenkonstruktionen zu nutzen, um auf Dauer bei RTL zu arbeiten. So lauten übereinstimmend Berichte. Fest und unbefristet wurde in der Technik lange niemand eingestellt, heißt es auch offiziell.

Nun ist es in der TV-Branche üblicher als in anderen Wirtschaftszweigen, freie Mitarbeiter zu beschäftigen. RTL kauft ganze Programmstrecken bei Produktionsfirmen von außen ein, die wiederum Tausende freier Mitarbeiter beschäftigen. Aber zumindest die Kernbelegschaft von RTL, die Mitarbeiter der Zentrale und jene, die im Schichtbetrieb die aktuellen, täglichen Nachrichten- und Magazinsendungen herstellen, müssten doch unter den Wirkungsbereich der Mohnschen Werte fallen. Es geht dabei um vielleicht 2000 Mitarbeiter, davon 1400 mit unbefristeten und befristeten Festverträgen.

Was eine Unternehmenskultur wert ist, zeigt sich in der Krise und bei Entlassungen. Der auf Arbeitsrecht spezialisierte Rechtsanwalt Ulrich Wackerhagen aus Köln hat in den Siebzigern für viele Mitarbeiter gegen den WDR prozessiert, später gegen die Deutsche Welle und nun eben gegen RTL. Wenn er so erzählt, sinkt er in seinen Sessel mit den leicht abgewetzten schwarzen Cordlehnen zurück. Links hinter ihm die Bücher mit Urteilen zum Arbeitsrecht, rechts die Neue Juristische Wochenschrift und eine Menge Bildbände. Sie zeugen von seinem intensiven Interesse an jedweder Kultur, und dem entspricht, dass er kulturpolitischer Sprecher der FDP im Kölner Stadtparlament ist. Die Oper ist sein großes Anliegen, das seiner Mandanten ist RTL.

Wackerhagen beginnt seine Einführung, indem er die Firmen aufzählt, die seiner Ansicht nach »in den vergangenen Jahren nur als Zahlstelle benutzt wurden, um die feste arbeitsrechtliche Bindung an RTL und den damit einhergehenden Arbeitnehmerschutz zu verhindern. Sie heißen MMC, CBC, Rotlicht, Buch Mich, Creyf’s und Argo. Einzelne Arbeitnehmer sollen in Köln sogar Limited-Gesellschaften nach angelsächsischem Recht gegründet haben. Sie arbeiten nicht als Ich-AG, sondern als Ich-Ltd.« Ob einige dieser Konstruktionen illegal sind oder waren, hat in vielen Fällen das Kölner Arbeitsgericht klären sollen. Sie gehören zu den insgesamt fast 50 Arbeitsgerichtsverfahren, die seit dem 1. Juli 2005 gegen Gesellschaften der RTL-Familie in Köln anhängig waren.

Eine Firma sticht dabei besonders heraus: die Kommanditgesellschaft Rotlicht. Nach Aussagen mehrerer Mitarbeiter wurde im RTL-Sendegebäude an der Aachener Straße für dieses gewagte Konstrukt mit Unterstützung des Managements geworben. Zentrale Botschaft: Bei Rotlicht sollten eine Reihe von RTL-Mitarbeitern nicht nur unterkommen. Dieses Modell ließ es sogar zu, die Sozial- und Rentenkassen vollständig zu umgehen.

Einer von Ulrich Wackerhagens Mandanten zögert erst, doch dann erzählt er seine Geschichte. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, deshalb soll er hier Peter Schmidt heißen.

Schmidt ist Mitte dreißig und war über Jahre mit seiner Rolle bei RTL zufrieden. Arbeit gegen Geld. Keine Bürokratie. Er liebte seinen Job. 1993 hatte er während seines Studiums als Kabelhilfe beim Sender angefangen. Schleppte hier, stöpselte da und stieg nach drei Jahren zum Aufnahmeleiter auf. Sein Studium gab er auf und wurde einer von denen, die vor und während jeder Sendung als Bindeglied zwischen Redaktion, Regie und Studiotechnik immer ansprechbar waren. Er war Mädchen für alles und oberster Kontrolleur in einem.

So verwandelte sich der Nebenjob in eine Vollzeitarbeit mit zuletzt 205 Tagen im vergangenen Jahr, für die Schmidt etwa 200 Euro brutto am Tag erhielt, wie er sagt. Im Schichtbetrieb brachte er die täglichen Nachrichtensendungen Punkt 9, Punkt 12 und die aktuellen Magazine wie Exklusiv und Explosiv mit auf den Bildschirm. »Wir fühlten uns ernst genommen und waren so akzeptiert, dass wir Aufnahmeleiter uns einmal im Monat selbstständig die Schichten einteilten.« Ihm war es egal, dass er sein Geld seit einigen Jahren nicht von RTL bekam, sondern von Rotlicht.

Rotlicht: Leute aus der Medienwelt konnten dort für 250 Euro Teilhaber werden, und Schmidt unterschrieb als »Mitunternehmer«. Gleichzeitig verpflichtete er sich, »seine Leistung als Aufnahmeleiter bei der Durchführung von Aufträgen für Dritte einzubringen«. Doch sowohl sein Mitunternehmertum wie auch die Weisungsbefugnis von Rotlicht waren Formalien. Im täglichen Leben arbeitete Schmidt einfach wie bisher für RTL. Was sich änderte, war die monatliche Abrechnung. Der Gesellschaftervertrag sah vor, dass »jeder Gesellschafter… 80 Prozent des von ihm erwirtschafteten Nettoumsatzes nach Eingang« direkt entnehmen konnte. Schmidts Lohn wurde also auf dem Umweg über die Konten von Rotlicht zur monatlichen Gewinnausschüttung. Abgezogen wurde lediglich eine Verwaltungsgebühr, die über die Jahre zwischen zehn und rund zwanzig Prozent schwankte. Der Aufnahmeleiter war damit formell ein Unternehmer und konnte sich als solcher aussuchen, ob er in die Sozialkassen einzahlt. Er zahlte nicht.

Öffentlich geworden ist diese Praxis durch mehrere Arbeitsgerichtsprozesse. Zum Jahresbeginn 2006 stellte RTL die Produktion um, seither braucht der Sender weniger Techniker, und mit einem Mal wurde Schmidt klar, was die Bedingungen, die er jahrelang akzeptiert hatte, für ihn bedeuteten: Raus ohne Abfindung. RTL fühlte sich über Nacht nicht mehr zuständig, und es schien den Sender nicht mehr zu kosten als ein paar unfreundliche Worte. Doch Schmidt akzeptierte nicht, was er als Rausschmiss empfand und klagte – mit Erfolg. Denn die RTL-Vertreter boten dem Kläger einen Vergleich und nach dessen Aussage fast 20000 Euro an, was der Ehemalige nahm, um einen beruflichen Neustart zu finanzieren. »Den Anwälten von RTL war offensichtlich das Risiko zu groß«, sagt Rechtsanwalt Wackerhagen. »Hätte der Sender verloren, hätte festgestanden: RTL verstößt gegen geltendes Recht.«

Der Vergleich lässt diese Frage ungeklärt.

Strittig ist auch die Bewertung einer anderen Konstruktion. Es geht um die Zeitarbeitsfirma Argo, die eine Reihe von RTL-Mitarbeitern unbefristet angestellt hatte. Ausgeliehen wurde an den Sender, aber nicht für einmalige Shows und Produktionsspitzen, sondern vor allem für die tägliche Schichtarbeit.

Seit dem Jahr 2003 erlaubt ein Gesetz die unbefristete Überlassung von Arbeitnehmern. Unter Verweis auf dieses Gesetz haben mehrere Mitarbeiter, die gegen den Sender klagten, vor dem Kölner Arbeitsgericht verloren. Unter ihnen Jens Dietrich. Dieser arbeitete 16 Jahre lang für RTL und war zuletzt über die Zeitarbeitsfirma Argo angestellt. Im Januar wurden ihm die Schichten ohne Kompensation um die Hälfte gekürzt, und die Zeitarbeitsfirma hatte keine Anschlussjobs. Trotz einer Niederlage vor dem Arbeitsgericht zieht Dietrich in die zweite Instanz. »Notfalls gehe ich bis vor das Bundesarbeitsgericht. Ich fühle mich einfach hintergangen.«

Der Münsteraner Rechtsprofessor Peter Schüren, Experte für Leiharbeit, sagt: »Der von RTL praktizierte Einsatz von Leiharbeitnehmern bewegt sich an der Grenze der Legalität. Ob die Grenze überschritten wurde, hängt von einigen Details ab.« Vor allem davon, ob der zwischengeschaltete Verleiher ein echtes Arbeitgeberrisiko übernehme. Schüren sagt: Das Bundesarbeitsgericht »hat zuletzt sehr klar gesagt, wann ein Verleiher Arbeitgeber und wann er nur Strohmann ist.« Eine Zeitarbeitsfirma müsse dafür sorgen, dass es Anschlussjobs gebe, wenn beispielsweise RTL die Mitarbeiter nicht mehr brauche. »Wer nur Leute einstellt, um sie an RTL weiterzureichen, und sie entlässt, wenn der Sender sie nicht mehr braucht, wird schwerlich Verleiher, sondern wahrscheinlich nur Strohmann sein.« Bei einer Strohmannkonstruktion wäre RTL doch der Arbeitgeber und müsste die Lohndifferenz und alle Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen.

Die Verantwortung für all das allein RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt zu geben wäre zu einfach. Natürlich handelt sie eigenverantwortlich, ganz im Sinne der Tradition des Gütersloher Konzerns. Aber sie hat ein Umfeld. Dieses Umfeld beschrieb Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe jüngst auf der Bilanzpressekonferenz, wo er laut Süddeutscher Zeitung sagte, sein vorrangiges Ziel für das Jahr 2006 sei es, »Cash zu generieren«.

Das gilt umso mehr, seit die Familie Mohn das Management vor drei Monaten dazu brachte, viereinhalb Milliarden Euro für den Rückkauf von Bertelsmann-Aktien auszugeben. So viel Geld wollte der belgische Investor Albert Frère für 25 Prozent der Bertelsmann-Anteile. Und er bekam sie. Jetzt muss das Geld verdient werden.

Begründet hat die Familie ihren Schritt auch damit, dass sich die Werte Reinhard Mohns in einem reinen Familienunternehmen besser bewahren ließen. Doch erst einmal zeichnet sich das Gegenteil ab. Unter dem Druck stirbt die traditionelle Unternehmenskultur von Bertelsmann jeden Tag ein bisschen mehr.

Die Gütersloher Gebote. Unternehmenskultur bei Bertelsmann

"Wir sind fair". RTL-Chefin Anke Schäferkordt im Interview