Pünktlich zu seinem 50. Todestag ist Bertolt Brecht in Berlin öffentlich hingerichtet worden. Die Hinrichtung fand statt im wiedereröffneten Admiralspalast, in Sichtweite von Brechts langjährigem Arbeitsplatz, dem Theater am Schiffbauerdamm, und vollstreckt wurde sie von dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer, der hier als Regisseur auftrat, in gemeinsamer Täterschaft mit dem Rocksänger Campino, dem Filmorchester Babelsberg und einigen anderen.

Als diese geradezu monströs langatmige, langweilige Dreigroschenoper endlich überstanden war, überschütteten die 1700 Premierengäste den beim zweiten Vorhang nach vorne tretenden Brandauer mit Buhrufen, sodass er die Flucht nach hinten ergreifen musste. Keiner, vermutlich nicht einmal er selber, hätte in diesem Augenblick zu sagen vermocht, welches Ziel diese Inszenierung, wenn man sie so nennen will, eigentlich verfolgte, welche Idee sie hatte, von welchem Geist sie erfüllt war. Man kann ja den simplen Antikapitalismus des Stücks, der nicht schlecht zu den gegenwärtigen Massenentlassungen bei gleichzeitiger Bekanntgabe gestiegener Gewinne passen würde, ins Zentrum stellen - oder, wenn einem das zu abgegriffen vorkommt, den fröhlichen Zynismus Brechts kalt servieren - oder, am einfachsten, den Unterhaltungswert der gassenhauerhaften Songs und ihrer genial schmissigen Vertonung durch Kurt Weill mit Witz und Tempo genießerisch feiern.

Irgendetwas davon (oder meinetwegen auch was ganz anderes) sollte man wollen, aber wenn man gar keine Idee im Kopf hat, dann stellt man die Schauspieler an die Rampe der riesigen Bühne, lässt sie ihre Texte aufsagen und rahmt sie, wenn es ans Singen geht, mit Glühbirnen ein.

Die größte Überraschung des Abends war, dass Campino, sonst Held der Toten Hosen, der hier den Mackie Messer gab, nicht nur kein Schauspieler ist, sondern auch kein Sänger, jedenfalls keiner, der Weill singen könnte. Aber er strengte sich an und war nett anzuschauen. Überhaupt gaben sich alle Mühe (Katrin Sass als Mrs.

Peachum mit dem schönsten Ergebnis die immerhin, aufgewachsen und ausgebildet in der DDR, konnte singen). Aber was ist das für eine Dreigroschenoper, die allen Beteiligten sichtbar Mühe macht?

Es war dies ein Beispiel für das seit längerem stark favorisierte Engagement privatwirtschaftlicher Kräfte im Kulturbetrieb. Die Sponsorenliste der Premierenfeier war beeindruckend, und ohne die millionenschwere Unterstützung der Deutschen Bank wäre uns diese Produktion erspart geblieben. Brandauer, vor der Premiere auf den berühmten Satz Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? angesprochen, sagte in einem Interview: Sie wollen uns unterstellen, dass wir, weil die Deutsche Bank als Sponsor auftritt, auf diese Passage verzichten werden? Dieses Institut ist so mächtig, dass es so kleine Glühwürmchen wie uns einfach leben lassen kann.

Glühwürmchen. Was immer gegen Brecht zu sagen wäre das hat er nicht verdient.