50 Klassiker der Moderne (27) Bibbernd vor Kälte

Mit seiner Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" schuf Helmut Lachenmann 1997 wegweisendes Musiktheater: Keine Handlung, keine Sänger und nur eine Darstellerin

Acht Jahre lang hat der Stuttgarter Komponist Helmut Lachenmann an seinem ersten und einzigen Werk für die Opernbühne komponiert. Im Januar 1997 wurde sein Mädchen mit den Schwefelhölzern in Hamburg uraufgeführt und gilt seither als wegweisende Musiktheaterschöpfung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Referenzwerk für all diejenigen, für die die Moderne noch mehr ist als nur »post«.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen, handelt von einem einsamen, armen Kind, das barfuß und im Hemd in eisesstarrender Weihnachtszeit Streichhölzer verkaufen soll und, nachdem das letzte wärmende Zündholz erloschen ist, stirbt. Aber Lachenmann erzählt das todtraurige Märchen nicht, sondern wirft die Arithmetik der Oper über den Haufen: Es gibt keine Handlung (nur Situationen), keine Sänger (nur zwei vokalisierende Soprane) und keine Charakterenpalette (nur ein Mädchen). Was der Komponist vor allem von Andersen übernimmt, ist die Temperatur des Märchens – die Eiseskälte.

Das schlagend Neue an Lachenmanns Musik sind nicht seine Geräuschklänge, die er aus dem so wohlbekannt geglaubten Orchester holt, es ist der existenzielle Ausdruck: Die Musik selber steckt in der Haut des Mädchens, schaut durch seine Augen, schlottert mit seinen Gliedern, haucht ihren letzten Atem aus.

Lachenmann, 1935 geboren, hat, nach seiner Studienzeit bei Luigi Nono, mit seiner Musique concrète instrumentale eine Klangsprache geschaffen, deren wesentliches Vokabular zu einem Hauptdialekt der Gegenwart geworden ist – Wisch- und Klopf-, Anblas-, Atem- und Stimmgeräusche. Das traditionelle Instrumentarium bringt, durch die neuartigen Spieltechniken aktiviert, Klangpaletten in feinsten Abstufungen hervor, entwickelt physikalisch-akustische Energien, die sich subkutan auf den Hörer übertragen. Wenn das Mädchen vor Kälte zittert, reiben die Bögen auf den Saiten, rattert der Klöppel über die Marimba-Hölzer, klappern den Sopranen die Zähne. Die ignorante Gesellschaft, von der das Mädchen umgeben ist, wird im fahlen Streicherrauschen vernehmlich und die sinnlos leer laufende Betriebsamkeit der Konsumwelt in den Klangkaskaden des rasenden Orchesters. Das Aufbegehren gegen die Kälte der Verhältnisse ist dem Stück einkomponiert, auch in den Texten der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die Lachenmann zitiert – ebenfalls ein Mädchen, das zündelte und an der Gesellschaft zu Tode litt.

Gestorben wurde in Opern viel und meist viel zu lang. Auch der Tod des Mädchens ist ein langsamer – ein stilles, friedliches Verströmen. Es ist, ohne Zynismus, eine der ergreifendsten Sterbeszenen der Musik, denn hier ist Trauer und Verzweiflung in gefühlten Trost verwandelt.

Helmut Lachenmann: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Staatsopernchor und -orchester Stuttgart, Ltg. Lothar Zagrosek; Kairos 0012282

 
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    • Serie -
    • Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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