Schlechte Zeiten für Untergangspropheten. Deutschlands Wirtschaft wächst. Die Firmen verdienen klotzig, investieren kräftig, schaffen neue Jobs und die Menschen stecken das zusätzliche Geld in einen höheren Konsum. Die Binnennachfrage ist wieder da und stößt einen sich selbst tragenden Aufschwung an wie im Bilderbuch. Zu Wochenbeginn legte das Statistische Bundesamt die Wachstumszahlen für das zweite Quartal vor. Im Vergleich zum Vorjahresquartal wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 2,4 Prozent und damit so stark wie zuletzt Anfang 2001.

Selbst die skeptischen Bankvolkswirte mussten ihre Prognosen für 2006 daraufhin auf Werte oberhalb von zwei Prozent anheben. Die Bundesregierung dürfte folgen. Zur Erinnerung: Noch im November vergangenen Jahres traute der Sachverständigenrat, auch die Fünf Weisen genannt, dem Land nur ein Wachstum von einem Prozent zu. Das Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute lag damals mit 1,2 Prozent kaum besser. In weniger als zwei Jahren habe sich Deutschland vom kranken Mann in eines der Wunderkinder des alten Kontinentes gewandelt, jubelt Holger Schmieding, Chefvolkswirt für Euroland bei der Bank of America. Nur warum gerade jetzt?

Wer den Aufschwung verstehen will, muss die Gründe für den Niedergang kennen. Deutschland hatte in den Krisenjahren 2002 bis 2004 drei Probleme auf einmal, die heute nicht mehr existieren. Erstens verschärfte der damalige Finanzminister Hans Eichel mit seinem Sparkurs den Abschwung. Zweitens litt die deutsche Wirtschaft noch immer unter dem schrumpfenden Bausektor die Erbschaft der Wiedervereinigung. Dem kurzzeitigen Boom der Branche war ein ungeahnter Absturz gefolgt, während dessen mehr als eine Millionen Menschen ihren Job verloren. Allein der Zusammenbruch des Bausektors kostete Deutschland im Schnitt 0,25 Prozentpunkte vom Wachstum, hat Schmieding berechnet. Diese Tristesse scheint nun ausgestanden. Der Bau dürfte mindestens ein Drittel zum Wachstum im zweiten Quartal beigetragen haben. Die Baurezession ist Vergangenheit, glaubt Sylvain Broyer, Euroland-Volkswirt bei der französischen Investmentbank Ixis.

Der dritte Grund für das schlechte Abschneiden der deutschen Volkswirtschaft war der Euro-Schock. Dirk Schumacher, Volkswirt bei Goldman Sachs, hat in mehreren Studien gezeigt, dass die deutschen Unternehmen auf einmal mit höheren Zinsen und höheren Eigenkapitalanforderungen konfrontiert waren als noch zu D-Mark-Zeiten. Sie reagierten darauf mit Investitionszurückhaltung und verschärfter Restrukturierung. Gleichzeitig vergaben die deutschen Banken kaum noch Kredite. Das Wachstum der Kredite an den privaten Sektor dümpelte zwischen 2002 und 2005 um die Nulllinie. Der Euro-Schock wurde erst durch die hohen Unternehmensgewinne seit 2004 die nicht zuletzt durch die Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer entstanden sowie durch die Erholung im Bankensektor 2004/2005 gelöst. Seit dem zweiten Quartal 2005 wachsen die Kredite auch hierzulande wieder und damit auch die Investitionen.

Die deutsche Wirtschaft scheint den Euro- und den Wiedervereinigungsschock endlich verdaut zu haben. Da die Unternehmensgewinne hoch sind, die Kreditnachfrage lebhaft und die Kapazitätsauslastung der Firmen überdurchschnittlich hoch ist, spricht nichts gegen einen weiter kräftigen Aufschwung. Wenn am Jahresende gar eine drei vor dem Komma steht, sollte sich niemand wundern.