Über das Gesicht von Miguel Angel Salcines Lopez huscht ein spitzbübisches Lächeln. Ich verdiene mehr, als der Agrarminister und die meisten Funktionäre, sagt der Leiter des wohl schönsten städtischen Gemüseackers auf Kuba. Der Organoponico Vivero Alamar im Plattenbauvorort von Havanna arbeitet, wie die meisten auf der Insel, voll ökologisch. Dass Lopez und die Mitglieder seines 100-köpfigen Kollektivs damit ein Vielfaches des kubanischen Durchschnittslohns verdienen, verdankt er der Weitsicht eines Raúl Castro. Dieser hatte, um den Gemüseanbau anzukurbeln, eine marktwirtschaftliche Nische mitten im Sozialismus erlaubt. Seither darf Gemüse und Obst aus der urbanen Landwirtschaft frei nach Angebot und Nachfrage verkauft werden.

Es ist nicht zu übersehen, dass das Kollektiv in Alamar erfolgreich gewirtschaftet hat. Auf dem sauber geharkten Vorplatz, unter hoch aufgeschossenen Palmen, steht ein fast neuer Lieferwagen. Und auf den dahinter gelegenen Gemüsefeldern meint man geradewegs den Garten Eden zu betreten: Überquellendes Grün leuchtet aus den langen Beetreihen mit der frisch gewässerten dunkelbraunen Erde. Dreimal im Jahr wird hier geerntet, Tomaten und Paprika, Mangos, Ananas und Papaya, aber auch erstaunlich nordisch anmutende Gemüsesorten wie Möhren und Rote Beete, Mangold und Kohl, Salat und Radieschen.

Das Geheimnis des städtischen Gartens ruht in zehn Wannen auf einem überdachten Betonplatz und heißt lombriz de California. Salcines greift in die lockere braune Erde und hält ein wirres Knäuel von Exemplaren des kalifornischen Regenwurms hoch. In etwa zwei Monaten arbeiten die so eine Wanne durch, das ergibt rund 15 Kubikmeter Humus. Solche Regenwurmerde hat Havanna Mitte der Neunziger zur heimlichen Hauptstadt des Gemüses gemacht. Damals ließ die Stadtverwaltung sämtliche Freiflächen systematisch kartografieren und 17 organoponicos mit mehreren Hektar Grundfläche anlegen, zusätzlich entstanden kleinere huertos intensivos (Intensivgärten). Heute wachsen mehr als zwei Drittel des in Havanna verzehrten Gemüses innerhalb der Grenzen der 2-Millionen-Stadt, dazu Gewürz- und Heilkräuter und viel Obst. Einem gewöhnlichen Touristen fällt das kaum auf. Die agricultura urbana versteckt sich in Hinterhöfen, auf schlecht einsehbaren Brachflächen oder ehemaligen Schutthalden.

Zwar dürften manche dieser Anlagen den strengen Kriterien eines deutschen Bioverbandes kaum standhalten. Den Organoponico Primero de Julio zum Beispiel trennt nur ein schmaler palmenbewachsener Streifen von einer der meistbefahrenen Verkehrsachsen der Stadt. Dennoch tragen die städtischen Äcker entscheidend dazu bei, das 11-Millionen-Volk auf Kuba ausreichend zu versorgen. Die Statistik der Welternährungsorganisation FAO belegt, dass sich die kubanische Gemüseproduktion gegenüber Mitte der neunziger Jahre vervielfacht hat, bei Tomaten zum Beispiel wuchs sie um das Dreieinhalbfache, bei anderen Gemüsesorten sogar um mehr als das Zwanzigfache. Der Anteil der Unterernährten auf Kuba wird heute auf unter 2,5 Prozent beziffert das ist dieselbe Zahl wie in Deutschland.

Dabei war es die pure Not, die Kuba seinerzeit zur ökologischen Umstellung zwang. Vor dem Zusammenbruch des Ostblocks war die Landwirtschaft auf Kuba exportorientiert. Ausgeführt wurden Zucker und Zitrusfrüchte, die die sozialistischen Handelspartner gegen Lebensmittel, Erdöl, Medikamente und Agrochemikalien eintauschten.

Anfang der Neunziger blieb Kuba dann auf seinem Zucker sitzen. Ganze Viehherden verendeten, weil das Kraftfutter ausblieb, die Bevölkerung hungerte.

Fortan hieß die Devise: Wirtschaften mit dem, was die Insel hergibt.