Es gibt Experten – Leute mit ausgewiesenem Fachwissen – und Terrorexperten, die im Fernsehen auftreten. Erstere verstehen etwas von ihrer Materie – sagen wir: Stochastik, Ballistik oder Elektrik –, weshalb wir sie früher auch »Sachverständige« nannten. Weil ein Elektriker seine Sache versteht, rät er auch mit präziser Kenntnis davon ab, mehr als zwei Bügeleisen an eine 16-Ampere-Sicherung anzuschließen. Terrorexperten hingegen sind wie Journalisten. BILD

Denn unsereins muss häufig sehr schnell trotz zäh fließender Informationen über große Ereignisse urteilen, etwa: Ist die Hitzewelle 2006 der ultimative Beweis für die globale Erwärmung? Zu diesem Behufe haben wir uns ein Haruspex-mäßiges Vokabular zugelegt. Hauptelemente sind »eher«, »wohl«, »anscheinend« (gern mit »scheinbar« verwechselt). Statt »am 23. Juli« sagen wir »jüngst«. Der dezidierten Voraussage entziehen wir uns mit »demnächst« oder »dereinst«. Und wenn wir noch weniger wissen, stützen wir uns auf nicht genannte Allwissende, die grundsätzlich in runder Form daherkommen, etwa auf »diplomatische« oder »Sicherheitskreise«.

Just so bewährt sich auch der Terrorexperte, wobei man ihm zugute halten möge, dass er sich dem dramaturgischen Diktat unserer Kollegen in den elektronischen Medien unterwerfen muss, das ebenso eingängige wie atemlose Reaktionen fordert. Diese Aufgabe bewältigt nur, wer das Vokabular von Hohepriestern, Vogelguckern und Ärzten beherrscht.

Grundregel Nummer eins: Nie festlegen, schon gar keine präzise Voraussage machen (»Herr Doktor, wie lange habe ich noch zu leben?« – »Nun, das kann man nicht sagen…«).

Regel Nummer zwei: Grundsätzlich auf die Schwierigkeit der Frage hinweisen (»Das hängt davon ab, was ›leben‹ ist«).

Hübsch ist, drittens, der Verweis auf viele Kräfte, die im Verborgenen wirken und so den Durchblick erschweren (»Wissen Sie, die Rolle der Umwelt bei Ihrer Krankheit ist noch längst nicht erforscht«).

Viertens: Das Bekannte noch einmal erwähnen, idealerweise gespickt mit mehrsilbigen Begriffen lateinischer oder griechischer Provenienz (»Die Adipositas verstärkt Ihre Hypertonie«); das stärkt die Autorität. Absolut brillant ist fünftens die Tautologie (»Wenn ich Ihnen das Bein amputiere, wird das Ihre Mobilität inhibieren«).

Mit diesem analytischen Rüstzeug versehen, wenden wir uns jetzt dem jüngsten Terrordrama zu, also dem von London (oder Birmingham?) vergangener Woche. Es tritt auf der »Terrorexperte« in diversen Sendungen der deutschen Fernsehanstalten, der gebeten ist, Kluges, wenn nicht gar Informatives oder Zukunftsweisendes mitzuteilen. Gestellt werden die ewig brennenden Fragen:

Die Faktenfrage. Was ist geschehen? Der Plan war es, Sprengstoffelemente »an Bord eines Flugzeugs zu nehmen und diese dort auch zusammenzumischen«. Diese überraschende, ja sensationelle Antwort kommt von dem bewährten Terrorexperten Udo Ulfkotte auf RTL. Was war das für ein Teufelszeug, wie könnte eine solche Explosion aussehen? »Das weiß man nur dann konkret«, erklärt Otfried Nassauer auf N24, »wenn man weiß, welchen Flüssigkeitssprengstoff die potenziellen Attentäter benutzen wollten. Ob es irgendein aus mehreren Komponenten an Bord zusammenmischbarer Flüssigkeitssprengstoff gewesen wäre oder was auch immer.«

Man sieht: Die Dinge ruhen im Dunkeln, das der Terrorexperte nicht erhellen kann. Dieses Problem attackiert er, indem er verweist auf

Die Schwierigkeit der Frage. Bewährt und weise ist es, auf jeden Fall »Vorsicht« anzumahnen bei dem Versuch, »das jetzt schon zu kommentieren« – so Karl-Heinz Kamp, Sicherheitspolitischer Koordinator der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei Phoenix. Was die Motive der Arrestierten waren? »Das ist ja relativ schwierig.« War’s al-Qaida? »Also«, bekennt Peter Neumann, derzeit am King’s College in London, im ZDF, »es ist ganz schwer, sich etwas anderes vorzustellen.« Aber eine klare Antwort wagen will er nicht.

Ähnlich drückt sich auch Otfried Nassauer in der Frage nach den Hintermännern aus: »Das sind eine Menge offener Fragen, die in den nächsten Tagen und Wochen beantwortet werden müssen.« Ob al-Qaida die Finger im Spiel hatte, »ist eine sehr wichtige Frage«, betont Elmar Thevesen, Terrorismusexperte des ZDF, in heute . Warum man nicht schon früher auf Shampooflaschen als Tötungswerkzeug geachtet habe: »Das ist eigentlich eine sehr gute Frage…« Eine klassische Variante der »guten Frage« (übersetzt: »Ich weiß nicht«) ist:

Der Verweis auf dunkle Kräfte, die erklären, warum der Experte keine gute Antwort hat, sie nicht haben kann. Berühmt sind die Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September wucherten: Das waren die Amis selber, der Mossad. Im Londoner Drama tauchte derlei nur ganz zart auf, wie zum Beispiel bei Otfried Nassauer: »Die Behörden werden Beweise auf den Tisch legen müssen«, damit die Bevölkerung die harten Mittel auch akzeptiere, »dass das keine Selbstinszenierung war«. Gern erklärt wird das Neue auch durch

Die Betonung des Bekannten. Warum gerade London? »Großbritannien hat offenbar eine sehr große Parallelgesellschaft von gewaltbereiten Islamisten«, erläutert Karl-Heinz Kamp. Diese frische Einsicht basiert offenbar auf dem Terrorschlag gegen die Londoner U-Bahn vor Jahresfrist, der uns den Begriff des homegrown terrorism beschert hat. Peter Neumann enthüllt eine weitere Überraschung: »Die Sicherheit in Flugzeugen ist problematisch, das haben wir heute erkannt.«

Thevesen bezeugt sein Expertentum, indem er sich wundert, dass man sich wundert: »Man weiß auch, dass es im Internet seit Jahren Anleitungen zum Bau von diesen Bomben gibt.« Klaus-Dieter Matschke von der Frankfurter Gesellschaft für Sicherheitsberatung verweist bei RTL auf ein verblüffendes Moment: Das todbringende Nass wäre bei der routinemäßigen Kontrolle nicht aufgefallen, weil »flüssige Sprengmittel nicht zu detektieren sind«. Noch überzeugender wäre die Formulierung: weil »liquide Explosiva nicht zu detektieren sind«.

Die Flucht ins Tautologische. Hier wird das absolut Offenkundige (»Zweimal zwei ist vier«) als Antwort auf die »schwierigen Fragen« angeboten. Auf Dauer würden »verschärfte Sicherheitsmaßnahmen zu erheblichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit führen«, meint Hans Gießmann, Chef des Zentrums für Europäische Friedens- und Sicherheitsfragen, in RTL aktuell. Und fügt etwas später hinzu: »Der Schutz von Menschenleben, das erfolgreiche Vereiteln von Anschlägen kann nicht gering geschätzt werden.« Dem ist zuzustimmen – ohne Einschränkung. Ebenso wie der Einlassung von Roger Boyes, dem klugen Deutschland-Korrespondenten der Times: »Das Problem ist, die (die Terroristen, Anm. der Red.) sind radikalisiert.«

Die Zukunft steht in den Sternen. Von Yogi Berra, dem berühmtesten aller amerikanischen Baseballspieler, stammt der Satz: »Ich mache nie Voraussagen, am wenigsten über die Zukunft.« Diesen ins Gedächtnis einzubrennen ist der allererste Schritt zum Expertentum. Müssen wir künftig mit der Angst leben?, fragte RTL aktuell. Dazu wieder Gießmann: »Man ist sich natürlich nie sicher, ob man alle Teile des Netzwerks auch tatsächlich erwischt hat.« Die definitive Antwort kommt von Elmar Thevesen, dem ZDF-Experten: »Und jetzt ist eben die entscheidende Frage: Ist das, was aufgedeckt worden ist, schon die große Attacke, auf die gewartet wurde – oder ist sie es vielleicht noch nicht, und sie kommt noch?«

Die Kolleginnen Sphinx und Kassandra hätten es nicht besser ausdrücken können. Höchstens noch Peter Scholl-Latour, der mediale Urexperte, der in diesen Tagen nicht mehr auf allen Kanälen zu sehen und zu hören ist. Schon vor dem Londoner Drama vertraute er dieser Zeitung an: »Wissen Sie, ich gehe heute nicht mehr in Talkshows.« Und: »Ich brauche keine Sender und Redaktionen mehr.«

Der heutige Terrorexperte kann sich dieser Einsicht nicht beugen. Er muss auf die Bühne, weil die Regie es so verlangt. Aber bitte ganz schnell – und nicht länger als eine Minute dreißig Sekunden.

Mitarbeit: Henriette Kuhrt und Maximilian Popp