Sicherheit Die Taschenguckerin
Karin Grämmel kontrolliert Gepäck am Münchner Flughafen. Wenn jemand etwas Verbotenes an Bord bringen will, muss sie es erkennen – ob das eine Bombe ist oder eine Tube Zahnpasta.
Karin Grämmel betritt das Terminal durch den Haupteingang. Sie macht ein Gesicht, als wolle sie auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie sich sorgt. Sie umklammert ihre Umhängetasche, darin die große Flasche Wasser, die Schachtel Zigaretten, der Autoschlüssel. Sie wird ins Schwitzen kommen an diesem Tag, auch rauchen wird sie viel, aber sie wird unter all den aufgeregten Reisenden am Münchner Flughafen ihr Talent beweisen, kühl und vollkommen ruhig zu erscheinen. Vielleicht hilft ihr der Autoschlüssel dabei. Er ist die Gewähr dafür, dass sie das Terminal am Abend auf dem Landweg verlässt.
Sie sieht nicht auf die Anzeigetafel, nimmt die Rolltreppe in den zweiten Stock. Sie ist gebräunt und trägt eine gestreifte Bluse, eine blaue Weste und eine Hose aus dem gleichen Stoff – eine Uniform, die um Vertrauen wirbt. Beinahe sieht Karin Grämmel darin aus wie eine Stewardess, doch ihr Job ist es nicht, Leute zu umhegen. Sie arbeitet bei der Sicherheitsgesellschaft des zweitgrößten deutschen Flughafens, als eine von 1000 Angestellten, die Reisende und ihr Gepäck auf Waffen, Sprengstoff und andere unerlaubte Gegenstände durchsuchen. Ihr Job ist es, Fluggästen misstrauisch in die Koffer und die Augen zu sehen.
»Neue Anordnungslage«, hat Grämmels Chef gemurmelt, als sie vorhin bei ihm im Büro war, es klang wie ein Code. Ihr Chef ist ein leutseliger Mann und stolz auf seine Firma SGM. Woanders wachen private Unternehmen, die Gewinn machen wollen, in Bayern aber ist als einzigem Bundesland die Fluggastkontrolle noch ganz in staatlicher Hand. Deshalb seien Reisende in München besonders sicher. Doch der Chef sitzt in seinem Büro und blickt auf einen Park – es ist Grämmel, die Terroristen erkennen müsste, wenn denn mal welche kämen. Gestern war sie zu Hause, als sich die Nachricht von den geplanten Anschlägen in London herumsprach, die Flughäfen weltweit in Aufruhr versetzt hat. Heute ist sie zum ersten Mal wieder im Dienst, und wie immer redet ihr Chef nicht von der Gefahr, die vielleicht größer ist, als es bislang ausgesehen hat, er redet von der »Anordnungslage«. Das Bundesinnenministerium hat die Kontrollbestimmungen verschärft. Wie genau, soll geheim bleiben.
Sprengstoff kann wie ein Steak aussehen oder wie Pralinen
Karin Grämmel stellt ihre Tasche im Büro des Modulmanagers ab. Module – so nennen sie die Barrieren mit Durchleuchtungsapparaten und Metalldetektoren, die jeder Reisende passieren muss. Eines befindet sich im ersten Stock, alle Fluggäste müssen hier durch, ein weiteres ist im zweiten Stock. Dieses dient dazu, Amerikareisende ein zweites Mal zu kontrollieren, Maschinen in die USA gelten als besonders gefährdet. Vier Flugzeuge starten am Nachmittag, alle haben bereits Verspätung, die Schlangen vor den Schleusen sind lang. »Ab heute keine Flüssigkeiten mehr«, sagt der Modulmanager, »und alle Schuhe aus.« Er inspiziert eine Reihe von Plastikwannen in seinem Büro, 19 insgesamt. Darin liegen Wasserflaschen, Zahnpastatuben, Deoroller, Cremedöschen, Parfüms, manche noch eingeschweißt in der Herstellerverpackung. Er entdeckt eine Tüte mit Milchbrötchen, runzelt die Stirn. Er drückt sie. »Aha, Schokofüllung«, sagt er, »gilt als Gel.« Das Luftamt nimmt nur Messer und Brennbares zurück. Wohin also jetzt mit dem ganzen Zeug? »Ich werf das weg«, sagt er und schickt Grämmel an den ersten Durchleuchtungsapparat, zwölf stehen hier im zweiten Stock insgesamt. Ihre Acht-Stunden-Schicht beginnt.
Sie setzt sich auf den Drehstuhl vor den Monitor. Einige Flugzeuge hätten längst starten sollen. Ein Mann mittleren Alters fuchtelt mit den Händen. »Ist San Francisco schon weg?« Grämmel starrt auf den Bildschirm. Gleichzeitig hat sie die Leute im Blick, die ihr Handgepäck auf das Fließband legen, und ebenso die Kollegen, die die Taschen öffnen. Sie darf sich nicht unter Druck setzen lassen, sonst macht sie Fehler. Sie darf keine Fehler machen. Ausgerechnet heute ist das Deckenlicht ausgefallen. Es ist stickig in der Halle. Der Bildschirm entblößt den Inhalt der Gepäckstücke schattenhaft und in sonderbaren Farben. Glas und Keramik sind grün, Metall ist blau, organisches Material orange. Sie lässt das Bild gefrieren, ein Schalenkoffer. In der Ecke ein dunkler Fleck, eine Kamera, vielleicht verdeckt sie einen anderen Gegenstand. Grämmel gibt ihrer Kollegin am Fließband ein Zeichen.
Ihre Ausbildung hat nur sechs Wochen gedauert, 40 Stunden Fortbildung im Jahr gesteht die Firma jedem »Luftsicherheitsbeauftragten« zu. Sprengstoff kann Form und Farbe eines Steaks haben oder von Pralinen. Eine Bombe braucht Batterie, Zünder, Schaltuhr, das ganze ist mit Kabeln verbunden. Die Schaltuhr kann auch ein Handy sein. So sieht ein Radio aus, wenn man es durchleuchtet. So eine Tafel Schokolade, so ein Buch, wenn es senkrecht steht. Furchtbar viel Stoff, aber die Prüfung war nicht so schwer, wie Grämmel erwartet hatte.
»Was zählt, ist die Erfahrung«, sagt sie. »Plötzlich ist man in der Lage, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben.«
Hat sie schon mal eine Bombe gefunden?
»Nein, nie.«
Waffen?
»Mal eine Pistole, jemand hatte sie im Koffer aufgegeben.«
Gar nichts im Handgepäck?
»Doch, ein paar Wurfsterne.«
Am Tisch hinterm Fließband öffnet eine Familie ihre Taschen. Es sind Amerikaner griechischer Abstammung auf dem Rückweg von Athen nach Washington. »Das Duschgel ist ein Geschenk meiner Mutter für meinen Bruder«, jammert die Frau, »sie hat ihn seit 20 Jahren nicht gesehen.« Das Gel kommt in die Wanne. »Verrückt«, sagt der Ehemann. Hinter der Kamera in seinem Koffer war nichts versteckt.
Karin Grämmel ist 42 Jahre alt und kommt aus Bamberg. Dort hat sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin gemacht und am Gericht gearbeitet. Nach zwölf Jahren machte sie sich frei, »ziemlich spontan, auch aus gesundheitlichen Gründen«. Sie wurde Reiseleiterin in Griechenland. Sie liebt das Land immer noch, fährt oft dahin. Nach zehn Jahren dort wollte sie sehen, »ob ich zu Hause noch eine Chance habe«. Ihre Arbeit findet sie gut bezahlt, bei 12 Euro Stundenlohn kommt sie auf 1700 Euro netto, mit Fahrtkostenzulage und Schuhgeld. Sie lebt allein in einem Dorf in der Nähe von Freising, der Stadt neben dem Flughafen. Manche ihrer Kollegen fahren weit für diesen Job, pendeln nach Rosenheim oder Ingolstadt. Da hat es Grämmel gut. Viele der Kollegen sind Handwerker, sagt sie, Schreiner, Töpfer, und das hier ist ihr Zweitjob.
Die Frau auf der anderen Seite des Durchleuchtungsapparats wirft sich auf ihren Koffer. »Alle meine Kosmetika!« Einer von Grämmels Kollegen reibt mit einem Papierstreifen über das Plüschpferdchen ihres Sohns, ein Sprengstofftest. Der Modulmanager schraubt den Deckel eines Make-up-Fläschchens ab. Ist das jetzt flüssig? Oder doch eher fest? »Eine Grauzone«, sagt der Vorgesetzte. Er lässt keine Gnade walten. Sieht diese Familie denn aus, als bestünde sie aus Terroristen? »Das ist wurscht, man könnte ihnen das Zeug ja untergejubelt haben und dann im Flieger wieder abnehmen«, sagt er. Frauen mit Kopftüchern und Menschen, die arabisch aussehen, werden immer kontrolliert, sagt Grämmel. Nach einer halben Stunde ist die 20. Plastikwanne voll. »Man dringt in die Intimsphäre ein, das ist schlimm. Aber es hilft ja nichts. Wenn’s angeordnet ist und der Sicherheit dient!« Der Amerikaner hat plötzlich eine Plastikflasche mit Oliven in der Hand. Er stopft sich welche in den Mund.
Die Kontrollstelle einen Stock tiefer ist ebenfalls überlaufen, die nächste Station von Grämmels Schicht. Sie wechselt jede Stunde ihren Arbeitsplatz, damit die Konzentration nicht nachlässt. Am wenigsten mag sie die Leibesvisite mit dem Metalldetektor, »das Bücken geht auf Kreuz und Knie«. Seit heute muss auch hier jeder Passagier die Schuhe abstreifen. Wer eine Flasche Wasser mit in den Flieger nehmen will, muss vor den Augen eines Angestellten daraus trinken. Im Büro des Modulmanagers liegt ganz offen ein Fax herum, die Anweisung des Ministeriums vom Vortag zur Verschärfung der Kontrollen: pro Fluggast »mindestens ein Handgepäckstück« untersuchen, »Schuhe röntgen«, bei Flüssigkeiten »riechen, trinken oder einsprühen lassen durch Passagier«.
Der Modulmanager ist ein ernster, untersetzter Mann. »Manchmal haben wir hier Spaßvögel«, erzählt er, »sie fragen, ›Meine Bombe haben’s nicht gefunden?‹ Die nehmen wir dann ran. Bei begründetem Verdacht haben wir das Recht, einen Passagier in einen separaten Raum zu führen und bis auf die Unterhose auszuziehen. Heute war noch kein Spaßvogel da.«
Aus einem Koffer retteten sie mal eine Katze
Ist es zu vertreten, Menschen auf einen Langstreckenflug zu schicken nur mit Pass und Medikamenten, wie es nun in England geschieht?
»Da gibt’s nichts zu diskutieren«, sagt der Mann. Karin Grämmel nickt.
»Manche Regeln sind für mich unlogisch«, sagt sie später. »Warum darf ich ein Taschenmesser nicht mit an Bord nehmen, aber eine Weinflasche, die ich zerschlagen kann und die dann auch eine Waffe ist?«
Sie macht eine Pause im Airbräu, dort gibt es bayerische Küche und »Flieger-Bier«. Grämmel trinkt Kaffee. Belastet sie die Verantwortung? »Während der Arbeit spüre ich sie nicht. Erst wenn ich frei habe und sehe in der Ferne Flugzeuge starten, fällt mir ein, was passieren könnte, wenn ich einen Fehler mache.«
Ihr Arbeitstag endet im Keller. Der wird so genannt, liegt aber im Erdgeschoss – eine Halle hinter den Abfertigungspulten, die nie ein Reisender betritt. Grämmel zwängt sich durch eine Drehtür, die sich nur für Inhaber eines Ausweischips bewegt. Dahinter rumort es heftig. Koffer schießen auf Laufbändern vorbei, werden durch Öffnungen in der Decke gestoßen, automatisch geröntgt. Die als verdächtig ausgewählten Koffer landen auf einer Plattform, einem von Grämmels Kollegen zu Füßen. Wenn er es für notwendig hält, ruft er einen Techniker und bricht den Koffer auf.
»Ein Männerjob«, sagt Grämmel. Es gibt keine Fenster. Es ist laut.
Einmal fanden sie in einem Hartschalenkoffer eine Katze, Grämmel sieht das Bild auf dem Schirm noch vor sich, als wäre es gestern gewesen: ein Kulturbeutel, ein paar Kleider, in der Ecke oben links zusammengerollt das Tier. Es lebte. Die Strahlenbelastung, die Kälte im Gepäckraum des Fliegers – in den drei Jahren, die sie hier arbeitet, hat Grämmel nie etwas dermaßen aufgewühlt. So sehr hatte sie Mitleid. Sie streicht sich die Haare aus der Stirn, die einen exakten Kreis um ihr Gesicht ziehen. Es ist eine strenge Frisur, sie wirkt wie gezirkelt. »Wenn etwas passieren würde und ich wäre schuld«, sagt sie, »das wäre furchtbar.«
- Datum 16.08.2006 - 07:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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