DIE ZEIT: Herr Professor Grimm, wenn Sie an die Anschläge in New York vom 11. September 2001 denken, an die Attentate von Madrid und London und jetzt den offenbar verhinderten Anschlag auf amerikanische Passagierflugzeuge, fühlen Sie sich dann persönlich bedroht?

Dieter Grimm: Ich fühle mich bedrohter als vorher, weil ich weiß, dass auch Deutschland vor der Gefahr von Anschlägen nicht gefeit ist oder dass es ein Flugzeug treffen kann, in dem ich gerade sitze. Das ist ein verändertes Lebensgefühl, aber ich will mein Leben davon nicht bestimmen lassen.

ZEIT: Die politischen Folgen des Terrorismus sind unübersehbar: Rasterfahndung, Terrordatei, Flugsicherheitsgesetz, erweiterte Abhörbefugnisse, Offenlegung des Bankenverkehrs, Videoüberwachungen, biometrische Ausweise, jetzt das Experiment eines flächendeckenden Gesichts-Scannens als neues polizeiliches Instrument. Ist der Rechtsstaat heute insgesamt bedroht?

Grimm: Vieles von dem, was uns lange Zeit rechtsstaatlich untragbar erschien, ist es nicht mehr. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Präferenzen in der Bevölkerung von der Freiheit zur Sicherheit verschieben. Eine Reihe rechtsstaatlicher Schranken für den Staat werden dann als sicherheitsmindernd empfunden. Aber dass die Errungenschaft des Rechtsstaats insgesamt bedroht wäre, kann ich nicht feststellen.

ZEIT: Stellen Sie sich bitte folgende Szene vor: Sie fahren in einer voll besetzten U-Bahn. Drei junge Männer, offenbar aus dem Mittleren Osten, steigen zu, haben schwere Taschen dabei, diskutieren intensiv auf Arabisch. Macht Sie das nervös? Und den Verfassungsrechtler fragen wir: Sollten Sicherheitsbeamte der Verkehrsbetriebe, die in dem Zug sind, die drei Männer nach ihren Personalien befragen und die Taschen untersuchen?